APuZ 1-2/2016 Schulden
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Schuld und Schulden. Wie moralisch ist die Ökonomie? - Essay


4.1.2016
Wenige Überlegungen Walter Benjamins sind so intensiv diskutiert worden wie das kleine, vermutlich 1921 entstandene Fragment zum "Kapitalismus als Religion": eine Sammlung von Einfällen und möglichen Schlussfolgerungen, inspirierend, gelegentlich auch widersprüchlich oder unklar. So würde heute kaum jemand mehr der These zustimmen, dass der Kapitalismus eine reine Kultreligion sei, ohne Dogma und Theologie; auch die Prognose einer zunehmenden Homogenisierung der Zeit, in deren Verlauf alle Unterbrechungen abgeschafft werden, lässt sich bestreiten. Plausibel und beunruhigend ist dagegen die zentrale These des Fragments geblieben: die Behauptung, der Kapitalismus sei eine Religion fortschreitender Verschuldung.

Ich zitiere die entscheidenden Sätze: "Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren. Diese ist hier also nicht im Kultus selbst zu erwarten, noch auch in der Reformation dieser Religion, die an etwas Sicheres in ihr sich müßte halten können, noch in der Absage an sie. Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand, aus dem die Heilung zu erwarten sei."[1]

Unklar bleibt, welcher Gott durch den Prozess der Verschuldung zum Handeln gezwungen wird: ein erlösender Gott? Ein apokalyptischer Weltenrichter? Oder ein archaischer Gott des Krieges und der Zerstörung? Werden die Menschen verschuldet oder der Gott? Und welche "Heilung" erhofft das "Aushalten bis ans Ende"? Und welches Ende?

Gerade diese Frage ist besonders aktuell. Das mögliche Ende des Kapitalismus hat Ulrike Herrmann in APuZ kommentiert, in einer Mischung aus Skepsis und Ratlosigkeit: "Der Kapitalismus ist zum Untergang verdammt. Er benötigt Wachstum, aber in einer endlichen Welt kann es unendliches Wachstum nicht geben. (…) Der Kapitalismus wird chaotisch und brutal zusammenbrechen – nach allem, was man bisher weiß."[2] Die Analyse schließt mit einer beunruhigenden Diagnose: "Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum führt unausweichlich in die ökologische Katastrophe. Es bleibt nur ein pragmatisches Trotzdem: trotzdem wenig fliegen, trotzdem Abfall vermeiden, trotzdem auf Wind und Sonne setzen, trotzdem biologische Landwirtschaft betreiben. Aber man sollte sich nicht einbilden, dass dies rundum ‚grünes‘ Wachstum sei. Wie man den Kapitalismus transformieren kann, ohne dass er chaotisch zusammenbricht – das muss erst noch erforscht werden."[3]

Aber wie können wir diese Grundfrage erforschen? Bemerkenswert an Walter Benjamins Fragment erscheint die Selbstverständlichkeit, mit der moralische Schuld und ökonomische Schulden aufeinander bezogen werden; und Ulrike Herrmann postuliert ebenfalls eine moralische Haltung – den Verzicht, das "böse V-Wort" – zur Bewältigung ökonomischer Probleme. Die Analyse der Beziehungen zwischen Schuld und Schulden, die Frage nach der Moralität der Ökonomie, impliziert eine Vorstellung von Verbindlichkeit und sozialer Bindung, die als übergreifender Horizont der Frage aufgefasst werden kann, wem wir gehören und zugehören (und folglich etwas schuldig sein können).


Fußnoten

1.
Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion (Fragment 74), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt/M. 1985, S. 100–103, hier: S. 100f.
2.
Ulrike Herrmann, Vom Anfang und Ende des Kapitalismus, in: APuZ, (2015) 35–37, S. 3–9, hier: S. 8.
3.
Ebd., S. 9.
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Autor: Thomas Macho für bpb.de
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