dpa, Digitalisierung, 1985
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Die digitale Arbeitswelt von heute und morgen


29.4.2016
Werden wir Zeugen einer digitalen Revolution, die unsere Arbeitswelt schon bald auf den Kopf stellt? Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie unsere Arbeitswelt von morgen aussehen wird, aber der Wandel ist da. Heute produziert das größte Medienunternehmen der Welt keine eigenen Inhalte (Facebook), der weltweit größte Anbieter von Unterkünften besitzt keine eigenen Immobilien (Airbnb) und das größte Taxiunternehmen der Welt hat keine eigenen Fahrzeuge (Uber).[1] Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie sehr sich unsere Welt bereits gewandelt hat. Sie könnten die Vorboten von noch radikaleren Veränderungen sein.

Es scheint jedoch ratsam, Vorsicht bei der Einschätzung der Geschwindigkeit von Änderungen unseres Lebensalltags walten zu lassen. So warnte bereits in den 1930er Jahren der Ökonom John Maynard Keynes vor "technologischer Arbeitslosigkeit", die sich infolge des beschleunigten technischen Fortschritts weit verbreiten werde.[2] Auch in den 1990er Jahren war es populär, eine rasche Dominanz der digitalen Welt vorherzusagen. In diesem Zusammenhang sprach der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin sogar von einem "Ende der Arbeit"[3] – ohne dass sich dies in der Folge bewahrheitet hätte.

Allerdings sind die möglichen Folgen der technischen Entwicklungen von heute auch nicht zu unterschätzen, zumal neben der Digitalisierung der demografische Wandel und die Globalisierung weiter an Bedeutung gewinnen werden. Diese Trends interagieren miteinander und verstärken so den fortschreitenden Wandel von Produktionsfaktoren, Berufen und Erwerbsformen. Im Ergebnis entstehen neue Risiken, aber es eröffnen sich auch vielfältige Chancen und Potenziale. Um die positiven und negativen Aspekte der sich wandelnden Arbeitswelt sorgfältig und durchdacht auszugleichen, werden sich Institutionen ebenfalls wandeln müssen.

Die Zukunft ist jetzt



Die digitale Revolution ist in vollem Gange.[4] Man braucht längst keine Science-Fiction-Literatur mehr zu bemühen, um ein Bild des digitalen Zeitalters zu erhalten. Es genügt vielmehr ein neugieriger Blick in die reale (beziehungsweise reale virtuelle) Welt. So ist beispielsweise die digitale Wirtschaft heute ein bedeutender ökonomischer Faktor. In Deutschland werden ihr über 92000 Unternehmen und mehr als eine Million Beschäftigte direkt zugerechnet; ihr Anteil an der gewerblichen Wertschöpfung beträgt 4,6 Prozent.[5] Im Branchenvergleich liegt sie damit fast gleichauf mit dem Fahrzeugbau und vor dem Maschinenbau.

Auch die private Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien erreicht in Deutschland inzwischen eine Größenordnung, bei der von einer erheblichen Durchdringung des Alltags gesprochen werden muss. Zwischen 2005 und 2015 ist der Anteil der Computernutzer von 70 auf 83 Prozent gestiegen, während sich der Anteil der privaten Internetnutzer im gleichen Zeitraum von 61 auf 82 Prozent erhöht hat.[6] Die Entwicklung der vergangenen Jahre weist allerdings geringere Wachstumsraten auf, sodass sich eine Sättigung der privaten IT-Nutzung bei knapp 85 Prozent der Bevölkerung andeutet.

Die kommerzielle Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien wird zuletzt häufig mit Phänomenen wie dem "Internet der Dinge", der "Industrie 4.0", der "Sharing Economy" oder auch "Crowdworking" in Verbindung gebracht.[7] Damit wird vor allem der Trend beschrieben, dass intelligente und vernetzte Gegenstände sowie Onlineplattformen und virtuelle Marktplätze zunehmend in den (gewerblichen) Alltag und in Wertschöpfungsketten vordringen. Im Ergebnis verschwindet so zum Beispiel das Internet zunehmend aus der direkten Wahrnehmung, obwohl seine Bedeutung weiterhin steigt und seine Präsenz zunimmt. Die Digitalisierung schreitet auf diese Weise weiter voran; sie erreicht aber inzwischen eine Stufe, auf der sich ihr Ausmaß erst bei genauerer Betrachtung erschließt.

