Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)
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Dank Autobranche im Turbomodus: Die slowakische Wirtschaft


13.11.2015
Die Wirtschaft der Slowakei hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine beispiellose Erfolgsgeschichte abgeliefert. Im Schatten des Vorzeige-Reformers Tschechien ist es Bratislava gelungen, den jungen EU-Staat auf Augenhöhe mit dem stets stärkeren Nachbarn in Böhmen und in Mähren zu bringen. Als die beiden Länder 2004 der Europäischen Union beitraten, lag die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der Tschechischen Republik bei 79 Prozent des EU-Durchschnitts, die Slowakei kam auf gerade einmal 57 Prozent. Heute steht das Verhältnis bei 84 Prozent (Tschechien) und 76 Prozent (Slowakei).[1]

Dabei war die Ausgangslage mehr als schwierig. Tschechien konnte aufbauen auf hundert Jahre Industrietradition: Maschinenbau in Plzeň (Pilsen) und Brno (Brünn), Flugzeugmotoren in Prag, Kohle und Stahl in Ostrava (Ostrau), Textilien in Liberec (Reichenberg), Autos in Mittelböhmen. Der slowakische Landesteil hingegen galt innerhalb der Tschechoslowakei immer als rückständiger, trotz großer Anstrengungen zur Industrialisierung seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Noch 1968 wurde die Aufholdauer der Slowakei gegenüber den tschechischen Landesteilen auf 20 Jahre geschätzt.[2] Die eilige Industrialisierung, die den Rückstand möglichst rasch überwinden sollte, hatte zwischen Košice (Kaschau) und Bratislava (Pressburg) einige Kollateralschäden verursacht. Zu ihnen gehörte die große Abhängigkeit von Rohstoffen aus der ehemaligen Sowjetunion (Gas, Eisenerze, Öl) und die für die meisten Transformationsländer typische einseitige Ausrichtung auf Absatzmärkte im Osten. Die Industrielandschaft vieler Regionen kennzeichnete eine Monostruktur, bei der häufig ein Großbetrieb dominierte. Die Wertschöpfung war in der Regel gering, meist wurden nur Güter mit wenig Verarbeitungsstufen produziert.[3]

Als dann die Föderation mit Tschechien zerfiel und 1993 ein Neustart als souveräner Staat anstand, schien die Ausgangslage eher trist: Zur nicht mehr zeitgemäßen Industrie mit riesigen Metallurgie- und Maschinenbaukombinaten sowie dem starken Fokus auf Rüstungsprodukte kamen nun ausbleibende Transferzahlungen aus Prag und die Abwanderung kluger Köpfe. Durchgehende Verkehrsverbindungen innerhalb des Landes fehlten. Das ausgeprägte ökonomische West-Ost-Gefälle und der kleine Binnenmarkt waren schwere Bürden für den Sprung in die Marktwirtschaft. Die Schocktherapie der Couponprivatisierung,[4] die noch zu tschechoslowakischen Zeiten begonnen hatte, beschleunigte zwar zunächst die Transformation. Doch der nach 1994 zunehmend autoritär regierende Ministerpräsident Vladimír Mečiar nahm das Tempo aus dem Reformprozess. Er stoppte die Öffnung der Wirtschaft und protegierte die großen Staatsbetriebe, deren Management entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaftspolitik erlangte.[5] Die Westbindung der Slowakei stand zu diesem Zeitpunkt noch auf der Kippe.

Paukenschlag Flat Tax



Diese Befürchtungen waren jedoch mit dem Amtsantritt der neuen Regierung unter Mikuláš Dzurinda 1998 passé. Er öffnete die Wirtschaft wieder für ausländische Investoren und sorgte mit einem Paukenschlag für Aufmerksamkeit: der Einführung einer Flat Tax per 1. Januar 2004. Einkommen und Unternehmensgewinne wurden nun pauschal mit 19 Prozent besteuert. Ebenso wurde die Mehrwertsteuer auf diesen Satz vereinheitlicht. Experten und Investoren waren begeistert, die Steuereinnahmen begannen zu sprudeln. Da im Mai desselben Jahres die Aufnahme in die EU anstand, startete die Konjunktur des kleinen Landes richtig durch.

