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18.12.2015 | Von:
Wim van Meurs

Europa und die Eule der Minerva. Retrospektive und Krisennarrative der europäischen Integration

Die 2000er Jahre waren für Historiker eine Zeit der Ungeduld. Erstmals standen die Akten zur Entstehungsgeschichte der Europäischen Gemeinschaften (EGs) nahezu vollständig zur Verfügung. Gleichzeitig wuchs angesichts neuester Entwicklungen wie dem Maastrichter Vertrag, der Einführung des Euro und der Erprobung einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik der Bedarf an historischer Orientierung. Von einer Konsolidierung des Integrationsprozesses konnte jedoch angesichts der unvollendeten Nachbesserungsverträge von Amsterdam und Nizza sowie der Gefahr einer wachsenden Euroskepsis und des demokratischen Defizits keine Rede sein. Mit dem Europäischen Konvent und dem Verfassungsvertrag wurde ein qualitativer Sprung im Integrationsprozess anvisiert. Das Scheitern dieser couragierten Initiative führte jedoch genauso plötzlich zu Endzeitstimmung und Überlegungen zu Integrationsrückschritten oder Austritten aus der Europäischen Union. Eine überzeugende und richtungweisende Deutung des state of the Union fiel dementsprechend in jenen Jahren sowohl Politikwissenschaftlern als auch Historikern schwer, trotz reger Nachfrage. Besonders gefordert sind diesbezüglich nicht Wissenschaftler, die Ausschnitte und Einzelfragen dieser komplexen Geschichte und institutionellen Architektur für und mit Fachkollegen erforschen, sondern die Autoren von Studienhandbüchern und Übersichtswerken. Sie müssen die Gratwanderung zwischen kritischer Distanz und gesellschaftlicher Nachfrage meistern.

Mit dem Reformvertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, schien sich die Geduld gelohnt zu haben. Neue institutionelle Arrangements wurden festgeschrieben: das Europäische Parlament als Mitgesetzgeber, Subsidiaritätsprüfung durch nationale Volksvertretungen ("gelbe Karte") und ein Präsident des Europäischen Rates sowie ein eigener diplomatischer Dienst. Negativ formuliert: Nach dem Tiefschlag des französischen non und des niederländischen nee schien ein nächster Reformschritt nach Lissabon auch auf längere Sicht höchst unwahrscheinlich. Für Politikwissenschaftler war die Zeit gekommen, den Spielraum innerhalb des abgesteckten institutionellen Rahmens auszuloten. Historiker konnten endlich aus der Perspektive eines gesicherten Ist-Zustands auf den wechselhaften Werdegang "Europas" zurückblicken.

Heute, keine sechs Jahre nach Lissabon und noch vor den Attentaten von Paris, mutmaßt sogar der Vizepräsident der Europäischen Kommission Franz Timmermans über die Existenzkrise der EU und die Möglichkeit ihres Zerfalls.[1] "Finalité" droht von der Zielvorgabe zur Verheißung zu werden. Jeder Meilenstein in der neuesten Geschichte der EU trägt das Suffix "-krise": Bankenkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, Legitimitätskrise, Ukrainekrise, Mittelmeerkrise, Flüchtlingskrise, Terrorismuskrise. Angesichts dieser Existenzkrise erscheinen die vorhergegangenen sechs Jahrzehnte europäischer Integrationsgeschichte in einer neuen Perspektive. Für manche hat die Geschichte angesichts der mannigfaltigen Krisen jede Bedeutung und Relevanz verloren. Für andere zeigt eine neue kritische Beschäftigung mit ihr gerade, dass die Ursachen der Krisen im Wesen des europäischen Projekts angelegt sind: die Kluft zwischen Europapolitikern und den Bürgern, unüberbrückbare kulturelle Differenzen und wirtschaftliche Disparitäten oder die Unfähigkeit Europas, Herausforderungen wie Globalisierung, innerstaatliche Konflikte, Identitätsstiftung oder Umweltschutz zu meistern. Die Reihen derjenigen, die aus dem Muster, dass Europa aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen sei, eine optimistische Zukunftsperspektive ableiten, lichten sich in den vergangenen Jahren merklich.

Aus dieser kurzen aktuellen Reflexion ergeben sich drei wesentliche Perspektiven. Erstens zeigt sich, dass die Geschichte der europäischen Integration keine stetige Akkumulation von gesichertem Wissen ist, sondern dass jede Zeit ihre eigenen Fragen an die Vergangenheit stellt (und entsprechende Antworten formuliert). Weder Geschichtsschreibung noch Theoriebildung lassen sich somit aus ihrem politischen und gesellschaftlichen Kontext losgelöst verstehen. Zweitens ist Timmermans’ Hiobsbotschaft gleichzeitig ein Appell zu handeln. Jede Analyse des Entwicklungswegs der EU und/oder ihres aktuellen Zustands impliziert auch Idealvorstellungen und eine politische Agenda. Noch vor einem Jahr galt die demokratische Legitimation als "das ganz große Fragezeichen der Zukunft Europas".[2] Heute scheint sich das Blatt erneut zu wenden, sind europäische Führungsstärke und politische Ergebnisse gefragt. Drittens stellt sich die Frage, was Kontextualisierung und Politisierung aussagen über unsere heutige Fähigkeit, die Geschichte der europäischen Integration (neu) zu schreiben. Trifft vielleicht Hegels Einsicht, dass "die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt",[3] auch auf die EU zu? Erst in der Krise oder kurz vor dem Ende ließe sich das Vorhergegangene im richtigen Licht betrachten und bewerten.

