Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung
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3.6.2016 | Von:
Felix Wemheuer

Die westeuropäische Neue Linke und die chinesische Kulturrevolution

Im Zuge der globalen Unruhen um das Jahr 1968 entwickelte sich das kulturrevolutionäre China weltweit zum Bezugspunkt für linke Bewegungen. Der Einfluss erstreckte sich von der Studierendenbewegung Westeuropas über bäuerliche Guerillabewegungen der "dritten Welt" bis hin zum linksradikalen Flügel der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.[1] Was waren die Gründe dafür, dass das maoistische China zwischen Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre als Inspiration und Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Bewegungen dienen konnte? Im Folgenden werde ich den Einfluss der Kulturrevolution auf die Neue Linke in Westeuropa an den Beispielen Frankreichs, Italiens und der Bundesrepublik Deutschland in den Blick nehmen. Dabei werde ich auch die parallelen Entwicklungen in China aufzeigen und das Verhältnis der Neuen Linken zur Gewalt thematisieren.

Die damit verbundenen Fragen werden globalgeschichtlich im Zusammenhang mit den Revolutionszyklen analysiert, die die Weltordnung zwischen 1945 und den 1970er Jahren erschütterten. Insbesondere bei der "Chiffre 1968" handelt es sich um einen globalen Moment, in dem sich auf verschiedenen Kontinenten revolutionäre Bewegungen aufeinander bezogen und interagierten.[2] In der "dritten Welt" stand der Zyklus im engen Zusammenhang mit der Dekolonisierung, die 1945 in Asien begann und Ende der 1970er Jahre in Afrika endete. In Westeuropa wurde der soziale Frieden der Nachkriegsära ab 1967 durch Studierendenunruhen aufgekündigt, die in Frankreich und Italien von großen "wilden" Streikbewegungen in der Industrie begleitet wurden. In Polen und Ungarn hatten Streiks und Aufstände die öffentliche Ordnung schon 1956 erschüttert. 1968 folgten der "Prager Frühling" und Proteste in Jugoslawien. Während die Niederschlagung der Aufstände und Reformbewegungen in Osteuropa die Sowjetunion diskreditierten, verloren die USA durch den Vietnamkrieg (1964 bis 1975) in den Augen vieler Menschen den Anspruch auf die moralische Führung des Westens.

Die westliche Aufnahmebereitschaft für Ideen der chinesischen Kulturrevolution ist nur vor dem Hintergrund der weltpolitischen Konstellation des "Kalten Krieges" zu verstehen. Chinas Kampf gegen beide Supermächte, die USA und die Sowjetunion, durchbrach die Logik einer bipolaren Welt. Die Volksrepublik wurde als aufsteigendes Land der "dritten Welt" wahrgenommen, das "sich auf die eigene Kraft stützte", statt die Industrialisierung durch ausländische Kredite zu finanzieren. China selbst inszenierte sich als bester Freund des Befreiungskampfes der "farbigen" Völker[3] und propagierte einen ländlichen Entwicklungsweg, bei dem die Modernisierung nicht auf Kosten der Landbevölkerung gehen würde. Die Kulturrevolution erschien zudem als Versuch, durch eine Jugendrevolte gegen den Parteiapparat die kommunistische Revolution wieder zum Leben zu erwecken. Maos Kampagne wurde als Versuch einer neuen Form der Massendemokratie wahrgenommen, die vermeintlich die Ideale des jungen Karl Marx wieder in die Gegenwart holte.[4]

Frankreich und Italien: Kulturrevolution und linke Dissidenten

Besonders großen Einfluss hatte das maoistische China auf die sogenannte Neue Linke in den westlichen Metropolen. Sie grenzte sich von der "alten Linken", also den traditionellen Gewerkschaften sowie den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterparteien, ab. Ihre soziale Basis fand die Neue Linke hauptsächlich unter jungen Menschen, die in den letzten Kriegsjahren oder ersten Nachkriegsjahren zur Welt gekommen waren. Es stellten sich aber auch ältere linke Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre (Jahrgang 1905) oder Herbert Marcuse (Jahrgang 1898) auf ihre Seite.