Beständigkeit des Wandels



Die Menschheit sieht sich bereits seit Jahrhunderten mit den Herausforderungen konfrontiert, die der technische Wandel mit sich bringt. Allerdings scheint sich dieser permanente Transformationsprozess aktuell mit vorher nicht bekannter Geschwindigkeit zu vollziehen. So sind in den vergangenen Jahren die Geschäftsmodelle einer Reihe von Industrien erheblich unter Druck geraten. Zum Teil müssen sie sich deshalb neu erfinden. Dazu gehört zum Beispiel die Nachrichten- und Unterhaltungsindustrie, der Angebote wie YouTube, Facebook und Twitter erheblich zusetzen. Das Musikgeschäft hat sich im Zuge neuer Angebote bereits fundamental gewandelt, während aktuell die Autoindustrie durch Carsharing, Uber und ähnliche Dienste zunehmend unter Druck zu geraten scheint.

Trotz wachsender Geschwindigkeit kann der Wandel weiterhin als ein Prozess der "kreativen Zerstörung" bezeichnet werden.[8] Dazu gehört, dass namhafte Unternehmen vom Markt verschwinden, ebenso einstmals mächtige Wirtschaftszweige und altbekannte Berufe. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Tätigkeitsfelder, Firmen und Branchen, die es in der Vergangenheit nicht oder nicht in dieser Bedeutung gegeben hat. Das sind unaufhaltsame, aber keineswegs neue Entwicklungen.

Die Entwicklung der Marktkapitalisierung[9] von großen Unternehmen in der Technologiebranche von 2009 bis 2014 verdeutlicht die Bewegung auch innerhalb dieses Marktsegments.[10] Einerseits sind in diesem Zeitraum viele Unternehmen erheblich gewachsen: So verfünffachte sich zum Beispiel die Marktkapitalisierung von Apple, diejenige von Google vervierfachte sich und diejenige von Microsoft verdoppelte sich. Andererseits ist gleichzeitig die Marktkapitalisierung von einigen namhaften Unternehmen zurückgegangen: Diejenige von Hewlett-Packard und Nokia hat sich jeweils annähernd halbiert. Die Reihenfolge der größten Unternehmen in diesem Segment ist ebenfalls in Bewegung: Während Microsoft und IBM 2009 die beiden Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung waren, wurden sie zuletzt von Apple und Google abgelöst.[11]

Derartige Veränderungen sollten nicht verwundern, denn in einer Marktwirtschaft gibt es immer eine Prämie auf Innovationen, die andere Anbieter wiederum unter Wettbewerbsdruck setzen. Individuen treiben diese Entwicklung an, als Entdecker und Anwender neuer Technologien. Jeder und jede leistet damit einen Beitrag zu den Umwälzungen, die wir beobachten können – unter anderem in der Technologiebranche.

Es zeigt sich außerdem, dass infolge dieser (und anderer) Umwälzungen bezahlte Erwerbsarbeit – entgegen manchen Vorhersagen – nicht weniger wird, sondern ihr Umfang bemerkenswert robust ist. So erreichte die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland im November 2015 nach vorläufigen Berechnungen einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung mit rund 43,4 Millionen Personen.[12] Das Arbeitsvolumen der in Deutschland beschäftigten Arbeitnehmer stieg zuletzt ebenfalls auf knapp 50 Milliarden Stunden an – ein Niveau, das zuletzt zu Beginn der 1990er Jahre gemessen wurde.[13]

