Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015

13.5.2016 | Von:
Tobias J. Knoblich

Kulturförderung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Kultur ist in Deutschland traditionell ein symbolisch hoch aufgeladener Begriff. Die "Kulturnation" ging einst der "Staatsnation" voraus, und oft wurde Kultur zur Sphäre des Politischen in ein distanziertes Verhältnis gesetzt: gegen autokratische Fürsten, gegen Parlamentspolitik,[1] dafür aber "ersatzreligiös" grundiert und mit ihrer "dunklen Wahrheit" auf weltanschauliche Tiefe orientiert.[2] Kultur steht so für das Andere, das Geistige, mitunter nur das gut Gemeinte, das letztlich Distanz zum realen Leben schafft; sie stimuliert und normiert Zusammengehörigkeit und kompensiert auf eigene Weise Defizite gesellschaftlicher, territorialer oder politischer Gegebenheiten, wie sie in Deutschlands Geschichte häufig beklagt wurden.

Macht und Geltung durch Kulturbegriffe

Kultur heißt nach alter Auffassung eher Kunst, Literatur, Philosophie, sie wurde gegen das Zivilisatorisch-Technische abgegrenzt. Dem folgte auch die Genese des Bildungsbegriffs, der diesen "Sonderweg" mitvollzog und sich mit der Kultur, vor allem ihrem ausgeprägt nationalen Narrativ, verschwisterte. Das deutsche Bildungsbürgertum steht für ein letztlich überhebliches und antidemokratisches "Deutungsmuster" von Kultur und Bildung, das der Germanist Georg Bollenbeck detailliert herausgearbeitet hat.[3] Nicht von ungefähr gehen im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts Bürgertum und Kultur eine zentrale Allianz ein, die unsere Kulturpolitik bis heute beeinflusst: "Kultur – und zwar bürgerliche Kultur, im Gegensatz zur überkommenen höfischen Kultur – sollte nicht nur das einigende Band bilden, das der Vielzahl der deutschen Stämme über die Grenzen der bestehenden dynastischen Staatenordnung hinweg zu einer gemeinsamen politischen Identität verhelfen sollte, sondern zugleich auch die ideelle Grundlage für die Begründung eines deutschen Nationalstaates abgeben."[4] Die progressive Kraft des Bürgertums prägte später nicht unerheblich die künstlerische Moderne und damit auch die kulturelle Blüte des frühen 20. Jahrhunderts, schützte aber letztlich nicht vor der Empfänglichkeit weiter Teile für nationalsozialistisches Denken. Viele Institutionen und Ansätze der Kulturförderung wie Museen, Theater oder Kunstvereine gehen auf bürgerliche Gründungen zurück; das Bürgertum trat neben den Kirchen und Höfen als entscheidender Kulturträger und -förderer auf, seine ästhetischen Normen entfalteten anhaltende Bindekraft.

Doch auch der Begriff des Volkes übernahm frühzeitig "die Rolle einer politischen Idee"[5] und konfrontierte im Nationalsozialismus in seiner Reduktion auf das Völkische nicht zuletzt die Künstlerinnen und Künstler, die "deutschblütig" sein und ihr Schaffen an "germanischen" oder "nordischen" kulturellen Mustern ausrichten sollten. Die Reichskulturkammer, als deren Präsident der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels amtierte, setzte den institutionalisierten Rahmen einer totalitären deutschen Kulturpflege, die Kunst als soziale Macht in Stellung brachte.[6] Von der nationalen Einigung im 19. Jahrhundert bis zum kriegerischen Expansionswahn und Zivilisationsbruch spielte für die Deutschen die Berufung auf Kultur und ihre spezifische Förderung also stets eine wichtige imaginative wie praktische Rolle.

Einheitssehnsucht, die mit kultureller Gewissheit befriedigt werden kann, schimmert noch im Einigungsvertrag von 1990 durch. Dort heißt es, dass in den Jahren der deutschen Teilung Kunst und Kultur trotz unterschiedlicher Entwicklung der beiden Staaten eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation gebildet hätten. Die Bedeutung Deutschlands in der Welt ergebe sich auch durch seine Bedeutung als Kulturstaat.[7] Der Begriff Kulturstaat kommt über den Einigungsvertrag verfassungsrechtlich überhaupt erstmals explizit zur Geltung und findet sich in der umfassenden kulturpolitischen Evaluation der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" an deklaratorisch prominenter Stelle ebenfalls wieder.[8] Lange Zeit galt er – und gilt bei Kritikerinnen und Kritikern noch heute – als obrigkeitlich, etatistisch oder gar demagogisch-apologetisch imprägniert.[9] Und in der Tat gelangte der Begriff Kultur erst mit der Entstehung des Kameralismus zu größerer Verbreitung, steht also politisch in einem Zusammenhang mit stärker organisiertem (obrigkeits)staatlichem Handeln und einer "Fürsorge von oben", die man auch als Bevormundung deuten kann.[10] Die Kopplung "Kultur-Staat" vermittelt neben der Idee einer organischen Einheit von Staat und Kultur letztlich die einer Deutungsmacht des Souveräns – der heute allerdings das Volk ist.

