Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Jan-Christoph Marschelke

Moderne Sklavereien

Laut Global Slavery Index (GSI) 2014 fristen heute 35,8 Millionen Menschen ihr Dasein als Sklavinnen und Sklaven.[1] In absoluten Zahlen sind das mehr als jemals zuvor. Was aber genau ist moderne Sklaverei? Unter welchen Umständen arbeiten moderne Sklaven? Was produzieren sie, und wer profitiert davon? Warum kann es Sklaverei überhaupt noch geben, wo sie rechtlich doch geächtet ist? Diesen und weiteren Fragen werde ich im Folgenden nachgehen.

Warum versieht man den Begriff "Sklaverei" mit dem Attribut "modern"? Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist: De iure ist Sklaverei weltweit geächtet. Die rechtliche Abschaffung der Sklaverei (Abolition) stellt – so der Historiker Egon Flaig – den "tiefste(n) Bruch der Menschheitsgeschichte" dar.[2] Historisch betrachtet leben wir erst seit sehr kurzer Zeit ohne die rechtliche Institution "Sklaverei". Dass wir von "moderner" Sklaverei sprechen, berücksichtigt diese Zäsur. Der zweite Grund für das Adjektiv "modern" ist, dass Sklaverei de facto noch existiert. Die heutige Sklaverei musste sich an die Illegalität anpassen; ihre Erscheinungsformen und die Zusammenhänge, in die sie eingebettet ist, haben sich "modernisiert". Vielfach werden moderne Infrastrukturen für Sklaverei genutzt – Flugzeuge, Internet und aktuelle Formen des Finanzkapitalismus. Unter diesen neuen Gewändern verbergen sich jedoch altbekannte Strukturen. Nach wie vor verrichten Sklaven vor allem körperlich anstrengende und sozial geringgeschätzte Arbeiten. Noch immer stellt die Verschleppung von Menschen eine effektive Versklavungsstrategie dar. Und Sklaverei ist ein unverändert lukratives Geschäft.

Tatsächlich ist es missverständlich, von einer Zäsur zwischen "alt" und "modern" zu sprechen. Denn zum einen dauerte die Abolition bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts an; formal endete sie 1970 in Oman.[3] Man könnte das Ende auch 1980 ansetzen (viertes Verbot in Mauretanien) oder 2000, als Nepal die traditionelle Schuldknechtschaft verbot. Zum anderen suggeriert der Ausdruck "Zäsur", dass es einen Schnitt gegeben habe, der heute beseitigt, was bis gestern allgegenwärtig war. Das ist aus zwei Gründen nicht realistisch. Erstens begann die Abolition bereits Ende des 18. Jahrhunderts, das heißt, sie zog sich etwa über zwei Jahrhunderte hin. Sie verlief also – global betrachtet – ungleichzeitig und unter entsprechend unterschiedlichen Bedingungen. Zweitens bedeutete die rechtliche Abschaffung nicht unmittelbar die faktische Abschaffung. Sozioökonomische Strukturen, die teilweise über Jahrhunderte von Sklaverei geprägt waren, konnten sich nicht über Nacht wandeln. Für viele der formal Befreiten änderten sich die Umstände kaum. Gingen sie fort – zum Beispiel in die großen Städte (wo das Leben kaum besser war) –, wurden sie durch den Import von ausländischen Arbeitskräften ersetzt (etwa durch die sogenannten Kulis), die eine der Sklaverei äußerst ähnliche Schuld- beziehungsweise Vertragsknechtschaft eingingen.

Die "alte" Sklaverei hat zudem Folgen gezeitigt, die bis heute sichtbar sind, seien es die Favelas in Rio de Janeiro oder die tiefen gesellschaftlichen Gräben in den USA – unlängst in Form rassistischer Polizeigewalt wieder zum Vorschein gekommen. Andernorts (etwa in Südostasien) haben sklavereiartige Ausbeutungsverhältnisse nie aufgehört zu bestehen. "Moderne" Sklaverei ist also weder gänzlich neu entstanden noch unterscheidet sie sich stark von der "alten".

