Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.
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Utopie ohne Ökonomie: Aufstieg und Niedergang der Atomkraft in der westlichen Welt


18.3.2016
In seiner Autobiografie berichtet der amerikanische Physiker Richard Feynman von einer Einladung nach Washington in der frühen Nachkriegszeit. Der Kalte Krieg hatte begonnen, und ein Ausschuss des Militärs bat um Hilfe bei der Bewertung verschiedener Waffen. Feynman entgegnete, er sei Professor für theoretische Physik. Von Waffen habe er keine Ahnung. Aber das Militär insistierte: Theoretische Physiker könnten zu diesem Thema tatsächlich viel beitragen. Als schließlich der für die Armee zuständige Staatssekretär drängte, Feynman möge doch zumindest zur ersten Sitzung kommen, gab er schließlich nach. Das Treffen drehte sich dann um logistische Probleme, von denen Feynman auch nichts verstand, die er aber mit dem Enthusiasmus des Ahnungslosen freimütig kommentierte. In der Kaffeepause gestand ihm ein Teilnehmer: "Was Sie in der Diskussion gesagt haben, hat mich sehr beeindruckt."[1]

Dabei war Richard Feynman, 1965 Nobelpreisträger für Physik, damals noch keine große Nummer. Als sich die klügsten Physiker der Welt im sogenannten Manhattan Project versammelten, um die amerikanische Atombombe zu bauen, hatte er noch nicht einmal seine Dissertation vollendet. In Los Alamos gehörte er deshalb nach eigenem Verständnis zum Fußvolk. Das Charisma eines Albert Einstein besaß er ohnehin nicht. Aber Physiker umwehte seit dem Manhattan Project der Nimbus der Universalkompetenz, und der Ausflug nach Washington war noch nicht einmal die merkwürdigste Offerte, die Feynman in dieser Zeit erreichte. Aber in der Nachkriegszeit galten andere Maßstäbe. Das Atomzeitalter stand nach gängiger Einschätzung vor der Tür, und jeder, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte, war selbstverständlich für das "friedliche Atom". Die SPD beschwor die "Urkraft des Atoms" sogar in der Einleitung ihres Godesberger Programms. Es war in vielen Fällen naive Wissenschaftsgläubigkeit, aber auch noch etwas anderes: Es war Energiepolitik als angewandte Physik.

Magie des Atoms



Man kann die Geschichte der Atomkraft nur dann verstehen, wenn man die geradezu magische Anziehungskraft der kernphysikalischen Grundlagen nachvollzieht. "Energiedichte" lautet das Zauberwort: Ein Kilogramm angereichertes Urandioxid enthält so viel Energie wie Dutzende Tonnen Kohle oder Erdöl und passt trotzdem problemlos in eine Hosentasche. Mit Brutreaktoren ließ sich sogar mehr spaltbares Material produzieren, als man verbrauchte. Es lockte ein quasi unerschöpfliches Füllhorn, dessen materielle Segnungen dank des Fortschritts von Wissenschaft und Technik für jeden verfügbar sein würden. Die Sorgen um die Erschöpfung der Kohlen- und Erdöllager, die es seit dem Beginn des fossilen Zeitalters immer wieder gegeben hatte, waren mit einem Mal wie weggeblasen.

Am Anfang stand eine Idee, bestechend und unwiderlegbar, solange es nur um die reine Physik ging. Da brauchte es erst einmal keinen Apparat, der anschaulich die Umsetzbarkeit der Idee demonstrierte. Es gab zwar den aus Uran, Kohlenstoff und Cadmiumblechen erbauten Reaktor unter dem Football-Stadion der University of Chicago, wo Enrico Fermi am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte Kettenreaktion auslöste; aber das war nicht mehr als ein improvisierter Versuchsaufbau.[2] Niemand konnte in den 1950er Jahren wissen, in welcher Form sich die Kernkraft in der Realität manifestieren würde. Vielleicht als Antrieb für Schiffe, Autos oder Lokomotiven? Als Großkraftwerk oder doch eher als Miniversion, um isolierte Siedlungen mit Strom zu versorgen? Auf einer Cocktailparty in Washington musste sich Feynman die Idee eines Offiziers anhören, Panzer mit Kernkraft anzutreiben, wobei Sand als das spaltbare Material fungieren sollte, denn der lag ja ohnehin überall nutzlos herum. Um die Details sollte sich Feynman kümmern.[3] Physikalisch war das bis auf die Sache mit dem Sand alles möglich. Aber war es auch wirtschaftlich sinnvoll, sicher im Betrieb, störungsarm, gut steuerbar, wartungsfreundlich und all die anderen Dinge, die eine erfolgreiche Technik für gewöhnlich ausmachen? Im Lichte der großen Idee wirkten solche Fragen ziemlich kleinkariert, sie waren Dinge für Wissenschaftler und Ingenieure, die schon eine Lösung finden würden. Der Leiter der amerikanischen Atomic Energy Commission, Lewis Strauss, ließ sich im Überschwang der Gefühle zu der vielzitierten Bemerkung hinreißen, Atomstrom würde so billig werden, dass sich Zähler erübrigen würden.[4]

