Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Steven Engler
Anna Bönisch
Esther Trost

Relevanz einer "neuen Nachhaltigkeit" im Kontext globaler Ernährungskrisen

Ansätze einer neuen Nachhaltigkeit in der internationalen Politik?

Der "Kampf gegen den Hunger" steht bereits seit der ersten Welternährungskonferenz 1974 auf der Agenda der internationalen Staatengemeinschaft. Das erste Ziel der im Jahr 2000 verabschiedeten MDGs lautete "Hunger und extreme Armut beseitigen". Nachdem die MDGs 15 Jahre lang den Rahmen für nationale und internationale Bemühungen zur Bekämpfung des Hungers vorgaben, stand die internationale Staatengemeinschaft vor der Herausforderung, sich auf eine "Post-2015-Agenda" zu verständigen. Nach einem mehrjährigen Diskussionsprozess wurde im September 2015 die "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" mit ihren 17 SDGs einstimmig von den UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet. Die Reaktionen waren teils euphorisch. So lobte selbst die im Bereich Entwicklung und Umwelt tätige Nichtregierungsorganisation Germanwatch den "kaum für möglich gehaltenen Meilenstein"[26] als "das beste Konzept zur langfristigen Krisenvorsorge, das wir je hatten".[27] Die Agenda umfasst neben den 17 Hauptzielen 169 Unterziele. Auch in der neuen Agenda hat Ernährungssicherung Entwicklungspriorität.[28] Zwei formelle Neuerungen sind besonders relevant:

Untrennbare Verbindung von Entwicklung und Nachhaltigkeit: Im Gegensatz zu den MDGs integrieren die SDGs ein breites Spektrum von Zielen zur ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung[29] und decken damit die drei Säulen des klassischen Nachhaltigkeitsmodells ab. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit aufgewertet und als ein von Entwicklung untrennbares Konzept verstanden. Man kann also von einem "Paradigmenwechsel zu nachhaltiger Entwicklung" sprechen.[30] Die Agenda vollzieht allerdings keine Wende im Sinne einer neuen Nachhaltigkeit. Zwar werden im Gesamtdokument viele ernährungsrelevante planetarische Grenzen thematisiert (wie Klimawandel, Phosphor- und Stickstoffkreisläufe, Süßwasserverbrauch), deren Einhaltung einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Ernährungssicherheit leisten würde. Doch insgesamt wird ihnen aus Sicht der Kritiker nicht in dem Maße Rechnung getragen, wie es die Dringlichkeit ihrer Umsetzung erfordern würde.[31] Es existiert beispielsweise kein Ziel, die Erdsystemleistungen zu sichern,[32] und kein Satz zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft (Abkehr von der Nutzung kohlenstoffhaltiger Energieträger). Die Ziele, die den Klimawandel, den Schutz von Ökosystemen oder nachhaltige Landwirtschaft behandeln, sind vage gehalten und nennen keine konkreten Grenzwerte.[33]

Universelle und transformative Ziele: Richteten sich die MDGs noch hauptsächlich an die Regierungen des Globalen Südens, nehmen die SDGs erstmalig auch die OECD-Staaten in die Pflicht, was einen großen Fortschritt darstellt. So erfordern Ziele wie "Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen" fundamentale Veränderungen auch im "Entwicklungsland" Deutschland.[34] Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat der Bundesrepublik kürzlich in verschiedenen Nachhaltigkeitszielen Nachholbedarf attestiert. Dies betrifft durchaus auch ernährungsrelevante Bereiche wie den mangelhaften Schutz der Artenvielfalt, einen zu hohen Süßwasserverbrauch und eine landwirtschaftliche Produktion, die durch einen exzessiven Gebrauch von Stickstoff und Phosphaten geprägt ist.[35]

