Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)

13.11.2015 | Von:
Axel Wolz
Aaron Grau
Heinrich Hockmann
Inna Levkovych

Zur Entwicklung der polnischen Land- und Ernährungswirtschaft seit 1989

Schon Ende 1989 wurden in Polen erste Schritte für einen Übergang von der zentralen Planwirtschaft hin zu einem marktwirtschaftlichen System eingeleitet. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert kann man feststellen, dass die polnische Land- und Ernährungswirtschaft zu den Gewinnern der Transformationsprozesse sowie des EU-Beitritts zählt. Allerdings war dieser Erfolg zu Anfang nicht abzusehen. Vielmehr gab es erhebliche Anpassungsschwierigkeiten und ein "Tal der Tränen" musste durchschritten werden. Dieser Beitrag analysiert die Entwicklung der Systemtransformation. Und es wird ein kurzer Vergleich zu den drei anderen Visegrád-Staaten gezogen.

Die neueren Entwicklungen können nicht verstanden werden, wenn nicht die Politik der kommunistischen Regierungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs berücksichtigt wird. Wie in den anderen sowjetisch besetzten Ländern wurde nach 1944/45 in Polen eine Landreform durchgeführt, die eine Besitzobergrenze von 100 Hektar (ha) Betriebsgröße festlegte. Die darüber hinausgehenden Flächen sowie der Grundbesitz der vertriebenen Deutschen wurden enteignet. Zum Teil wurden Staatsbetriebe errichtet, aber der größte Anteil wurde an umgesiedelte Bauern und Kleinstbauern vergeben. Mehr als eine Million Bauern profitierten von dieser Landreform. Allerdings wurde schon Ende der 1940er Jahre mit der Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe in (unfreiwillige) landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften begonnen. Doch der Wiederstand der landwirtschaftlichen Bevölkerung gegen die Kollektivierung war erheblich. Nach dem erfolgreichen Aufstand im Jahre 1956 wurde unter der neuen Regierung von Władysław Gomułka das Kollektivierungsvorhaben beendet und die Bauern konnten frei entscheiden, die Zwangsgenossenschaften zu verlassen. Die meisten nutzen diese Gelegenheit und nur in den ehemaligen deutschen Gebieten verblieben einige Produktionsgenossenschaften. Dort befanden sich auch die meisten staatlichen Agrarbetriebe[1].

So war Polen neben dem ehemaligen Jugoslawien das einzige sozialistische Land, das private Betriebe duldete. Es gab Ende der 1980er Jahre rund 2,2 Millionen landwirtschaftliche Familienbetriebe mit einer durchschnittlichen Betriebsfläche von 6,3ha. Sie bewirtschafteten gut drei Viertel der landwirtschaftlichen Flächen des Landes. Der Anteil der Staatsbetriebe lag bei knapp 20 Prozent, der der Genossenschaften bei etwa vier Prozent. Allerdings bedeutete dies nicht, dass die Bauern nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten produzieren durften. Vielmehr waren sie voll in das zentrale planwirtschaftliche System eingebunden. Ihre wirtschaftliche Lage war jedoch nicht schlecht, da auch in Polen gemäß des sozialistischen Ziels, die Stadt-Land-Unterschiede auszugleichen, die landwirtschaftlichen Erzeuger und Verbraucher erheblich subventioniert wurden. Und die Landwirtschaft war ein bedeutender Wirtschaftssektor: Ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag bei 12,9 Prozent und zur nationalen Beschäftigung bei 26,7 Prozent.[2]

Auf dem Weg in die Marktwirtschaft

Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft begann eine kritische Phase in der Landwirtschaft.[3] Die Abkehr von der zentralen Planung führte zu einem massiven Einbruch der Wirtschaftsleistung, Hyperinflation und rapidem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die hohen Subventionen wurden zurückgefahren mit der Folge, dass sich die Betriebsmittelpreise stark verteuerten. Auf der anderen Seite stagnierten die Produktpreise, sodass die landwirtschaftlichen Einkommen massiv sanken. Polen war seit vielen Jahren ein Nettoexporteur von Nahrungsmitteln, die primär in die anderen sozialistischen Länder exportiert wurden. Diese waren jedoch ebenso wie Polen von einer Wirtschaftskrise betroffen und fielen als Handelspartner nun fast völlig aus. Die sozialistische Handelsgemeinschaft "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW) brach zusammen. Auf der anderen Seite strömten mit dem Abbau aller Handelsbarrieren und Zölle hochwertige Lebensmittel aus der Europäischen Union (EU) beziehungsweise den Weltmärkten in das Land, die von den Konsumenten bevorzugt wurden. Die polnischen Agrar- und Ernährungsgüter waren international wegen minderer Qualität nur bedingt konkurrenzfähig.

