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dpa, Digitalisierung, 1985
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Zum Verhältnis von Arbeit und Technik bei Industrie 4.0


29.4.2016
In der aktuellen Debatte über die zunehmende Verbreitung digitaler Technologien wird davon ausgegangen, dass sich mit ihnen geradezu disruptive soziale und ökonomische Folgen verbinden. In Deutschland wird diese Frage seit etwa 2011 unter dem eingängigen Label "Industrie 4.0" thematisiert. Betont wird, dass ein neues Niveau produktionstechnologischer Entwicklung erreicht sei, dessen zentrale Merkmale die Verknüpfung der virtuellen mit der realen Welt durch "Cyber-physikalische Systeme", der breite Einsatz von Sensoren und Systemen zur Datenerfassung sowie die systematische Nutzung der damit verfügbaren großen Datenbestände auf der Basis von Big-Data-Methoden seien. Hiernach eröffnen sich grundlegend neue Potenziale für die gleichzeitige Automatisierung und Flexibilisierung von Produktionsprozessen, die Optimierung überbetrieblicher Wertschöpfungsketten sowie die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle mit bislang nicht gekannten intensiven Kundenbeziehungen.

Unstrittig ist, dass sich mit den neuen Technologien spürbare und dauerhafte Konsequenzen für industrielle Arbeitsprozesse verbinden werden. Strittig ist indes, welcher Art diese Konsequenzen sein werden. Ein wesentlicher Grund hierfür ist ohne Frage, dass die Diffusion der neuen digitalen Technologien im industriellen Sektor erst am Anfang steht und daher bislang nur wenig valide Forschungsergebnisse über die Konsequenzen für Arbeit vorliegen. Im Folgenden sollen gleichwohl auf der Basis einer Auswertung bislang vorliegender Studien[1] und erster Ergebnisse aus eigenen empirischen Erhebungen Thesen zum Wandel von Industriearbeit zur Diskussion gestellt werden.

Entwicklungsszenarien von Industriearbeit



Die Konsequenzen der digitalen Technologien für Arbeit lassen sich durch ein begriffliches Schema fassen, das mit dem Rückgriff auf Analysen der Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff über die sozialen Folgen von Informationstechnologien zwischen den Dimensionen der Automatisierung, der Informatisierung und der Transformation unterscheidet.[2] Diese Unterscheidung ermöglicht ein Verständnis von Digitalisierung, das sowohl Kontinuitäten als auch Diskontinuitäten industrieller Entwicklung einschließt. Die Dimension der Automatisierung bezieht sich auf die traditionelle Logik technologischer Rationalisierung, mit der die Abhängigkeit der Produktionsprozesse von menschlicher Arbeit reduziert wird. Die Dimension der Informatisierung bezeichnet hingegen die neue Qualität der digitalen Technologien, nämlich eine steigende Verfügbarkeit von Daten und Informationen über Arbeitsprozesse. Mit Transformation sind die damit einhergehenden neuen Möglichkeiten der Planung, Steuerung und Reorganisation von Arbeits- und Wertschöpfungsprozessen angesprochen. Ausgehend von diesen Unterscheidungen lassen sich verschiedene, teilweise widersprüchliche Szenarien zur Entwicklung von Arbeit herausarbeiten.

Upgrading



Ein Szenario kann als "Upgrading" von Tätigkeiten und Qualifikationen gefasst werden. Es ist sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der öffentlichen Debatte relativ weit verbreitet. Danach ist ein Upgrading von Qualifikationen zunächst Folge einer Automatisierung vor allem einfacher und gering qualifizierter Tätigkeiten durch die neuen Technologien. Damit findet eine weitreichende Substitution einfacher Tätigkeiten statt, wie sie in der nationalen und internationalen Digitalisierungsdebatte vielfach prognostiziert und mit weitreichenden Arbeitsplatzverlusten verbunden wird.[3] Betroffen sind Tätigkeiten etwa in der Logistik und der Montage, die sich durch einen hohen Routinecharakter, begrenzte Handlungskomplexität und geringe Anforderungen an Erfahrungswissen auszeichnen und die sich daher relativ problemlos informationstechnologisch in Algorithmen überführen lassen.

