Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Heike Raphael-Hernandez

Deutsche Verwicklungen in den transatlantischen Sklavenhandel

Lange Zeit wurden der transatlantische Sklavenhandel und die damit verbundene Sklaverei in Deutschland als geschichtliche Phänomene gesehen, mit denen ausschließlich andere europäische Länder zu tun hatten. Während durchaus bekannt ist, dass Portugal, Spanien, England, Frankreich, die Niederlande oder Dänemark sowohl durch den Sklavenhandel selbst als auch durch den Besitz riesiger Überseeplantagen unmittelbar verwickelt waren, schien Deutschland keinerlei direkte Bezüge aufzuweisen. Dass inzwischen auch über eine deutsche Beteiligung an dieser Geschichte des Black Atlantic geforscht und publiziert wird, ist unter anderem einer an Bedeutung gewinnenden Bewegung zu verdanken, der daran gelegen ist, den historisch gewachsenen und in großen Teilen der deutschen Gesellschaft noch immer stark vorhandenen latenten Rassismus aufzudecken.

Die Annahme, dass Deutschland nicht in Sklaverei involviert gewesen sei, fußt zum einen auf dem Argument, dass es Deutschland zur maßgeblichen Zeit als Staat noch gar nicht gab (Reichsgründung 1871). Zum anderen trat tatsächlich nur eine kleine Gruppe deutschstämmiger Personen als Sklavenhändler oder Plantagenbesitzer in Erscheinung. Die Erforschung deutscher Beteiligung ist dennoch aus verschiedenen Gründen wichtig und richtig. Ein Punkt ist, dass deutsche Einzelpersonen, Handelsgesellschaften und ganze Produktionszweige von finanziellen Gewinnen aus Sklaverei profitierten und so – teilweise zwar nicht unmittelbar, aber im makroökonomischen Kontext – zum wirtschaftlichen Erstarken ganzer Landstriche in Deutschland beitrugen. Hierauf werde ich im ersten Teil eingehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt – und das Thema des zweiten Teils – ist die intellektuelle Verstrickung, der heute eine weitaus größere Bedeutung zugemessen wird, als es früher der Fall war. Deutsche Autoren wurden zum Teil stark von Reisenden beeinflusst oder waren selbst Reisende, die als Abenteurer, Wissenschaftler, Missionare, Seeleute, Ärzte oder Geschäftsleute unterwegs waren. Ihre Berichte haben das Bild von Sklaverei und Afrikanern im Land der Dichter und Denker entscheidend mitgeprägt, was sich bis heute in bestimmten Geisteshaltungen widerspiegelt. Für die "Aufarbeitung" dieser Geschichte ist es daher notwendig zu untersuchen, inwiefern deutschstämmige Personen als intellektuelle Befürworter, aber auch als vehemente Gegner der Sklaverei auftraten.

Wirtschaftliche Verwicklungen

Für eine Darstellung der deutschen Verwicklungen in die Ökonomie des transatlantischen Sklavenhandels bietet es sich an, einige ausgewählte Akteursgruppen näher zu betrachten. Im Folgenden werde ich Handelskompanien, Kaufleute und Finanziers in den Blick nehmen, außerdem die Rolle einzelner Wirtschaftszweige.

Handelskompanien:
Für den transatlantischen Sklavenhandel wird auch der Begriff "Dreieckshandel" verwendet, da Waren wie Gold, Gewürze, Elfenbein, Zucker, Tabak, Baumwolle, Waffen, Alkohol und versklavte Menschen, die auch als Handelsware angesehen wurden, zwischen Europa, Afrika und Amerika transportiert wurden. Es bildeten sich große Handelskompanien, in England etwa die Royal African Company und in den Niederlanden die Ostindien- und Westindien-Kompanien.

