APuZ 1-2/2016 Schulden
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Geld und Schulden – zwei Seiten einer Medaille


4.1.2016
Ohne Geld ist eine moderne Wirtschaft schwer vorstellbar.[1] Zwar hat es auch Hochkulturen ohne Geld gegeben, wie etwa die Inkas. Sie schätzten durchaus die Schönheit von Gold und Silber und fertigten daraus unter anderem Schmuck und Kultgegenstände, aber sie prägten aus den Edelmetallen kein Münzgeld, wie die Menschen in Europa es seit der Antike taten. Werteinheit im Inkareich war die Arbeit, auf ihr fußte die Wirtschaft.[2] Nach der Eroberung der Neuen Welt durch die Konquistadoren aus Europa setzte sich die Geldwirtschaft aber auch in Südamerika durch.

Woher kommt das Geld?



Über die Herkunft des Geldes streiten sich die Gelehrten. Ökonomen erklären sie mit der Tauschfunktion von Geld: Ihnen zufolge entwickelten Menschen das Geld, weil es kompliziert war, sich auf Tauschverhältnisse für ihre jeweiligen Waren zu einigen. Tatsächlich dürfte es schwierig gewesen sein, stets jemanden zu finden, der einem beispielsweise für 20 Hühner den gewünschten Ballen Stoff überließ. Das klingt zwar plausibel, allerdings gibt es keinen historischen Beleg dafür, dass Menschen in der Vergangenheit tatsächlich systematisch Ware gegen Ware getauscht haben. "Schlicht und einfach wurde nicht ein einziges Beispiel einer Tauschwirtschaft jemals beschrieben, ganz zu schweigen davon, dass daraus Geld entstand; nach allen verfügbaren ethnografischen Daten hat es das nicht gegeben", schreibt die Anthropologin Caroline Humphrey.[3]

Anthropologen zufolge ist ungewiss, wann Menschen erstmals Geld nutzten. Bekannt ist nur, dass die ersten schriftlichen Zeugnisse rund 4000 Jahre alt sind. Demnach ist die Herkunft des Geldes an die Entstehung eines frühen Kreditsystems gekoppelt, dessen Ursprünge man in Tempeln in Kleinasien findet. Die Priester hatten in der damaligen Gesellschaft eine zentrale Stellung und verwalteten in den Tempeln auch Vorräte für Notzeiten. In diesem Zusammenhang soll das Geld mit Abgaben entstanden sein, die die Bauern damals an die Tempel entrichten mussten. Nach dieser Lesart sind erst die Schulden in die Welt gesetzt worden, die die Menschen dann mit Geld abtragen mussten, das sie erwirtschafteten.

Fakt ist: Menschen haben im Laufe der Zeit diverse Dinge als Geld genutzt, zunächst Waren wie Getreide, Dörrfisch, Opium, Tee, Muscheln oder Salz. Oft hatte solches Geld einen eigenen Nutzwert. Mit Salz ließen sich beispielsweise Speisen würzen oder konservieren. Später nutzten die Menschen dann Metalle, zunächst als Stücke oder Barren und ab dem achten Jahrhundert vor Christus erstmals als geprägte Münzen. Gold und Silber besaßen ebenfalls einen Nutzwert, weil sie sich beispielsweise für die Herstellung von Schmuck eigneten. Die Wertrelation von Gold und Silber bestimmten die Menschen jedoch lange Zeit nicht durch Angebot und Nachfrage, sondern Priester aus der Umlaufzeit von Sonne und Mond.

Der große Vorteil von Münzen ist ihre Haltbarkeit. Metalle können zudem bearbeitet und umgeschmolzen werden, ohne ihre Substanz zu verlieren. Allerdings war die maximale Geldmenge abhängig von der Menge der geschürften Edelmetalle. Im Laufe der Geschichte wurde Münzgeld in einigen Regionen immer wieder knapp, was wirtschaftliche Krisen verursachte. Die Lösung für eine solche Geldknappheit erfanden die Chinesen im 14. Jahrhundert: das Papiergeld. In Europa setzte es sich erst mit der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts langsam durch. Anfangs waren die Menschen sehr skeptisch und wollten einem Stück Papier nicht trauen. Im 20. Jahrhundert kam das Giral- oder Buchgeld hinzu, das sogar nur als Ziffern auf den Konten existiert. Papiergeld war lange Zeit in Gold oder Silber eintauschbar, für den US-Dollar galt eine eingeschränkte Eintauschmöglichkeit in Gold bei der US-amerikanischen Zentralbank sogar noch bis 1971. Heute beruht der Wert des Papier- und Giralgeldes dagegen einzig und allein darauf, dass der Geldinhaber darauf vertraut, dass er jemand anderem künftig mit seinem Geld eine Ware oder Dienstleistung abkaufen kann. Geld ist in diesem Sinn also ein Schuldschein auf eine Leistung, die jemand anderes erbringen muss. Steigt die Geldmenge schneller als das Angebot an Waren und Dienstleistungen, kommt es zur Inflation, steigt sie sehr schnell, zur Hyperinflation. In diesem Fall wird Geld rasch entwertet.

Geld ist seit tausend Jahren vor allem eine Domäne von Staaten; sie stellen es entweder selbst her oder schaffen die rechtlichen Voraussetzungen dafür. Neben dem jeweiligen gesetzlichen Zahlungsmittel – im Euroraum etwa der Euro in Form von Münzen und Noten – gibt es jedoch diverse Formen von privat geschaffenem Quasigeld. Dazu zählen Bonusmeilen einer Fluggesellschaft, Regionalwährungen wie der Chiemgauer, Zeitgeld in Japan oder neuartige virtuelle Währungen wie Bitcoins. Als Geld kann alles verwendet werden, was andere Menschen als Bezahlung akzeptieren: "Geld ist, was gilt, wo es gilt und so viel es gilt."[4]


Fußnoten

1.
Für eine umfassende Einführung vgl. Caspar Dohmen, Finanzwirtschaft. Wie alles zusammenhängt, Zeitbild der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015.
2.
Vgl. Niall Ferguson, Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte, Berlin 20092, S. 22.
3.
Zit. nach: David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Hamburg 2011, S. 35.
4.
Günter Schmölders, Gutes und schlechtes Geld. Geld, Geldwert und Geldentwertung, Frankfurt/M. 1968, S. 13.
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Autor: Caspar Dohmen für bpb.de
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