Ein Mann geht an einem Graffiti, das den griechischen Premier Tsipras und die Bundeskanzlerin Merkel zeigt, vor, 18.10.2015
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18.12.2015 | Von:
Amanda Michalopoulou

Europa: Eine Liebesgeschichte - Essay

"Es fällt mir schon schwer zu sagen, was ich zu wissen glaube."

Samuel Beckett, Erste Liebe


In den 1990er Jahren fuhr ich als junge Journalistin nach Amsterdam zur Präsentation des Essaybands "Europe, Experience and Expectation", für den ich einen Beitrag verfasst hatte. An der Rezeption des Hotels wurde ich um meine Kreditkarte gebeten. Es war mir peinlich einzugestehen, dass dieses Plastikgeld bei uns in Griechenland noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte. Ich war beherrscht von einem Gefühl der Rückständigkeit, das in den europäischen Ländern der Peripherie von jeher dann spürbar wird, wenn sie aufgerufen sind, ihr Europäertum zu beweisen. Zum Glück wehte mir dann der eiskalte Wind um die Nase, ich traf meine Kollegen (unter ihnen der damals noch junge irische Schriftsteller Colm Tóibín), die niederländische Königin gab uns einen Empfang, und so war ich, als ich in Sälen, die an Versailles erinnerten, unter Kristallleuchtern an Käsestangen knabberte, von Europa geblendet. Heute denke ich, dass dieser Wechsel von Beklommenheit und Begeisterung ein prophetischer Augenblick war – eine symbolische Zusammenfassung für den Übergang Griechenlands vom großen Fest zur Kapitalkontrolle.

Aber zurück zu dem Buch: "Europe, Experience and Expectation", das war ein in blauen Samt gebundener Prachtband, eine Edition der Stiftung Praemium Erasmianum, mit einem Vorwort von Jacques Delors. Jeder beteiligte Autor sollte neben einem Essay auch ein traditionelles regionales Kochrezept beisteuern. Bevor in jenen Jahren von Multikulturalismus die Rede war, sprachen wir über eine Homogenisierung, die wir uns in etwa wie einen großen Mixer vorstellten. Die regionalen Kulturen würden zermahlen werden, und anschließend käme etwas Wunderbares oder etwas Monströses heraus. Die Verfasser stritten sich über völlig unhaltbare Thesen, denn wir kannten das aktuelle europäische Palimpsest noch nicht, wir erahnten es noch nicht einmal: Es ging darum, eine gemeinsame europäische Identität zu erschaffen, eine Art Vereinigte Staaten Europas. Oder etwa nicht? Während wir über die Zukunft diskutierten, verpassten wir die Gegenwart, die Feier, den cartesianischen Moment, als Europa der Herr im Spiel war – oder es zumindest zu sein glaubte – und nicht der Spielstein.

Ich hatte jedenfalls ein Rezept für Oktopus geliefert und war damit einem griechischen Postkartenidyll treu geblieben, das einen hohen Wiedererkennungswert hat: in der Sonne trocknende Oktopusse. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich meinen Text in antikisierender klassizistischer Ikonografie mit einem Hinweis auf Europas Raub durch Zeus begonnen. Ich hatte festgestellt, dass man nur den Rücken Europas und nicht das Gesicht sehen könne, denn man wisse noch nicht, was die heißbegehrte europäische Vereinigung bringen werde.

Die Vereinigung hat einen sexuellen Kontext. Sie setzt eine Beziehung voraus, die zum Höhepunkt kommt. Aus der reichen Sättigung dieses Höhepunkts schauen die Liebenden auf den zurückgelegten Weg und erinnern sich an die Anfänge ihrer Liebesgeschichte. Damals war die europäische Idee noch eine Idealisierung unseres Wunsches, einer breiteren Gruppe anzugehören – nicht nur geopolitisch und ökonomisch, sondern sogar mythologisch. Es war ein erotisches Herzflimmern, keine echte Beziehung. Heute sehen wir klar: Die Beziehung hat sich nicht vervollständigt.

Was für ein Europa?

