Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.
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Tschernobyl – die bekannte, unbekannte Katastrophe


18.3.2016
"We all live in Chernobyl" prangte am 3. Mai 1986 auf einem Plakat, das ein Demonstrant auf der Baustelle des Atomkraftwerks Shoreham auf Long Island, knapp 7500 Kilometer Luftlinie vom explodierten sowjetischen Reaktor entfernt, in die Höhe streckte.[1] Das war nur wenige Tage nachdem die ersten Meldungen über den Unfall in der Nordukraine über die Newsticker der westlichen Medien gelaufen waren, die die Öffentlichkeit seitdem in Atem hielten. Shoreham war zu diesem Zeitpunkt nur eines von mehreren US-amerikanischen Atomkraftwerken, die auf den Abschluss des Lizensierungsverfahrens warteten, um in Betrieb genommen zu werden.

Obgleich auf der sowohl geografisch als auch ideologisch äußerst weit entfernten anderen Seite des Eisernen Vorhangs, reaktivierte und veränderte die Katastrophe von Tschernobyl zumindest zeitweilig einen Teil der nordamerikanischen Antiatomkraftbewegung, die ihren Höhepunkt bereits in den 1970er Jahren überschritten hatte und meist nur noch auf lokaler Ebene aktiv war. Die Nachrichten und Gerüchte über den Unfall beendeten diese Starre vorerst. Plötzlich war Atomenergie auch außerhalb der Aktivistenszene wieder zu einem heftig umstrittenen Thema geworden – nicht nur in den Bundesstaaten, in denen Kernkraftwerksbetreiber ungeduldig darauf warteten, den Startknopf zu drücken. Auch in anderen Regionen mit geplanten oder operierenden Kernkraftwerken flammte die Debatte über die Risiken der Atomenergie wieder auf.

Doch nicht nur im Lager des ideologischen Hauptgegners, das vom radioaktiven Fallout nicht einmal unmittelbar betroffen war, hatte die Reaktorexplosion an der ukrainisch-belarussischen Grenze das Thema Atomenergie in die Öffentlichkeit zurückkatapultiert. In der Türkei ließ sich Ministerpräsident Turgut Özal scherzend beim Teetrinken ablichten, um die besorgte Bevölkerung der Schwarzmeerregion zu beschwichtigen, deren Tee die westeuropäischen Länder als zu stark belastet abschlugen.[2] Die Sami in Lappland standen urplötzlich vor dem Verlust eines entscheidenden Teils ihrer Kultur und Lebensgrundlage, weil sie ihre kontaminierten Rentiere schlachten mussten.[3] Selbst in der "Atomnation" Frankreich regte sich Widerstand gegen die auf höchster politischer Ebene verbreitete Suggestion, die radioaktive "Wolke" habe an der französischen Grenze Halt gemacht.[4] In drei Referenden 1987 entschied die italienische Bevölkerung, aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen. Auch im Osten Europas blieb es nicht ruhig: Eine Vorreiterin war die polnische Umweltbewegung, die kurzerhand den geplanten Standort des ersten Atomkraftwerks des Landes von Żarnowiec in "Żarnobyl" umtaufte. Das Werk wurde nie fertiggestellt.[5] In Litauen verhinderte eine Massenbewegung 1988 den Bau eines weiteren Reaktors im Atomkraftwerk Ignalina. Auch in den am meisten von der Katastrophe betroffenen Sowjetrepubliken bildeten sich, wenn auch zeitverzögert, einflussreiche ökologische Bewegungen heraus.[6]

"Tschernobyl" – gemeint ist hier und im Folgenden nicht allein das Unfallereignis, sondern der gesamte Katastrophenprozess – setzte Sensibilisierungs- und Mobilisierungsprozesse in breiten Teilen der Bevölkerung verschiedener Länder in Gang, insbesondere in den sozialen und ökologischen Bewegungen. Darüber hinaus beeinflusste es die Entwicklung der Atomindustrie weltweit. Mehr oder weniger offen kommunizierten und mehr oder weniger freiwillig inspizierten Ingenieure und Atomkraftwerksbetreiber die Anlagendesigns und Schutzmechanismen ihrer Reaktoren, während politische Institutionen geflissentlich die bestehenden Notfallregularien prüften.

Dass Tschernobyl einen Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt, wird heute kaum noch bezweifelt. Allein den transnationalen Verflechtungen und komplexen Ambivalenzen, die diesen Wendepunkt ausmachen, gilt bis heute selten vertieftes historisches Interesse. Einerseits wissen wir so viel über Tschernobyl und andererseits so wenig.

