Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Frederike Felcht

Hunger als literarisches Experiment

Zieht man die gängigen deutschsprachigen Motiv- und Symbollexika zurate, kommt Hunger in der Literatur keine besondere Bedeutung zu: Ein entsprechender Eintrag fehlt.[1] Hier scheint vielmehr das Essen im Vordergrund zu stehen. Das liegt möglicherweise daran, dass insbesondere die deutschsprachige Literaturwissenschaft in hohem Maße von einem Kanon geprägt ist, dessen Protagonisten selten von Hunger geplagt werden. Oder ist der Gegenstand selbst Teil des Problems? "Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden", heißt es in Herta Müllers "Atemschaukel".[2] Doch handelt es sich dabei um einen Text, der gerade das Fehlen solcher Wörter zu einem schöpferischen Prinzip macht.

Darin deutet sich an, dass Hungern und Literatur durchaus eine enge Beziehung eingehen können, wie beispielsweise die Literaturwissenschaftlerin Maud Ellmann und der Germanist Christoph Steier herausgearbeitet haben. Während Ellmann unterschiedliche kulturelle Phänomene in den Blick nimmt, die Hungern, Schreiben und Gefangenschaft verbinden, untersucht Steier "Schauhungern", ein ausgestelltes Hungern, das sich in literarischen Texten findet, als Medium der Selbstreflexion von Literatur, die sich im Hunger als Motiv und formalem Prinzip ihrer eigenen Grenzen und Möglichkeiten vergewissert.[3]

Hunger ist ein historisches Phänomen, dessen Wahrnehmung sich im Laufe der Zeit verändert hat. Deshalb geht es in diesem Beitrag nicht allein darum, wie Hunger in der Literatur Prozesse des Schreibens oder Bezeichnens reflektiert, sondern auch, wie sich Literatur zu anderen Diskursen verhält, die unser Verständnis von Hunger bestimmen.

Ausgehend von einem literaturgeschichtlich einflussreichen Text, Knut Hamsuns "Sult" ("Hunger") von 1890, erkläre ich, welche Diskurse für die Wahrnehmung von Hunger relevant waren, wie diese sich historisch verändert haben und wie sich Literatur dazu verhält. Dabei behandle ich die Frage nach politischen Implikationen des Hungermotivs in der Literatur. Obwohl ich mich darauf konzentriere, theoretische Perspektiven auf einen Beispieltext und dessen historische Kontexte zu entwickeln, ziele ich darauf ab, einen umfassenden Einblick in literatur- und kulturwissenschaftlich relevante Fragestellungen zu Hunger in der Literatur zu vermitteln.

Hunger als Prinzip und Programm: Knut Hamsuns "Sult"

"Wenn man nur etwas zu essen hätte an einem solch heiteren Tag! Der Eindruck des frohen Morgens überwältigte mich, ich wurde unbändig zufrieden und fing an, ohne bestimmten Grund vor Freude zu summen. Vor einem Metzgerladen stand eine Frau mit einem Korb am Arm und spekulierte auf Würste zum Mittag; als ich an ihr vorbeiging, sah sie mich an. Vorne im Mund hatte sie bloß einen Zahn. Nervös und hochempfindlich, wie ich in den letzten Tagen geworden war, hatte ich vom Gesicht der Frau sofort einen ekelhaften Eindruck; der lange gelbe Zahn sah aus wie ein kleiner Finger, der aus dem Kiefer ragte, und ihr Blick war noch voll von Wurst, als sie ihn auf mich richtete. Ich verlor auf der Stelle den Appetit und fühlte Brechreiz."[4]

Knut Hamsuns "Sult" gehört zu den bekanntesten literarischen Texten, in denen die Darstellung von Hunger zentral ist. Im obigen Zitat beziehen sich alle Gedanken und Wahrnehmungen auf das Problem unerreichbarer Nahrungsaufnahme. Obwohl der Tag heiter ist, verschlechtert sich die Stimmung des Ich-Erzählers, sobald er die Frau vor dem Metzgerladen sieht. Sie wird auf ihren Zahn reduziert, der als einzelner das Kauen problematisch werden lässt, und auf die Würste, die in einer merkwürdigen Übertragung aus ihr heraus zu blicken scheinen. Die weltzugewandte Heiterkeit schlägt in Ekel um, der Appetit wird zum Brechreiz. Der hungernde Beobachter ist nervös und hochempfindlich.