Auch international betrachtet bleibt die Befürchtung, dass etwa durch den vermehrten Einsatz von industriellen Robotern Arbeitsplätze in der Industrie verloren gingen, weitgehend unbestätigt. So führt eine neuere Studie beispielsweise gut 15 Prozent der Produktivitätssteigerungen und mehr als 10 Prozent des Wirtschaftswachstums in den untersuchten Volkswirtschaften auf den Einsatz von Robotern zurück, sodass sich insgesamt keine Beschäftigungsverluste feststellen lassen.[14] Allerdings finden sich gleichwohl Hinweise auf einen Rückgang von Arbeitsvolumen und Lohnniveau für Beschäftigte mit geringer bis mittlerer Qualifikation. Dies deutet darauf hin, dass die Auswirkungen der digitalen Revolution für verschiedene Bildungs- und Qualifikationsniveaus unterschiedlich ausfallen können.

Digitale Teilhabe und Verteilungsfragen



Digitale Kompetenz wird zu einer Schlüsselkompetenz, denn soziale und wirtschaftliche Teilhabe ist künftig ohne digitale Teilhabe kaum mehr denkbar. Deshalb sollte nachdenklich stimmen, dass sich eine Sättigung der privaten IT-Nutzung bei knapp 85 Prozent der Bevölkerung abzeichnet.

Die Umwälzungen erfordern neue Aus- und Weiterbildungskonzepte. Das Ziel muss sein, Arbeitnehmer grundsätzlich in die Lage zu versetzen, sich zügig mit ihren Fähigkeiten und Qualifikationen an veränderte Marktsituationen anpassen zu können.[15] Lebenslanges Lernen muss eine stärkere Rolle einnehmen als bislang. Doch gleichzeitig ergeben sich auch neue Potenziale für eine Realisierung dieser Vision: Bei der Verknüpfung von Kompetenzerwerb in der Weiterbildung mit dem Erwerb von Qualifikationen könnten zum Beispiel Onlineportale für Kompetenztests in Verbindung mit Kreditpunkten eine wichtige Rolle einnehmen.[16] Weitere Möglichkeiten im Bildungsbereich ergeben sich etwa durch den Einsatz von sogenannten Massive Open Online Courses (MOOCs), deren Einsatzgebiet sich weit über die universitäre Bildung hinaus erstreckt.[17]

Darüber hinaus zeichnen sich weitreichende Umwälzungen ab: Denn während in der Vergangenheit das Humankapital der Unternehmen eng an die physische Präsenz der Mitarbeiter gebunden war, könnten Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz diese Verbindung herausfordern. Auch wenn dieser Forschungsbereich noch "in den Kinderschuhen" steckt (so wird unter anderem versucht, das Lernverhalten von Kleinkindern mit Robotern nachzubilden), werden schnell Fortschritte erzielt. Dabei kommen zum Beispiel Sensoren und Kameras zum Einsatz, die auch bei modernen Spielkonsolen verwendet werden und so schon Einzug in viele Haushalte und Kinderzimmer gehalten haben. Sie können Personen und Gesten erkennen; dies ermöglicht die Interaktion mit Menschen, die sehr wichtig ist, wenn Roboter etwas lernen sollen.

Die technischen Voraussetzungen für lernfähige Roboter und Maschinen sind also längst in unserem Alltag gegenwärtig. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann sie entsprechend eingesetzt werden. Dies hat auch Implikationen für künftige Verteilungsfragen: Denn die Besitzverhältnisse an den Maschinen der Zukunft werden entscheidend für die Aufteilung in Gewinner und Verlierer sein.[18] So ist bereits in den vergangenen beiden Jahrzehnten der Anteil des Produktionsfaktors "Arbeit" am Nationaleinkommen unter anderem in Deutschland, in den USA, in Großbritannien, in Frankreich und in Japan zurückgegangen.[19] Auf diese Weise gewinnen die Besitzverhältnisse am Produktionsfaktor "Kapital" – zu dem Roboter und Maschinen zählen – zwangsläufig an Bedeutung. Und eine zunehmende Ungleichheit kann auch den sozialen Zusammenhalt und die Demokratie gefährden.[20]


