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13.5.2016 | Von:
Jens Adam

Zwischen Selbstdarstellung und "Arbeit an der Weltvernunft": Wohin treibt die deutsche Auswärtige Kulturpolitik?

Blackbox "Dialog"

Es stellt sich die Frage, ob die Formulierung universaler Zielhorizonte auch zu konkreten Veränderungen führt – etwa in der Ausgestaltung der kulturpolitischen Infrastruktur, bei der Vergabe der finanziellen Ressourcen oder auch bei der Entwicklung von Projektformaten. Hierzu vier Beobachtungen:

Erstens fällt auf, dass weitgehend gleichbleibende Handlungsfelder und Zielvorstellungen anderen Oberbegriffen zugeordnet und somit neu gerahmt werden: Die altbekannte "Förderung von Deutsch als Fremdsprache" findet nunmehr als Beitrag zu einer "Koproduktion von Wissen und Kultur" und der Förderung von "Bildungsbiografien" Erwähnung; der seit Jahrzehnten gewachsene Bereich "internationaler Jugendaustausch" wird neuerdings als Möglichkeit zum Erlernen des aktuell durch den Bundesaußenminister häufig zitierten "sechs-Augen-Prinzips" vorgestellt, das die Entwicklung eines "eigenen Standpunktes", die Erfahrung "fremder" Perspektiven und die Suche nach Gemeinsamkeiten miteinander verknüpfen soll; die eigentlich durch die Realitäten inzwischen weitgehend hinfällig gewordene "Förderung der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa" erhält als Ausdruck einer "Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft" eine neue Aufmerksamkeit; und die Kommunikation eines "Deutschlandbildes im Ausland" bleibt als kulturpolitischer Schwerpunkt unhinterfragt.

Zweitens kann die Korrespondenz zwischen dem selbst gesetzten Projekt einer "Arbeit an der Weltvernunft" und der aktuellen Rolle Deutschlands auf europäischer und globaler Bühne, etwa im Rahmen der Eurokrise oder im Umgang mit Flucht und Migration, kritisch betrachtet werden. Lassen sich die Bilder von kreativen Begegnungen, zufriedenen Jugendlichen oder kosmopolitischen Kulturschaffenden in ästhetisierten urbanen Kontexten, die der Politikbereich über Hochglanzbroschüren und öffentliche Veranstaltungen transportiert, nicht auch als Feigenblätter für eine deutsche und europäische Politik lesen, die immer routinierter Zugänge verweigert und globale Ungleichheiten reproduziert? Misst man die Auswärtige Kulturpolitik an den selbst gesetzten Maßstäben universaler Zielhorizonte,[16] so bleiben eine Vielzahl solcher Reibungen, Inkonsistenzen und Leerstellen zu konstatieren, die sich positiv formuliert auch als Potenziale für ihre zukünftige Entwicklung betrachten ließen.

Drittens stehen im Zentrum der "Arbeit an der Weltvernunft" offenbar weiterhin die deutschen Mittler, die ihre Gestalt und ihr Renommee unter dem ursprünglichen Leitmotiv der kulturellen Selbstdarstellung gewonnen haben. Die bleibende Bedeutung der Ziele "Herstellung von Deutschlandbezügen" und "Vermittlung eines zeitgenössischen Deutschlandbildes" demonstriert etwa das Goethe-Institut bereits durch seinen aktuellen Wahlspruch "Sprache. Kultur. Deutschland". Die etablierten Institutionen der deutschen kulturpolitischen Infrastruktur werden durch den Außenminister nunmehr aber als "Knotenpunkte" vorgestellt, in denen eine "Koproduktion von Bildung, Wissen und Kultur" und somit "die gemeinsame Arbeit an der Weltvernunft"[17] konkret vonstattengeht. An solche Äußerungen schließt sich die Frage an, ob die Formulierung neuer, explizit universal ausgerichteter Zielvorstellungen nicht sehr viel stärker durch ein umfassendes Nachdenken begleitet sein sollte, in welchem Umfang eine gewachsene, ursprünglich an nationalstaatlichen Interessen ausgerichtete kulturpolitische Infrastruktur zu deren Umsetzung geeignet ist.