Hunger ist in "Sult" mehr als das Problem, zu wenig zu essen zu haben. Er ist zugleich physisch, emotional und gesellschaftlich zu verstehen: Der körperliche Verfall des Ich-Erzählers wird durch genaue Selbstbeobachtungen vermittelt; immer wieder gerät er in Zustände tiefer Verzweiflung; er ist beziehungslos und wird zurückgewiesen – auch von der Frau, zu der er sich hingezogen fühlt. Dabei ist der Text zutiefst ambivalent, denn der Ich-Erzähler verschenkt Geld, sobald er es besitzt, beginnt Projekte, ohne sie zu Ende zu führen, und stößt Menschen vor den Kopf, die ihm helfen könnten. Zudem ist er ein Lügner. Weil die Erzählperspektive extrem auf den Protagonisten fokussiert ist, bleibt unklar, ob sein erratisches Verhalten Effekt seines Hungers oder nicht vielmehr die Ursache dafür ist, dass er hungern muss.[5]

Mit dieser Unentscheidbarkeit wird zugleich das Problem künstlerischen Schaffens verhandelt, das mit dem Hunger untrennbar verbunden scheint. Der Protagonist versteht sich als Autor, der jedoch unter einer nahezu permanenten Schreibblockade leidet; der Hunger scheint das Schreiben nicht zuzulassen. Dennoch ist Hunger das produktive Prinzip des uns vorliegenden Textes, insofern er Hungerkrisen beschreibt, deren Ende mit dem Ende des jeweiligen Textteils zusammenfällt. Darüber hinaus ruft der Roman durch seine Widersprüche und Unklarheiten, durch unvollständige Informationen und einen fehlenden Plot bei seinen Leserinnen und Lesern einen Hunger auf metaphorischer Ebene hervor: einen Hunger nach Sinn.

Dieser Hunger nach Sinn stellt sich auch bezogen auf den historischen Kontext des Romans ein, wenn wir über Hunger gegen Ende des 19. Jahrhunderts nachdenken. Schauplatz von "Sult" ist Kristiania, das heutige Oslo. Der Protagonist bewegt sich immer wieder über die städtische Flaniermeile Karl Johan, blickt in Schaufenster, schreibt für eine Zeitung. Damit ist die Handlung in einer entstehenden Konsumkultur angesiedelt,[6] in der sich die Frage des Hungers neu stellt. Warum gibt es Hunger in Gesellschaften, die Waren im Überfluss herstellen können? Diese Frage wirft indirekt auch der Roman auf, indem er Mangel und Fülle auf engem Raum verdichtet. In "Sult" stehen Arbeitssuchende und Obdachlose der Warenwelt gegenüber.

Fußnoten

1.
Vgl. Horst S. Daemmrich/Ingrid G. Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch, Tübingen–Basel 1995²; Elisabeth Frenzel, Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 19924; Günter Butzer/Joachim Jacob (Hrsg.), Metzler Lexikon literarischer Symbole, Stuttgart–Weimar 2012². Eine Ausnahme – allerdings in einem diskursspezifischen Lexikon – ist der Artikel von Sabine Kyora, Hunger, in: Bettina von Jagow/Florian Steger (Hrsg.), Literatur und Medizin. Ein Lexikon, Göttingen 2005, Sp. 374–378.
2.
Herta Müller, Atemschaukel, München 2009, S. 25.
3.
Vgl. Maud Ellmann, The Hunger Artists. Starving, Writing & Imprisonment, London 1993; Christoph Steier, Hunger/Schrift. Poetologien des Hungerns von der Goethezeit bis zur Gegenwart, Würzburg 2014.
4.
Knut Hamsun, Hunger, übersetzt von Siegfried Weibel, Berlin 2014³, S. 9. Im Folgenden wird dieser Text ohne Literaturangabe unter Angabe der Seitenzahl zitiert.
5.
Vgl. z.B. Paul Auster, The Art of Hunger, in: ders., The Art of Hunger. Essays, Prefaces, Interviews and The Red Notebook, New York 1997, S. 9–20; Nina Diezemann, Die Kunst des Hungerns. Anorexie in literarischen und medizinischen Texten um 1900, Dissertation, Universität Hamburg 2005, S. 122, http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2005/2703/pdf/Kunst_des_Hungerns_small.pdf« (3.11.2015).
6.
Zu diesem Zusammenhang vgl. Mark B. Sandberg, Writing on the Wall. The Language of Advertising in Knut Hamsun’s Sult, in: Scandinavian Studies, 71 (1999) 3, S. 265–296; Stefanie von Schnurbein, Sultens økonomi. (A)moral og (av)makt i ‚Sult‘, in: Even Arntzen (Hrsg.), Makt og moral. 7 foredrag fra Hamsun-dagene på Hamarøy 2008, Hamarøy 2008, S. 97–115.
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Autor: Frederike Felcht für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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