Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.
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Zerrissene Stadt: Kulturkampf in Dresden


29.1.2016
Jede Stadt hat ihre eigene Geschichte, aber nicht jede Stadt hat eine so ausgeprägte Eigengeschichte wie Dresden. Eigengeschichten werden geschaffen, sie werden erzählt, zu Mythen verdichtet. Sie geben Orientierung, vermitteln einer Bürgerschaft das Gefühl der Zusammengehörigkeit, erzeugen Identität. Von außen gesehen ist die Geschichte einer Stadt eher eine Erzählung ihrer Brüche, Veränderungen, Transformationen, vielleicht auch die Beschreibung eines Kerns gemeinsamer, über Jahre oder Jahrzehnte überlieferter Überzeugungen, Einstellungen und Vorstellungen ihrer Bürgerinnen und Bürger. Eigen- und Fremdbeschreibung aber sind selten identisch, vor allem nicht aus der Distanz des Beobachters. Aber auch das könnte im Fall Dresdens anders sein.

Dresden lebt von der Erinnerung an den vergangenen Glanz höfischer Prachtentfaltung, von der von Bernardo Bellotto (Canaletto) gemalten barocken Stadtsilhouette und vom Ruhm bedeutender Kunstsammlungen und herausragender Leistungen in der Musik- und Operngeschichte. Doch Mythen haben nicht nur heroische Seiten, sie gewinnen an magischer Kraft, wenn sie die Geschichte von Niedergang und Wiederaufstieg zu erzählen wissen. Dresdens Zerstörung am 13. und 14. Februar 1945 ist der eine Teil einer solchen Geschichte, der Wiederaufbau des historischen Zentrums nach 1990 der andere. Eingefügt wurde der erinnernden Erzählung auch die – bereits von den Nationalsozialisten propagierte, dann von den Kommunisten fortgeschriebene, vom Stadtbürgertum lange Zeit übernommene – Legende vom "sinnlosen" Opfer, das Dresden kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erbrachte, welches berechtigt, Wiedergutmachung, in diesem Fall: historisch getreue städtebauliche Rekonstruktion zu erlangen.[1]

Entzauberung eines Mythos



Das "Alte Dresden", wie es Fritz Löffler, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, in seinem 1955 erstmalig erschienenen, seitdem zur Pflichtlektüre eines Dresdners gehörenden gleichnamigen Buch wieder hat entstehen lassen, war lange Zeit der Fluchtpunkt kollektiver Imagination, einer Traumwelt des Schönen und Erhabenen, des Authentischen und Auratischen, der mythische Gegenentwurf zu den Verheerungen des Krieges und den Zumutungen des DDR-Regimes, das aus Dresden eine Musterstadt des Sozialismus zu machen beabsichtigte. Das Phantasma des alten Dresden erzeugte einen Vorstellungsraum von Selbstverständigung und Selbstbehauptung, in dem die Reste des Dresdner Bürgertums seine spezifische Lebensweise auch im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR konservieren konnten. So war es möglich, sich als Dresdner Bürger und keineswegs als DDR-Bürger zu verstehen – wie der ehemalige sächsische Justizminister und kurzzeitige Kandidat Helmut Kohls für die Bundespräsidentschaft, Steffen Heitmann, rückblickend befand. Dass derselbe Dresdner Bürger nun, am Ende des Jahres 2015, die Zuwanderung von Flüchtlingen und Migranten zum Anlass genommen hat, aus seiner Partei, der seit 1990 die Geschicke des Landes Sachsen lenkenden CDU, auszutreten und dies mit der Begründung versah "Ich habe mich noch nie – nicht einmal in der DDR – so fremd in meinem Land gefühlt",[2] erscheint dann nicht als bloßer Zufall, sondern als Ausdruck einer besonderen Dresdner Befindlichkeit.

Nun ist dies gewiss nicht die einzige Irritation, die Dresden derzeit vermittelt. Seit über einem Jahr treffen sich allwöchentlich Tausende von Bürgern auf den Straßen und ikonischen Plätzen der Stadt, um gegen die vermeintliche "Islamisierung des Abendlandes" zu demonstrieren. Sie skandieren schrille Slogans und hören Rednern auf den Kundgebungen zu, die ihrem Hass auf Flüchtlinge und Migranten ebenso freien rhetorischen Lauf lassen, wie sie gegen "die Politiker" und "die Medien" als "Volksverräter" und "Lügenpresse" hetzen. Pegida, als eine Bewegung "patriotischer Europäer" im Oktober 2014 in Dresden von einem Kreis über die sozialen Medien miteinander vernetzter Freunde und Bekannte begründet, hat dunkle Flecken auf das Bild einer ostdeutschen Stadt gelegt, welche ökonomischen Aufschwung und wissenschaftliche Exzellenz, soziale und politische Stabilität, landschaftliche Schönheit und kulturellen Glanz in vorbildlicher und vor allem erfolgreicher Weise miteinander zu vereinbaren schien. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sieht nun aber alles ganz anders aus. Die "Abendspaziergänge" von Pegida haben Befürchtungen reifen lassen, dass Ausländerfeindlichkeit und islamkritische Einstellungen verbreiteter sind als im übrigen Bundesgebiet und Dresden zum Hort einer rechtspopulistischen Bewegung werden könnte.

Doch hat das Bild auch andere Facetten: In der Stadt haben sich viele Initiativen gebildet und in der Hoffnung zusammengefunden, Zeichen eines weltoffenen und toleranten Dresdens setzen zu können. Auch fanden wöchentliche Gegendemonstrationen statt, wobei es den Organisatoren jedoch zu keinem Zeitpunkt gelang, Pegida zahlenmäßig zu übertreffen und in ähnlich kontinuierlicher Weise eine hohe Teilnehmerschaft zu mobilisieren. Allein zwei Großveranstaltungen im Januar 2015 vermochten mehr als 20.000 Besucher anzuziehen. Früh schon hatte sich die Landeszentrale für politische Bildung unter ihrem Leiter Frank Richter bemüht, die Situation durch Gesprächsangebote an Pegida-Anhänger und Gegner zu entspannen. Die gleiche Absicht verband auch eine von einem Verein initiierte "Bürgerkonferenz" sowie vier von der sächsischen Staatskanzlei und der Landeshauptstadt organisierte "Dialogforen" unter dem Titel "Miteinander in Sachsen". Darüber hinaus gab es zahlreiche weitere Veranstaltungen, unter anderem von Angehörigen der Universität. Doch haben diese Initiativen die Blockaden nicht aufzulösen vermocht. Die Stadt und ihre Bürgerschaft sind nach wie vor gespalten, zerrissen und ratlos, wie sie mit der Situation umgehen sollen.


Fußnoten

1.
Vgl. Karl-Siegbert Rehberg, Dresden als Raum des Imaginären. "Eigengeschichte" und Mythenbildung als Quelle städtischer Identitätskonstruktionen, in: ders., Symbolische Ordnungen, hrsg. v. Hans Vorländer, Baden-Baden 2014, S. 455–466. Siehe hierzu auch den Beitrag von Gorch Pieken in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Zit. nach: Steffen Heitmann verlässt CDU, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.12.2015, S. 4.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Hans Vorländer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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