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Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Volkhard Knigge

"Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen." Unannehmbare Geschichte begreifen

Die Geschichtskultur in Deutschland hat sich in den vergangenen dreißig Jahren einschneidend verändert. Galt die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bis in die 1980er Jahre hinein in der Bundesrepublik gemeinhin eher als Nestbeschmutzung denn als elementare politische und sittliche Notwendigkeit, gehören die Bewahrung des Gedächtnisses an die Opfer des Nationalsozialismus und die Erinnerung an den Holocaust heute zur Staatsräson. An den Orten einst vergessener, durch absichtliche Zerstörung oder gleichgültige Nachnutzung aus der Wahrnehmung gedrängter Konzentrationslager und Tötungsorte sind institutionalisierte Gedenkstätten entstanden. Mit der 1999 etablierten, 2008 fortgeschriebenen Gedenkstättenkonzeption ist der Bund in bis dahin kaum vorstellbarem Maß an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und auch des DDR-Kommunismus beteiligt. Die Geschichte der umstrittenen und verzögerten Auseinandersetzung ist längst selbst Gegenstand der Reflexion geworden.

Trotzdem klaffen der Ausbau der Gedenkstättenlandschaft – zwischen 1980 und 2010 entstanden in der Bundesrepublik mehr als 150 kleinere und größere Gedenkstätten – und die systematische Konzeptualisierung des Lernens aus unannehmbarer Geschichte (Imre Kertész) auseinander. Dieses Problem und die damit verbundenen Herausforderungen werden von der normativen Rhetorik der Erinnerung, wie sie nicht nur in der Bundesrepublik entstanden ist, eher verdeckt als dass damit eine Lösung verbunden wäre. In besonderer Weise verdeckt die Rhetorik der Erinnerung die Frage danach, ob nicht zumindest in Hinsicht auf das historische Lernen und in Hinsicht auf die Folgen für die Bildung von Geschichtsbewusstsein – kurz: in geschichtsdidaktischer Perspektive – zwischen Geschichte und einer Geschichte, die nicht hätte passieren dürfen, zwischen Geschichte und menschenfeindlicher, unannehmbarer, im nicht-religiösen, nicht-metaphysisch-geschichtsteleologischen Sinne heilloser Geschichte unterschieden werden muss. Und sei es nur, weil sich mit letzterer ein Identifikations- und Tradierungsverbot verbindet sowie eine besondere kognitiv-affektive Wucht, die ebenso aufrütteln wie erschrecken und beängstigen kann; jedenfalls dann, wenn Geschichte nicht nur als narrative Konstruktion ohne Wirklichkeitsbezug verstanden wird.

Die folgenden Überlegungen beanspruchen keinesfalls, die geschichtstheoretischen und geschichtsdidaktischen Grundprobleme des Lernens aus unannehmbarer Geschichte vollständig oder abschließend zu behandeln. Sie möchten vielmehr darauf aufmerksam machen, dass es sie überhaupt gibt. Die vielfach beschworene "Zukunft der Erinnerung" ist deshalb unauflöslich mit der Frage nach dem Lernen aus unannehmbarer Geschichte verbunden

Erinnerung als Königsweg?

Wenn ich mich im Titel meines Beitrags auf Hannah Arndt und Imre Kertész beziehe, dann tue ich das, weil sowohl der Begriff des radikal Bösen wie die Charakterisierung von Geschichte als unannehmbar nicht ins Abstrakte oder sogar Metaphysische verweisen, sondern durchdachte historische Erfahrung repräsentieren und auf dem Durchdenken, auf dem Begreifen historischer Erfahrung beharren, damit unmenschliche Geschichte überwunden und unter Bezug auf historische Erfahrung verhindert werden kann.

