Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Michael Zeuske

Globale Sklavereien: Geschichte und Gegenwart

Sklaverei – Gewalt von Menschen über den Körper anderer Menschen, Zwang zur Arbeit, Mobilitätseinschränkung und Statusdegradierung – war und ist ein globales Phänomen bis heute, obwohl legal ownership über Menschen weltweit verboten ist.[1] Sklaverei, oder besser: Sklavereien, haben die Weltgeschichte von Anfang an nicht nur begleitet, sondern waren oft – wie Krieg und Streben nach Reichtum – eine Art Motor hinter dynamischen Entwicklungen.

Unter Historikern und Archäologen ist umstritten, wann das globalgeschichtliche Phänomen seinen Anfang nahm: Der Historiker Joseph Miller ist der Meinung, dass frühe Sklavereien schon um 20.000 vor unserer Zeitrechnung (Spätpaläolithikum) entstanden.[2] Ich meine, dass erste Sklavereien mit der Neolithisierung, also der Herausbildung jungsteinzeitlicher Landwirtschaft, früher befestigter Siedlungen und Viehhaltungswirtschaften, einhergingen (10. bis 6. Jahrtausend v.u.Z.). Das sind extrapolierte Hypothesen, die sich archäologisch-historisch, wenn überhaupt, eventuell an Sonderformen von Sklaverei (Opfersklaverei, Totenfolge) nachweisen lassen. Erste handfeste Nachweise bestimmter Sklavereien hängen mit der Entstehung der Schriftlichkeit und der Bildung von frühen Stadtstaaten und Imperien zusammen. Sklavenhandel, der zur entwickelten Sklaverei gehört wie ein Zwilling, setzte im 2. Jahrtausend v.u.Z. ein – zunächst mit Razzienkriegen (Überfälle leichtbewaffneter und schneller Krieger, die auf Zerstörung, Schrecken und Menschenraub ausgerichtet waren), der Vergabe von Kriegsgefangenen an Eliten sowie dem Austausch von "Geschenken" zwischen Herrschern.

Wenn wir uns von der gängigen Vorstellung lösen, Sklaverei und Sklaven habe es vor allem in der europäischen Antike in Griechenland und Rom sowie im Süden der USA vor dem Bürgerkrieg gegeben, können wir Sklaverei historisieren – das heißt, sie in die Geschichte seit dem Neolithikum einordnen und große Sklavereiformationen unterscheiden. Ich nenne solche Formationen Plateaus der Sklaverei. Sklavereien gab es überall, wo Menschen siedelten, weltweit nach der Faustformel "je älter, desto lokaler".

Die zwei ersten Plateaus der Sklaverei

Das erste Sklaverei-Plateau in der Globalgeschichte ist das der Sklavinnen "ohne Institutionalisierung". Das bedeutet, dass diesem Sklavereistadium vor allem Frauen, Mädchen und Kinder (Waisen, ausgesetzte, geraubte oder verkaufte Kinder) anheimfielen, ohne dass es erkennbare Regeln oder Institutionen gegeben hätte – mit Ausnahme eines niederen Status. Der Status einer Sklavin hing mit der Gewährung von Schutz oder der Aufnahme in einer neuen Gruppe (Verwandtengruppe, Siedlungsgemeinschaft – "Haushalt") zusammen. Die Neuankömmlinge mussten, sozusagen als legitime Gegenleistung, meist die unangenehmsten Arbeiten verrichten beziehungsweise den Gruppenchefs zu Diensten sein. Dieses Plateau der Sklavinnen "ohne Institution" dürfte das älteste und am weitesten verbreitete in der Geschichte sein. Es reichte vom hypothetischen Beginn der Sklavereien bis mindestens zur Bildung erster Territorialherrschaften, also mindestens bis zum späten Neolithikum und zur Kupfersteinzeit (um 3000 v.u.Z.). Und es ist trotz der scheinbaren Simplizität eine doch recht komplizierte Geschichte, da sich jeder und jede denken kann, für welche Phänomene dieses Sklaverei-Plateau eine Grundlage bilden kann: Patriarchalismus, erzwungenen Sex, Umgang mit elternlosen Kindern, Konkubinat (aber im weiteren Sinne auch für Heirat und ähnliche Rituale, mit denen Fremdenstatus abgeschwächt werden sollte).[3]

Das zweite Sklaverei-Plateau wird gebildet von Sklavereien im Rahmen von Verwandtschafts- und Wohngruppen; es handelt sich um das Plateau der Kin- oder Haussklaverei (Verwandtschaft wird mit dem englischen Begriff kin bezeichnet). Dieses Plateau hängt, wahrscheinlich seit der Bronzezeit (in den Amerikas eher eine Edelmetall- und Kupferzeit), einerseits mit Produktionssteigerungen in der Wirtschaft und dem Umgang mit neuen Ressourcen und Technologien zusammen (Landwirtschaft, Metallurgie, Wasserwirtschaft). Andererseits ist es geprägt vom Umgang mit Risiken (Klima, Unwetter, Dürren, Überschwemmungen, Kampf um Ressourcen), die wiederum zur Verschuldung von Bauern und zu Konflikten um Ressourcen mit anderen Gruppen führten. Dazu kam, dass mit der Herausbildung strukturierter Herrschaften (meist als chiefdoms bezeichnet) kriegerische Auseinandersetzungen allgemein zunahmen. In diesen Herrschaften bildeten sich Kriegereliten heraus, die andere Menschen gefangen nahmen und zugleich an der Steigerung ihres Status durch viele Anhänger und abhängige Menschen interessiert waren.

