Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christiane Eichenberg

Hungern im Netz

Essstörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Es handelt sich um schwerwiegende Störungen, wobei vor allem die Anorexia nervosa (Magersucht) mit einer hohen Mortalitätsrate einhergeht. Aufgrund der weiten Verbreitung einerseits und der Erstmanifestation zumeist im Jugendalter andererseits verwundert nicht, dass auch das Internet hier als Hilfsmedium für Betroffene eine wichtige Rolle spielt. In diesem Beitrag wird ein einführender Überblick über die verschiedenen Formen von Essstörungen und ihre Ursachen gegeben, wobei insbesondere die Rolle der Medien herausgearbeitet wird. Anschließend wird die sogenannte Pro-Ana-Bewegung im Internet vorgestellt, eine Form der onlinebasierten Selbsthilfe, die umstritten ist.

Magersucht und andere Essstörungen: Erscheinungsformen und Prävalenz

In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der Weltgesundheitsorganisation werden in Kapitel V "Psychische und Verhaltensstörungen" vier verschiedene Formen von Essstörungen im engeren Sinne aufgeführt: die Anorexia nervosa, die atypische Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa sowie die atypische Bulimia nervosa. Ferner werden Essattacken sowie Erbrechen im Rahmen anderer psychischer Störungen benannt. In der Fachliteratur werden noch weitere Erscheinungsformen beschrieben (zum Beispiel Anorexia athletica, bezogen auf gestörtes Essverhalten bei Leistungssportlern), die allerdings noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht sind, um als Störungen anerkannt zu sein.

Die Anorexia nervosa ist durch einen absichtlich herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Dabei ist die Angst vor einem dicken Körper zentral, die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich fest. Es liegt meist Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades vor, die sekundär zu hormonellen und stoffwechselbedingten Veränderungen und zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen gehören eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika (Mittel zur Ausschwemmung von Wasser aus dem Körper). Die atypische Anorexia nervosa erfüllt einige Kriterien der Anorexia nervosa, das gesamte klinische Bild rechtfertigt die Diagnose einer Anorexia nervosa jedoch nicht. Weiterhin gilt für eine Anorexie, dass das tatsächliche Körpergewicht mindestens 15 Prozent unter dem Erwarteten liegt beziehungsweise der Body-Mass-Index kleiner/gleich 17,5 beträgt.[1] Begleiterkrankungen sind häufig, vor allem depressive Erkrankungen, Zwänge, Angst- und Somatisierungsstörungen (körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache).

Die Bulimia nervosa ist gekennzeichnet durch wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Typischerweise besteht ein Wechsel von Essanfällen und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln. Viele psychische Merkmale dieser Störung ähneln denen der Anorexie, so die übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen. Häufig lässt sich in der Anamnese eine frühere Episode einer Anorexia nervosa feststellen. Für die atypische Bulimia gilt dasselbe wie für die atypische Anorexia: Einige Schlüsselsymptome können fehlen. Bei der sogenannten Binge Eating Disorder (in der ICD als "nicht näher bezeichnete Essstörung" klassifiziert) kommt es ebenso zu periodischen Heißhungeranfällen mit Kontrollverlust, allerdings werden die zugeführten Nahrungsmittel anschließend nicht erbrochen, sodass längerfristig meist Übergewicht die Folge ist. Die Adipositas wird in der ICD nicht unter psychische Störungen gefasst, sondern unter die endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Aktuell wurde eine Zwölfmonatsprävalenz (Häufigkeit) von Essstörungen von 0,7 Prozent ermittelt (Frauen: 1,2 Prozent; Männer: 0,2 Prozent).[2] Dabei ist das Risiko für Essstörungen in der Bevölkerung nicht gleich verteilt. Vielmehr treten Essstörungen vorwiegend in bestimmten Gruppen auf, wobei vor allem Geschlecht, Alter und soziale Schicht ausschlaggebend sind (von Anorexie Betroffene gehören tendenziell häufiger der höheren Mittelschicht an, Bulimiker stammen meist aus der Mittelschicht). In bestimmten Gruppen steigen die Prävalenzraten daher deutlich an (7 Prozent in Risikogruppen wie Tänzerinnen und Models).[3] Darüber hinaus ist die Mortalität dieser Patientengruppe mit bis zu 18 Prozent sehr hoch; fast jede/r Fünfte stirbt also an den Folgen der Krankheit.[4] Die Mortalitätsrate ist damit die höchste aller psychischen Erkrankungen und liegt erheblich über der von Depression und Schizophrenie.[5]

Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind schwere psychische Erkrankungen mit beträchtlichen psychischen, aber auch physischen Begleiterscheinungen für die Betroffenen. Entscheidend für den Verlauf der Erkrankungen ist unter anderem, wie schnell und in welchem Stadium effektive therapeutische Interventionen einsetzen. Diese können jedoch nur vor dem Hintergrund eingeleitet werden, dass die Betroffenen beziehungsweise deren Angehörige und ebenso der konsultierte Arzt beziehungsweise Psychiater oder Psychologe die Störung als psychische Erkrankung (an)erkennt. Voraussetzung hierfür ist, dass auf beiden Seiten ein hinreichender Kenntnisstand zur Verfügung steht beziehungsweise Informationen über die Erkrankungsformen allgemein nutzbar und leicht zugänglich sind. Der klinische Alltag lehrt jedoch, dass sowohl in weiten Bereichen der praktischen Medizin als auch bei den Betroffenen selbst wenig Kenntnis darüber besteht, ab wann bestimmte Verhaltensaspekte und körperliche Veränderungen klinisch-diagnostische Kriterien erfüllen und therapeutisches Handeln notwendig machen.[6]

Fußnoten

1.
Der Body-Mass-Index errechnet sich aus der Körpermasse in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Als "Normalgewicht" gelten Werte von 18,5 bis 25.
2.
Vgl. Hans-Ulrich Wittchen/Frank Jacobi, Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland?, Vortrag, Symposium Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS), Berlin, 14.6.2012, http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychische_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile« (16.7.2015).
3.
Vgl. Sven Olaf Hoffmann/Gerd Hochapfel, Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin, Stuttgart–New York 2004.
4.
Vgl. ebd.
5.
Vgl. Almut Zeeck/Stephan Herpertz/Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (Hrsg.), Patientenleitlinie "Diagnostik und Behandlung von Essstörungen", 2015, http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-026p_Essstoerungen_2015-06_01.pdf« (16.7.2015).
6.
Vgl. Martin Grunwald, Essstörungen: Wird das Internet als Informationsquelle von Betroffenen und Angehörigen genutzt?, in: Ralf Ott/Christiane Eichenberg (Hrsg.), Klinische Psychologie und Internet. Potenziale für klinische Praxis, Intervention, Psychotherapie und Forschung, Göttingen 2003, S. 190–206.
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Autor: Christiane Eichenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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