Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Maximilian Buschmann

Hungerstreiks. Notizen zur transnationalen Geschichte einer Protestform im 20. Jahrhundert

Wir sehen keine weitere politische Möglichkeit, als in den unbegrenzten Hungerstreik zu treten",[1] hieß es im Oktober 2012 in einer Erklärung von Geflüchteten, die in Berlin für die Anerkennung als politische Flüchtlinge und die Rechte von Asylsuchenden protestierten. Mit dieser Protestbewegung wurden Hungerstreiks wieder zum Gegenstand der politischen Debatte in Deutschland. Als Praktik des Protests und Widerstands etablierten sich Hungerstreiks bereits im frühen 20. Jahrhundert und waren seither wiederholt Wegmarker politischer und gesellschaftlicher Transformationen: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts traten beispielsweise Revolutionäre im russischen Zarenreich, britische Suffragetten oder Gegner des Kolonialismus in Indien in Hungerstreiks. In den 1970er und 1980er Jahren waren es Mitglieder der IRA in Nordirland, politische Gefangene des Apartheidsystems in Südafrika und Protestierende am Tiananmen-Platz in Peking, deren Nahrungsverweigerungen politische Diskussionen prägten.

Dieser kurze Ausschnitt zeigt, dass Hungerstreiks weltweit angewendet wurden.[2] Die Forschung zur Globalgeschichte der Hungerstreiks steckt aber erst in ihren Anfängen. Anspruch dieses Beitrages ist es, ein Panorama dieser Praxis zu skizzieren und auf die Geschichte ihrer weltweiten Ausbreitung einzugehen. Unter Hungerstreiks verstehe ich Nahrungsverweigerungen, die zeitgenössisch ausdrücklich als Protestmittel verstanden wurden. Ich untersuche sie dabei als eine soziale Praxis – das heißt, ich gehe ihrer Anwendung und den Debatten, die sie begleiteten, nach. Dabei gilt es zu beachten, dass Hungerstreiks als menschliche Handlung und soziale Interaktion historischem Wandel unterworfen sind. Ich untersuche sie somit nicht als universelle Verhaltensregel, sondern blicke auf die historischen und kulturellen Konstellationen, die sie ermöglicht, nahegelegt oder geprägt haben. Obwohl sich Nahrungsverweigerungen auch in früheren Epochen feststellen lassen, nehme ich bewusst davon Abstand, antike und frühneuzeitliche Formen von Nahrungsverweigerungen als Hungerstreiks zu identifizieren. Vielmehr argumentiere ich, dass Hungerstreiks um 1900 als politisch-kulturelles Phänomen auftraten.

Im Folgenden diskutiere ich erstens das Aufkommen von Hungerstreiks im historischen Kontext des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zweitens widme ich mich ihrer transnationalen Etablierung als politische Protestform im 20. Jahrhundert. Abschließend werde ich auf die Zwangsernährung von Hungerstreikenden eingehen und am Beispiel der Bundesrepublik ein Schlaglicht auf die politischen und medizinethischen Debatten über die Grenzen des individuellen Selbstbestimmungsrechts über den menschlichen Körper werfen. Obwohl Hungerstreiks meist in direkter Opposition zu Regierungen oder staatlichen Institutionen erklärt wurden, waren sie oft in gleichem Maße an die mediale Öffentlichkeit, solidarische politische Bewegungen und das streikende Subjekt selbst gerichtet. Die Interpretation und Deutung von Hungerstreiks war dabei stets ein umkämpftes Feld.

Spurensuche: Hungern – Streiken

Bereits der Begriff "Hungerstreik" deutet darauf hin, dass zur Erforschung seiner Geschichte vor allem die gesellschaftliche Auffassung von Ernährung und Hunger, aber auch Neuformierungen von Staatlichkeit und politischen Bewegungen im 18. und 19. Jahrhundert ins Auge gefasst werden müssen. Hungerstreiks als politisch-kulturelles Phänomen sehe ich dabei nicht als direkte kausale Folge dieser Entwicklungen, vielmehr sind diese als Bedingungen der Möglichkeit zum Hungerstreik zu verstehen.

Die Transformation der Agrarwirtschaft im Zuge der technisch-industriellen Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts läutete keineswegs das Ende von Hungerkrisen ein. Aber nichtsdestoweniger war um 1900 – dies gilt jedenfalls für den euroamerikanischen Raum – ein radikaler Wandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Thematisierung des Hungers zu verzeichnen: Hunger wurde nicht mehr als Folge individuellen Fehlverhaltens oder göttlicher Strafe wahrgenommen, sondern als ein gesellschaftliches und potenziell lösbares Problem[3] – und damit als Aufgabe eines Staates, dessen Regierungstechniken zunehmend daran ausgerichtet waren, das Leben der Bevölkerung zu sichern.[4] Hungernde Körper wurden nun als Mittel der politischen Kritik mobilisiert, denn der leidende Körper war in das Zentrum politischer Kampagnen und Auseinandersetzungen gerückt. Die philanthropischen Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei und der Folter seit Mitte des 18. Jahrhunderts können als prägend für die Etablierung dieses Motivs angesehen werden. In ihren Kampagnen verwendeten sie Erzählungen und Bilder, die sich auf eine Universalisierung des menschlichen Leidens stützten, um Mitleid zu erregen und die Identifikation der Adressatinnen und Adressaten mit den Leidenden zu befördern. Damit etablierte sich ein Argumentationsmuster, das den Begriff der Menschlichkeit in den Vordergrund rückte und an das Individuum als ein ethisch handelndes Subjekt appellierte.[5]