Hier verkompliziert sich die Geschichte der Sklaverei, vor allem, weil unterschiedliche Sklavereiformen ins Spiel kamen und der organisierte Kriegsgefangenen- und Sklavenhandel einsetzte. Die Grundstrukturen dieses Plateaus sind Formen "innerer" Sklaverei – weiterhin vorwiegend von Frauen, Mädchen und Kindern, aber nun auch von verschuldeten Männern und Gruppen (Schulden bemaßen sich oftmals in Saatgut, Nahrungsmitteln oder Tieren; Münzgeld existiert erst seit etwa 600 v.u.Z.). Wegen der Konflikte und Razzien beziehungsweise Auseinandersetzungen zwischen sesshaften und nomadisierenden Gruppen kam nun auch "äußere" Sklaverei von Männern hinzu (zunächst meist als Hirten oder Träger in Kriegertrupps). Versklavung von Männern, die vorher Krieger oder Soldaten waren, war und ist nicht einfach und immer gefährlich. Es kam zu mehr und deutlich sichtbarer Gewalt. Damit entwickelten sich Sonderformen wie die kollektive Sklaverei besiegter Menschen eines bestimmten Territoriums oder von Dorfgemeinschaften, Opfersklaverei (die eventuell schon ebenso alt ist wie das erste Plateau, aber jetzt öfter zur Machtdemonstration eingesetzt wurde), Razziensklaverei professioneller Kriegertrupps, bei der die besiegten und versklavten Krieger mit ganz niedrigem Status eingegliedert wurden, sowie verschiedene Arten von Elitesklaverei (etwa Schwurkriegerverbände, die dem Anführer bis in den Tod treu sein sollten, oder Gruppen "hochwertiger" junger Frauen, die den Anführern als Konkubinen dienen mussten).

Alle außer den kollektiven Sklavereien haben eines gemeinsam: Ihr Ort ist das "Haus", das auch eine Palast- oder Tempelanlage sein kann. Der Status der Versklavten wird am Verwandtschaftsrang gemessen: "Innere" Sklavinnen haben eine schwache oder arme Verwandtschaft, die sie nicht mehr schützen kann oder sie aktiv weggegeben (verkauft) hat; "äußere" Sklaven haben gar keine Verwandtschaft innerhalb der versklavenden Gruppe.[4] Damit und im Zusammenhang mit Kriegsniederlagen, die oft nachträglich als gottgewollt erklärt wurden, entwickelten sich zwei Regeln, die bis zum formellen Ende der Sklavereien (in den Amerikas und Europa sowie im Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert; in Afrika, Asien, Arabien, Australien im 20. Jahrhundert) die Geschichte der Sklaverei geprägt haben: Zum einen ging mit der Versklavung eine innere Statusdegradierung einher, das heißt, die oder der Versklavte hatte in der jeweiligen Gruppe die niedrigste Ehre (wenn überhaupt "Ehre") und sehr wenige Rechte, zum anderen eine äußere Statusdegradierung. Menschen, die nach Kriegsniederlagen oder Razzien in eine Gruppe kamen, hatten überhaupt keine Rechte. Der Soziologe Orlando Patterson hat diesen Status social death genannt und hatte damit, trotz der vielen Kritiken, die ihm dieser Begriff eingebracht hat, nicht ganz Unrecht.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Zeuske, Sklavenhändler, Negreros und Atlantikkreolen. Eine Weltgeschichte des Sklavenhandels im atlantischen Raum, Berlin–Boston, 2015, S. 3–49.
2.
Vgl. Joseph C. Miller, The Problem of Slavery as History, New Haven 2012.
3.
Vgl. Michael Zeuske, Handbuch Geschichte der Sklaverei, Berlin–Boston 2013, S. 150–173; Gwyn Campbell/Suzanne Miers/Joseph C. Miller (Hrsg.), Women and Slavery, 2 Bde., Athens 2007/08; dies. (Hrsg.), Children in Slavery through the Ages, Athens 2009; dies. (Hrsg.), Child Slaves in the Modern World, Athens 2011; Gwyn Campbell/Elizabeth Elbourne (Hrsg.), Sex, Power, and Slavery, Athens 2014.
4.
Vgl. M. Zeuske (Anm. 3), S. 174–199.
5.
Vgl. Orlando Patterson, Slavery and Social Death, Cambridge MA 1982.
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Autor: Michael Zeuske für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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