Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Patricia Graf
Antonia Kupfer

Geschlechterverhältnisse in ausbeutenden Arbeitsbeziehungen

Männer und Frauen sind Opfer moderner Sklaverei und extremer Arbeitsausbeutung. Frauen und Männer sind gleichzeitig Täterinnen und Täter. Die Anteile der Geschlechter an Opfern und Tätern sind jedoch ungleich verteilt: Frauen werden stärker ausgebeutet und versklavt als Männer. Warum ist das so?

Wir widmen uns dem Thema extremer Arbeitsausbeutung und Sklaverei in der heutigen Zeit aus einer Perspektive, die die Ambivalenz der Geschlechterverhältnisse jenseits einfacher Opfer-Täter-Schemata erfasst. Moderne Sklaverei definieren wir dabei als Oberbegriff für Zwangsarbeit, erzwungene sexuelle Ausbeutungen und einige Formen von Kinderarbeit.[1] Auch Menschenhandel, der auf sexuelle Ausbeutung oder Zwangsarbeit abzielt, fällt darunter. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO, eine Sonderkommission der Vereinten Nationen, definiert Zwangsarbeit als "all work or service which is exacted from any person under the menace of any penalty and for which the said person has not offered him voluntarily".[2] Die Vereinten Nationen zählen auch den Handel mit Organen zum Menschenhandel.

Die ILO beziffert das weltweite Ausmaß der Betroffenheit von Frauen und Mädchen von Zwangsarbeit mit 55 Prozent nur wenig höher als die Betroffenheit von Männern und Jungen.[3] Doch was auf den ersten Blick wie ein annähernd gleiches Verhältnis aussieht, bedarf genaueren Hinschauens. So sind in dem genannten Anteil Zwangsehen nicht enthalten, die eine Form von Sklaverei darstellen, von der so gut wie ausschließlich Frauen und Mädchen betroffen sind. Frauen sind aber nicht nur Opfer von extremer Ausbeutung und Sklaverei, sondern auch häufig als Täterinnen in Netzwerke von Menschenhandel und Ausbeutung verstrickt.[4] Nicht zuletzt sind sie als Akteurinnen von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen wichtige Agentinnen im Kampf gegen ausbeutende Arbeitsverhältnisse und moderne Sklaverei.

Wir werden daher zunächst auf Umstände eingehen, die bedingen, dass Frauen in stärkerem Ausmaß als Männer extremer Arbeitsausbeutung und Versklavung unterliegen. Wir illustrieren in einem zweiten Schritt die Bereiche sexuelle Ausbeutung, Haushalt und Pflege sowie Sonderwirtschaftszonen als diejenigen Arbeitsarenen, in denen Frauen nicht nur traditionellerweise besonders betroffen sind. Im dritten Teil wechseln wir die Blickrichtung und nehmen Frauen als Täterinnen, vor allem als Menschenhändlerinnen, unter die Lupe. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zur Frage, was gegen moderne Sklaverei unternommen werden kann.

Bedingungen für Versklavungen

Aktuelle Fälle der Versklavung von Mädchen durch Boko Haram, einer islamistischen Terrormiliz im Norden Nigerias, zeigen einen Zusammenhang zwischen einer generellen Diskriminierung von Frauen in einer Gesellschaft und Formen der Ausbeutung.[5] Patriarchalismus, Misogynie und Sexismus stellen ein Fundament für die Abwertung und Versklavung von Frauen dar. "High levels of prejudice and discrimination in a society can also create a context that marks some people as less important and less deserving of rights and protection, which in turn makes the crime of modern slavery easier to commit against them. Statistical testing confirms the connection between discrimination and modern slavery."[6]

Die basale Deklassierung von Frauen führt zu einem verengten Menschenrechtsverständnis.[7] So waren im individualistischen, liberalen Verständnis der Menschenrechte als Abwehrrechte gegen den Staat zunächst nur weiße Männer mit entsprechender Staatsbürgerschaft als Träger dieser Rechte konzipiert, und erst durch harte feministische Kämpfe, getragen von weltweiten Frauenbewegungen, konnten sie im 20. Jahrhundert auch als Frauenrechte etabliert werden.[8] Eine weitere strategische Praxis, um eine grundsätzliche Abwertung von Frauen aufrechtzuerhalten, besteht in geschlechtsspezifischen Zuschreibungen wie sie beispielsweise im Stereotyp der "nimble Fingers" ("flinke Finger") zum Ausdruck kommen – sie führen dazu, dass Frauen für die arbeitsintensive Bekleidungs-, Elektronik- und Spielzeugfabrikation als besonders geeignet dargestellt werden.[9]

Ein zweites Fundament, das mit dem ersten zusammenhängt und als Bedingung für die Versklavung von Frauen wirkt, sind globale Ungleichverhältnisse.[10] Wirtschaftliche Ungleichheiten führen oft zu Migration, sei es innerhalb eines Landes in Form von Wanderungen vom Land in die Städte oder zwischen Ländern in globaler Reichweite. So zeigen Studien zur Textilindustrie in Mexiko, dass vor allem junge, ungebundene Migrantinnen aus ländlichen Gegenden für ausbeutende Arbeiten rekrutiert werden, da sie ohne eigene Familie und gewerkschaftlich nicht organisiert sind.[11] Die Migrationsforscherin Mouna Maaroufi verdeutlicht am Beispiel Libanons, wie Migrantinnen aus Sri Lanka, Äthiopien und Bangladesch als Hausangestellte in der vergeschlechtlichten internationalen reproduktiven Arbeitsteilung extrem ausgebeutet werden.[12] Das European Roma Rights Centre (ERRC) listet in einem Bericht von 2011 verschiedene weitere Faktoren beziehungsweise strukturelle Bedingungen auf, die gegenüber Menschenhändlern vulnerabel machen können. Diese reichen von "Leben in einer von Armut und sozialer Exklusion geprägten Situation" über "Diskriminierung in Bezug auf Geschlecht und Ethnizität" bis zur Feststellung "Kinder sind in erhöhtem Maße gefährdet".[13]

Dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge werden Frauen vor allem in Südostasien und im Pazifikraum zu Opfern von Menschenhandel im Zusammenhang mit Zwangsarbeit.[14] Einzelstudien zeigen, dass die Push- und Pull-Faktoren, die Menschen in Zwangsausbeutung treiben, regional jedoch unterschiedlich sind. So bestehen beispielsweise zwischen den Ländern der Amerikas klassische Beziehungen der geschlechtsspezifischen Ausbeutung, etwa von peruanischen oder paraguayischen Kindermädchen in Chile, Argentinien oder Brasilien.[15] Ein ähnliches Muster zeigt sich im Pflegesektor und in der sexuellen Arbeitsausbeutung zwischen Deutschland, Österreich und den osteuropäischen Anrainerstaaten.[16] In Lateinamerika und Asien sind Frauen zudem viel stärker von Arbeitsausbeutung in der Textil- und Elektronikindustrie betroffen, und dies häufig in Sonderwirtschaftszonen, die mit internationalen Unternehmen verbunden sind – dazu mehr im Folgenden.[17]

Fußnoten

1.
Vgl. International Labour Organization (ILO), Trade Union Manual on Export Processing Zones, Genf 2014, http://www.ilo.org/public/libdoc/ilo/2014/114B09_142_engl.pdf« (11.11.2015), S. 3.
2.
ILO, Forced Labour Convention, 1930 (No. 29), zit. nach: ebd., S. 43.
3.
Vgl. ILO, Profits on Poverty: The Economics of Forced Labour, Genf 2014, S. 7, http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_norm/---declaration/documents/publication/wcms_243391.pdf« (19. 11. 2015).
4.
Vgl. Rutvica Andrijasevic, Migration, Agency, and Citizenship in Sex Trafficking, Houndmills 2010; United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), Global Report on Trafficking in Persons 2014, New York 2014, S. 27, http://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/glotip/GLOTIP_2014_full_report.pdf« (11.11.2015).
5.
Vgl. Monica Das Gupta et al., Evidence for an Incipient Decline in Numbers of Missing Girls in China and India, in: Population and Development Review, (2009) 35, S. 401–416.
6.
Walk Free Foundation (Hrsg.), Global Slavery Index 2014, S. 7, http://d3mj66ag90b5fy.cloudfront.net/wp-content/uploads/2014/11/Global_Slavery_Index_2014_final_lowres.pdf« (11.11.2015).
7.
Vgl. Regina Becker-Schmidt, Frauen und Deklassierung, in: Ursula Beer (Hrsg.), Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik, Bielefeld 1989, S. 213–266.
8.
Vgl. Petra Follmar-Otto/Heike Rabe, Menschenhandel in Deutschland. Die Menschenrechte der Betroffenen stärken, Berlin 2009, S. 33.
9.
Vgl. Diane Elson/Ruth Pearson, "Nimble Fingers Make Cheap Workers": An Analysis of Women’s Employment in Third World Export Manufacturing, in: Feminist Review, 7 (1981), S. 87–107.
10.
Vgl. P. Follmar-Otto/H. Rabe (Anm. 8), S. 23.
11.
Vgl. Christa Wichterich, Gender matters. Zur Vergeschlechtlichung von Arbeit auf globalisierten Märkten, Berlin 2000; Shae Garwood, Working to Death: Gender, Labour, and Violence in Ciudad Juarez, Mexico, in: Peace, Conflict and Development, 2 (2002), S. 1–23.
12.
Vgl. Mouna Maaroufi, Im Angesicht extremer Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen in einer rassisierten und vergeschlechtlichten internationalen reproduktiven Arbeitsteilung: Migranten als Hausangestellte im Libanon, in: Femina Politica, 25 (2016) 1 (i.E.).
13.
ERRC, Breaking the Silence. Trafficking in Romani Communities, Budapest 2011, S. 41, zit. nach: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Welcome to Germany IV. Menschenhandel in Deutschland, Heimatkunde-Dossier, Berlin 2014, S. 105f., https://heimatkunde.boell.de/2014/12/09/dossier-welcome-germany-iv-menschenhandel-deutschland« (11.11.2015).
14.
Vgl. UNODC (Anm. 4), S. 78.
15.
Vgl. Eva Karnofsky, Besenkammer mit Bett. Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika, Bad Honnef 2005.
16.
Vgl. Elisabeth Mueller/Gregor Eppinger, Gender Equality Backstage – Who is Taking Care of Households When Women Work?, in: Schlossplatz 3, 9 (2010), S. 17ff.; Helma Lutz/Ewa Palenga-Möllenbeck, Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand. Eine Fallstudie der transnationalen Care-Arrangements polnischer und ukrainischer Migrantinnen, in: Gender, (2011) 3, S. 9–27.
17.
Vgl. Christa Wichterich/Kalyani Menon-Sen, Trade Liberalisation, Gender Equality, Policy Space: the Case of the Contested EU-India FTA, Brüssel 2009.
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Autoren: Patricia Graf, Antonia Kupfer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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