Im französischen Dokumentarfilm "Rot ist die blaue Luft" ("Le fond de l’air est rouge", 1977) von Chris Marker wurde die These aufgestellt, dass die Idee der "Revolution der Revolution" das verbindende Element der kubanischen und chinesischen Revolution sowie der Neuen Linken im Westen gewesen sei. Den traditionellen kommunistischen Parteien falle keineswegs automatisch die Rolle der Avantgarde zu, sondern nur im revolutionären Kampf könne sich eine neue Avantgarde herausbilden, so der Tenor. Das "Primat der Praxis" sei wichtiger als das Warten auf vermeintlich objektiv reife Bedingungen für den Umsturz. Zur "Revolution der Revolution" gehörte auch die Vision einer grundsätzlichen Veränderung von Alltag, Bildung, der Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie Eltern und Kindern und des Kulturbetriebs. Die Inhalte der verschiedenen "Kulturrevolutionen" wurden jedoch unterschiedlich definiert: Während die "sexuelle Befreiung" und freudomarxistische Theorien im Weltbild der westlichen Neuen Linken fest verankert waren, gehört die Kulturrevolution in China bezogen auf Sexualität und Liebe zu den konservativsten Phasen in der jüngeren Geschichte des Landes.

Die beiden größten kommunistischen Parteien Westeuropas, jene Frankreichs (KPF) und Italiens (KPI), hatten schon lange ihren Frieden mit der Nachkriegsgesellschaft gemacht. Sie führten ihren Kampf bestenfalls für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen, nicht für einen revolutionären Umsturz. Die KPF erhielt bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1967 über 22 Prozent der Stimmen. Als während des "Pariser Mais" 1968 zuerst Studierende und dann junge Arbeiter zu Tausenden auf die Straße gingen, erklärte die Parteiführung die revolutionären Studierenden kurzerhand zu kleinbürgerlichen Spinnern und Träumern und versuchte gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft, den landesweiten Generalstreik in Forderungen nach höheren Löhnen zu kanalisieren. In Italien erhielt die KPI bei den Senatswahlen 1968 30 Prozent der Stimmen und strebte langfristig eine Regierungsbeteiligung an. In beiden Ländern bildeten sich linkskommunistische Dissidentenbewegungen heraus, die auch bei den Theorien der Kulturrevolution nach Anleihen suchten. In dieser Wahrnehmung war die Notwendigkeit einer Revolte der Jugendlichen gegen einen bürokratisch-verknöcherten und "revisionistischen Parteiapparat" die größte Parallele zu China.

Derweil wurde in Italien eine Gruppe namens "Il manifesto" wegen "Linksabweichung" aus der KPI ausgeschlossen. Ihre Mitglieder kritisierten die beschwichtigende Haltung der KPI während des "heißen Herbstes" 1969, dem Höhepunkt der Streik- und Protestbewegungen. Die Parlamentsabgeordnete Rossana Rossanda, die eine wichtige Rolle bei "Il manifesto" spielte, schrieb 1971: "In dem Augenblick, wo die Massen aufgerufen sind, nicht nur über die Partei zu urteilen, sondern sie zu bekämpfen, führt Mao das politische Subjekt wieder in die Gesellschaft ein. Er macht aus der Partei wieder ein ‚Instrument‘ des Proletariats, wodurch sie nicht mehr eine Wesenheit ist, die in gewisser Hinsicht außerhalb des Proletariats existiert."[5] Die Gruppe der Ausgeschlossenen begrüßte auch, dass Mao und die Rotgardisten die zentrale Bedeutung der Universität als Ort gesellschaftlicher Kämpfe erkannt hätten, um die Arbeitsteilung zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den Intellektuellen grundsätzlich infrage zu stellen.[6]

In Frankreich bezogen sich Philosophen wie Sartre, Louis Althusser und Alain Badiou sowie der Regisseur Jean-Luc Godard auf Theorien Maos und die Kulturrevolution, um den Marxismus der KPF und ihre reformistische Selbstbeschränkung zu kritisieren. Auch einfache Arbeiter und Studierende begannen sich als "Maos" zu bezeichnen und Gruppen zu bilden, die in Fabriken, Universitäten, Gefängnissen und sogar unter der Landbevölkerung aktiv wurden. Sartre betonte zwar, dass er selbst kein "Mao" sei, sympathisierte aber mit der Bewegung, die für revolutionäre Gewalt, Spontanität der Massen und Antiautoritarismus stehen würde: "Die Maos (…) mit ihrer antiautoritären Praxis erscheinen als einzige, noch unvollkommene revolutionäre Kraft, die in der Lage ist, sich im Stadium des organisierten Kapitalismus den neuen Formen des Klassenkampfes anzupassen."[7] Als das Verbot der maoistischen Zeitung "La Cause du Peuple" ("Die Sache des Volkes") drohte, solidarisierte sich Sartre, indem er die Herausgeberschaft übernahm und mit seiner Weggefährtin Simone de Beauvoir demonstrativ auf der Straße Ausgaben verteilte.

