Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Wer sind wir denn wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten


1.4.2016
In der aktuellen "Flüchtlingskrise" offenbart sich auch eine allgemeine Krise der deutschen Gesellschaft und ihrer Identitäten: Die Debatten um "Obergrenzen" und Kontingente, die zivilgesellschaftliche "Willkommenskultur" oder die Forderung nach Schusswaffengebrauch an der Grenze, das politische Ringen um Asylrechtsverschärfungen und die Diskussionen darüber, ob "wir" "das" schaffen, sind Ausdruck von Aushandlungsprozessen über zentrale Leitbilder, Wertvorstellungen und Selbstverständnisse der Einwanderungsgesellschaft. Nicht nur wird verhandelt, wie mit "denen" umzugehen ist, sondern immer auch geht es um das "Wir": Schaffen wir das? Und wer sind wir eigentlich? Ein Einwanderungsland? Mittlerweile ja – aber wer kann dazu kommen?

Die Debatte dominiert nicht nur die mediale Berichterstattung, auch in alltäglichen Gesprächen hat das Thema einen Stellenwert gewonnen, wie es politischen Fragen nur selten vergönnt ist. Dabei sind in der Öffentlichkeit einerseits, trotz vermeintlicher Tabus und "Lügenpresse", die Klagen von Pegida über eine "Mega-Umvolkung" omnipräsent. Auch der Ruf des rechtsnationalen Autors Akif Pirinçci: "Ich will mein altes Deutschland wiederhaben!", erfuhr große Aufmerksamkeit. Doch andererseits etablierte sich ein – mittlerweile zunehmend abgeschwächtes – gesellschaftliches #refugeeswelcome, und setzte sich die Einschätzung durch, dass "Humanität und Weltoffenheit" besser zu "uns" passen. Die Freude, dass Einwanderung das Land "bunter, multikultureller und lebenswerter" – so etwa Cem Özdemir und Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) – gemacht habe, ergriff auch Vertreter der Wirtschaft oder bis dahin eher den Abschottungsgedanken vertretende Medien wie "Bild". Und schließlich verschafften sich zunehmend auch Geflüchtete bei Protestaktionen und über Netzwerke wie "The Voice Refugee Forum", "Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen" oder "Lampedusa in Hamburg" Gehör und erreichten bisweilen, dass nicht nur über sie, sondern auch mit ihnen gesprochen wurde.

In diesem Gewirr der Stimmen wird jedoch deutlich, dass alle, explizit oder implizit, argumentativ oder auch konkret durch den Grenzübertritt, die Frage der nationalen Zugehörigkeit, des deutschen "Wir" und seiner inneren und äußeren Grenzen mitverhandeln – und somit auch die Frage, was Nationalismus und Patriotismus, was der Bezug zur Nation in Krisenzeiten bedeutet. Auch die Ablehnung von Pegida dreht sich um diese Frage, wenn zum Beispiel der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag Thomas Oppermann verkündet, diese selbsternannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" seien "keine Patrioten",[1] sondern Nationalisten, und der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU Armin Laschet anlässlich grölender Flüchtlingsgegner von der gescheiterten "Integration mancher Deutscher" spricht.[2]

Nicht klar abgrenzbar, sondern ineinander übergehend und teilweise politische Lager überschreitend lassen sich in dieser Diskussion dennoch mindestens drei idealtypische Positionen ausmachen, die wir im Folgenden skizzieren, bevor wir den fortwährenden Bezug auf die Nation problematisieren und eine Vision des Postnationalen vorstellen.

