Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Astrid Messerschmidt

Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft

Verantwortung statt Identität

Mit einem Ausgangspunkt beim gegenwärtigen Kontext einer Gesellschaft vielfältiger Zugehörigkeiten, Migrationen und Globalisierung können diverse Geschichtsbeziehungen artikuliert werden, ohne dass eine Festlegung auf nationale Identitäten erfolgen muss. Differenz sollte eine offene Kategorie bleiben können, um sich reflexiv mit vielfältigen sozialen Beziehungen innerhalb der Nachwirkungen von Verbrechensgeschichte auseinanderzusetzen. Verschiedenheiten und Gegensätze ergeben sich aus den Erfahrungen der Nachkommen von Verfolgten, Überlebenden, Widerständigen, Tätern und Täterinnen und der Masse der Zuschauenden.[27] Sie haben mehr mit den Opfer-Täter-Zuschauer-Positionierungen zu tun als mit nationalen Herkunftshintergründen. Für die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen historischen Positionierungen und ihren Wirkungen in der Gegenwart sollte Bildungsarbeit einen Raum eröffnen. Darin können verschiedene Erzählungen artikuliert werden, die unter kein einheitliches Narrativ zu fassen sind und die dazu beitragen, die Komplexität des historischen Geschehens wahrzunehmen.

Der im Gegensatz zu "Schuld" weniger personalisierend eingesetzte und abstrakter gefasste Begriff "Verantwortung" bietet die Möglichkeit, sich auf unterschiedliche Weise in Beziehung zu den NS-Verbrechen zu setzen und das Kriterium der nationalen Herkunft nicht zum einzig relevanten zu erklären. Im diachronen Bezug auf den Generationenwechsel wie im synchronen Bezug auf den gegenwärtigen migrationsgesellschaftlichen und globalisierten Kontext kann das Konzept der Verantwortung den Raum für vielfältige Beziehungen zu den NS-Verbrechen offenhalten, die nicht von einer familiären nationalen Abstammung abhängig gemacht werden müssen. Für eine zeitgemäße Geschichtsvermittlung in der gegenwärtigen Migrationsgesellschaft ist dies ausgesprochen relevant. Geschichtszugänge sind nicht von nationaler Herkunft abhängig, sondern viel mehr davon, welche Anknüpfungspunkte angeboten werden, um die Frage "Was hat das mit mir zu tun?" bearbeiten zu können.

Bis heute ist das Geschichtsverhältnis zum Nationalsozialismus in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit im Horizont nationaler Identität betrachtet worden.[28] Dabei werden zwei Perspektiven eingenommen. In einer abgrenzenden Haltung wird die historische Beschädigung des Deutschseins beklagt. In einer identifizierenden Haltung wird die Aufarbeitung des Nationalsozialismus als genuin zur deutschen Identität gehörend besetzt und niemandem sonst zugestanden. Zugleich wird in dieser selbstbezüglichen Tendenz die innere Heterogenität der Nation mit ihren vielfältigen Zugehörigkeiten verdrängt.

Antisemitismuskritische Reflexion

Die Sehnsucht nach Identität, auf deren Rückseite sich die "Wut auf die Differenz" äußert,[29] ist untrennbar mit den zerstörerischen Praktiken identitärer Gemeinschaftsbildung verknüpft, die sich am besten an der Geschichte des Antisemitismus studieren lassen. Wie die machtvolle Identifizierung als jüdisch erfahren worden ist, hat Jean Améry in Auseinandersetzung mit seiner Beschädigung als Überlebender der Shoah kritisch reflektiert. "Was immer man von mir auch sage, es ist nicht wahr. Wahr bin ich nur, als der ich mich selber im Innenraum sehe und verstehe; ich bin, der ich für mich und in mir bin, nichts anderes."[30]

Améry wendet sich hier gegen die Verdinglichung, wie sie im Antisemitismus praktisch geworden ist und bietet zugleich eine Definition für Nicht-Identität an, wie sie Adorno in der "Negativen Dialektik" entfaltet hat. Zum Juden gemacht worden zu sein, ist für Améry aus der Perspektive des Überlebenden ein Einbruch, ein "Elementarereignis", das "ohne Gott, ohne Geschichte, ohne messianisch-nationale Erwartung" bestanden werden muss.[31] "So bin auch ich gerade, was ich nicht bin, weil ich nicht war, ehe ich es wurde, vor allem anderen: Jude."[32] Er zieht daraus die Konsequenz, sich nur in der Fremdheit einrichten zu können. Die psychologisierende Unterstellung, traumatisiert zu sein, weist er zurück: "Ich weiß, was mich bedrängt, ist keine Neurose, sondern die genau reflektierte Realität."[33] Das Bewusstsein über die Wirkung und die historische Konsequenz des Antisemitismus, das Améry sein "Katastrophen-Judesein" nennt,[34] vergleicht er mit dem Klassenbewusstsein, das Karl Marx im 19. Jahrhundert gegen die Verschleierung der Ursachen von Ausbeutung und Verarmung postuliert hat.