Definitionen

Sklaverei zu definieren, gilt als schwierig. Sie existiert seit rund 10.000 Jahren und hat weltweite Verbreitung gefunden.[4] Wir kennen eine ungeheure Vielzahl von Sklavereiformen, unter anderem Bergwerk-, Plantagen-, Haus-, Tempel-, Palast-, Opfer-, Kin-, Vertrags- und Schuldsklaverei. Die Kriterien der Begriffsbildung variieren: mal Tätigkeit, mal Einsatzort, Zweck, sozialer Zusammenhang (kin = Verwandtschaft) oder Gründe der Versklavung. Statt im Singular spricht man besser im Plural von "Sklavereien" oder tätigkeitsbezogen von slaving.[5] Der Soziologe Kevin Bales und die Menschenrechtsexpertin Becky Cornell definieren moderne Sklavereien anhand der drei folgenden Kriterien: Kontrolle durch Gewalt, Verlust des freien Willens und wirtschaftliche Ausbeutung.[6] Der Historiker Michael Zeuske fügt noch ein viertes Merkmal hinzu, nämlich die soziale Marginalisierung.[7]

Der GSI fasst, etwas konkretisiert, unter moderne Sklavereien dreierlei: Menschenhandel, Sklaverei beziehungsweise sklavereiähnliche Praxen sowie Zwangsarbeit. Sie sind nicht trennscharf voneinander abgegrenzt und entstammen unterschiedlichen Quellen. Beim Menschenhandel kommt es vor allem auf zweierlei an: zum einen, dass der Wille einer Person (etwa durch Gewalt) gebrochen oder (zum Beispiel durch Täuschung) manipuliert wird; zum anderen, dass der Handel mit Ausbeutungsabsicht geschieht. Sklaverei liegt vor, wenn eine Person über eine andere verfügt, als wäre diese ihr Eigentum. Unter sklavereiähnliche Praktiken fallen zum Beispiel Schuldknechtschaft, Zwangsheirat und Verkauf oder Ausbeutung von Kindern. Zwangsarbeit wird definiert als Arbeit, zu der eine Person mittels Sanktionsdrohungen gezwungen wird. Zusammengefasst heißt das im GSI: "Modern slavery involves one person possessing or controlling another person in such as a way as to significantly deprive that person of their individual liberty, with the intention of exploiting that person through their use, management, profit, transfer or disposal."[8]

Umstritten ist das Merkmal Käuflichkeit: Wer Sklaverei streng als "äußerste Form der Unfreiheit" (Flaig) definiert, konzentriert sich nur auf die zweite Form der GSI-Definition, gegebenenfalls gar unter Ausschluss der sklavereiähnlichen Praxen. Flaig zum Beispiel nimmt die Zwangsarbeit der NS- und Sowjetdiktaturen von der Sklavereidefinition aus. Bei aller Gewalt, aller Unfreiheit und allem Arbeitszwang seien die Gefangenen nicht zu käuflicher Ware degradiert worden.[9] Nach diesem Argument entsteht die für Sklaverei typische radikale Verdinglichung des Menschen erst durch Käuflichkeit. Moderne Sklaverei wäre demnach etwa die Arbeit der Kinder auf den Kakaoplantagen Westafrikas, die von den Plantagenbesitzern für umgerechnet 230 Euro erworben werden (inklusive Transportkosten).[10] Dies gilt ebenso für die sogenannten Restavecs, die auf Haiti den Haushalt wohlhabender Bürger erledigen; sie kosten etwa 50 Euro.[11] Auch die Veräußerung von Frauen und Kindern in die Zwangsprostitution durch Verwandte oder "Freunde" fällt unter diese Definition.