Darüber hinaus ist Upgrading aber auch als ein Prozess zu verstehen, der tendenziell alle Beschäftigtengruppen erfasst. Upgrading wird in dieser Perspektive als Informatisierung von Arbeit verstanden, die die Verfügbarkeit einer großen Vielfalt von Informationen über laufende Prozesse steigen lässt. Deren Komplexität und Nutzung führt demzufolge grundsätzlich zu bislang nicht gekannten Anforderungen an Tätigkeiten. Zuboff spricht von einer wachsenden Bedeutung von intellective skills, die vor allem auf einem theoretischen Verständnis von Prozessen beruhten, das Voraussetzung und Folge der Nutzung der jetzt verfügbaren Informationen sei.[4] Als Gewinner des fortschreitenden Einsatzes digitalisierter Technologien werden in diesem Kontext vor allem aber jene Beschäftigtengruppen angesehen, die ohnehin schon über höhere Qualifikationen und Handlungsressourcen verfügen.[5]

So wird auch in der Debatte über Industrie 4.0 hervorgehoben, dass eine generelle Aufwertung von Qualifikationen stattfinden werde. Verwiesen sei hier stellvertretend für eine Vielzahl von Autoren auf den Informatiker Henning Kagermann, einer der Begründer der Vision von Industrie 4.0 in Deutschland. Ihm zufolge werden Mitarbeiter in Zukunft weniger als "Maschinenbediener" eingesetzt, "sondern mehr in der Rolle des Erfahrungsträgers, Entscheiders und Koordinators (…), die Vielzahl der Arbeitsinhalte für den einzelnen Mitarbeiter nimmt zu".[6] Illustrieren lässt sich diese Auffassung am Beispiel des Robotereinsatzes in Montageprozessen. Durch die Automatisierung der Routineaufgaben können neue, anspruchsvollere Aufgaben wie Umrüsten, Einrichten und Qualitätssicherung entstehen, die zu Montagetätigkeiten eines neuen Typs gebündelt werden können.

Polarisierung



Demgegenüber kann ein weiteres Szenario als "Polarisierung" bezeichnet werden. Besonders prominent wird dieses Szenario in der internationalen Debatte in Hinblick auf die makrostrukturelle Entwicklung von Arbeitsmärkten diskutiert. Dabei steht häufig der US-amerikanische, verschiedentlich auch der europäische Arbeitsmarkt im Fokus des Forschungsinteresses.[7] Daneben findet sich aber auch eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, die Polarisierungstendenzen auf betrieblicher Ebene, vor allem im industriellen Sektor, belegen.[8]

Der Kern dieses Szenarios ist, dass mittlere Qualifikationsgruppen massiv an Bedeutung verlieren und sich daher zunehmend eine Schere öffnet zwischen komplexen Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen einerseits und einfachen Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau andererseits. Denn durch den Einsatz digitaler Technologien werde zunehmend eine Automatisierung und auch eine Entwertung der Jobs mittlerer Qualifikationsgruppen Platz greifen. Daher werden einfache Tätigkeiten auch kaum, wie die Upgrading-These unterstellt, durch Automatisierung tendenziell verschwinden, vielmehr bleiben sie vielfach erhalten und es entstehen neue einfache Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationsanforderungen.

Als Ursache einer fortschreitenden Polarisierung und insbesondere der Erosion der mittleren Qualifikationsgruppen kann ein Zusammenspiel von Automatisierung und Informatisierung angesehen werden. Die Voraussetzung hierfür ist, dass es sich dabei um Tätigkeiten handelt, die einen gut strukturierten und regelorientierten Charakter aufweisen und daher, ähnlich wie viele einfache Tätigkeiten, algorithmisiert werden können. Weiterhin wird argumentiert, dass durch Informatisierung die Beschäftigten zwar über ein Mehr an Informationen und Daten über laufende Prozesse verfügen, jedoch computergestützte Informationsvorgaben, etwa über entsprechend ausgelegte Assistenzsysteme, ursprünglich komplexe Tätigkeiten durch ihre Modellierung und Formalisierung zugleich weitreichend standardisieren können. Dieser Trend wird auch als "Digital Taylorism" bezeichnet, da die digitalen Technologien eine Optimierung von Frederick Winslow Taylors Prinzipien der Arbeitsvereinfachung und der Arbeitskontrolle gerade auch für komplexe Tätigkeiten erlaube.[9] So können beispielsweise durch den Einsatz entsprechend ausgelegter Assistenzsysteme viele Tätigkeiten relativ problemlos arbeitsteilig in Teiloperationen zerlegt und vereinfacht werden sowie mit restriktiven Arbeitsvorgaben, die kaum noch Handlungsspielräume erlauben, versehen werden. Zudem eröffnen sich damit deutlich gestiegene Kontrollmöglichkeiten über die Arbeit.[10] Diese Arbeitssituation, so die naheliegende Schlussfolgerung, führt zur Dequalifizierung ursprünglich qualifizierter Tätigkeiten, für die bislang Facharbeiter eingesetzt worden sind.

