Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Winfried Müller
Swen Steinberg

Dresden. Eine Kurzbiografie

Diese Ambivalenzen setzten sich in der Weimarer Republik fort, die auch in Dresden 1918 mit Revolution, königlicher Abdankung und sozialdemokratischer Dominanz begann. Gleichzeitig konstatierten Zeitgenossen wie der Journalist Edgar Hahnewald, Kühnheiten würden in der Dresdner Luft nicht gedeihen, Letztere habe eher konservierende Wirkung. Dieser Gegensatz sollte sich im Herbst des Jahres 1923 zeigen, nachdem der sächsische SPD-Ministerpräsident Erich Zeigner die Kommunisten in die Regierung aufgenommen hatte. Die schon in der Revolution 1918 offenbar gewordene Angst vor einem "Sowjet-Sachsen" veranlasste den Reichspräsidenten Friedrich Ebert und den Reichskanzler Gustav Stresemann zur Reichsexekution, dem Einmarsch der Reichswehr in Sachsen. Im einstigen "roten Königreich" ging die Zustimmung zu den Sozialdemokraten spürbar zurück, die Weimarer Republik endete auch in Dresden mit dem zunehmenden Einfluss antidemokratischer Kräfte: Bei den Kommunalwahlen im November 1932 lag die NSDAP gleichauf mit der SPD. Dresden war dabei zwar nicht das organisatorische Zentrum der sächsischen Nationalsozialisten, ihre Machtübernahme im März 1933 zeigte sich hier aber in eigener Qualität.

Im Jubel und im Schweigen der Dresdner Bevölkerung ging auch ihre Unschuld verloren: am 8. März 1933 mit einer der ersten Bücherverbrennungen im Deutschen Reich, mit der ersten Ausstellung "Entarteter Kunst" ab Ende September 1933 im Dresdner Rathaus oder am 9. November 1938 mit der brennenden Semper-Synagoge. Mit der Entrechtung und Enteignung bürgerlicher Mäzenaten wie der jüdischen Bankiersfamilie Arnhold gab man zudem zentrale Elemente der stadtbürgerlichen Prägung und des eigenen Selbstverständnisses als bürgerliche Kulturstadt auf. Die zumeist gewaltsame nationalsozialistische Diktaturdurchsetzung, sie hatte auch in Dresden willige oder fanatische Helfer, die die Entrechtung ideologisch stigmatisierter Menschen guthießen, umsetzten – oder eben wegsahen; die dichte Beschreibung des Dresdner Alltags im Nationalsozialismus in den Tagebüchern Victor Klemperers ist hierfür ein bedrückendes Zeugnis.[11]

Mythos und Selbstgewissheit

Der Zweite Weltkrieg blieb lange fern. Erstmals kam er im Oktober 1944 nach Dresden, vor allem aber am 13. Februar 1945.[12] Sein Ergebnis war ein wirkmächtiger Mythos, der lange zurückreichende städtische Selbstbilder mit dem Opfer-Topos der unschuldigen und einzigartigen Barockstadt verband, deren Zerstörung durch "angloamerikanische Bomber" in der Geschichtspolitik der DDR ein antiimperialistischer Subtext eingeschrieben wurde. Dass die Stadt als einer der Verkehrsknoten des Reichs mit großen Kasernenanlagen und Standorten der Rüstungsproduktion sowie als Gauhauptstadt mit dem Volksgerichtshof am Münchner Platz mit angeschlossener Hinrichtungsstätte vor allem auch eines der wenigen noch übrig gebliebenen militärischen Ziele war, wurde dabei häufig übersehen. Gleiches gilt für das Faktum, dass im Februar 1945 neben Gebäuden höfischen Glanzes vor allem bürgerliche Einkaufs- und Wohnquartiere sowie Arbeiterwohnviertel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zerstört wurden.

Das alte Dresden ging vor allem im Stadtkern verloren, "Großflächenenttrümmerung"[13] und Sprengung ausgebrannter Ruinen sollten wie in vielen anderen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städten zu einem entschiedenen Neuaufbau genutzt werden, wie er in Dresden seit den 1960er Jahren mit der neuen Prager Straße in der "sozialistischen Großstadt" Gestalt annahm. Die Ruinen des höfischen und repräsentativen Kerns wurden indes in einem gestreckten Prozess rekonstruiert: Der Wiederaufbau des Zwingers begann unmittelbar nach Kriegsende; die Semperoper wurde symbolträchtig am 13. Februar 1985 mit Carl Maria von Webers "Freischütz" wiedereröffnet, mit dem sie im August 1944 ihre Pforten geschlossen hatte; das Skelett des Schlosses wurde in der Nachwendezeit schrittweise rekonstruiert. Und dann war da noch die Ruine der Frauenkirche, die als pazifistisches Mahnmal an den Bombenkrieg erinnern sollte und die in den 1980er Jahren für die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung der DDR ein Ort des Protestes und der Systemkritik wurde.