Viertens [18] erscheint ein Interesse an der Qualität, den praktischen Rahmenbedingungen und dem konkreten Verlauf der Dialogprozesse im Politikbereich bisher eher gering ausgeprägt. Zwar wenden sich beispielsweise Goethe-Institute in instabileren Weltregionen inzwischen fraglos mit einer bewundernswerten Energie und innovativen Formaten gesellschaftspolitischen Fragestellungen, umstrittenen Kategorien und somit auch "Konflikten" zu. Dennoch bleiben die Begegnungen in weiten Strecken asymmetrisch und somit von dem Ideal eines "Dialogs auf Augenhöhe" weit entfernt: So sind die Projekte weiterhin durch die "Herstellung von Deutschlandbezügen" präkonfiguriert, anstatt etwa lokale Bedürfnisse tatsächlich als primären Ausgangspunkt zu nehmen. Eine Orientierung an deutschen kulturpolitischen Interessen wird durch grundlegende Hierarchien innerhalb der Goethe-Institute selbst unterstützt. Denn hier arbeitet ein entsandtes deutsches Leitungspersonal mit deutlich höheren Gehältern, Karrierechancen und Entscheidungsbefugnissen mit lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, die auf die Rolle nachgeordneter "Ortskräfte" festgelegt sind – wobei deren Kenntnisse der lokalen Sprachen, Gegebenheiten, Diskussionen und Ansprechpartner für den Erfolg der Programme erklärtermaßen unverzichtbar sind. Aber auch die Beziehungen zu den lokalen Kooperationspartnern sind von vielfältigen Asymmetrien durchzogen: Hierbei treffen häufig die prekären Arbeitsbedingungen und existenziellen Unsicherheiten lokaler Kulturschaffender in Krisenregionen mit dem abgesicherten Status entsandter deutscher Kulturmittler aufeinander. In der Regel entscheiden die Institutsleiter dabei alleine über die Verteilung von Programmgeldern und bestimmen hierdurch maßgeblich über den Charakter und die Dauer einer Kooperation. Ebenso dominieren in der Programmarbeit Formate, in denen bezahlte deutsche Gäste, Expertinnen oder Workshopleiter lokalen Teilnehmenden begegnen. Hiermit verbunden zeigt sich weiterhin ein großes Ungleichgewicht in den Fließmustern des Wissens und kulturellen Produktionen: In einem weitaus größeren Ausmaß werden Künstler, kulturelle Positionen und Güter aus Deutschland in die Zielregionen mobilisiert denn umgekehrt. Der Schlüsselbegriff "Dialog" erscheint vor diesem Hintergrund als eine Blackbox, deren Bedeutung gewissermaßen vorausgesetzt wird, ohne dass ihre innere Struktur, Funktionsweise und Ambivalenz hinreichend untersucht und im Hinblick auf die öffentlich formulierten Zielsetzungen diskutiert würden.

Ausblick

Der Historiker und postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe hat kürzlich daran erinnert, dass wir auch nach Ende des Kolonialismus weiterhin "in einer hierarchisch geordneten Welt" leben, "in der die Idee einer gemeinsamen conditio humana zwar Gegenstand frommer Erklärungen, aber weit entfernt von jeder praktischen Umsetzung" ist.[19] Mit Sorge beobachtet er die Ausdehnung neuer "imperialer Praktiken" der ökonomischen Ausbeutung, der "Militarisierung von Grenzen", der "Zerstückelung der Territorien", der "transnationalen Vernetzung der Repression" oder der widersprüchlichen Machteffekte einer "Vielzahl fragmentierter Autoritäten", gerade in den Krisenregionen und Konfliktzonen dieser Erde. Aus der Perspektive des globalen Südens ist auch Deutschland an solchen Entwicklungen beteiligt, verfügt aber zugleich über größere Potenziale, zu einer gerechteren und nachhaltigeren Weltordnung beizutragen.

Vor diesem Hintergrund ist es fraglos positiv zu bewerten, dass sich aktuelle Zielformulierungen Auswärtiger Kulturpolitik explizit solchen Rahmenbedingungen und Problemlagen zuwenden. Zugleich gilt es kritisch festzuhalten, dass es jenseits der diskursiven Oberflächen bisher meist bei zaghaften ersten Schritten bleibt. Der Paradigmenwechsel von einer Kulturpolitik, die sich primär an nationalstaatlichen Interessen orientiert zu einer Kulturpolitik, die sich auf universale Zielhorizonte ausrichtet, ist bisher in der Infrastruktur und in der Verteilung von Ressourcen nicht vollzogen worden. Postkoloniale Kritikerinnen und Kritiker verdeutlichen auch, dass die Formulierung "Dialog" nur dann wirklich glaubhaft wird, wenn sie mit der Suche nach Positionen und Mechanismen zur Herstellung von Gleichwertigkeit in einer hierarchischen Welt verbunden wird. Eine umfassende Diskussion über Veränderungen in den infrastrukturelle Arrangements und den Vergabelogiken der materiellen Ressourcen, die einer solchen Zielvorstellung dienen würden, könnte der nächste Schritt für eine Kulturpolitik sein, die sich der "Arbeit an der Weltvernunft" verschreibt.

Fußnoten

16.
Siehe Stefan Wellgraf, Das Ende der Hauptschule in Berlin. Zur ideologischen Dimension von Bildungsmythen, in: Jens Adam/Asta Vonderau, Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder, Bielefeld 2014, S. 35–65, hier: S. 62.
17.
So etwa AA (Anm. 15).
18.
Vgl. hier und im Folgenden Jens Adam, Kontaktzonen des Nationalen. Auswärtige Kulturpolitik als Konfliktprävention. Eine Ethnografie, Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin 2015.
19.
Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Frankfurt/M. 2014, S. 294; die folgenden Zitate: ebd., S. 18f.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jens Adam für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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