Viele SDGs und Unterziele besitzen einen Bezug zur Ernährungssicherheit.[36] Für die Umsetzung lassen die vergleichsweise offen formulierten und teils widersprüchlichen Ziele große Spielräume, die noch zu Richtungs- und Zielkonflikten führen dürften – etwa, wenn entschieden werden muss, ob eine nachhaltige Landwirtschaft besser durch die Förderung von kleinbäuerlicher Produktion oder durch Investitionen in agrarindustrielle Großprojekte zu erreichen ist; oder welche Priorität dem Ziel "Abbau von Ungleichheit in und zwischen Ländern" eingeräumt wird. Die Verabschiedung der SDGs stellt also nur einen ersten Schritt dar. Indikatoren zur Messung der Fortschritte und passende Monitoringmechanismen sollen bis März 2016 entwickelt werden. Deutschland ist aufgefordert, die Ziele in kohärente nationale Politiken zu übersetzen, beispielsweise im Rahmen seiner "Nachhaltigkeitsstrategie". Für die zukünftige Ernährungssicherheit werden auch die UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris sowie die von der Bundeskanzlerin geforderte Dekarbonisierung der Weltwirtschaft von entscheidender Bedeutung sein. Eine Kontroll- und Katalysatorfunktion wird bei all diesen Prozessen zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie einer kritischen Öffentlichkeit zukommen.

Nachhaltige Ernährungstrends?

Bisher haben wir vor allem wissenschaftliche Forschungen und politische Entwicklungen im Kontext der Ernährung betrachtet. Es gibt aber viele weitere Akteure, die zentrale Bedeutung besitzen, wenn es darum geht, nachhaltigen Ernährungssystemen zur Durchsetzung zu verhelfen. Den wichtigsten Akteur stellt aus unserer Sicht die Bevölkerung dar, deren Beitrag wir nun, in gebotener Kürze, betrachten. Wir werden den Schwerpunkt dabei auf einige aktuelle und zukünftige Ernährungstrends legen.

Tabelle: Flächenbedarf von Lebensmitteln pro verzehrfähiger Energie des Produkts (basierend auf den Erträgen in den USA, Fallstudie Bundesstaat New York)Tabelle: Flächenbedarf von Lebensmitteln pro verzehrfähiger Energie des Produkts (basierend auf den Erträgen in den USA, Fallstudie Bundesstaat New York) (© bpb)
Mit der zunehmenden Urbanisierung gehen auch Herausforderungen hinsichtlich der Ernährungssicherheit einher (beispielsweise Flächenverbrauch, Veränderung der Ernährungsgewohnheiten). In Bezug auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung erwarten Experten, dass die Urbanisierung zu einem höheren "Außer-Haus-Verzehr" führen wird.[37] Dies muss aber nicht zwangsweise mit einer Ernährung in Restaurants oder Straßenküchen gleichgesetzt werden. Eine Option könnten gemeinschaftliche Versorgungsküchen in einer Nachbarschaft werden, sodass Essen zum "Gemeinschaftserlebnis" wird.[38] Gleichzeitig steigt der Fleischkonsum in Städten stark an.[39] Letzteres widerspricht in vielen Aspekten dem Nachhaltigkeitsgedanken, etwa im Hinblick auf den Flächenbedarf von Lebensmitteln pro verzehrfähiger Energie des Produkts (Tabelle). Die Zahlen verdeutlichen eine höhere Energieeffektivität pflanzlicher Ernährung pro Quadratmeter – die aktuellen Entwicklungen in Richtung eines höheren Fleischkonsums laufen somit einer nachhaltigen Ernährungsweise entgegen.

Neben der "Außer-Haus-Ernährung" zeichnet sich ein weiterer Trend ab: eine erhöhte Virtualität bei der Nahrungsmittelversorgung. Viele Grundnahrungsmittel, aber auch spezielle Nahrungsmittel, die man im Supermarkt oder Discounter in der Nähe nicht bekommt, werden online bestellt. So nutzen beispielsweise gesundheitsbewusste chinesische Konsumenten das Internet, um gezielt ökologisch produzierte Lebensmittel bei Händlern ihres Vertrauens zu beziehen. Derzeit weiten alle Anbieter ihr Onlineangebot stetig aus, und zahlreiche neue Händler arbeiten rein onlinebasiert, unter anderem um Mietkosten in innerstädtischer Lage zu vermeiden.