In den 1990er Jahren sollte – die Kontrastierung mit der später in Leipzig "wiederaufgebauten" modernen Fassade der Paulinerkirche bietet sich an – die detailgetreue Rekonstruktion der Frauenkirche dann zum Symbol eines neuen Dresden werden, das wesentliche Momente seiner Identität aus seiner Vergangenheit bezieht und in Verbindung mit der Flusslandschaft der Elbe als "schöne Stadt" wahrgenommen wird. Dies gilt nicht nur für stadtethnologische Umfragen und Reiseblogs, sondern das ist auch die dezidierte Auffassung vieler Einwohner: "Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem", hielt Umberto Eco fest.[14]

Diese Selbstgewissheit, die eigensinnig sogar den Weltkulturerbetitel für entbehrlich hielt, der nach dem Bau der Waldschlößchenbrücke mitten hinein in die "Kulturlandschaft Dresdner Elbtal" 2009 aberkannt wurde, verdeckt leicht, dass auch das Dresden der jüngeren Geschichte eine von Ungleichzeitigkeiten geprägte Stadt ist. Die in Uwe Tellkamps Dresden-Roman "Der Turm" für "Musennester" diagnostizierte "süße Krankheit Gestern"[15] war im Dresden der DDR-Zeit ebenso zuhause wie die Aufbruchstimmung der Friedlichen Revolution. Die am 4./5. Oktober 1989 die Elbstadt passierenden Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen lösten regelrechte Tumulte aus. Wirkmächtiger waren freilich die Ereignisse am Abend des 8. Oktober 1989, als aus einer Massendemonstration heraus der Staatsmacht der Dialog angeboten wurde – und diese auf ihn einging. Mit der Bildung der "Gruppe der 20" und den später in der ganzen Republik etablierten "Runden Tischen" begann der Prozess einer oftmals vergessenen "eigenständigen DDR-Demokratisierung",[16] der zugleich ihr Ende herbeiführen sollte.

Zu den erwähnten Ungleichzeitigkeiten Dresdens gehört auch, dass der Mythos der Barockstadt und ein ausgeprägtes Heimweh nach der Vergangenheit nicht nur Zugänge zur Moderne, etwa in der Architektur, behindern, sondern zugleich die Modernität hinter der Kulisse von "Elbflorenz" verdecken. Dass die Stadt einer der wichtigsten Elektrotechnik- und Mikroelektronikstandorte der DDR war, ist jedenfalls dem auf Oberflächenphänomene fokussierten Dresden-Touristen kaum bekannt, obwohl der darin aufscheinende Zusammenhang von Industrieentwicklung und Wissenschaftsstandort nach 1990 zu einem wichtigen Transformationsfaktor wurde und in den Slogan vom "Silicon Saxony" einmündete.

Die wirtschaftliche Entwicklung, der Wissenschaftsstandort mit der 2012 in den Kreis der Exzellenzuniversitäten aufgenommen Technischen Universität, die ihrem Namen zum Trotz eine Volluniversität mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten ist, die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die renommierten Kunstsammlungen und die um diese gruppierte Museumslandschaft – das alles brachte Dresden in den zurückliegenden 25 Jahren zugleich ein Mehr an Internationalität, das in einer Stadt mit einem geringen Ausländeranteil von 4,7 Prozent (Berlin: etwa 13,4 Prozent, München: rund 23,4 Prozent) freilich eher ein den Wissenschafts- und Kultursektor betreffendes "Höhenkamm-Phänomen" ist, das noch längst nicht veralltäglicht ist.

Ob diese mangelnde Veralltäglichung einer der Gründe dafür ist, dass die Pegida-Bewegung sich ausgerechnet in Dresden formierte, sei dahingestellt. Unzweifelhaft ist allerdings der harte Kontrast zwischen der Wahrnehmung Dresdens als der "schönen Stadt" der Künste und der Wissenschaften einerseits und den Pegida-Demonstrationen ausgerechnet auf den symbolträchtigsten Plätzen der Kunst- und Kulturstadt andererseits, dem ein besonderes Provokationspotenzial innewohnt. Aus der Außenperspektive erweckt das den Eindruck, Dresden habe, wie es jüngst in einem Zeitungsbeitrag hieß, die "Schlüssel seiner Stadt" einer fremdenfeindlichen Bewegung "ausgehändigt".[17]

So gesehen wird die Antwort auf die Frage, die dem in Dresden geborenen Autor Peter Richter bei seinem Umzug nach Hamburg gestellt wurde – ob es denn in Dresden "immer noch so schön sei und wie die Menschen das alles da verkraftet hätten"[18] –, heute wohl anders ausfallen als 2004, als seine "Heimatkunde" erschien.

Fußnoten

11.
Vgl. Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945, 2 Bde., Berlin 1995.
12.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Gorch Pieken in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Vgl. Matthias Lerm, Abschied vom alten Dresden. Verluste historischer Bausubstanz nach 1945, Rostock 2000, S. 91ff.
14.
Umberto Eco, Grundzüge einer Stadtpsychologie, in: Die Zeit vom 5.7.1996, http://www.zeit.de/1996/28/eco28.19960705.xml« (15.12.2015).
15.
Uwe Tellkamp, Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land, Frankfurt/M. 2008, S. 11.
16.
Francesca Weil, Verhandelte Demokratisierung. Die Runden Tische der Bezirke 1989/90 in der DDR, Göttingen 2011, S. 230.
17.
Dominique Eigenmann, Die missbrauchte Stadt, 21.11.2015, http://www.tagesanzeiger.ch/28640024« (15.12.2015).
18.
Peter Richter, Blühende Landschaften. Eine Heimatkunde, München 2004², S. 63.
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