In einer Studie über die Entwicklung qualifizierter Sach- und Facharbeitertätigkeiten ist die Rede davon, dass bestenfalls "Residualkategorien" von qualifizierter Arbeit verbleiben werden, die nicht oder nur mit einem unverhältnismäßigen Aufwand automatisiert werden können.[11] Ähnlich wird auf der Basis einer Untersuchung über die Arbeit im Kontext intelligent vernetzter Logistiksysteme argumentiert.[12] Demzufolge entsteht tendenziell eine ausdifferenzierte Tätigkeitsstruktur zwischen einerseits anspruchsvollen, qualifizierten Tätigkeiten mit systemübergreifenden Steuerungs- und Kontrollaufgaben und andererseits abgewerteten Fachtätigkeiten beziehungsweise verbliebenen einfachen Tätigkeiten. Es kann daher auch von neu entstehender digitaler Einfacharbeit gesprochen werden.[13] Insgesamt bildet sich damit eine polarisierte Arbeitslandschaft heraus, die die Ökonomen Maarten Goos und Alan Manning anschaulich mit dem Diktum fassen, dass nunmehr nur noch lousy and lovely jobs anzutreffen seien.[14]


Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Alfons Botthof/Ernst Andreas Hartmann (Hrsg.), Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0, Berlin–Heidelberg 2015; Hartmut Hirsch-Kreinsen/Peter Ittermann/Jonathan Niehaus (Hrsg.), Digitalisierung industrieller Arbeit. Die Vision Industrie 4.0 und ihre sozialen Herausforderungen, Baden-Baden 2015.
2.
Vgl. Shoshana Zuboff, In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power, New York 1988; Daniel Boos et al., Controllable Accountabilities: The Internet of Things and its Challenges for Organisations, in: Behaviour & Information Technology, 32 (2013) 5, S. 449–467.
3.
Vgl. z.B. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, 17.9.2013, http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf« (29.3.2016).
4.
Vgl. S. Zuboff (Anm. 2), S. 94f.
5.
Vgl. Erik Brynjolfsson/Andrew McAfee, The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies, Norton 2014, S. 136.
6.
Henning Kagermann, Chancen von Industrie 4.0 nutzen, in: Thomas Bauernhansl/Michael ten Hompel/Birgit Vogel-Heuser (Hrsg.), Industrie 4.0 in Produktion, Automatisierung und Logistik. Anwendung, Technologien, Migration, Wiesbaden 2014, S. 603–614, hier: S. 608.
7.
Vgl. z.B. David Autor, Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation, in: Journal of Economic Perspectives, 29 (2015) 3, S. 3–30; World Bank, Digital Dividends, Washington D.C. 2016.
8.
Vgl. zusammenfassend Peter Ittermann/Jonathan Niehaus, Industrie 4.0 und Wandel von Industriearbeit, in: H. Hirsch-Kreinsen/P. Ittermann/J. Niehaus (Anm. 1), S. 33–52; Münchner Kreis, Arbeit in der digitalen Welt, November 2013, http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/A/arbeit-in-der-digitalen-welt,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf« (1.4.2016).
9.
Vgl. Digital Taylorism, in: The Economist vom 12.9.2015, S. 63.
10.
Vgl. Martin Kuhlmann/Michael Schumann, Digitalisierung erfordert Demokratisierung der Arbeitswelt heraus, in: Reiner Hoffmann/Claudia Bogedan (Hrsg.), Arbeit der Zukunft. Möglichkeiten nutzen – Grenzen setzen, Frankfurt/M. 2015, S. 122–140, hier: S. 130f.
11.
Vgl. Steffen Kinkel et al., Arbeiten in der Zukunft – Strukturen und Trends der Industriearbeit, Berlin 2008.
12.
Vgl. Lars Windelband et al., Zukünftige Qualifikationsanforderungen durch das "Internet der Dinge" in der Logistik, in: FreQueNz (Hrsg.), Zukünftige Qualifikationserfordernisse durch das Internet der Dinge in der Logistik. Zusammenfassung der Studienergebnisse, Bremen 2011, S. 5–9.
13.
Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Wandel industrieller Einfacharbeit durch Digitalisierung: Strukturen, Perspektiven und Herausforderungen – eine Literaturstudie, Berlin 2016 (i.E.).
14.
Vgl. Maarten Goos/Alan Manning, Lousy and Lovely Jobs: The Rising Polarization of Work in Britain, in: The Review of Economics and Statistics, 89 (2007) 1, S. 118–133.
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Autor: Hartmut Hirsch-Kreinsen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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