Neben dem Ort, an dem wir unser Essen zukünftig kaufen und verzehren, werden sich auch die Produkte drastisch ändern. So wird vermehrt die Möglichkeit einer Ernährung basierend auf Insekten diskutiert.[40] Die FAO sieht Insekten als nützliche, nachhaltige Proteinlieferanten, der beispielsweise im "Kampf gegen den Hunger" von großer Bedeutung sein wird.[41] Aktuell ernähren sich global etwa zwei Milliarden Menschen von Insekten, hauptsächlich in Asien, Afrika und Lateinamerika. Dieser Trend könnte auf diesen Kontinenten ausgebaut und auf anderen durch Politik und Ökonomie gezielt forciert werden. Es gilt dabei, die Scheu vor Insekten zu überwinden und sie als klima- und landnutzungsschonende sowie energiereiche Ernährungsalternative anzusehen.[42] Neben Insekten stellen Algen eine weitere alternative Ernährungsquelle dar, die auf weit weniger Akzeptanzprobleme stößt. Algen haben neben allen positiven Ernährungseffekten auch eine positive Wirkung auf das Klima, da sie klimaschädliche Stoffe aus der Luft binden können.

Fazit

Inwiefern schlägt sich der Trend zu einer neuen Nachhaltigkeit also in aktuellen Entwicklungen auf Ebene der internationalen Politik und der Konsumierenden nieder? Unserer Einschätzung nach ergibt sich ein gemischtes Bild. So zeichnet sich mit den SDGs in der internationalen Politik ein Paradigmenwechsel zur Nachhaltigkeit ab. Der Schwenk zu einer neuen Nachhaltigkeit wird aber bislang nicht vollzogen. Auch auf Konsumentenseite stehen nachhaltigere Ernährungstrends solchen gegenüber, die die Einhaltung planetarer Grenzen konterkarieren.

Unabhängig von seiner Verbreitung stellt sich die Frage, welchen Beitrag das Konzept einer neuen Nachhaltigkeit zur Bekämpfung beziehungsweise Einschränkung globalisierter Ernährungskrisen leisten kann. Um die vielen Krisen im Bereich der Ernährung wie beispielsweise den Hunger weltweit in den Griff zu bekommen, ist ein grundlegender Wandel notwendig. Unserer Meinung nach bedarf es dazu einer kompletten Neuausrichtung auf nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und Ernährungsweisen. Eine Orientierung an den planetarischen Grenzen ist dabei Grundvoraussetzung, um gefährliche Veränderungen im Erdsystem zu verhindern, die sich gravierend auf die Ernährungssicherheit auswirken könnten. Statt Alleingängen von einzelnen Akteuren werden hier koordinierte Veränderungen auf sämtlichen Ebenen notwendig. Hier braucht es globale Leitziele oder Leitplanken, an denen sich das innen- und außenpolitische Handeln der Staaten ausrichten muss. Die SDGs fungieren als solche, nennen aber bislang keine Grenzwerte. Umso größeres Gewicht liegt auf ihrer Umsetzung. Ihr Erfolg wird auch davon abhängen, wie entschieden die Staaten kohärente Politiken zwischen verschiedenen innerstaatlichen Ressorts, etwa Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, aber auch eine koordinierte internationale Zusammenarbeit unter dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung forcieren. NGOs und einer kritischen Öffentlichkeit kommt dabei die Aufgabe zu, öffentlichkeitswirksam politischen Druck auf Entscheider aufzubauen.

Während die Einhaltung der planetarischen Grenzen eine Grundvoraussetzung zur Minderung von Ernährungskrisen – und insbesondere zur Sicherung zukünftiger Ernährungssysteme – ist, muss bedacht werden, dass sie nicht ausreicht, um globalisierte Ernährungskrisen in Gänze zu bekämpfen. Hunger und Ernährungskrisen sind nicht allein auf ein mangelndes Nahrungsangebot oder umweltschädliche Produktionsbedingungen zurückzuführen. Oft spielt der eingeschränkte Zugang bestimmter Bevölkerungsgruppen eine zentrale Rolle, unter anderem aufgrund von Diskriminierung, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Landgrabbing.[43] In jedem Fall wird deutlich, welche besondere Verantwortung Länder wie Deutschland tragen: aufgrund ihres ressourcenintensiven Konsumlevels einerseits und ihres politischen und wirtschaftlichen Einflusses auf der internationalen Bühne andererseits.

