Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015

13.5.2016 | Von:
Jens Adam

Zwischen Selbstdarstellung und "Arbeit an der Weltvernunft": Wohin treibt die deutsche Auswärtige Kulturpolitik?

Innerhalb des Auswärtigen Amtes wird die Auswärtige Kulturpolitik – neben politischer Diplomatie und den Außenwirtschaftsbeziehungen – häufig als "Dritte Säule"[1] der deutschen Außenpolitik bezeichnet. So lässt sich durch die Geschichte der Bundesrepublik nachzeichnen, dass die staatliche Förderung der wissenschaftlichen und kulturellen Außenbeziehungen immer auch als Beitrag zur Unterstützung jeweils zentraler politischer Zielsetzungen auf internationalen Bühnen betrachtet wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es etwa das grundlegende Anliegen außenpolitischer Eliten, die junge Bundesrepublik als einen vertrauenswürdigen und konstruktiven Partner zu positionieren und somit auch sukzessive die Handlungsspielräume zur Gestaltung bilateraler Beziehungen und multilateraler Zusammenarbeit zu vergrößern.[2] "Kultur" erschien vor diesem Hintergrund als ein geeigneter Modus, um durch die Mobilisierung von Bildern einer demokratischen, weltoffenen und zivilisierten Gesellschaft das "Ansehen Deutschlands wiederherzustellen" sowie "die Wiedereingliederung des deutschen Volkes in die internationale Gemeinschaft" zu unterstützen.[3] Formate zur kulturellen Selbstdarstellung, die Förderung der deutschen Sprache im Ausland sowie zunehmend die internationale Vernetzung deutscher Kulturschaffender und Wissenschaftler rückten in den Mittelpunkt des Politikbereichs. Elementare außenpolitische Zielsetzungen – wie etwa die Westbindung oder die europäische Integration – spiegelten sich auch in der Verteilung von Ressourcen und dem Aufbau einer kulturpolitischen Infrastruktur wider: So setzte der wichtigste deutsche Kulturmittler, das Goethe-Institut, insbesondere in den ersten Jahrzehnten des Kalten Krieges klare Schwerpunkte im westlichen Europa.

Für die Diskussion des konzeptionellen Anspruchs und der praktischen Umsetzung Auswärtiger Kulturpolitik, aber auch für das Verständnis aktueller Entwicklungen, ist die Beleuchtung zweier Dimensionen grundlegend: einerseits die Beziehung zwischen "Kultur" und "Politik" als den beiden bereits im Namen aufgerufenen Grundbegriffen; andererseits das Verhältnis zwischen Infrastrukturen, Ressourcen und Zielsetzungen als den zentralen Rahmenbedingungen.

Kultur und Politik

Die Beziehung zwischen "Kultur" und "Politik" ist in offiziellen Erklärungen zur Auswärtigen Kulturpolitik von einer gewissen Ambivalenz geprägt: Zum einen ist unbestritten, dass öffentliche Gelder aufgewendet werden, um politisch formulierte Zielhorizonte durch kulturelle Formate zu unterstützen; zum anderen wird durchgängig an dem Ideal einer "Kultur" festgehalten, die sich frei von politischen Interessen und Vorgaben entfalten soll. Diese vorgebliche Freiheit wird häufig als die Grundlage und der eigentliche Mehrwert von "Kultur" in internationalen Beziehungen oder sogar als besonderes Merkmal einer deutschen Auswärtigen Kulturpolitik betrachtet. In einer seither häufig zitierten offiziellen Formulierung aus den 1970er Jahren wird diese Idealvorstellung wie folgt beschrieben: "Diese Orientierung der auswärtigen Kulturpolitik an den außenpolitischen Zielen darf nicht als Absicht der Bundesregierung mißverstanden werden, sie wolle die Kultur zur ‚Magd‘ des Politischen oder gar ihrer Außenpolitik machen."[4] Auch in zeitgenössischen Äußerungen knüpfen politische Entscheidungsträger oder Repräsentanten der großen deutschen Kulturmittler an ein solches Verständnis an. So spricht etwa Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier von "Kultur" als dem "vorpolitischen Freiraum, in dem gesellschaftliche Themen gezeigt, erzählt, in Bilder und Töne gefasst werden".[5]

In der zeitgenössischen kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung wurde vielfach betont, wie eng kulturelle Dynamiken, Praxen und Produktionsweisen mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Machtkonstellationen sowie nicht zuletzt mit den Prioritäten jeweiliger Förderpolitiken verbunden sind.[6] Vor diesem Hintergrund mag man der Vorstellung einer "Kultur", die sich frei von politischen Vorgaben und staatlichen Interessen entfaltet, mit einer gewissen Skepsis begegnen. Dies gilt insbesondere auch für eine grenzüberschreitende kulturelle Arbeit, die es ohne die kontinuierliche Unterstützung durch staatliche Gelder in dieser Form schlichtweg nicht gäbe. Darüber hinaus hat sich auch die Auswärtige Kulturpolitik spätestens seit den 1970er Jahren von der Dominanz eines ästhetischen Kulturbegriffs gelöst: Kategorien und Fragestellungen gesellschaftspolitischer Debatten, alltagskulturelle Phänomene, Lebensstile oder die sich ausdifferenzierenden Unternehmungen der "Sinnsuche" innerhalb spätmoderner Gesellschaften werden hier ebenso aufgegriffen und bearbeitet wie in anderen kulturpolitischen Arbeitsgebieten innerhalb Deutschlands.

Aus einer distanzierteren Perspektive erscheinen "Kultur" und "Politik" innerhalb der Auswärtigen Kulturpolitik entsprechend enger miteinander verwoben, als es ihre Protagonistinnen und Protagonisten in der Regel anerkennen. Im Rahmen dieses Textes wird deutlich werden, dass kulturelle Formate, Programme und Arbeitsweisen durchaus durch politische Leitlinien prä-konfiguriert werden, allerdings ohne ihnen komplett untergeordnet zu sein. Ein wesentliches Element dieser verwobenen Beziehung stellen institutionelle Arrangements dar, die einerseits kulturpolitische Zielsetzungen und kulturelle Praxis verbinden, andererseits direkte politische Einflussnahmen in den Arbeitsalltag deutscher Kulturmittler abfedern.

Fußnoten

1.
So eine viel zitierte Formulierung von Willy Brandt.
2.
Vgl. Kurt-Jürgen Maaß, Überblick: Ziele und Instrumente der Auswärtigen Kulturpolitik, in: ders. (Hrsg.), Kultur und Außenpolitik. Handbuch für Studium und Praxis, Baden-Baden 20092, S. 25–32; Kurt Düwell, Zwischen Propaganda und Friedensarbeit – 100 Jahre Geschichte der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik, in: ebd., S. 61–111.
3.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), Bericht der Enquete-Kommission "Auswärtige Kulturpolitik" gemäß Beschluß des Deutschen Bundestages. Drucksache 7/215, Bonn 1975, S. 10.
4.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), Stellungnahme der Bundesregierung zu dem Bericht der Enquete-Kommission "Auswärtige Kulturpolitik" des Deutschen Bundestages. Drucksache 8/927, Bonn 1977, S. 5.
5.
Auswärtiges Amt (AA), 19. Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, Berlin 2016, S. 3.
6.
Siehe exemplarisch Glen Jordan/Chris Weedon, Cultural Politics: Class, Gender, Race and the Postmodern World, Oxford 1995.
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Autor: Jens Adam für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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