Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) hungern weltweit fast 800 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen sind chronisch unterernährt, das heißt, sie können über einen längeren Zeitraum nicht die erforderliche Menge an Energie aufnehmen, die die FAO bei einem Schwellenwert von durchschnittlich 1800 Kilokalorien täglich ansetzt. Aber auch von akuten Hungerkrisen, die schwere Unterernährung in kürzester Zeit verursachen, sind viele Menschen betroffen. Zwei Milliarden leiden an "verborgenem Hunger", der auch bei ausreichender Zufuhr an Nahrungsenergie auftreten kann, wenn wichtige Vitamine oder Mineralstoffe im Essen dauerhaft fehlen.

Mit der "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen hat sich die internationale Staatengemeinschaft das ambitionierte Ziel gesetzt, den Hunger auf der Welt binnen 15 Jahren zu beenden. Hunger als gesellschaftliches Problem zu beschreiben und die Lösung dieses Problems dem Staat zuzuschreiben, ist eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert einsetzte und die religiöse oder moralische Erklärungen für Hunger verdrängte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere im Verlauf der 1960er und 1970er Jahre, wurden globale Unterernährung und Hungerkrisen zum "Welthungerproblem". Bis heute ist es in einer Welt, in der zeitgleich Überfluss und Verschwendung herrschen, nicht gelungen, das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen.

Wer hungert, tut dies in der Regel nicht freiwillig. Wer es doch tut, der entzieht sich bewusst der Nahrung, die verfügbar wäre. Dies ist etwa bei der politischen Protestform des Hungerstreiks der Fall, die ihren Ursprung in Gefängnissen des Zarenreichs Ende des 19. Jahrhunderts hat. Ein anderes Phänomen des Hungerns betrifft vor allem junge Frauen, die versuchen, einem Körperideal zu entsprechen, das Untergewicht vorsieht. Dieses kann auch zu den Ursachen für das Entstehen des Krankheitsbildes der Anorexia nervosa, der "Magersucht", gehören. "Why I starve myself," fragt die Betreiberin einer sogenannten Pro-Ana-Seite im Internet. "Because I can", ist ihre erste Antwort.

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