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APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Gerhard Illing

Geldpolitik und Staatsverschuldung – Monetäre oder fiskalische Dominanz?

Der starke Anstieg der Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP im Zuge der Finanzkrise hat den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung beziehungsweise Staatsdefizit und Geldpolitik wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Dahinter steht die Befürchtung, dass von einer exzessiven Staatsverschuldung Anreize zu einer inflationären Politik ausgehen – denn überraschende Inflation kann als Mittel der Entschuldung eingesetzt werden.

In der Geschichte finden sich viele Episoden, in denen es erst zu einem starken Anstieg der Staatsverschuldung kam, die letztlich in einer Hyperinflation (mit Inflationsraten von 50 Prozent pro Monat und mehr) endeten.[1] Um diese Möglichkeit auszuschließen, wurde bei der Gründung der Europäischen Währungsunion im Vertrag von Maastricht ausdrücklich die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) garantiert und ein Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch die EZB, also der unmittelbare Erwerb von Staatsanleihen am Primärmarkt, formuliert. Zudem wurden für Schuldenstand und Neuverschuldung enge Grenzen festgelegt: Das nominale Staatsdefizit sollte drei Prozent des BIP nicht übersteigen, die Staatsschuldenquote, also der Anteil der inländischen Staatsverschuldung am nominalen BIP, nicht höher als 60 Prozent sein.

Seit Beginn der Finanzkrise sind die Staatsschuldenquoten weltweit stark angestiegen. Im Euroraum stieg das Verhältnis von Staatsschuld zur Wirtschaftskraft der Staaten zwischen 2007 und 2013 von 72 auf 106 Prozent an; in einzelnen Ländern war der Anstieg noch weit dramatischer. Im gleichen Zeitraum haben Zentralbanken weltweit ihre Geldbasis massiv ausgeweitet (Abbildung 1). Die US-Notenbank Fed etwa hat von September 2008 bis Ende 2015 die Bereitstellung von Zentralbankgeld auf 500 Prozent ausgeweitet und im Gegenzug überwiegend langfristige US-Staatsanleihen angekauft. Im Euroraum fiel die Ausweitung der Zentralbankbilanz im Vergleich zur Entwicklung in den USA, in Großbritannien und der Schweiz lange Zeit deutlich geringer aus. Erst im März 2015 begann auch die EZB mit einem Programm der quantitativen Lockerung.

Angesichts der hohen Staatsdefizite im Zuge von Konjunkturprogrammen und der massiven Ausweitung der Geldbasis durch die Zentralbanken warnen viele Kritikerinnen und Kritiker schon länger vor einer unmittelbar drohenden Inflationsgefahr.[2] Diese Befürchtungen haben sich jedoch bis Ende 2015 nicht bestätigt. Bislang verharren die Inflationsraten auf niedrigem Niveau und gehen in vielen Ländern sogar stark zurück. Auch die für die nächsten fünf bis zehn Jahre erwarteten Inflationsraten – ob durch Umfragen unter Finanzexpertinnen und -experten oder anhand von Marktdaten ermittelt – lagen Ende 2015 unter zwei Prozent.[3] Dies spiegelt sich auch in historisch ungewöhnlich niedrigen Zinssätzen für langfristige Staatsanleihen wider.

Warum beobachten wir im historischen Vergleich so völlig unterschiedliche Entwicklungen? Warum führt eine hohe Staatsverschuldung in manchen Fällen wie in Deutschland 1922/23 zu exzessiver Inflation, während in anderen Fällen wie etwa in Japan in den vergangenen beiden Jahrzehnten oder in vielen Industriestaaten seit Beginn der Finanzkrise einem starken Anstieg der Schuldenquote weder Hyperinflation noch andauernd lange Perioden hoher Inflationsraten folgen? Von welchen Faktoren hängt es ab, ob hohe Staatsverschuldung wirklich zu Inflation führt?

Fußnoten

1.
Vgl. Carmen M. Reinhart/Kenneth S. Rogoff, This Time Is Different. Eight Centuries of Financial Folly, Princeton 2009.
2.
Vgl. etwa John Cochrane, Understanding Fiscal and Monetary Policy in the Great Recession: Some Unpleasant Fiscal Arithmetic, in: European Economic Review, 55 (2011) 1, S. 2–30.
3.
Vgl. Europäische Zentralbank, Entwicklung der längerfristigen Inflationserwartungen für das Euro-Währungsgebiet, in: Wirtschaftsbericht 3/2015, S. 29f.
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