Ich habe das ganze Arbeitszimmer durchwühlt. Aber der kostbare samtene Band mit den Essays und den Kochrezepten bleibt unauffindbar. Als wäre das einzige Zeugnis des kosmopolitischen Samt-und-Seiden-Europas, von dem wir auf den Empfängen der europäischen Institutionen unseren Champagner schlürfend geträumt hatten, auf immer verloren. Stattdessen fiel mir der nächste europäische Sammelband in die Hände, an dem ich mich beteiligt hatte, völlig intakt. Eine Edition der Universität Helsinki mit dem Titel "Europe in Flames" von 2001. Nach den Konflikten auf dem Balkan begann der triumphale Glaube Europas an sich selbst zu schwinden. Bis dahin war Europa ein bürokratisches Konstrukt und zugleich ein religiöses System gewesen. "Ich glaube an Europa" hieß: Ich glaube an die europäische Menschheit, die über Raum und Zeit hinausreicht und die altgriechische Philosophie, Galilei und das cartesianische Denken mit umfasst. Es hieß auch: Ich glaube an den westlichen Kanon. – Ich möchte an Harold Bloom erinnern, der in seinem provokaten Buch "The Western Canon" die europäische Literatur und das philosophische Denken in vier Zeitalter eingeteilt hatte, deren letztes unseres war: Er nannte es das "chaotische Zeitalter". – Im chaotischen Zeitalter also schrieben wir nun alle über Kriege, Grenzen, das Ich und den Anderen. Der Philosoph Simon Critchley empfahl in seinem Essay eine Einwanderungspolitik, die sich zu dieser Zeit noch fast wie ein Witz ausnahm: "Man sollte eine Einwanderung in die Länder forcieren, die sie verweigert haben. Wir sollten Abertausende neuer Personen an diese müden alten Orte schicken, einige Generationen lang warten und sehen, was passiert."

In diesem Sommer ist der Humor als Möglichkeit endgültig verloren gegangen angesichts der Flüchtlingswellen an den griechischen und italienischen Küsten. Die Sammelbände zu europäischen Themen veralten mittlerweile so schnell: Die Entwicklungen überholen uns. Wir wissen unterdessen, dass es die europäische Gesellschaft so nicht gibt, wie wir sie uns erträumt hatten. "Was für ein Europa?", fragen sich die Massenmedien, die akademische Gemeinschaft, die politischen Beobachter und die Bürgerinnen und Bürger mit schwirrendem Kopf in allen Tonarten. Wahrhaftig, was für ein Europa? Es sieht so aus, als hielten wir uns im Gehirn von Victor Hugo auf, der an die potenzielle Koexistenz von Nationalismus und Europäertum glaubte. Ist das aber überhaupt möglich? Oder trifft man irgendwann eine Wahl?

Nationalität und Europäertum koexistieren nur in Gebrauchsanweisungen von Ikea. Dort findet man auf Griechisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Schwedisch, Ungarisch, Rumänisch oder Polnisch dieselben Ratschläge darüber, was man zur verlängerten Lebensdauer von Polstern unternehmen kann. Nur in solchen Faltblättchen bleibt die europäische Idee von Einheit und Differenz erhalten. Draußen, in der realen Welt, hat Europa sich in den Haaren. Die Flüchtlingskrise zeigt mehr als deutlich, dass wir nicht in einem Ikea-Katalog leben.

"Das Baltikum gehört uns", haben die Letten bei einem Marsch gegen Migranten gesagt. "Das Land gehört mir", haben die Ungarn durch ihre Taten gezeigt, durch die Errichtung des Zauns. Und der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka hat die Europäische Union gewarnt, sie drohe sich mit der Quotenregelung "lächerlich zu machen". Darin sind wir uns alle einig: Europa droht, sich lächerlich zu machen. Aber aus völlig anderen Gründen. Wenn der slowakische Regierungschef Robert Fico konstatiert, er nähme für sein Land lieber ein EU-Verfahren wegen Vertragsverletzung in Kauf, als eine verpflichtende Quotenregelung für Flüchtlinge zu akzeptieren, begreift man, dass etwas faul ist im Staate Europa.

"Das gehört mir": die Sprache des Kindes, dem man das Spielzeug wegnimmt. Wer Nachwuchs hat, weiß genau, dass ein Kleinkind mit Krallen und Nägeln um seine kleine Eisenbahn kämpft.

Das Eigene und die Anderen

"Wir müssen eine gemeinsame Erzählung für die Krise in der Eurozone finden", sagte Angela Merkel 2012 zum damaligen griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras. Es war einer der seltenen Momente, in denen die Notwendigkeit der Krisenbewältigung und die Erfindungsgabe eine gemeinsame Vision ausdrückten, als geschlossene Gesellschaft. Die Forderung war nicht nur politisch, es war ein gesellschaftlicher Impuls: Lasst uns eine Geschichte erzählen, eine überzeugende gemeinsame Geschichte, ein aktuelles Märchen darüber, was heute in Europa geschieht.