Narrativ der homogenen Nation



Wie wird man deutsch? Lange Zeit wurde dies exklusiv gedacht: Deutsch war, wer deutsche Vorfahren hatte, und selbst wenn man über andere Wege zum deutschen Pass gelangen konnte, ließ das einen in den Augen Vieler noch lange nicht Teil des nationalen Kollektivs werden. Seit Anfang des Jahrtausends unterliegen diese Vorstellungen einem Wandel, bedingt auch durch Veränderungen im Staatsbürgerschaftsrecht. 2000 wurde dieses um Elemente des ius soli erweitert; deutsche Staatbürgerschaft wird nun unter bestimmten Bedingungen auch qua Geburtsort gewährt, nicht mehr nur qua Abstammung (ius sanguinis). 2009 konnte sich selbst "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner Deutschsein unabhängig von der Herkunft denken: "Es gibt nichts Schöneres zu prophezeien, dass Mesut Özil, Sohn türkischer Eltern, aufgewachsen in Gelsenkirchen, einmal Kapitän der deutschen Nationalelf wird. Wäre das nicht ein Traum von einem Deutschland der Zukunft? Ich liebe diesen Traum."[3] 2014 ergab die repräsentative Studie "Deutschland postmigrantisch", dass sich die Kriterien des Deutschseins wandeln – hin zu erlern- und erwerbbaren Kriterien wie dem Sprechen der Sprache oder dem Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit. Gleichzeitig finden weiterhin 37 Prozent der Befragten deutsche Vorfahren wichtig, um deutsch zu sein.[4] Hier zeigt sich die Hartnäckigkeit des deutschen ius sanguinis.

Die Vorstellung, dass das nationale "Wir", das als homogene, über Jahrhunderte bestehende Entität begriffen wird, die "Anderen" dabei nicht oder nicht in solchen Massen verkraften könnte, teilen Pegida- und AfD-Anhänger genauso wie Angehörige der politischen Mitte – 53 Prozent der Befragten einer "Mitte"-Studie stimmten 2014 der Aussage ganz oder teilweise zu, dass Deutschland "in einem gefährlichen Maß überfremdet" sei[5] – bis hin zu Intellektuellen, wie beispielsweise dem Dramatiker Botho Strauß. Im Oktober 2015 verkündete Strauß im "Spiegel", er würde "lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen".[6] Und sicherlich wird auch der in Strauß’ Text herbeizitierte Syrer, der durch gute Deutschkenntnisse Achim von Arnim für sich entdeckt, nie ein wirklicher Deutscher. Ähnliche Positionen kann man tausendfach in sozialen Netzwerken oder in Leserbriefen wiederfinden.

Dieses Narrativ des Ursprünglichen gibt sich bodenständig: Gleich eines Urwalds geht es von der Existenz von Ur-Völkern aus, von einem angeblich organischen Zustand. Jede Rede von den homogenen "Deutschen" verkennt jedoch die lange Migrationsgeschichte des Gebietes, das heute Bundesrepublik heißt. Und in diese Rede sind bereits frühere "Ausländergruppen" wie zum Beispiel die einstigen Ruhrpolen integriert. In der Zeit vor einer oder höchstens zwei Generationen den "wahren, ursprünglichen" Zustand ausmachen, den es wiederherzustellen gelte, ist eine Fiktion. Man muss gar nicht in der Menschheitsgeschichte so weit zurückzugehen, um auf die afrikanischen Wurzeln aller Deutschen hinzuweisen, es reicht schon zu erwähnen, dass Nachnamen wie Sarrazin oder Buschkowsky Produkte früherer Migrationsbewegungen sind und wir gerade Kämpfe darum erleben, ob in zwei Generationen auch Namen wie Pirinçci als deutsch gelten. Gesellschaften waren schon immer in Bewegung, und insbesondere die deutsche Nation hat sich aus zahlreichen Sprachgemeinschaften zusammengesetzt.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Oppermann: Das sind keine Patrioten, sondern Rassisten, 18.12.2014, http://www.faz.net/-13329032.html« (1.3.2016).
2.
Zit. nach: "Integration mancher Deutscher ist gescheitert", 21.2.2016, http://www.welt.de/152472882« (1.3.2016).
3.
Franz Josef Wagner, Lieber Mesut Özil, 8.9.2009, http://www.bild.de/news/standards/post-von-wagner-9658556.bild.html« (1.3.2016).
4.
Vgl. Naika Foroutan/Coşkun Canan/Sina Arnold et al., Deutschland postmigrantisch I, Berlin 2014, S. 25f.
5.
Vgl. Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler, Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014, Leipzig 2014, S. 32.
6.
Botho Strauß, Der letzte Deutsche, in: Der Spiegel vom 2.10.2015, S. 122.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Sina Arnold, Sebastian Bischoff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.