Andere ausbeuterische Arbeitsverhältnisse fallen aus dieser Definition heraus. Die ausländischen Arbeitskräfte, die unter prekärsten Bedingungen auf den Baustellen für die geplante Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar tätig sind, wären demnach keine Sklaven. Sie werden nicht gekauft, vielmehr bezahlen sie selbst Agenturen für die Vermittlung des Arbeitsplatzes. Ebenso wenig als Sklaverei wäre die Schuldknechtschaft im pakistanischen Peshgi-System (zum Beispiel Lehmziegelproduktion) oder im indischen Koliya-System (Landwirtschaft) zu bezeichnen. In beiden Fällen werden Menschen zwar ausgebeutet und sind sozioökonomisch völlig abhängig von ihren Arbeitgebern beziehungsweise Verpächtern. Aber mit ihnen wird nicht gehandelt.

Ein weiterer Streitpunkt ist der Verlust des freien Willens als Kriterium. Wann geht ein ökonomischer Sachzwang so weit, dass die Bildung freien Willens nicht mehr möglich ist? Diese Frage ist vor allem in puncto Prostitution umstritten. Teilweise wird vertreten, niemand, der zu freier Willensbildung in der Lage sei, würde seinen Körper für sexuelle Handlungen verkaufen. Prostitution wäre demnach – von der Käuflichkeitsdiskussion abgesehen – immer Sklaverei. Ähnlich wird in Bezug auf Organhandel argumentiert.

Ausbeutung beginnt, je nach Definition, bei einvernehmlicher Unterbezahlung und endet bei gewaltsamer Verdinglichung. Die Grenzen sind fließend – aber ab wo beginnt Sklaverei?[12] Die skizzierten Streitpunkte zeigen, dass eine Sklavereidefinition weder beliebig ist noch in einem naiven Sinne objektiv oder neutral. Ein Verhältnis "Sklaverei" zu nennen, zieht scharfe moralische Kritik und womöglich rechtliche oder politische Maßnahmen nach sich. Wer von solchen Verhältnissen profitiert, wird zu verhindern suchen, dass ihnen das Etikett "Sklaverei" angeheftet wird. Wer umgekehrt (mediale) Aufmerksamkeit für das Thema "moderne Sklavereien" generieren möchte, profitiert von hohen Fallzahlen, die durch eine weite Definition erreicht werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Walk Free Foundation (Hrsg.), Global Slavery Index 2014, S. 5, http://d3mj66ag90b5fy.cloudfront.net/wp-content/uploads/2014/11/Global_Slavery_Index_2014_final_lowres.pdf« (3.11.2015).
2.
Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, München 20112, S. 11.
3.
Vgl. Michael Zeuske, Handbuch Geschichte der Sklaverei, Berlin 2013, S. 564.
4.
Vgl. ebd., S. 101, S. 131.
5.
Vgl. Joseph Miller, The Problem of Slavery as History, New Haven 2012.
6.
Vgl. Kevin Bales/Becky Cornell, Moderne Sklaverei, Hildesheim 2008, S. 8ff.
7.
Vgl. M. Zeuske (Anm. 3), S. 105.
8.
GSI 2014 (Anm. 1), S. 11.
9.
E. Flaig (Anm. 2), S. 13.
10.
Vgl. Miki Mistrati, Schmutzige Schokolade, TV-Dokumentation 2010 (Minute 32), http://www.ardmediathek.de/Video?documentId=8577084« (3.11.2015).
11.
Die Bezeichnung kommt von rester avec (französisch: bei jemandem bleiben). Vgl. E. Benjamin Skinner, Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert, Köln 2008, S. 13.
12.
Vgl. z.B. die "Pyramide der Arbeitsausbeutung" von Norbert Cyrus/Dita Vogel/Karin DeBoer, Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung, Berlin 2010, S. 107ff., http://www.gegen-menschenhandel.de/Downloads/BBGM%20Studie.pdf« (3.11.2015).
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Autor: Jan-Christoph Marschelke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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