Aus dem deutschsprachigen Raum beteiligten sich schon sehr früh die beiden größten Augsburger Handels- und Geldhäuser, die Welser und die Fugger, sowie das Haus Ehinger aus Konstanz. Während die Fugger Geldgeber für den portugiesischen Sklavenhandel in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden, waren die Welser sowohl am direkten transatlantischen Sklavenhandel als auch an Plantagen in Venezuela beteiligt. Im Februar 1528 schlossen sie mit dem spanischen Königshof einen Vertrag, der ihnen gestattete, innerhalb von vier Jahren 4000 "Negersklaven" in die spanischen Kolonien nach Südamerika zu liefern. In den folgenden Jahren bis 1536 wurden die Welser daher durch ihre Handels- und Expeditionsschiffe Teil des frühen Dreieckhandels; in dieser Zeit unternahmen sie 45 Sklaventransporte. Von etwa 1530 bis 1556 versuchten sie in Venezuela, selbst in der Plantagenwirtschaft tätig zu sein.

Es brauchte danach noch rund 150 Jahre, bis eine deutsche Handelskompanie gegründet wurde. Im März 1682 wurde auf Wunsch des "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm (1620–1688) die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie (BAC) in Berlin gegründet. Zunächst sollte der preußische Adlige Otto Friedrich von der Groeben im Auftrag des Kurfürsten an der westafrikanischen Küste einen geeigneten Stützpunkt als Ausgangspunkt für den Sklavenhandel finden, was ihm auch gelang. Die Festung Groß Friedrichsburg, an der heutigen Küste Ghanas gelegen, diente der BAC von 1683 bis 1717 als Sklavenumschlagplatz. Für den zweiten Stützpunkt, der in der Karibik liegen musste, war es dem Kurfürsten 1685 möglich, auf der Insel St. Thomas, die unter dänischer Herrschaft stand, Land für eine Niederlassung anzumieten. Es gibt Schätzungen, dass um die 17000 Afrikaner durch die preußische Handelscompagnie als Sklaven in die Karibik verschleppt wurden.

Kaufleute:
Die Historikerin Margrit Schulte Beerbühl hat durch aufwändige Recherchen herausgefunden, dass es im London des 18. und 19. Jahrhunderts rund 500 deutschstämmige Kaufleute gab, von denen nicht wenige auf ganz unterschiedliche Weise in den transatlantischen Handel involviert waren.[1] Nur einige waren direkte Sklavenhändler, die meisten waren eher in den Warenaustausch involviert. Schulte Beerbühl weist aber auch darauf hin, dass die Annahme, dass es über einzelne Kaufleute eine deutsche Beteiligung direkt aus den großen Handelsstädten Hamburg, Bremen und Köln gegeben haben könnte, durchaus plausibel ist.

Die wohl bekannteste deutsche Person, die im Zusammenhang mit Sklaverei ein Vermögen verdient hat, war Heinrich Karl von Schimmelmann. 1724 als Sohn eines Kaufmanns in Demmin (heute Mecklenburg-Vorpommern) geboren, kam er über berufliche Zwischenstationen nach Hamburg. Eine Zeit lang galt Schimmelmann als der reichste Mann Europas; diesen Reichtum hatte er sowohl durch den Sklavenhandel als auch den Besitz großer Zuckerrohrplantagen mit über 1000 Sklaven auf den dänischen Jungferninseln in der Karibik erworben. Seine Geschäftsmethoden zeigen, wie der atlantische Dreieckshandel für einen privaten Kaufmann funktionierte: Aus Manufakturen in Ahrensburg und Wandsbek transportierte er das Baumwollgewebe Kattun, Waffen und Alkohol nach Westafrika, wo er diese Waren gegen gefangene Afrikaner tauschte; diese wurden in seinen Schiffen in die Karibik und nach Nordamerika verbracht, wo sie als Sklaven verkauft wurden. Mit dem Profit kaufte er durch Sklavenarbeit erzeugte karibische Produkte wie Zuckerrohr, Baumwolle und Tabak, die er wiederum nach Hamburg verschiffte. Das Gedenken an Schimmelmann führte vor einigen Jahren zu einer erinnerungspolitischen Kontroverse in Hamburg: Nachdem die Hansestadt 2006 eine Büste zu Ehren Schimmelmanns aufgestellt hatte, musste diese nach Protesten verschiedenster Gruppen schon zwei Jahre später wieder entfernt werden.