Kurze Zeit später nahmen der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy und der italienische Ministerpräsident Mario Monti Deutschland in die Zange, und die Kanzlerin zog sich erneut hinter eine nationale Erzählung zurück, indem sie das nicht Tragbare der griechischen Schulden verschwieg und sich jetzt an Deutschland wandte, nicht an Europa. Griechenland handelt in kritischen Augenblicken genauso. Auch die Letten handeln so mit ihrer Parole: "Das Baltikum gehört uns". In den Brüsseler Fluren äußern europäische Funktionäre ihr Unbehagen über die Doppelzüngigkeit der europäischen Regierungschefs: "In den Konferenzräumen reden sie in der ersten Person Plural. Wenn sie vor den Kameras stehen, gibt es kein Wir mehr. Dann wird wieder von Deutschland oder Frankreich gesprochen." Europäisches und nationales Interesse verkörpern zwei verschiedene Sprachen. Und dafür ist nicht nur politischer Opportunismus verantwortlich, sondern auch die menschliche Natur. Die tiefe, atavistische Furcht vor dem Anderen.

Die griechisch-deutsche Krise ist ein typisches Beispiel. Die Institutionen äußern sich national anders als in ihrer europäischen Repräsentanz. Aber auch die Bürger haben ihre nationalen Reflexe aktiviert, als sie sich während der Krise bedrängt fühlten. Aus friedliebenden Europäern (mit italienischen Mänteln und deutschen Autos) wurden plötzlich "Griechen". Auf Santorini las ich an einem Geschäft: "Europe out of Greece", eine Umkehrung des genauso extremen "Griechenland raus aus Europa" – was man besonders in Nordeuropa oft hören konnte. Auf Englisch, damit es auch alle verstanden. Es war Ende September, und außer Chinesen gab es nur Touristen aus Europa, faulenzende Paare im Urlaub. Solche Parolen haben oft etwas Extrovertiertes und Dramatisches, sie sind ein Ausdruck von Wut und kollektiver Beschwerde. Im vorliegenden Fall: Wenn ihr uns nicht wollt, wollen wir euch schon hundertmal nicht.

Ich habe sieben Jahre lang in Berlin gelebt, von 2003 bis 2010, und hatte insofern Gelegenheit, die Abwehrmechanismen zu beobachten – meine eigenen und die der anderen. In den ersten Jahren der griechischen Wirtschaftskrise erwarteten die Berliner, dass ich mich für das Steuersystem entschuldigte, als ob ich mindestens der Finanzminister wäre. Im Sommer in Griechenland fragten mich die griechischen Freunde, was die Deutschen denn gegen uns hätten, warum sie uns so geringschätzen. Es war ein interessantes Experiment. Je nachdem, mit wem ich mich unterhielt, registrierte ich bei mir Veränderungen am Körper, in der Atmung und im Wortschatz. Ich blieb derselbe Mensch, aber ich redete ebenfalls in zwei verschiedenen Sprachen. Meine Identitäten (Mehr Griechin? Oder mehr Europäerin?) kollidierten miteinander. Schuldgefühle, Würde, Zorn, Demütigung – das Herz kam nie zur Ruhe.

Es sind also nicht nur die Institutionen. Das Problem steckt in den Zellen: Jeder Bürger zieht sich in seine nationale Identität zurück, wenn er sich bedroht fühlt. Wer ist man, wenn einen die anderen beschimpfen oder sich lustig machen, wenn sie einen fürchten oder kritisieren? Und wer ist man – oder vielmehr wer wird man –, wenn man die Rolle des Opfers oder des Täters bekommt? Was haben Schuld oder Unschuld in der europäischen "Familie" zu suchen? Und wozu ist der Rekurs auf familiäre Rollen gut, wenn Schwierigkeiten auftreten (der große und kleine Bruder, der verlorene Sohn, der Vernünftige, der Verrückte, der reiche Onkel, die armen Verwandten)? Offenbar brauchen wir einen einfachen Weg, um die Gefühle abzureagieren. Wie beim gemeinsamen Familienmahl nach einem heftigen Streit, wenn alle völlig erschöpft den Kopf über die Suppe beugen.