Kulturpolitisch versteht sich die Rede vom Kulturstaat gegenwärtig als konsensualer öffentlicher Auftrag an Staat und Kommunen, Kernaufgaben der Trägerschaft und der Förderung von Kultur aktiv wahrzunehmen. Wir sprechen inzwischen selbstbewusst vom "Kulturstaat Deutschland".[11] In manchen Bundesländern sind sogar Spezialgesetze[12] entwickelt worden, die mehr Verbindlichkeit für den haushaltspolitisch freiwilligen Status der Kulturausgaben gewährleisten sollen. Kulturpolitik hat sich zu einem etablierten Politikfeld entwickelt und wird seit den 1990er Jahren zunehmend durch ein zeitgemäßes Kulturmanagement flankiert. Die Kulturausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden sind teils erheblich gestiegen,[13] neue Förderinstanzen in den vergangenen Jahrzehnten entstanden. Gerade der Bund tritt als kulturpolitischer Akteur mehr denn je in Erscheinung, nicht nur in der Bundeshauptstadt Berlin.

Ist die Kultur also zu einer realen, mit der Politik versöhnten Gestaltungsgröße geworden? Oder wirken alte Muster in neuer staatlicher Verfassung nach? Wie flexibel ist dieses mit Erwartungen historisch beladene Feld? Welche Ansprüche, Widersprüche und Kritikansätze prägen heute die Debatte über Kulturförderung? Diesen Fragen möchte ich im vorligenden Beitrag anhand ausgewählter Herausforderungen nachgehen. Kultur fördern bedeutet allerdings zuallererst eine Haltung beschreiben: zum Kulturbegriff, zur politischen Kultur und letztlich zu den Gegenständen, die konkret zu fördern sind.

Fortwirkung historischer Hypotheken

Das bürgerlich-idealistische Kulturverständnis hat die Kulturpolitik auch in den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik erheblich geprägt. Die Rede war zunächst von Kulturpflege und weniger von aktiver Kulturpolitik. Wenn man sich bei der Bewertung der "Gründerjahre" der Bundesrepublik auch nicht auf das Deutungsmuster einer politischen Restauration festlegen möchte, herrschten doch eindeutig "kräftige Kontinuitätsstränge",[14] die auch die Erwartungen an den Kulturbereich prägten. Er sollte möglichst nicht politisch gedacht werden[15] und orientierte sich folglich im Kern an der "Wiederherstellung des älteren bürgerlichen Kulturbetriebs";[16] kritische Stoffe, neue ästhetische Formate oder Aktionsformen hatten es anfangs sehr schwer.

Staatliche und kommunale Aktivitäten bezogen sich vornehmlich auf trägerschaftliche Aufgaben, also auf die Unterhaltung von Theatern, Museen, Bibliotheken und anderen unstrittigen Institutionen ererbter Provenienz. Hier wirkten Gründungstraditionen fort, die den Ländern und Kommunen als Rechtsträger in Form spezifischer Profile in Bestand, Qualität und Wirkungskraft der Kultureinrichtungen mitgegeben worden waren: Wo es einst kunstsinnige Höfe gegeben hatte, kam es später in der Regel zu staatlichen Trägerschaften für Museen und Theater (etwa die Staatlichen Kunstsammlungen, das Staatsschauspiel und die Staatsoper Dresden[17] oder die Großherzogliche Kunsthalle Karlsruhe), wo starke bürgerliche Impulse geherrscht hatten, gründeten oder trugen Vereine, Stifter und Kommunen die Einrichtungen (etwa die Kunsthalle Bremen oder das Städel in Frankfurt am Main). Bestimmte Linien waren deutlich vorgezeichnet und führen bis heute zur erheblichen Bindung von Finanzmitteln für Kultur: "Höfe und Staatsregierungen, Kunstvereine, Mäzene und Kommunalpolitik haben im Laufe des 19. Jahrhunderts mit den Kunstmuseen eine kulturelle Institution geschaffen, die sich zu einer der meistbesuchten und wirkungsmächtigsten entwickelt und seither – gemeinsam mit den Theatern – im Zentrum der öffentlichen Kulturpolitik steht und mit diesen den größten Anteil am Kulturhaushalt haben."[18]

Die sich herausbildende öffentliche Fürsorge für Kultur agierte also strikt im Fahrwasser der Ursprünge, und damit hatte sie rein finanziell große Aufgaben zu bewältigen. Etliche Kulturpolitikforscherinnen und -forscher sehen hierin schon lange eine "Aufbürdung" von Lasten für Staat und Kommunen, "die sie auf Dauer kaum würden tragen können."[19] Und in der Tat ist vielerorts immer wieder die Rede von notwendigen Strukturreformen im Kulturbereich, der Suche nach alternativen Finanzierungsquellen und -partnerschaften. Schließlich wird der Blick gern auf die USA gerichtet, wo private Finanziers proportional den in Deutschland staatlichen Anteil der Kulturfinanzierung stemmen.