Finanziers:
Die bereits erwähnten großen Handelshäuser der Fugger und Welser aus Augsburg waren nicht nur in den Handel selbst involviert, sondern traten im 16. Jahrhundert auch als Geldgeber in Erscheinung. Die großen Beteiligungen kamen allerdings erst ab dem späten 17. Jahrhundert.[2] Sie liefen oftmals über die eher anonymen Aktiengesellschaften. Große Finanziers waren etwa die Brüder Baring aus Bremen, die an der Company of Merchants Trading to Africa beteiligt waren. Herzog Johann Friedrich von Württemberg und der Augsburger Unternehmer und Bankier Konrad von Rehlingen wiederum erwarben große Anteile an der niederländischen Westindien-Kompanie. Der aus Elberfeld stammende Textilhändler Johann Abraham Korten beteiligte sich an der South Sea Company.

Mehrere deutschstämmige Unternehmer wurden erst durch ihren Umzug nach London finanziell aktiv, wie der aus Hamburg stammende Peter Meyer oder die Hamburger Kaufmanns- und Senatorenfamilie Rücker. Die Hamburger Handelsfirma Schröder wurde in London zur erfolgreichen Bank Henry Schröder & Co. Andere Unternehmer, zum Beispiel die Bremer Dravemanns, der Hamburger Overmann und Friedrich Romberg aus Iserlohn, waren in Bordeaux, einem der wichtigsten französischen Häfen für den Dreieckshandel, als Finanziers und teilweise auch als Reeder in den Sklavenhandel eingebunden.

Wirtschaftszweige:
Forschungen des Historikers Klaus Weber zeigen, dass viele Wirtschaftszweige zwar nicht unmittelbar am Sklavenhandel oder an Überseeplantagen beteiligt waren, dass man aber trotzdem von einer indirekten deutschen Beteiligung reden kann, da bestimmte Waren für den Handel in Afrika oder für den täglichen Gebrauch der Plantagen benötigt wurden.[3] Andere Produkte wurden als Rohstoffe geliefert und dort weiterverarbeitet. Diese makroökonomische Beteiligung ermöglichte eine proto-industrielle Entwicklung ganzer Regionen. Als Beispiele nennt Weber die Textilregionen in Westfalen, im Bergischen Land, in Sachsen, Schwaben und Schlesien. Aber auch Eisenwaren aus dem Bergischen Land, Kupfer aus dem Harz, Glaswaren aus Böhmen und Gewehre aus Thüringen gehörten zu diesem makroökonomischen Markt. Diese stabile Warenproduktion erlaubte es den unteren und mittleren Schichten, Kaufkraft für Kolonialwaren zu entwickeln. Produktion und Konsum, "vermittelt durch den Plantagenkomplex", hatten eine Breitenwirkung, die oft nicht als unmittelbar im Zusammenhang mit der Sklaverei in Amerika gesehen wird, aber in größeren globalen Zusammenhängen doch als solche erkannt werden sollten.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. Margrit Schulte Beerbühl, Deutsche Kaufleute in London. Welthandel und Einbürgerung (1660–1818), München 2007.
2.
Vgl. Klaus Weber, Deutschland, der atlantische Sklavenhandel und die Plantagenwirtschaft der Neuen Welt, in: Journal of Modern European History, 7 (2009) 1, S. 37–67.
3.
Vgl. ders., "Krauts" und "true born Osnabrughs": Ländliche Leinenweberei, früher Welthandel und Kaufmannsmigration im atlantischen Raum vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, in: IMIS-Beiträge, 29 (2006), S. 37–69.
4.
K. Weber (Anm. 2), S. 54.
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Autor: Heike Raphael-Hernandez für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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