Großen Einfluss auf die positive Wahrnehmung der Kulturrevolution in Westeuropa hatten auch die Schriften des französischen Ökonomen Charles Bettelheim. Er sah die chinesischen Experimente mit Arbeiterbeteiligung in Fabriken als Chance, die kapitalistische Rationalität des Managements aufzuheben. Nur eine permanente politische Mobilisierung der Beschäftigten könne verhindern, dass sich unter dem Mantel des Staatseigentums dieselben Hierarchien und dieselbe Verwertungslogik reproduzieren würden wie im Kapitalismus. In ausführlichen Studien erklärte Bettelheim, dass sich in der Sowjetunion kapitalistische Rationalität durchgesetzt habe, weil die Partei dort das "Primat der Politik" sowie den Anspruch, die Massen zu beteiligen, schon in den 1930er Jahren aufgegeben habe.[8] Nach Maos Tod trat Bettelheim 1977 als Vorsitzender der Gesellschaft für Französisch-Chinesische Freundschaft zurück, aus Protest gegen eine Abkehr von der kulturrevolutionären Industrie- und Bildungspolitik unter dem neuen Parteiführer Hua Guofeng.

Die weitere Entwicklung in Frankreich und Italien verlief unterschiedlich. In Frankreich währte die Hochphase maoistischer Gruppen wie "Gauche Prolétarienne" ("Proletarische Linke") nur einige Jahre. Die Gruppe wurde vom Innenministerium verboten, und viele "Maos" wandten sich anderen sozialen Bewegungen zu. Der Philosoph und Soziologe Michel Foucault, der zeitweise mit der "Proletarischen Linken" sympathisiert hatte, konnte "Maos" für die Antigefängnisbewegung gewinnen, die einen großen Beitrag zur Reform des Haftsystems leistete. In Italien hingegen eskalierten in den 1970er Jahren die Auseinandersetzungen zwischen Staat und bewaffneten linken Organisationen wie den "Brigate Rosse" ("Rote Brigaden"), die zahlreiche Anschläge verübten.

Deutschland: Von "Spaß-Guerilla" zu K-Gruppen

In Westdeutschland hatte die Neue Linke ganz andere Ausgangsbedingungen als in Frankreich und Italien. Mit dem erneuten Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1956 war die revolutionäre Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit endgültig untergegangen. Im antikommunistischen Klima der Nachkriegszeit und in den ständigen Auseinandersetzungen mit der DDR waren radikale linke Kräfte vor 1967 marginalisiert, auch im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Zwar ließ die Bundesregierung 1968 die Gründung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zu, diese wurde aber wegen ihrer Treue zu Ost-Berlin und Moskau von vielen Aktivisten der Neuen Linken abgelehnt. Keiner der bekannten Theoretiker wie Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer ließ sich für China begeistern. Der radikalen westdeutschen Linke fehlte es generell an "organischen Intellektuellen" vom Schlage Sartres, de Beauvoirs, Foucaults oder Rossandas.

Die Auseinandersetzung mit dem maoistischen China in Westdeutschland lässt sich in zwei Phasen einteilen: eine antiautoritäre und eine des Parteiaufbaus. Zwischen 1966 und 1968 hatte der Bezug auf die Kulturrevolution innerhalb der Studierendenbewegung oft spaßhaften und provozierenden Charakter wie in Aktionen der "Kommune I" oder im Kurzfilm "Die Worte des Vorsitzenden" von Harun Farocki (1967). In linken und linksliberalen Medien entwickelte sich ein radical chic um Mao.[9] Zu diesem Zeitpunkt entdeckten das "Kursbuch", eine wichtige linke Theorie-Zeitschrift, und Autoren wie Joachim Schickel Mao als großen Philosophen und Dichter-Politiker. Die Kulturrevolution wurde als "konkrete Utopie" und Gegenmodell zur entfremdeten westlichen Konsumgesellschaft gesehen.[10]