Neben einer Preisliberalisierung wollte die Regierung die staatlichen Flächen und die (Ernährungs-)Industrie privatisieren. Es ging um 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche, die in den folgenden Jahren sukzessive versteigert wurden. Ebenso mussten sich die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in marktwirtschaftlich kompatible Organisationen umwandeln; in der Regel transformierten sie sich in Genossenschaften mit freiwilliger Mitgliedschaft.

Ein massiver Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion war das Resultat. Während die Bodenproduktion in den ersten Jahren zurückging und ab 1993 wieder leicht anstieg, wurde die Fleisch- und Milchproduktion sehr stark eingeschränkt. Viele Kleinbetriebe konzentrierten sich im Zuge der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen auf die Selbstversorgung ihrer Familien sowie zum Teil städtischer Verwandter und stellten den Verkauf ihrer Produkte ganz ein. Die landwirtschaftlichen Betriebe waren ein wichtiger sozialer Sicherheitspuffer, der das Überleben in schwierigen Zeiten sicherstellte. Hinzu kam, dass das Bankenwesen erst im Aufbau begriffen war und Kredite für landwirtschaftliche Betriebe nur in einem sehr geringen Umfang ausgereicht wurden. Kurz gesagt: Landwirtschaft wurde als nicht kreditwürdig eingestuft. Die Modernisierung der Produktion musste noch warten. Erst zum Ende des Jahrzehnts stieg sie wieder leicht an. Sie hatte aber zur Jahrtausendwende das Niveau von 1989 noch nicht wieder erreicht.

So sank der Beitrag der Landwirtschaft zum BIP stetig. Im Jahr 1997 betrug er nur noch sechs Prozent. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sank nur leicht auf etwas mehr als zwei Millionen ab und die durchschnittliche Betriebsgröße stieg auf 7,9ha an. Auf der anderen Seite waren immer noch 26,7 Prozent aller Beschäftigten in diesem Sektor tätig. Diese Werte zeigen die geringe Arbeitsproduktivität in jenen Jahren auf. Die nachlassende Agrarproduktion hatte auch ihren Niederschlag im Handel mit Agrar- und Ernährungsgütern. Bis 1991 war das Land ein Nettoexporteur von Nahrungsmitteln gewesen, ab 1992 wurde es zum Nettoimporteur.

Trotz dieser Phase der Stagnation waren die polnischen Bauern recht erfolgreich dabei, sich politisch zu organisieren. Schon ihre große Zahl machte sie zu einer bedeutenden Wählergruppe. Waren die ersten Jahre von einer sehr liberalen Wirtschaftspolitik geprägt, so gelang es ihnen 1992, Importzölle auf Nahrungsmittel und garantierte Mindestpreise für wichtige Agrarprodukte wie Weizen, Roggen oder Milch durchzusetzen. Seit dem Systemwechsel ist die Polnische Bauernpartei (PSL), wenn auch in unterschiedlichen Koalitionen, relativ regelmäßig Mitglied der Regierung. Die finanzielle Unterstützung für die Bauern wurde in den frühen 1990er Jahren ausgebaut, wobei der größte Teil (75 Prozent) in die Unterstützung der landwirtschaftlichen Alterssicherung ging. Darüber hinaus wurde ein Kreditprogramm aufgelegt, in dessen Genuss aufgrund des bescheidenen Budgets jedoch nur wenige Betriebe gelangten. Im Vergleich zu den anderen Visegrád-Staaten war die staatliche Unterstützung trotz der guten politischen Vertretung doch relativ gering.

Der starke politische Einfluss der PSL wurde jedoch auch als ein Grund dafür angesehen, dass sich die polnische Landwirtschaft nicht konsolidierte. So wurde ihre Lage Ende der 1990er Jahre auch im Vergleich zu der in den anderen Visegrád-Staaten als problematisch angesehen. Die Betriebe waren sehr klein, die Betriebsflächen in viele Parzellen aufgeteilt und es bestand ein erheblicher Überhang an Arbeitskräften. Mehr als ein Viertel der Betriebe war völlig auf die Selbstversorgung ausgerichtet.

Fußnoten

1.
Vgl. Karl-Eugen Wädekin, Sozialistische Agrarpolitik in Osteuropa I. Von Marx bis zur Vollkollektivierung, Berlin 1974.
2.
Vgl. Jarka Chloupkova, Polish Agriculture: Organisational Structure and Impacts of Transition, Kopenhagen 2002 (Unit of Economics Working Papers 2002/3); European Commission-DG Agri, Agricultural Situation and Prospects in the Central and Eastern European Countries – Poland, Brüssel 1998.
3.
Vgl. ebd.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Axel Wolz, Aaron Grau, Heinrich Hockmann, Inna Levkovych für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.