Die skeptischen Stimmen waren leiser, aber es gab sie durchaus. Der deutsche Ingenieur Friedrich Münzinger, ein Veteran der Großkraftwerkstechnik, wies 1957 darauf hin, "wieviel Lehrgeld man zahlen muß, bis für eine neue Idee eine betriebssichere und wettbewerbsfähige Konstruktion gefunden worden ist und welch großen Verdruß für Lieferer und Besteller gleichermaßen die nicht immer vermeidbaren Kinderkrankheiten einer neuartigen Maschine verursachen können".[5] Aber was war das im Vergleich zu einem US-Präsidenten Eisenhower, der im Dezember 1953 vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen getreten war und den Ländern des Westens Unterstützung bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft versprochen hatte? "Atoms for Peace" war einer der großen amerikanischen Coups im Kalten Krieg.

An visionären Hoffnungen fehlte es nicht, aber allein damit baut man noch kein Atomkraftwerk. Das "friedliche Atom" musste sich neben der militärischen Nutzung seinen Platz erst erobern, denn nach 1945 stand zunächst der Bombenbau im Mittelpunkt. Sodann musste sich jemand finden, der den zeit- und kostenintensiven Entwicklungsprozess stemmen konnte, und dann noch jemand anders, der den laufenden Betrieb übernahm. Schließlich musste das Ganze auch noch im Wettbewerb mit etablierten Energiequellen bestehen, und das in einer Zeit, in der Erdöl und Kohlestrom trotz rasch wachsender Nachfrage immer billiger wurden. In der krisenreichen Energiegeschichte der westlichen Industriemoderne sind die 1950er und 1960er Jahre die Zeit der großen Sorglosigkeit.

Militärische Starthilfe



Angesichts dieser Herausforderungen war es nur logisch, dass das US-Militär voranging. Da gab es klare Kommandostrukturen und keine unberechenbaren Märkte, und Kosten waren in der Zeit des Kalten Krieges bei Rüstungsprojekten ohnehin ein eher zu vernachlässigendes Problem. Hinzu kam die disziplinierende Wirkung militärischer Autorität. Einen Anfang markierte 1955 der Stapellauf des Atom-U-Bootes "Nautilus", das mit einem Leichtwasserreaktor ausgestattet war. Dieser Reaktortyp war im Kern eine Lösung für die speziellen Anforderungen der Marine. Es ging darum, die umständliche Versorgung mit Brennstoff auf hoher See zu vermeiden. Außerdem musste der Nuklearantrieb in die beengten Verhältnisse eines Unterseebootes hineinpassen – keine geringe Herausforderung, denn für die "Nautilus" war ursprünglich ein Dieselmotor vorgesehen. Einen Ausweg bot die Verwendung angereicherten Urans, und das produzierte das Militär praktischerweise ohnehin, weil man es für den Bau von Atombomben brauchte. Keines dieser Probleme spielte bei zivilen Reaktoren eine Rolle. Da hatte man genug Platz für große Anlagen, Brennmaterial ließ sich zu jeder Tages- und Nachtzeit anliefern, und die extrem kostspielige Urananreicherung hätte ein nüchtern denkender Betriebswirt ohnehin dem Militär überlassen. Eigentlich hätte man die "Nautilus" deshalb getrost ignorieren können. Eigentlich.

Heute ist der Leichtwasserreaktor das weltweit vorherrschende Modell, aber diese Entwicklung war keineswegs zwingend. Man konnte verschiedene Kernbrennstoffe und Moderatoren wählen und Kraftwerke in diversen Größenordnungen bauen, und bei jedem Reaktortyp gab es eine Vielzahl technischer Details, die über Erfolg und Misserfolg entschieden. Es gab viele Möglichkeiten, und theoretische Überlegungen waren dabei nur begrenzt hilfreich: Die Vor- und Nachteile bestimmter Reaktortypen zeigten sich erst im praktischen Betrieb. Gerade die vielgerühmten Physiker zeigten sich bei Praxisproblemen häufig ziemlich ratlos. In Deutschland spotteten Ingenieure und Manager über "Physikerreaktoren": theoretisch genial, praktisch unbrauchbar.[6] Es war der erste Riss in der großen Utopie, und es sollte nicht der letzte bleiben.


Fußnoten

1.
Richard P. Feynman, "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!" Abenteuer eines neugierigen Physikers, München 1991, S. 382.
2.
Vgl. Richard Rhodes, Die Atombombe oder Die Geschichte des 8. Schöpfungstages, Berlin 1990, S. 438–443.
3.
Vgl. R.P. Feynman (Anm. 1).
4.
Vgl. Vaclav Smil, Energy Myths and Realities, Washington 2010, S. 31.
5.
Friedrich Münzinger, Atomkraft, Berlin u.a. 19572, S. III.
6.
Vgl. Joachim Radkau, Fragen an die Geschichte der Kernenergie, in: Jens Hohensee/Michael Salewski (Hrsg.), Energie – Politik – Geschichte, Stuttgart 1993, S. 101–126.
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Autor: Frank Uekötter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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