In den fünf Jahren nach dem EU-Beitritt verdoppelte sich der Bestand ausländischer Direktinvestitionen, das Bruttoinlandsprodukt legte um über ein Drittel zu. Europäische und asiatische Unternehmen engagierten sich besonders im Fahrzeugbau und der Elektrotechnik, aber auch in der Metall- und Holzverarbeitung, der Kunststoffindustrie oder der Produktion von Baustoffen. Neben dem verarbeitenden Gewerbe war die Bauwirtschaft eine tragende Säule des Wachstums. Erst 2009 kam es im Zuge der globalen Finanzkrise zum ersten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit einem Jahrzehnt. Doch auch von dieser Delle erholte sich die kleine Volkswirtschaft schnell. Anders als im Nachbarland Tschechien geht es seitdem ohne Pause bergauf.

Für 2015 und die kommenden drei Jahre erwartet das Finanzministerium jeweils ein Wachstum von über drei Prozent. Damit setzt sich die Slowakei in der Spitzengruppe der dynamischsten Volkswirtschaften Europas fest und dürfte den Rückstand zum Westen weiter verringern. Allerdings hängt der positive Ausblick von der Entwicklung im Rest Europas ab. Denn die Slowakei hat eine extrem hohe Exportquote von 90 Prozent (Verhältnis der Ausfuhren zum Bruttoinlandsprodukt). Rund 85 Prozent der slowakischen Exporte gehen in die EU. Allein auf Deutschland entfällt mehr als ein Fünftel der Ausfuhren. Umgekehrt bezieht das Tatraland rund 75 Prozent seiner Importe aus dem EU-Raum.

Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Das Volumen des bilateralen Warenaustauschs wächst seit der Unabhängigkeit des Landes mit überdurchschnittlichem Tempo. Gestartet mit weniger als 1,5 Milliarden Euro im Jahre 1993 erreichten die gemeinsamen Güterströme 2014 bereits einen Wert von über 24 Milliarden Euro.[6] Für deutsche Unternehmen ist die Slowakei als Absatzmarkt heute wichtiger als so große Länder wie Indien, Mexiko oder Brasilien. Sie verkauften 2014 zwischen Donau und Tatra Produkte für rund 11,3 Milliarden Euro.[7] Am meisten gefragt sind deutsche Fahrzeuge und Kfz-Teile, Maschinen und Chemieerzeugnisse.

Wie viele EU-Staaten profitiert die Slowakei vom hohen Bedarf deutscher Unternehmen nach Vorleistungsgütern. Diese Nachfrage sorgt laut einer Studie von Prognos für etwa fünf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.[8] Etwa vier Prozent der Beschäftigten hängen direkt von der Nachfrage aus Deutschland ab. Dazu tragen in großem Maße auch die deutschen Investoren in der Slowakei bei, die dort Vorprodukte für ihre Muttergesellschaften herstellen.


Fußnoten

1.
Gerechnet in Kaufkraftstandards (PPS), Vergleichsbasis ist die Wirtschaftsleistung der heutigen 28 EU-Länder (=100). Vgl. Eurostat, http://ec.europa.eu/eurostat« (2.10.2015).
2.
Vgl. Alice Teichova, Wirtschaftsgeschichte der Tschechoslowakei 1918–1980, Wien u.a. 1988, S. 85.
3.
Vgl. Karol Morvay et al., Transformácia ekonomiky: Skúsenosti Slovenska (Wirtschaftstransformation: Erfahrungen der Slowakei), Bratislava 2005, S. 274ff.
4.
Die Tschechoslowakei entschied sich bei der Privatisierung vieler "volkseigener" Betriebe für eine Couponverteilung. Jeder Bürger bekam gegen Gebühr ein Couponheft mit Investitionspunkten, über die Anteile an Staatsfirmen erworben werden konnten. Die meisten Menschen übertrugen ihr Punkteheft den für diesen Zweck entstandenen Privatisierungsfonds und wurden so zum Fondsteilhaber. Problem der Couponprivatisierung war, dass Eigentum quasi verschenkt wurde, ohne frisches Kapital in die Unternehmen zu führen.
5.
Vgl. Eleonora Schneider, Quo vadis, Slowakei? Von der eingeleiteten Demokratie zum Autoritarismus?, Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 36/1997.
6.
Vgl. Statistisches Bundesamt, www-genesis.destatis.de (29.9.2015).
7.
Vgl. ebd.
8.
Vgl. Prognos, Die Bedeutung der deutschen Industrie für Europa, Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, München, April 2014.
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Autor: Gerit Schulze für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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