1968/69 wurden marxistisch-leninistische Strömungen innerhalb der Studierendenbewegung stärker, die sich an Chinas Außenpolitik orientierten und die Theorien Maos ernst nahmen. Das "Ende der antiautoritären Phase" wurde verkündet. Viele hielten die Studierendenbewegung für gescheitert. Die Marxisten-Leninisten erklärten, dass eine neue revolutionäre Kaderpartei in Westdeutschland aufgebaut werden müsse. Da die Sowjetunion und DDR als "revisionistisch" und bürokratisch verknöchert wahrgenommen wurden, galt das maoistische China als wichtigster Bezugspunkt der Gegenwart. Die "wilden" Septemberstreiks 1969 weckten Hoffnung, dass Arbeiter wieder revolutionäre Subjekte sein könnten. Im maoistischen China wurden nun nicht mehr die antiautoritären Momente einer Studierendenrevolte gesucht, sondern ein Vorbild für eine erfolgreiche Revolution. Die Werke Lenins und Maos wurden als praktische Anleitung für den Parteiaufbau studiert.

Zum Jahreswechsel 1968/69 wurde die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (KPD/ML) gegründet. Weitere Gründungen anderer sogenannter K-Gruppen folgten, die sich entweder als Partei oder als Vorstufe dazu verstanden (das K stand dabei für "kommunistisch").[11] Die K-Gruppen konnten zwar nie bedeutsame Wahlergebnisse erzielen, falls sie überhaupt antraten. Es gelang ihnen aber, sich an Universitäten in Studierendenvertretungen und auch in einigen Großbetrieben in Betriebsräten zu etablieren. Mitte der 1970er Jahre schätzte der Verfassungsschutz den harten Kern der Mitglieder auf 15.000. Die Zahl der Menschen, die sich kurzfristig im Umfeld der K-Gruppen und ihrer zahlreichen Massenorganisationen bewegten, war jedoch um ein Vielfaches größer. Ab 1972 waren auch Mitglieder und Sympathisanten der K-Gruppen von Berufsverboten im öffentlichen Dienst betroffen. Ein Verbot der Organisationen selbst wurde in der Bundesregierung diskutiert, erfolgte aber nicht.

Die Kommunistische Partei/Aufbauorganisation (KPD/AO, KPD ab 1971) sowie der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) rekrutierten ihre Führung und Mitglieder vor allem aus der Studierendenbewegung. Sie orientierten sich sehr stark an der chinesischen Außenpolitik und machten bis 1979 fast alle Linienschwenks der KPCh (Kommunistische Partei Chinas) mit. KPD/AO und KBW verteidigten sogar noch den Machtantritt des Reformers Deng Xiaopings sowie den chinesischen Krieg gegen Vietnam 1979. Sie unterstützten die "Drei-Welten-Theorie" und forderten die Wiedervereinigung Deutschlands. Die KPCh erklärte mit dieser Theorie ab Mitte der 1970er Jahre die Sowjetunion zum Hauptfeind und verlangte, die "zweite Welt", Europa und Japan, gegen den "Sozialimperialismus" zu verteidigen.

Der Kommunistische Bund (KB) schätzte die Lage der Bundesrepublik wesentlich skeptischer ein als die anderen Organisationen und warnte vor einer "Faschisierung" von Staat und Gesellschaft. Er war besonders in der Antifa- und Antiatomkraftbewegung aktiv. Die Organisation zeigte sich grundsätzlich mit China solidarisch, kritisierte aber auch einzelne Maßnahmen wie den Empfang des CSU-Politikers Franz Josef Strauß 1975 durch die chinesische Regierung. Der KB lehnte die "Drei Welten-Theorie" der KPCh ab, da er nicht in der Sowjetunion, sondern in der "herrschenden Klasse" der Bundesrepublik ihren Hauptfeind sah. Nach dem Ende der Kulturrevolution erkannte der KB, dass der maoistische Flügel geschlagen war und wandte sich von der neuen KPCh-Führung ab.[12]

Die meisten K-Gruppen blieben in den 1980er Jahren zwar noch aktiv, China spielte aber keine große Rolle mehr. Die Gruppen lösten sich nach und nach auf oder verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Nicht wenige KB-Aktivisten schlossen sich den Grünen an. In der Öffentlichkeit war die Geschichte der K-Gruppen anschließend kaum mehr präsent, bis einige Ex-Aktivisten aus dem ML-Spektrum nach der Bundestagswahl 1998 in der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder in Ministerämter gelangten, etwa Jürgen Trittin und Ulla Schmidt.