Fußnoten

1.
Vgl. Crunch Network, The Battle is for the Customer Interface, 3.3.2015, http://techcrunch.com/2015/03/03/in-the-age-of-disintermediation-the-battle-is-all-for-the-customer-interface« (29.3.2016).
2.
Vgl. John Maynard Keynes, Essays in Persuasion, London 1933, S. 358ff.
3.
Vgl. Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M.–New York 1995.
4.
In unserem Verständnis umfasst der Begriff "digitale Revolution" verschiedene Phänomene der Digitalisierung, den verstärkten Einsatz von Computern, Robotern und Maschinen (und verwandten Technologien) sowie den allgemeinen Wandel der Technik, der im vergangenen Jahrhundert seinen Ausgang nahm.
5.
Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL 2015, Berlin 2015, S. 8, S. 14. In der hier verwendeten Definition umfasst die digitale Wirtschaft neben der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT-Branche) auch die Internetwirtschaft.
6.
Vgl. Statistisches Bundesamt, IT-Nutzung. Private Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, 2016, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/
ITNutzung/Tabellen/ZeitvergleichComputernutzung_IKT.html
(29.3.2016).
7.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Grünbuch Arbeiten 4.0: Glossar, o.D., http://www.arbeitenviernull.de/gruenbuch/glossar.html« (29.3.2016).
8.
Vgl. Joseph A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 1912.
9.
Die Marktkapitalisierung ist der aktuelle Börsenwert einer Firma. Zur Berechnung werden der aktuelle Aktienwert und die Gesamtaktienzahl multipliziert.
10.
Vgl. PricewaterhouseCoopers, Global Top 100 Companies by Market Capitalisation, 31.3.2015, http://www.pwc.com/gx/en/audit-services/capital-market/publications/assets/document/pwc-global-top-100-march-update.pdf« (29.3.2016).
11.
Auch längerfristig sind erhebliche Verschiebungen in der relativen Marktkapitalisierung von Technologieunternehmen festzustellen. Vgl. The Economist, Microsoft at Middle Age. Opening Windows, 4.4.2015, http://www.economist.com/news/business/21647612-once-dominant-software-giant-determined-prove-life-begins-again-40-opening« (29.3.2016).
12.
Vgl. Statistisches Bundesamt, November 2015: Erwerbstätigenzahl stieg um 1,0% im Vorjahresvergleich, Pressemitteilung 3/2016.
13.
Vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Anhang zu IAB-Kurzbericht 4/2015, http://doku.iab.de/kurzber/2015/kb0415_Anhang.pdf« (29.3.2016).
14.
Vgl. Georg Graetz/Guy Michaels, Robots at Work, IZA Discussion Paper 8938/2015.
15.
Vgl. Dennis Snower/Alessio J.G. Brown/Christian Merkl, Globalization and the Welfare State: A Review of Hans-Werner Sinn’s Can Germany Be Saved?, in: Journal of Economic Literature, 47 (2009) 1, S. 136–158.
16.
Vgl. Alexander Spermann, Online-Portale für Kompetenztests – ein Baustein für die Demografiestrategie Deutschlands, IZA Standpunkte 67/2015.
17.
Derzeit werden MOOCs vor allem als Chance und Herausforderung für Universitäten diskutiert. Vgl. The Economist, The Future of Universities. The Digital Degree, 26.6.2014, http://www.economist.com/news/briefing/21605899-staid-higher-education-business-about-experience-welcome-earthquake-digital« (29.3.2016).
18.
Vgl. Richard B. Freeman, Who Owns the Robots Rules the World, IZA World of Labor 5/2015.
19.
Vgl. OECD, Employment Outlook 2012, Paris 2012.
20.
So drohe eine "moderne Form des Feudalismus", sollte sich die Einkommensungleichheit weiter verstärken. Vgl. R.B. Freeman (Anm. 18), S. 6.
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Autoren: Ulf Rinne, Klaus F. Zimmermann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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