Der "Economist" hat kürzlich eine dieser beliebten und unterhaltsamen Statistiken über europäische Befindlichkeiten veröffentlicht, sehr bezeichnend, nach der die meisten europäischen Völker sich selbst für zuverlässig und mitfühlend halten und die anderen für arrogant. Der Prager Philosoph Vilém Flusser hat es so gesagt: "Die Praxis der Selbstbestimmung bringt das menschliche Subjekt zuverlässig in eine Krise." Von dieser Krise sprechen wir heute. Wir benützen Synonyme, Beispiele, Quoten, um die schlichte Idee auszudrücken: Die Identität setzt das Anderssein voraus. Es ist ein normaler Kampf, und man sollte ihn weder dämonisieren noch mit moralischen Begriffen belegen. Man wird nicht vom einen auf den anderen Tag ein "besserer" Europäer, wenn man zusieht, wie jeden Tag Leichen von Frauen und Kindern an die Küsten der Inseln gespült werden. Solidarität kann man nicht erzwingen, auch nicht plötzlich unter extremen Bedingungen züchten, unter dem Lärm der Massenmedien, die einmal Mitleid und einmal Angst heraufbeschwören. Man fängt bei den einfachen Dingen an. Man interessiert sich für seinen Nachbarn. Und spürt, dass man selbst auch ein Fremder ist, dass man in einer Welt lebt, die jeweils die Bedeutung bekommt, die man ihr gibt. Nur unter solchen Bedingungen einer existenziellen Neutaufe kann sich Europa wandeln. Ist das utopisch? Offenkundig, wenn man nur die Prämissen des Spätkapitalismus im Kopf hat – wir haben schon fast vergessen, dass das Leben einst auf einem Wertesystem basierte.

Sehnsucht nach Europa

Ist Europa eine fixe Idee? Und ist ein Europäer "derjenige, der Sehnsucht nach Europa hat", wie es Milan Kundera formulierte? In diesem Sinn sind die Flüchtlinge, die auf der Suche nach dem europäischen Traum hierher kommen, an den wir Europäer scheinbar nicht mehr glauben, europäischer.

Kundera verkörpert als Tscheche, der seine Werke schon jahrzehntelang auf Französisch verfasst, die Spaltung zwischen dem Nationalen und dem Europäischen exemplarisch. Möglicherweise basiert ein Teil seiner zeitlosen Anziehungskraft in der Erkenntnis und Festigung von Identität und Anderssein. In seinem Buch "Die Kunst des Romans" kommentiert er die große europäische Kunst mit der Bewunderung und der Hingabe eines Gläubigen. Kundera schreibt eine Apologie des europäischen Romans, der großen europäischen Idee. Wenn er über Cervantes oder Broch spricht, fühle ich mich ermutigt und ehrlich angerührt, denn ich werde mir wieder der tiefen Wurzeln unseres Denkens, unserer Kultur bewusst. Wenn er Husserl anführt, der 1935 über die "Krisis des europäischen Menschentums" und dessen drohenden Untergang sprach, bin ich enttäuscht wie ein Kind, dem man vom Ende der Welt erzählt.

Vielleicht sehe ich ja das Buch mit dem blauen Samteinband mit einem ironischen Blick, aber im Grunde bin ich froh, dass es einen Moment der schönen Verrücktheit gab, eine Möglichkeit für einen europäischen Traum. Und ich sehe keinen Grund dafür, dass man ständig ins andere Extrem abgleiten muss und in einen Nekrolog auf die europäische Idee verfällt. Solange wir über Europa sprechen, gibt es Europa. Sogar auf diese Weise – problematisch, fehlerhaft, unvollständig.

Alle europäischen Probleme – kürzlich war es die griechische Krise, jetzt ist es die Flüchtlingskrise – sind Ausdruck dieser unvollständigen Beziehung, in der ein Starker einen Schwachen tadelt und ein Schwacher einen Starken zurechtstutzt. Die gefährliche Falle besteht darin, dass Konkurrenz zwar im nationalen Rahmen als etwas gilt, was das Land voranbringt, in Europa aber zur gegenseitigen Vernichtung führen kann. Und dagegen müssen wir etwas unternehmen.

Postskriptum

Während diese Zeilen in der redaktionellen Bearbeitung sind, stellt uns die Realität auf die Probe. Die Terroranschläge des 13. November in Paris verleihen den theoretischen Ausführungen über Solidarität ein Empfinden nahezu körperlichen Schmerzes. Dieser gleichzeitig konkrete wie diffuse Schmerz bildet die Grundlage für eine andere Definition des zerbrechlichen Europäertums, wie wir es heute erleben.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Amanda Michalopoulou für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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