Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015

13.5.2016 | Von:
Sabine Dengel

Kultur und politische Bildung

Politische Bildung beobachtet und thematisiert zwar die Makroebene des politischen Systems und seiner Feldbedingungen. In operationaler Hinsicht ist sie als pädagogische Disziplin aber subjektbezogen und auf die Einbeziehung der Lebensbedingungen der Menschen angelegt – nicht nur in ihrer Rolle als Bürgerinnen und Bürger. In dem Grad, in dem politische Bildung aufgehört hat, sich auf die Bereitstellung von Bildungsangeboten für den politikaffinen Teil des Bildungsbürgertums zu beschränken und der Wandel der Sphären des Öffentlichen und Privaten sie vor neue Herausforderungen stellt, ist es für die Disziplin nötig geworden, die orthodoxen Pfade zu ergänzen. So hat es sich mittlerweile eingespielt, dass politische Bildnerinnen und Bildner mit einer offen-neugierigen Haltung nach Inspiration suchen, wie sie den rasanten Veränderungen in Politik und Gesellschaft adäquat begegnen können. Dieser Frage wird innerhalb der Profession sehr unterschiedlich begegnet. Einer der eingeschlagenen Wege bezeichnet die eingehende Beschäftigung mit dem Phänomen der "Kultur" und dem Feld der kulturellen Bildung.

Kulturpolitik als Gegenstand

Kaum erklärungsbedürftig ist eine Auseinandersetzung politischer Bildung mit Kulturpolitik(en). Wie in Bezug auf andere Politikfelder vermittelt politische Bildung hier Faktenwissen, bildet kontroverse Diskussionen ab und ermöglicht Orientierung, Urteilsbildung und idealerweise sogar Handlungskompetenz. Kulturpolitik wird auf allen Politikebenen – in Kommunen, Ländern, auf Bundesebene und im Rahmen der Außenpolitik – und von vielfältigen Akteuren betrieben. Sie kann Interessenpolitik von Einzelnen, Trägern, Vereinen oder Kultureinrichtungen sein. Auf kommunaler und Landesebene ist sie meist Verteilungs- beziehungsweise Förderpolitik, die von einer entweder stärker "mäzenatischen" oder planvoll-strategischen Haltung geleitet sein kann. Auf Bundes- und internationaler Ebene kann sie neben repräsentativen auch ordnungspolitische Ziele verfolgen.[1]

Wie "Kultur" als Gegenstand gefasst wird, hängt von dem jeweils vertretenen Kulturbegriff ab. Für die politische Bildung ist der weite Kulturbegriff der Neuen Kulturpolitik seit den 1970er Jahren besonders interessant: Denn das Verständnis von Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik umschließt einen Gegenstandsbereich, der eine Auseinandersetzung mit sozialen Transformationsprozessen ermöglicht.[2] Der Kulturwissenschaftler Max Fuchs, der die Begriffsverwendungen der UNESCO untersucht hat, konstatiert, Kultur sei "dort der gesamte Komplex unterschiedlicher spiritueller, materieller, intellektueller und emotionaler Ausdrucksformen, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Sie schließt nicht nur die Künste und Literatur, sondern auch die Weisen des Lebens, die fundamentalen Menschenrechte, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen ein".[3] Fuchs erinnert daran, dass seit der Entdeckung der Individualität in der Renaissance die Eigenverantwortlichkeit des Individuums bei der Gestaltung seines Lebens kennzeichnend für die Gesellschaften des Westens ist. Sein Leben zu meistern sei so zu einer Bildungsaufgabe des Einzelnen geworden: "Kultur ist Lebensweise, Lebensweise ist eine Bildungsaufgabe, Kultur und Bildung hängen also aufs Engste zusammen."[4]

Angesichts der aktuell spürbaren intensiven Selbstsuche von Teilen der Gesellschaft wird es in Zukunft vermutlich dazu kommen, dass sich Kulturpolitik insbesondere auf der Ebene der Länder und Kommunen stärker Fragen der Lebensweisen zuwenden wird. Jüngst ist es im Bereich der kulturellen Bildung vermehrt zu ressortübergreifenden Kooperationen gekommen, um Fragen der Zugangsgerechtigkeit zu Kunst, Kultur und kultureller Bildung sowie der Integration zu bearbeiten.[5] Derzeit steht die Integration der Geflüchteten im Vordergrund, die nicht mehr nur als Versorgungsfrage, sondern auch als Frage nach den normativen Bedingungen des künftigen Zusammenlebens gedeutet wird.

Fußnoten

1.
So plädiert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Rahmen des Review-Prozesses der deutschen Außenpolitik dafür, "eine Kulturpolitik (zu) gestalten, die über die Repräsentation, die Darstellung unseres Landes hinausgeht, die Kooperation ermöglicht und die die gemeinsame Arbeit an der Weltvernunft, die Koproduktion von Bildung, Wissen und Kultur zu ihrem Schwerpunkt macht und dadurch auch die Trennung von Innen und Außen zu überwinden hilft.", Rede bei der Konferenz des Goethe-Instituts "Dialog und die Erfahrung des Anderen", 23.2.2015, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2015/150223-BM_Konf_GI.html« (18.4.2016). Zur Außenkulturpolitik siehe auch Jens Adams Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Siehe Kulturpolitische Gesellschaft, Grundsatzprogramm, September 2012, http://www.kupoge.de/dok/programm_kupoge.pdf« (18.4.2016).
3.
Vgl. Max Fuchs, Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung, in: APuZ, (2003) 12, S. 15–20.
4.
Ebd. Wenn sich politische Bildung mit dem Anliegen, demokratisches Bewusstsein zu festigen, als Angebot zu demokratischer Persönlichkeitsbildung versteht, findet sie hier einen Anknüpfungspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit den Lebensweisen, ohne bereits kulturelle Konflikte als Gegenstand bemühen zu müssen.
5.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt "Schule:Kultur!", das Niedersachsens Kultusministerium in Kooperation mit dem Landesministerium für Wissenschaft und Kultur und der Stiftung Mercator initiiert hat, das Schülerinnen und Schüler für kreatives Arbeiten und kulturelle Aktivitäten interessieren soll. Siehe http://www.mwk.niedersachsen.de/themen/kultur/kulturelle_jugendbildung/schulekultur/schulekultur-127886.html« (18.4.2016).
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Autor: Sabine Dengel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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