Hannah Arendt, die deutsch-jüdische Philosophin, die nach 1933 Flucht, Internierung und die Recht- und Schutzlosigkeit einer Staatenlosen erfahren musste, hat den Begriff des radikal Bösen ab 1950 entwickelt.[1] Wie im Fall anderer ihrer Begriffe drückt sich in ihm Arendts Anliegen aus, die rein nacherzählende Darstellung nationalsozialistischer Gräuel analytisch zu überwinden und eine elementare Selbstverständigung darüber anzustoßen, wie Vernunft, Geschichte, Politik, Gesellschaft und Mensch nach und mit der Erfahrung der Shoah gedacht werden müssen.

Imre Kertész, der als ungarischer Jude Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, hat 1995 dargelegt, dass die mittlerweile zur Routine gewordene Redeweise von der Unverstehbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere der Shoah, "im Grund ein Synonym (für) unannehmbar" sei. Unannehmbar – damit will Kertész gerade nicht sagen, dass Geschichte und Erfahrung des Nationalsozialismus nicht angeeignet, das heißt verstanden und begriffen werden können. Er versteht Unannehmbarkeit auch nicht als moralisches Verdikt, so wie man etwa von einem unannehmbaren Verhalten spricht. Vielmehr geht es ihm darum, eine aus der historischen Erfahrung unmittelbar resultierende und sie symptomatisch zum Ausdruck bringende Erkenntnisabwehr bloßzulegen: "Was wir als irrational, als unverstehbar empfinden bzw. dazu erklären, ist (…) weniger eine Sache der äußeren Faktoren als vielmehr unserer eigenen Innenwelt. Wir können und wollen einfach nicht der brutalen Tatsache ins Auge sehen, daß jener Tiefpunkt der menschlichen Existenz, auf den der Mensch in diesem Jahrhundert herabgesunken ist, nicht nur mit der eigenartigen und befremdlichen – ‚unverstehbaren‘ – Geschichte von ein oder zwei Generationen zu erklären ist, sondern zugleich eine der generellen Möglichkeiten des Menschen darstellt, also Beispiel einer Erfahrung ist, die bei gegebener Konstellation auch unsere eigene Möglichkeit einschließt."[2]

Damit wendet auch er sich gegen die Reduktion historischer Erfahrung aufs grauenhafte Detail und ihre Abschottung durch voreilige moralische Appelle, vertritt aber keineswegs die essenzialistische Vorstellung eines geschichtsentkoppelten, allgemeinmenschlich Bösen, das sich willkürlich periodisch Bahn bräche. Vielmehr geht es ihm um ein Bewusstsein, das sowohl um die konkreten politischen, kulturellen und sozialen Merkmale der "Konstellation" weiß, in der staatliche und gesellschaftliche Wirklichkeit in Gewalt und Destruktivität umschlagen, und das sich darüber hinaus darum bemüht, zu begreifen, welche damit verbundenen Einsichten es abwehrt – und aus welchen Gründen.

Im Gegensatz dazu gilt heute, wie angedeutet, in erster Linie "Erinnern" als Königsweg des Lernens aus und gegen Diktatur- und Gewaltgeschichte.[3] Dies gilt ungeachtet dessen, dass die unmittelbare, lebensgeschichtlich rückgebundene Erinnerung an den Nationalsozialismus fast gänzlich erloschen ist und die allgegenwärtige Rede von der Erinnerung den Begriff ausgehöhlt hat. Denn weder das individuelle noch das historische Erinnern in der Gesellschaft ist automatisch identisch mit kritischem, gegenwartsrelevantem Lernen aus unannehmbarer Geschichte. Zudem bezeichnet Erinnern diesem Verständnis nach paradoxerweise sowohl das Ziel des Lernens – nämlich Erinnern lernen, Erinnerung lernen – wie auch den Vorgang des Lernens selbst, insofern Erinnern und Lernen gleichgesetzt werden. Erinnern gilt dementsprechend als adäquate, gleichsam natürliche Verschränkung von Wissen um die Vergangenheit, triftiger Vergangenheitsdeutung und politisch-moralischer Wertbildung. Die unterschiedlichen Dimensionen von Erinnerung – von der an Erfahrung gebundenen mikroperspektivischen lebensgeschichtlichen Erinnerung bis hin zu den mehr oder minder durchmachteten Formen historischen Erinnerns in der Gesellschaft – werden verwischt. Fragen nach dem Charakter und den Herausforderungen des Lernens aus unannehmbarer Geschichte erscheinen überflüssig; allenfalls stellen sich Fragen nach der medialen Modernisierung der Weitergabe von Erinnerung, nach mitreißenden Vermittlungsrezepten.