Beide Positionen sind hoch aktuell in einer Zeit, die dazu neigt, soziale Ungleichheitslagen und Missachtungsverhältnisse zu psychologisieren, zu pathologisieren und als persönliches Problem defizitärer Subjekte aufzufassen. Weder Philosophie noch Theologie hatten für Améry Wesentliches zu seiner Situation als Überlebender und Gefolterter zu sagen. "Nicht das Sein bedrängt mich oder das Nichts oder Gott oder die Abwesenheit Gottes, nur die Gesellschaft."[35] Es ist die soziale Positionierung, um die es geht, und nicht eine dieser Positionierung vorgängige Identität.

Forschende Gedenkstättenpädagogik

Das große Potenzial für eine migrationsgesellschaftliche Kontextualisierung der Gedenkstättenpädagogik sehe ich in deren eigener vielfach praktizierter Selbstreflexivität. Die Orte der NS-Verbrechen fordern viele der dort professionell Handelnden im pädagogischen Bereich dazu heraus, ihr Geschichtsverhältnis immer wieder zu hinterfragen und sich selbst dabei zu beobachten, was der Ort mit ihnen macht. Programmatisch kommt dies in dem Buchtitel "Verunsichernde Orte" zum Ausdruck.[36]


Der Erwartung authentischer Konfrontation mit der Verbrechensgeschichte, die Gedenkstättenbesuche im Bildungsbereich oft motiviert, wird die Reflexionsarbeit aus dem Heute heraus entgegengesetzt. Was dort gelernt werden kann, steht nicht bereits fest. Konfrontiert mit den Funktionalisierungen für gesellschaftliche Selbstvergewisserungen, versuchen Gedenkstättenmitarbeitende die fundamentalen Infragestellungen anzunehmen, die an den Tatorten der NS-Verbrechen zu thematisieren sind. Das gelingt nur dann, wenn diese Orte nicht einem Diktum unterstellt werden, das aktuell häufig in den Ansprüchen von "Menschenrechtsbildung" oder "Demokratielernen" zum Ausdruck kommt.

Gefordert ist die Fähigkeit, offen zu bleiben für die Erforschung des historischen Gegenstandes und diesen Prozess des Erforschens mit den Besuchergruppen fortzusetzen. Deshalb benötigen die Protagonistinnen und Protagonisten der Gedenkstättenpädagogik den Mut, sich den Vereinnahmungen der Gedenkstätten als Orte einer quasi national-demokratischen Selbstvergewisserung zu entziehen. Sie können das mit Selbstbewusstsein tun, weil sie ausschließlich den Opfern und Überlebenden dieser Orte sowie den gegenwärtigen Teilnehmenden gedenkstättenbezogener Bildungsprozesse verpflichtet sind.

Fußnoten

27.
Vgl. Matthias Heyl, "Conflicting Memories" – Vom Nutzen pädagogischer Erinnerungsarbeit im "Global Village", in: Rudolf Leiprecht/Anne Kerber (Hrsg.), Schule in der Einwanderungsgesellschaft, Schwalbach/Ts., S. 192–217.
28.
Vgl. Viola Georgi, Wem gehört deutsche Geschichte? Bikulturelle Jugendliche und die Geschichte des Nationalsozialismus, in: Bernd Fechler/Gottfried Kößler/Till Lieberz-Groß (Hrsg.), "Erziehung nach Auschwitz" in der multikulturellen Gesellschaft. Pädagogische und soziologische Annäherungen, Weinheim–München 2000, S. 141–162.
29.
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften 5, Frankfurt/M. 1987, S. 238.
30.
Jean Améry, Über den Zwang und die Unmöglichkeit, Jude zu sein, in: ders., Jenseits von Schuld und Sühne. Neuausgabe, Stuttgart 1977, S. 149–177, hier: S. 160.
31.
Ebd., S. 167.
32.
Ebd., S. 169.
33.
Ebd., S. 170.
34.
Ebd.
35.
Ebd., S. 177.
36.
B. Thimm/G. Kößler/S. Ulrich (Anm. 5).
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