Fußnoten

26.
Christoph Bals et al., Hintergrundpapier. Ankündigung: Die erste globale Entwicklungsagenda. Sustainable Development Goals als Maßstab für Industrie und Entwicklungsländer, http://www.germanwatch.org/de/10834/« (3.11.2015).
27.
Klaus Milke, Entwicklungsziele: Keine falsche Euphorie, 25.9.2015, http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-09/globale-entwicklungsziele-klimakonferenz-sustainable-development-goals/komplettansicht/« (3.11.2015).
28.
Vgl. Vereinte Nationen, Transforming Our World: the 2030 Agenda for Sustainable Development, 2015, https://sustainabledevelopment.un.org/post2015/transformingourworld« (3.11.2015).
29.
Vgl. Marianne Beisheim, Nachhaltige Entwicklung: Ein gutes Leben für alle, weltweit, 26.9.2015, http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-09/2030-agenda-nachhaltige-entwicklung-fortschritte-milleniumsziele/« (3.11.2015).
30.
Adolf Kloke-Lesch, The G20 and the Sustainable Development Goals (SDGs): Reflections of Future Roles and Tasks, Third Annual G20 Think Tank Summit "Global Governance and Open Economy", 30.7.–1.8.2015, Beijing, S. 2, http://www.die-gdi.de/uploads/media/Kloke-Lesch_The_G20_and_the_Sustainable_Development_Goals.pdf« (3.11.2015).
31.
Vgl. Clara Brandi/Dirk Messner, Die Herausforderung für 2015: Globale Entwicklung innerhalb planetarischer Leitplanken sichern, 9.2.2015, https://www.die-gdi.de/uploads/media/Deutsches_Institut_fuer_Entwicklungspolitik_Brandi_Messner_9.2.2015.pdf« (3.11.2015).
32.
Vgl. WBGU (Anm. 10).
33.
Vgl. C. Brandi/D. Messner (Anm. 31).
34.
Vgl. C. Kroll (Anm. 19).
35.
Vgl. ebd.
36.
Ausführlich: A. Bönisch et al. (Anm. 9).
37.
Vgl. Karl von Körber et al., Globale Ernährungsgewohnheiten und -trends. Externe Expertise für das WBGU-Hauptgutachten "Welt im Wandel: Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung", Berlin 2008, S. 6, http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg2008/wbgu_jg2008_ex10.pdf« (3.11.2015).
38.
Vgl. Nestlé, Klare Trends für 2030: Die Nestlé Zukunftsstudie im Überblick, 2015, http://www.nestle.de/zukunftsstudie/uebersicht« (3.11.2015).
39.
Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung et al., Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Ahrensfelde 2014, S. 8.
40.
Vgl. Ingo Haltermann et al., Auf sechs Beinen gegen die Ernährungskrise? Entomophagie und ihre Akzeptanz unter Betrachtung dreier afrikanischer Fallbeispiele, in: S. Engler (Anm. 3).
41.
Vgl. Arnold van Huis et al., Edible Insects – Future Prospects for Food and Feed Security, FAO Forestry Paper 171/2013, http://www.fao.org/docrep/018/i3253e/i3253e.pdf« (3.11.2015).
42.
Vgl. Birgit A. Rumpold/Oliver K. Schlüter, Potential and Challenges of Insects as an Innovative Source for Food and Feed Production, in: Innovative Food Science & Emerging Technologies, 17 (2013), S. 1–11; Arnold van Huis, Potential of Insects as Food and Feed in Assuring Food Security, in: Annual Review of Entomology, 58 (2013), S. 563–583.
43.
Vgl. Hannah Twomey/Christina M. Schiavoni/Benedict Mongula, Impacts of Large-Scale Agricultural Investments on Small-Scale farmers in the Southern Highlands of Tanzania: A Right to Food Perspektive, Aachen 2015; Welthungerhilfe, SDG: Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, o.D., http://www.welthungerhilfe.de/nachhaltigkeitsziele.html« (3.11.2015).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Steven Engler, Anna Bönisch, Esther Trost für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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