26. April 1986: Unfallhergang



In den zurückliegenden zwanzig Jahren ist kaum neues Wissen über den Unfall und dessen Ursachen hinzugekommen. Als gesichert gilt der Unfallhergang: In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 führten die Operatoren einen Sicherheitstest im jüngsten der vier RMBK-Reaktoren[7] des Atomkraftwerks "Wladimir Iljitsch Lenin" durch. Dabei sollten sie prüfen, ob die Turbinen des vierten Reaktors bei geringer Reaktorleistung, beispielsweise während eines Stromausfalls, noch genügend Restenergie liefern würden, um die 20 bis 40 Sekunden zu überbrücken, die die Dieselmotoren der Notstromaggregate benötigten, um die Energiezufuhr für die Kühlwasserpumpen zu generieren. Eigentlich sollte der Test bereits am Nachmittag des 25. Aprils stattfinden, er musste aber unterbrochen werden, weil die ukrainische Hauptstadt Kiew einen erhöhten Strombedarf gemeldet hatte. Eine halbe Stunde vor Mitternacht wurde er dann unter Zeitdruck fortgesetzt. Fast genau zwei Stunden später, am 26. April um 1:23 Uhr, explodierte der Reaktor, nachdem seine Leistung zunächst sehr stark gefallen und dann schlagartig extrem gestiegen war. Auch die Temperatur im Reaktor war massiv angestiegen. Dies löste eine Reihe unvorhergesehener Reaktionen aus, die außer Kontrolle gerieten und schließlich zur Explosion des Reaktorkerns führten, wodurch radioaktive Elemente sowohl in Aerosolen als auch in Staubpartikeln freigesetzt wurden.

Einige Details der Zerstörung des Reaktors, der erst seit drei Jahren in Betrieb war, sind immer noch unvollständig und werden es vermutlich immer bleiben, weil sich nicht alle chemischen und physikalischen Prozesse, die zur Explosion führten, gänzlich nachvollziehen lassen. Lücken werden mit schwer belegbaren Theorien, Mythen und Verschwörungsfantasien gefüllt, die von lokalen Erderschütterungen über explosionsauslösende Magnetfelder bis hin zu Sabotageakten des amerikanischen Feindes reichen. Abgesehen von diesen Theorien dominieren drei Narrative, um die Ursachen des Unfalls zu erklären: menschliches Versagen, Mängel im technischen Design des Reaktors und Missmanagement.[8] Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt die Wahrheit in dem, was der Soziologe Charles Perrow kurz vor Tschernobyl als "Normalität" von Unfällen in Risikotechnologien beschrieb:[9] in einer Verkettung von Fehlern und Mängeln, die sich in hochkomplexen Systemen nie ganz vermeiden lassen.

Laut offizieller Angaben lebten zum Zeitpunkt des Unfalls etwa sieben Millionen Menschen in dem Gebiet, dass durch den radioaktiven Fallout kontaminiert wurde. Bis zu 350.000 Menschen wurden evakuiert, umgesiedelt oder verließen das Gebiet auf eigene Initiative. Heute leben noch etwa fünf Millionen Menschen in mehr oder weniger kontaminierten Landschaften. In Belarus, dem am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffenen Land, der Ukraine und Russland haben sich seit Tschernobyl nicht nur Besiedelungsmuster durch Evakuierung, Umsiedlung und Wiederansiedelung geändert, sondern auch Landschaften, Ernährungsgewohnheiten und kulturelle Praktiken.


Fußnoten

1.
Vgl. Karl Grossman, The Rise and Fall of LILCO’s Nuclear Power Program, in: The Long Island Historical Journal, 5 (1992) 1, S. 2–20, hier: S. 16.
2.
Vgl. Ayşecan Terzioğlu, Rauchumschleierte Berge. Die Debatte um den Tschernobyl-Effekt in der Türkei, in: Melanie Arndt (Hrsg.), Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl. (Ost-)Europäische Perspektiven, Berlin 2016, S. 104–129.
3.
Vgl. Sharon Stephens, The "Cultural Fallout" of Chernobyl Radiation in Norwegian Sami Regions, in: dies. (Hrsg.), Children and the Politics of Culture, Princeton 1996, S. 292–320.
4.
Vgl. Karena Kalmbach, Frankreich nach Tschernobyl. Eine Rezeptionsgeschichte zwischen "Nicht-Ereignis" und "Apokalypse", in: M. Arndt (Anm. 2), S. 237–255.
5.
Vgl. Kacper Szulecki, Von Czarnobyl zu Żarnobyl. Die Auswirkungen Tschernobyls auf die grüne Opposition in Polen, in: M. Arndt (Anm. 2), S. 28–53.
6.
Vgl. Jane Dawson, Eco-Nationalism. Anti-Nuclear Activism and National Identity in Russia, Lithuania, and Ukraine, Durham–London 1996.
7.
Die Abkürzung steht für "Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny", übersetzt etwa "Hochleistungs-Reaktor mit Kanälen". Im Unterschied zu den meisten Reaktoren außerhalb der ehemaligen Sowjetunion sind RMBK-Reaktoren grafitmoderiert, das heißt, dass Grafitstäbe im Reaktorkern die bei jeder Kernspaltung von Uran-235 entstehenden Neutronen abbremsen. Dadurch verlangsamen sich die Neutronen so, dass sie die Kettenreaktion der Kernspaltung, die notwendig ist, um kontinuierlich Energie zu erzeugen, in Gang halten können. Je weniger Grafitstäbe sich zwischen den Brennelementen befinden, desto mehr Leistung bringt der Reaktor. Die durch die Kernspaltung gewonnene Wärme lässt Wasser sieden, der dabei entstehende Dampf treibt die Turbinen des Kraftwerks an.
8.
Vgl. dazu auch Sonja D. Schmid, Producing Power. The Pre-Chernobyl History of the Soviet Nuclear Industry, Cambridge MA–London 2015.
9.
Vgl. Charles Perrow, Normal Accidents. Living with High-Risk Technologies, New York 1984.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Melanie Arndt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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