Kulturförderung in der jungen Demokratie hieß zunächst, öffentliche Finanzmittel in vertraute Formate und Institutionen zu geben, diese zu unterhalten und nur in Maßen zu modernisieren. Es entstand eine breite marktbefreite Zone öffentlicher kultureller Fürsorge im Sinne des Subventionsrechts. Das damit verbundene Kulturverständnis allerdings wurde spätestens mit der "Kulturrevolution" von 1968[20] als affirmativ gebrandmarkt: Es bejahe und bestätige Kultur als ein Reich des schönen Scheins und hebe es von herrschenden gesellschaftlichen Widersprüchen ab.[21] Kultur müsse aber Widersprüche aufgreifen, verhandeln und für Zuwachs offen sein, inhaltlich wie institutionell. Zudem stand der Rezipient als Kulturbürger antiquierter bürgerlicher Prägung für eine Verengung kultureller Wirkungsansprüche.

Fußnoten

1.
Vgl. Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1989, S. 165.
2.
Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Frankfurt/M. 1974, S. 103f.
3.
Vgl. Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, Frankfurt/M. 1996.
4.
Wolfgang J. Mommsen, Bürgerliche Kultur und politische Ordnung. Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle in der deutschen Geschichte 1830–1933, Frankfurt/M. 20022, S. 59.
5.
Vgl. H. Plessner (Anm. 2), S. 41.
6.
Vgl. Peter Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, Frankfurt/M. 1993, S. 79ff.
7.
Einigungsvertrag vom 31. August 1990 (BGBl. 1990 II S. 889), Art. 35, zit. nach http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/einigvtr/gesamt.pdf« (6.4.2016); vgl. auch Angela Merkel, Kultur und Nation, in: Norbert Lammert (Hrsg.), Alles nur Theater? Beiträge zur Debatte über Kulturstaat und Bürgergesellschaft, Köln 2004, S. 26–35; zu den Turbulenzen der "kulturellen Substanz" im Einigungsprozess vgl. Norbert Sievers/Patrick S. Föhl/Tobias J. Knoblich (Hrsg.), Jahrbuch für Kulturpolitik 2015/16: Kulturpolitik als Transformationspolitik, Bielefeld 2016 (i.E.).
8.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Kultur in Deutschland. Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, Regensburg 2008, S. 51 (Präambel): "Die Bundesrepublik Deutschland versteht sich als Kulturnation und Kulturstaat. Dies drückt sich in der Kulturverantwortung der Kommunen, den Verfassungen der Länder und der Praxis des Bundes in seinem Kompetenzbereich aus."
9.
Vgl. etwa Max Fuchs, Leitformeln und Slogans in der Kulturpolitik, Wiesbaden 2011, S. 99ff.; Kaspar Maase, Volkspartei und Klassenkultur. Grundlagen, Konzeptionen und Perspektiven der SPD-Kulturpolitik seit Mitte der fünfziger Jahre, München 1974, S. 53ff.; zu historischen Herleitungen vgl. Otmar Jung, Zum Kulturstaatsbegriff. Johann Gottlieb Fichte, Verfassung des Freistaats Bayern, Godesberger Grundsatzprogramm der SPD, Meisenheim 1976.
10.
Vgl. G. Bollenbeck (Anm. 3), S. 61f.
11.
Vgl. Oliver Scheytt, Kulturstaat Deutschland. Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik, Bielefeld 2008.
12.
Das Gesetz über die Kulturräume in Sachsen ist das bundesweit weitgehendste, mit dem das Land fast 100 Millionen Euro Kulturfördermittel jährlich in die Regionen gibt. In NRW gibt es seit Kurzem ein Kulturfördergesetz, Musikschulgesetze etwa existieren in Brandenburg und Sachsen-Anhalt.
13.
Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hrsg.), Kulturfinanzbericht 2014, Wiesbaden 2015.
14.
Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 95.
15.
Vgl. Theodor Heuß, Kräfte und Grenzen einer Kulturpolitik, Tübingen–Stuttgart 1951.
16.
Jost Hermand, Kultur im Wiederaufbau. Die Bundesrepublik Deutschland 1945 bis 1965, München 1986, S. 127.
17.
Die Geschichte der DDR bildet ein eigenes zeitgeschichtliches Feld der Kulturförderung, muss hier aus Platzgründen aber vernachlässigt werden. Das Beispiel Dresden zeigt jedoch, dass nach der deutschen Wiedervereinigung die beschriebenen Mechanismen im Beitrittsgebiet ebenfalls griffen.
18.
Bernd Wagner, Fürstenhof und Bürgergesellschaft. Zur Entstehung, Entwicklung und Legitimation von Kulturpolitik, Essen 2009, S. 387.
19.
Werner Heinrichs, Kulturpolitik und Kulturfinanzierung. Strategien und Modelle für eine politische Neuorientierung der Kulturfinanzierung, München 1997, S. 22.
20.
Vgl. Detlef Siegfried, Sound der Revolte. Studien zur Kulturrevolution um 1968, München 2008.
21.
Vgl. Herbert Marcuse, Über den affirmativen Charakter der Kultur, in: ders., Kultur und Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt/M. 1965.
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Autor: Tobias J. Knoblich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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