Parallelen zur Entwicklung in China

Besonders erklärungsbedürftig scheint, dass sich viele antiautoritäre Aktivisten von 1968 nur einige Jahre später K-Gruppen anschlossen, die sich als straff geführte leninistische Kaderparteien verstanden. Trotz des offensichtlichen Bruches gab es auch Kontinuitäten wie das avantgardistische Politikverständnis, Verankerungen an Universitäten, Antiimperialismus, den starken Bezug auf die Bewegungen der "dritten Welt", ein kritisches Verhältnis zur DDR sowie der Glaube an die Möglichkeit einer Revolution. Oft wird argumentiert, dass China nur als Projektionsfläche diente und westliche Linke wenig über die wirklichen Ereignisse im "Reich der Mitte" wussten.

Die Informationen, die Anfang der 1970er Jahre in westlichen Sprachen zum kulturrevolutionären China zur Verfügung standen, waren in der Tat begrenzt. Nur wenige Freunde des maoistischen Chinas konnten überhaupt Chinesisch. Reisen in China waren nur im Rahmen von staatlich organisierten Delegationen oder unter Aufsicht möglich. Weitgehend unbekannt war zum Beispiel das Ausmaß der Hungersnot (1959 bis 1961) mit 15 bis 40 Millionen Toten.[13] Trotzdem ging der positive Bezug auf den Maoismus nicht nur auf Unkenntnis oder Missverständnisse zurück. Erstaunlich ist die parallele, wenn auch verspätete Entwicklung der chinesischen und westeuropäischen "Kulturrevolutionen".

Die kommunistischen Dissidenten Frankreichs und Italiens bezogen sich mit ein, zwei Jahren Verspätung vor allem auf die Frühphase der Kulturrevolution von Sommer 1966 bis Frühjahr 1967, als es in China ein starkes Element der Revolte von unten gab. Einigen promaoistischen Beobachtern war durchaus klar, dass Mao und seine Führungsgruppe dabei nicht infrage gestellt werden durften und der charismatische Führer die Revolte von unten erst legitimierte.[14] Während in China ab 1969 der Parteiapparat wieder restauriert wurde, verkündeten westdeutsche K-Gruppen das "Ende der antiautoritären Phase" und den Aufbau neuer marxistisch-leninistischer Parteien.

Im Sommer 1968 ließ Mao unter der Parole "Die Arbeiterklasse muss bei allem die Führung haben" die studentischen Rebellengruppen von Arbeiterpropagandatrupps auflösen. Viele westeuropäische Maoisten wandten sich kurze Zeit später ebenfalls den Arbeitern zu und gingen in die Betriebe. Auch wenn die Aktivisten wenig über die genauen Entwicklungen in China wussten, scheinen die K-Gruppen den Maoismus der frühen 1970er Jahre gar nicht so falsch verstanden zu haben, nämlich als autoritäres Projekt des (Wieder-)Aufbaus einer Kaderpartei.

Der Maoismus und die Kulturrevolution funktionierten als Bezugsrahmen für antiautoritäre Linke und stramme Leninisten auch wegen der Ambiguität von Mao selbst. Er war nach eigenen Angaben gleichzeitig Affe, also Rebell gegen die Ordnung, und Tiger, nämlich höchster Repräsentant der Partei.[15] Im Herbst 1966 verkündete er: "Rebellion ist gerechtfertigt". Als die Fraktionskämpfe eskalierten, wurden die leninistischen Aspekte in seinem Weltbild gestärkt, und ab 1968 betonte er wieder Disziplin sowie Unterordnung unter die Führung.