Die Schilderungen von Hungerstreik und Zwangsernährung zu Beginn des 20. Jahrhunderts griffen diesen Topos auf. Der hungernde und zwangsernährte Körper als leidender Körper eröffnete die Möglichkeit, Öffentlichkeit für politische Anklagen zu schaffen und eine behördliche Reaktion zu forcieren. Denn im Gegensatz zu den politischen Strukturen der Frühen Neuzeit wurde die Verantwortung für das Wohl und das Leben der Bevölkerung nun dem Staat zugeschrieben. Das galt insbesondere für die Institutionen, in denen sich Menschen unter direkter staatlicher Aufsicht befanden – allen voran Klinik, Psychiatrie und Gefängnis. Als inhaftierte Aktivistinnen für das Frauenwahlrecht in Großbritannien (Suffragetten) ab 1909 in Hungerstreiks traten, sah die Regierung zwischenzeitlich keine andere Wahl, als die vorübergehende Freilassung der bürgerlichen Frauen anzuordnen. Doch der britische Staat reagierte auch mit der Zwangsernährung der Inhaftierten. Diese skandalisierten die Suffragetten als Folter und dockten mit Berichten und Zeichnungen der unter Zwang mittels Naseneinlauf vorgenommenen Ernährung an Bilder aus der Folterkammer an. Eine hitzig geführte Debatte brach in der Öffentlichkeit und der medizinischen Profession darüber aus, ob die Zwangsernährung eine gerechtfertigte Maßnahme zur Lebenserhaltung oder aber eine Form medizinischer Folter sei. Sie endete erst, als die Suffragetten mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 ihre Kampagne einstellten.[6]

Die "humanitäre Entdeckung" des Hungers, wie der Historiker James Vernon den Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung und Behandlung des Hungers nennt,[7] hatte eine weitere Auswirkung auf die Symbolik von hungernden Körpern. Hungern als subjektive Entscheidung – und nicht als Folge des ökonomischen Mangels oder von Naturkatastrophen – konnte nun auch moralische Stärke repräsentieren und als besonderes Können wahrgenommen werden. Diäten und Fastenpraktiken wurden im späten 19. Jahrhundert breit diskutiert und erprobt, und das Phänomen Hungerkunst wurde von Beobachtern, obschon irritiert, doch als bewundernswert anerkannt.[8] Auch von den Suffragetten wurde die Nahrungsverweigerung als Beweis ihrer Willenskraft und Charakterstärke angeführt. Die Betonung von Stärke und Durchsetzungsvermögen war ebenfalls ein wichtiger Bestandteil in der Rhetorik der linksrevolutionären Arbeiterbewegung. Der Hungerstreik fungierte hier als körperlicher Beweis von Entschlossenheit und Opferbereitschaft. Alexander Berkman, einer der bekanntesten und einflussreichsten Anarchisten in den USA und darüber hinaus, schrieb 1914 über die Hungerstreiks der Suffragetten: "(T)hey have demonstrated that the determination and will power of the strong personality (…) is more potent than the strongest government."[9] Das Motiv der Stärke und Militanz wurde auch mittels der Metapher vom Hungerstreik als Waffe unterstrichen. Lucy Burns, amerikanische Aktivistin für das Frauenwahlrecht, schrieb 1918 über ihre Hungerstreiks: "We used the political prisoners’ weapon of the hunger strike (…), which makes the prisoner stronger against his oppressors, the weaker his body grows."[10] In ihrer Stellungnahme spiegelt sich sowohl das Motiv des leidenden Körpers als auch die symbolische Stärke der Hungerstreikenden wider.

Fußnoten

1.
Zit. nach: Movement. A Heroes Magazine, 1 (2014), S. 65, http://cargocollective.com/Movementmagazine« (28.10.2015).
2.
In einer Studie wurden 1441 Hungerstreiks zwischen 1906 und 2004 in 127 Ländern gezählt. Vgl. Stephen J. Scanlan/Laurie Cooper Stoll/Kimberly Lumm, Starving for Change. The Hunger Strike and Nonviolent Action 1906–2004, in: Patrick G. Coy (Hrsg.), Research in Social Movements, Conflicts and Change, Bingley 2008, S. 275–323.
3.
Vgl. James Vernon, Hunger. A Modern History, Cambridge–London 2007.
4.
Vgl. Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975/1976), Frankfurt/M. 2001.
5.
Vgl. Thomas W. Laqueur, Mourning, Pity, and the Work of Narrative in the Making of Humanity, in: Richard Ashby Wilson/Richard D. Brown (Hrsg.), Humanitarianism and Suffering. The Mobilization of Empathy, Cambridge 2009; Lynn Hunt, Inventing Human Rights. A History, New York 2007.
6.
Vgl. Jana Günther, Die politische Inszenierung der Suffragetten in Großbritannien. Formen des Protests, der Gewalt und symbolische Politik einer Frauenbewegung, Freiburg/Br. 2006.
7.
Vgl. J. Vernon (Anm. 3), S. 17–40.
8.
Vgl. Walter Vandereycken/Ron van Deth, From Fasting Saints to Anorexic Girls. The History of Self-Starvation, London 1994, S. 75–95.
9.
Alexander Berkman, Becky Edelsohn. The First Political Hunger Striker in America, in: Mother Earth, 9 (1914) 1, S. 192–196, hier: S. 193.
10.
Lucy Burns, A Suffrage Trial in Washington, in: Liberator, 1 (1918) 8, S. 19f.
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Autor: Maximilian Buschmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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