In diesem Beitrag wird gezeigt, wie Historiker und Theoretiker der Integration ihre Sicht der Dinge den Fragen und Überzeugungen ihrer Zeit anpassten. Dabei offenbart sich außerdem, dass die akademischen Beobachter die politische Wirklichkeit nicht nur nicht distanziert beobachten, sondern ihr Forschungsobjekt auch maßgeblich beeinflussen. Im zweiten Teil werden diese historischen Einsichten aufs Heute als flüchtige Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft angewandt. Welche Art historischer Narrative zur Integration braucht Europa heute?

Europäische Meistererzählungen

Jean Monnet hat im Nachhinein zugegeben, dass er bei seinen Plänen für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa die Bedeutung einer gemeinsamen kulturellen Identität unterschätzt habe. Die Vorteile des Binnenmarktes und andere Ergebnisse gemeinsamer Politik reichen nicht aus, um das europäische Projekt zu legitimieren und zur Selbstverständlichkeit zu machen. Gerade wegen der Vorgeschichte aus Kriegen zwischen den Mitgliedstaaten braucht auch Europa eine historische Meistererzählung. Ähnliches galt im 19. Jahrhundert für die Nationalstaaten, nicht zuletzt für Deutschland. Für Historiker war es damals kein Widerspruch, sich sowohl der akademischen Objektivität als auch dem neuen Staat gegenüber in der Pflicht zu fühlen. Auch wenn Leopold von Ranke anders als sein Kollege Heinrich von Treitschke direkte Rechtfertigungen der Staatspolitik ablehnte, betrachteten beide den Aufbau des preußischen Staates als eigenes Ziel der historischen Entwicklung, das es zu untermauern galt.[4]

Die Erfindung einer solchen Meistererzählung, die das europäische Projekt zum großen Ziel der Geschichte selbst macht und somit die Autorität der EU-Institutionen stützt, erwies sich in Brüssel als schwierig im Vergleich zu Berlin im 19. Jahrhundert. Eine europäische Meistererzählung von Zusammenarbeit und Solidarität stand von Anfang an in Konkurrenz zu den etablierten Nationalgeschichten aus Konflikt und Konkurrenz. Außerdem waren einstimmige Meistererzählungen pro domo überhaupt dabei in Verruf zu geraten, als sich die europäischen Institutionen im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts der Bedeutung von Geschichte und Identität bewusst wurden. Dies zeigte sich etwa in der Entscheidung, auf den Eurobanknoten keine realen Gebäude in ausgewählten Mitgliedstaaten, sondern Elemente europäischer Baustile aus verschiedenen Epochen abzubilden. Kaum eine historische Person war als Identifikationsfigur für das vereinte Europa unstrittig. Somit blieb der EU nur ihre eigene, wenig inspirierende institutionelle Geschichte und founding fathers wie Jean Monnet, Robert Schuman, Henri Spaak oder Altiero Spinelli.

Man wollte auch nur den Anschein einer orchestrierten Legitimierung durch Geschichte vermeiden. So hat Brüssel sich an seine eigene Geschichte kaum näher herangetraut als durch Kurzdarstellungen in Informationsbroschüren, die eher die hehren Ideale und aktuelle Integrationsergebnisse in den Vordergrund rückten.[5] Die Historiker-Verbindungsgruppe bei der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, die 1982 ins Leben gerufen wurde, bewegt sich vorwiegend im akademischen Bereich und hat die historische EU-Forschung teilweise mit neuen Ansätzen vorangetrieben.[6] Öffentlichkeitsarbeit ist hier ein Fremdwort. 13 von 15 Kommissionsmitgliedern sind an Universitäten in den ältesten neun Mitgliedstaaten beheimatet. Erst 2002 wurde in Luxemburg das Centre Virtuel de la Connaissance sur l’Europe gegründet, das sich nachdrücklich bemüht, Bürgern, Schülern und Studierenden aus ganz Europa die EU-Geschichte in Form von Cartoons, Quellenausschnitten und audiovisuellem Material nahe zu bringen.[7] Mit dem Haus der europäischen Geschichte, das 2016 seine Türen öffnen wird, deutet sich eine Kehrtwende an: Die EU-Geschichte wird in das Weltgeschehen integriert und aus aktuellen Fragen heraus auch kritisch betrachtet.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. Timmermans Issues Wake-up Call to Europe, 23.10.2015, http://www.euractiv.com/sections/future-eu/timmermans-issues-wake-call-europe-318825« (23.11.2015); Frans Timmermans, Huis van Europa-Rede, Den Haag, 9.11.2015, https://youtu.be/dB4PTFm3xNM« (23.11.2015).
2.
Werner Weidenfeld, Die Bilanz der europäischen Integration 2014, in: ders./Wolfgang Wessels (Hrsg.), Jahrbuch der europäischen Integration 2014, Baden-Baden 2014, S. 15–28, hier: S. 24.
3.
Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt/M. 1972 (1820), S. 14.
4.
Vgl. Stefan Berger, The Search for Normality. National Identity and Historical Consciousness in Germany since 1800, Providence 1997, S. 21–55.
5.
Vgl. Jost Dülffer, Zeitgeschichte in Europa – oder europäische Zeitgeschichte?, in: APuZ, (2005), 1–2, S. 18–26, hier: S. 18f.; Pascal Fontaine, Europa in 12 Lektionen, Brüssel 2014.
6.
Zur Kommission, ihren Nachwuchsgruppen HEIRS und RICHIE sowie der Zeitschrift für Geschichte der europäischen Integration siehe http://www.eu-historians.eu«.
7.
Siehe http://www.cvce.eu«.
8.
Siehe http://www.europort.europa.eu/visiting/de/visits/historyhouse.html«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Wim van Meurs für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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