Rationalisierung von Gewalt

Auch wenn in westdeutschen Medien über Gewalttaten der Rotgardisten im Sommer 1966 berichtet wurde, so war das gesamte Ausmaß des Terrors der Kulturrevolution, besonders der Jahre 1968 und 1969, damals nicht bekannt. Selbst in China wussten nur wenige, dass zum Beispiel im August und September 1966 in Beijing über 1000 Menschen, darunter viele Lehrer, totgeschlagen wurden.[16] Eine neue Studie, die auf einer systematischen Auswertung aller Kreischroniken basiert, schätzt die Todesopfer der Kulturrevolution auf 1,1 bis 1,6 Millionen Menschen. Wobei der Hauptanteil weder auf das Konto der Roten Garden 1966, noch der bewaffneten Fraktionskämpfe 1967 ging. Die meisten Menschen wurden in der Phase von 1968 und 1969 getötet, als die Armee nach der Wiederherstellung der Ordnung "Säuberungskampagnen" von oben durchführte.[17]

Nun war es allerdings keineswegs so, dass die westlichen Neuen Linken überhaupt keine Meldungen von Gewalt aus China erreichten. Es gab aber ein tiefes Misstrauen gegenüber den etablierten Medien, besonders gegenüber der "Lügenpresse" des Axel-Springer-Konzerns, die im Kalten Krieg die Welt in Gut und Böse einteilte. Negative Meldungen über China konnten daher leicht als "bürgerliche Propaganda" abgetan werden. Das Pamphlet "China: Der deutschen Presse Märchenland" (1968) ist eine Collage von Günter Amendt mit negativen Meldungen über China. Der Autor erklärte die negative Berichterstattung mit rassistischer Angst des Establishments vor dem aufsteigenden Land, das als "gelbe Gefahr" wahrgenommen werde.[18] Erst als die Richtungskämpfe innerhalb der KPCh immer schwieriger zu erklären wurden, begann sich Kritik gegenüber der offiziellen chinesischen Version zu regen. Dennoch bezeichneten KPD/AO und KBW sogar die Meldungen über Gräueltaten der mit China verbündeten Roten Khmer in Kambodscha als antikommunistische Propaganda. Noch 1979 standen beide Organisationen fest auf der Seite Pol Pots gegen die vietnamesische Invasion in Kambodscha.[19]

Auch in der westlichen Neuen Linken war Maos Aussage bekannt, dass Revolution eben kein Deckchensticken sei, sondern ein gewaltsamer Akt zum Sturz einer Klasse durch eine andere. Mit ihrem starken Bezug zu den Befreiungskämpfen der "dritten Welt" hatte die Neue Linke schon früh eine Argumentation zur Legitimation revolutionärer Gewalt entwickelt: Da das System des (Neo-)Kolonialismus offensichtlich auf Gewalt beruhte und die französischen und US-amerikanischen Streitkräfte in Algerien und Vietnam schwere Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung begingen, konnte die Gewalt der Bewegung als legitime Gegengewalt zur Selbstverteidigung erscheinen.[20] Auch Sartre hatte in seiner Sympathieerklärung für die "Maos" konstatiert: "Ein Sozialist muss für die Gewalt sein, denn er steckt sich ein Ziel, das von der herrschenden Klasse schlichtweg abgelehnt wird".[21] Foucault und Benny Lévy diskutierten 1971 darüber, ob Kapitalisten und Reaktionäre besser durch Volksgerichte abgeurteilt werden sollten oder spontane Selbstjustiz der Massen besser sei.[22] Im Falle dieser Intellektuellen blieb es jedoch bei Gedankenspielen.

In Westdeutschland befürworteten alle K-Gruppen einen revolutionären Umsturz. "Roter Terror" sei allerdings erst gerechtfertigt, wenn man die Arbeiterklasse vom Sozialismus überzeugt habe, so der allgemeine Tenor. Anfangs präsentierte sich die RAF (Rote Armee Fraktion) als "Marxisten-Leninisten mit Knarren". In der frühen Erklärung "Das Konzept Stadtguerilla" (1971) reihte sich ein Mao-Zitat ans nächste, um den bewaffneten Kampf in der Bundesrepublik zu rechtfertigen. Allerdings blieben die Bezüge oberflächlich und richteten sich als Durchhalteparolen wohl eher an mögliche Sympathisanten aus dem ML-Spektrum.[23] Mao selbst hatte die Möglichkeit einer "Stadtguerilla" in westlichen Metropolen nie in Betracht gezogen. Die meisten K-Gruppen lehnten den "individuellen Terror" der "kleinbürgerlichen" RAF ab. Die KPD/ML sah hingegen den Anschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Heidelberg im Mai 1972 als revolutionäre Aktion, betonte aber, dass der Aufbau revolutionärer Streitkräfte nur unter Führung einer Kaderpartei erfolgen könne. Die Entführung des Passagierflugzeugs "Landshut" im Oktober 1977 verurteilte die KPD/ML dann scharf als "konterrevolutionär".[24] Insgesamt hatte die Eskalation der Gewalt während des deutschen Herbstes 1977 eine Schockwirkung auf die westliche Linke und auch das ML-Spektrum.