Ich möchte an zwei Beispielen andeuten, wie weit dieser Prozess fortgeschritten ist. So hat sich seit Richard von Weizsäckers – mit Rückgriff auf die jüdische Mystik geschichtsmetaphysisch aufgeladener – Darstellung der Erinnerung als Erlösung[4] in seiner Ansprache zum Kriegsende 1985 zunehmend die Vorstellung ausgebreitet, die Zukunft der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus läge allein in der Identifikation mit der Erinnerung von – insbesondere jüdischen – Überlebenden. Horst Köhler hat das in seiner Rede zum 60. Jahrestag des Kriegsendes 2005 so formuliert: Nachdem Deutschland sich "von seinem Inneren her" verändert habe, bliebe nur mehr als Pflicht das "Wachhalten der Erinnerung", verstanden als Weitergabe der Erinnerungen von Zeitzeugen von Generation zu Generation.[5] Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert hat diese Auffassung in seiner Rede zum 27. Januar 2015 mit Rückgriff auf Elie Wiesels Vorstellung vom Zeugen des Zeugen bekräftigt, indem er es eine ermutigende Erfahrung nannte, dass in Deutschland eine "Generation von Zeugen der Zeugen im Entstehen begriffen" sei.[6]

Dass die würdigende Annahme und Akzeptanz der Zeugenschaft nationalsozialistisch Verfolgter in der deutschen Gesellschaft für die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von elementarer Bedeutung war, ist gewiss. Unbestreitbar ist aber auch, dass selbst durch die Addition unzähliger Mikrogeschichten Geschichte weder geschrieben noch erklärt noch begriffen werden kann. Junge Menschen Erinnern zu lehren, wie es Empfehlungen der Kultusministerkonferenz und eine darauf bezogene Tagung im April 2015 mit dem Titel "Erinnern lernen" nahelegen, verschärft nur das Problem. Denn hier deutet sich eine inhaltliche und institutionelle Zergliederung des historischen Lernens an, nämlich: An der Schule werde Geschichte eher als Stoff, als Faktenwissen vermittelt, während Gedenkstätten – als bloße Erinnerungsorte missverstanden – Wertbezüge und politische Orientierungen beisteuerten, etwa in Gestalt der Menschenrechte oder der Legitimierung der Demokratie.

Fußnoten

1.
Vgl. Hannah Arendt, Denktagebuch. 1950 bis 1973, 2 Bde., München–Zürich 2002, hier: Bd. 1, S. 7.
2.
Imre Kertész, Meine Rede über das Jahrhundert. Vortrag am Hamburger Institut für Sozialforschung, 14.5.1995, zit. nach: Sebastian Kleinschmidt (Hrsg.), Stimme und Spiegel. Fünf Jahrzehnte Sinn und Form, Eine Auswahl, Berlin 1998, S. 17.
3.
Vgl. Volkhard Knigge, Erinnerung oder Geschichtsbewusstsein? Warum Erinnerung allein in eine Sackgasse für historisch-politische Bildung führen muss, in: Stiftung Topographie des Terrors, Gedenkstättenrundbrief Nr. 172 (12/2013), S. 3–15.
4.
Die Formulierung geht zurück auf den Gründer des Chassidismus im 18. Jahrhundert Baal Schem Tov: "Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung."
5.
Horst Köhler, Rede bei der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa, 8.5.2005, http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2005/05/20050508_Rede.html« (10.12.2015).
6.
Norbert Lammert, Begrüßungsansprache am Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag, 27.1.2015, http://www.bundestag.de/bundestag/praesidium/reden/2015/002/357470« (10.12.2015).
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