Leere Metallschüsseln und Löffel
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Welthunger und Welternährung


27.11.2015
In der internationalen Debatte hat sich folgende Definition von Ernährungssicherheit durchgesetzt: "Food security exists when all people, at all times, have physical, social and economic access to sufficient, safe and nutritious food which meets their dietary needs and food preferences for an active and healthy life."[1] Die Europäische Union hat dafür folgende Übersetzung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass Unterernährung nicht nur ein Zustand ist, sondern es ein fundamentales Recht auf Nahrung gibt: "Die Ernährungssicherheit ist ein Menschenrecht. Sie ist gegeben, wenn alle Menschen jederzeit in physischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht Zugang zu ausreichenden, unbedenklichen und nahrhaften Nahrungsmitteln haben, die ihrem Ernährungsbedarf und ihren Ernährungsgewohnheiten im Hinblick auf ein aktives und gesundes Leben entsprechen."[2]

Bei der Diskussion um Welthunger und -ernährung ist es wichtig, einige grundsätzliche Unterscheidungen präsent zu haben, die sich hinter der allgemeinen Definition verbergen: Zunächst muss unterschieden werden zwischen Hunger, Unter- oder Mangel- und Fehl- beziehungsweise Überernährung. Hunger bezieht sich auf (das Fehlen von) Nahrungsenergie beziehungsweise Kalorien – meist werden 1800 Kilokalorien pro Person und Tag als Mindestbedarf angenommen. Unter- beziehungsweise Mangelernährung bezieht sich auf die (nicht ausreichende) Versorgung mit Energie, aber auch Eiweiß, Spurenelementen, Vitaminen und anderen lebenswichtigen qualitativen Bestandteilen der Nahrung. Fehlernährung ist die unausgewogene Zusammensetzung von Nahrung, die beispielsweise auch ein Zuviel an Energie enthalten kann und dann mitverantwortlich für Übergewicht ist. Der Ernährungszustand eines Menschen ist aber nicht nur von der Menge und Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung abhängig, sondern auch von der Zubereitung der Speisen, von Hygiene und Krankheitszustand und damit vom Absorptionsvermögen des Körpers. Außerdem ist er auch abhängig von Verbrauch und individuellem Bedarf, der je nach Aktivität und Zustand des Körpers sehr unterschiedlich sein kann.

Die weitere Operationalisierung von Ernährungssicherheit wird meist entlang der vier "Säulen" Verfügbarkeit, Zugang, Nutzung und Stabilität diskutiert. Auf die Verschiebung der Gewichtung der Säulen und der Aspekte, auf die sie sich beziehen, wird im Weiteren eingegangen. Es sei aber schon hier darauf hingewiesen, dass sie stärker miteinander verknüpft sind, als es ihre "Versäulung" glauben lässt. So gibt es zwischen Verfügbarkeit und Zugang meist einen engen Zusammenhang. Besonders eng ist er bei Subsistenzlandwirten – sie haben Zugang zu der Nahrung, die sie selber anbauen. Diese Quelle ist meist instabil aufgrund von Witterungsschwankungen, Krankheits- und Schädlingsbefall sowie Schwankungen der Arbeitskapazität beispielsweise aufgrund von Krankheiten, die teilweise wiederum ernährungsbedingt sind.

Falls Verfügbarkeit und Zugang getrennt sind, geschieht der Ausgleich meistens über den Markt. Dabei stellen sich Gleichgewichtspreise ein, die grundsätzlich vom Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage nach Produkten und konkurrierenden Produkten bestimmt werden. Einerseits haben Menschen mit niedrigem Einkommen oft Schwierigkeiten, hohe Nahrungsmittelpreise zu zahlen (Zugangsproblem) und sind dann schnell ernährungsunsicher. Andererseits erzielen Bauern, die Agrarprodukte verkaufen, bei niedrigen Preisen auch nur ein niedriges Einkommen, das ihnen wenig Spielraum für den Einkauf von anderen Nahrungsprodukten (Zugangsproblem) oder für Gesundheitsausgaben (Nutzungsproblem) lässt. Bei hohen Preisen müssen arme Haushalte, die Nahrungsmittel zukaufen, oft auf billige Produkte ausweichen, meist stärkelastige Grundnahrungsmittel wie Maniok oder Kartoffeln (Zugangs- und Nutzungsproblem). Müssen sie auch noch einen höheren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, haben sie weniger Geld für Hygiene oder Gesundheit, was wiederum die Nahrungsnutzung verschlechtert.

Falls die Nahrungsmittelvorräte knapp sind und die Marktlage angespannt ist, führen Ernteschwankungen schnell zu großen Preisschwankungen. Enge, schlecht integrierte Nahrungsmittelmärkte, auf denen nur wenige Prozent der Ernte verkauft werden, führen bei Ernteschwankungen zu wesentlich höheren Preisschwankungen (Stabilitätsproblem) als gut integrierte Märkte, die auf hohen Verkaufsanteilen beruhen. Aber selbst große Agrarmärkte weisen bedeutende Preisschwankungen auf, dies ist ein typisches Merkmal des Sektors. Teilweise werden die "natürlichen" Schwankungen durch politische und externe wirtschaftliche Schocks zusätzlich angeheizt. Während der letzten Nahrungsmittelkrise 2007/08 beispielsweise führte eine Kombination aus leeren Lagern, Biospritproduktion und Export- und Handelsrestriktionen für Nahrungsmittel zu extremen Preisausschlägen auf dem Weltmarkt. Finanzmarktspekulationen und Hortung heizten die Preise zusätzlich an. Diese schlugen stark auf nationale Märkte auch von Entwicklungsländern durch und sorgten für eine kurzfristige massive Ausweitung von Hunger, wirtschaftlichem Stress und politischen Unruhen. Längerfristig haben die hohen Preise dann zu hohen Produktionssteigerungen und Preisverfall geführt, aber auch zu weiteren Unsicherheiten.

Insgesamt ist es stets angebracht, Ernährungssicherung zunächst als eine integrierte Herausforderung zu sehen und die "Säulen" nur als gedankliche Krücken.


Fußnoten

1.
Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), 2015, http://www.fao.org/economic/ess/ess-fs/en/« (13.11.2015).
2.
Europäisches Parlament, 2011, http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+REPORT+A7-2010-0376+0+DOC+PDF+V0//DE« (13.11.2015).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Michael Brüntrup für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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