Schluss

Die kritische Auseinandersetzung mit den Ereignissen in China führte in den westlichen Bewegungen keineswegs zu einer Abwendung vom Maoismus. Nach Ende des globalen revolutionären Zyklus Ende der 1970er Jahre erschien eine Revolution in den westlichen Metropolen als Illusion. Die Bewegungen, die aus der Neuen Linken um 1968 hervorgegangen waren, zerbrachen an ihrer eigenen Erfolglosigkeit, zumindest gemessen an ihrem ehrgeizigen Ziel einer sozialistischen Revolution in Westeuropa.

1981 bezeichnete die neue chinesische Parteiführung die Kulturrevolution als "große Katastrophe für Partei und Volk". China gab Maos "permanente Revolution" auf und reintegrierte sich als "Werkbank der Welt" in die kapitalistische Weltordnung. Die Abwendung Chinas von der Revolution bewirkte bei vielen westlichen (Ex-)"Maos", sich mit dem Land nie wieder auseinanderzusetzen, anstatt das Scheitern ihrer Übertragung des Maoismus auf nicht-chinesische Verhältnisse kritisch zu reflektieren. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der globalen Auswirkungen der Kulturrevolution hat gerade erst begonnen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Alexander C. Cook (Hrsg.), Mao’s Little Red Book: A Global History, Cambridge 2014; Taj Robeson Frazier, The East is Black: Cold War China in the Black Radical Imagination, Durham NC 2014.
2.
Vgl. David Mayer/Jens Kastner (Hrsg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008.
3.
Vgl. Robin Kelley/Betsy Esch, Black Like Mao: Red China and Black Revolution, in: Souls, (1999) 4, S. 6–41.
4.
Vgl. Peter Kuntze, China: Die konkrete Utopie, München 1973.
5.
Rossana Rossanda, Der Marxismus von Mao Tse-tung, Berlin 1971, S. 30.
6.
Vgl. Il manifesto, Notwendigkeit des Kommunismus: Die Plattform von "il manifesto", Berlin 1971, S. 31.
7.
Jean-Paul Sartre, Der Westen wird rot: Die "Maos" in Frankreich: Gespräche und Reportagen, München 1973, S. 12.
8.
Vgl. Charles Bettelheim et al., China 1972: Ökonomie, Betrieb und Erziehung seit der Kulturrevolution, Berlin 1973, S. 53f.; ders., Fragen über China nach Mao Tse-tungs Tod, Berlin 1978.
9.
Vgl. Laura Diehl, Die Konjunktur der Mao-Images in der bundesdeutschen "68er"-Bewegung in: Sebastian Gehrig/Barbara Mittler/Felix Wemheuer (Hrsg.), Kulturrevolution als Vorbild? Maoisten im deutschsprachigen Raum, Frankfurt/M. 2008, S. 179–202.
10.
Vgl. Joachim Schickel, Große Mauer, große Methode. Annäherungen an China, Stuttgart 1968.
11.
Vgl. Michael Steffen, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971–1991, Diss., Universität Marburg 2002, http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2002/0060/pdf/dsm.pdf« (5.5.2016); Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Frankfurt/M. 2002; Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne: Die Lebenswelt der K-Gruppen in der BRD der 70er Jahre, Frankfurt/M. 2005; Jens Benicke, Von Adorno zu Mao: Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung, Freiburg/Br. 2008.
12.
Vgl. M. Steffen (Anm. 11), S. 94–97.
13.
Vgl. Felix Wemheuer/Kimberley Manning, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Eating Bitterness: New Perspectives on China’s Great Leap Forward and Famine, Vancouver 2011, S. 21f.
14.
Vgl. Edoarda Masi, Der Maoismus und die Europäische Linke, Berlin 1970, S. 27f.
15.
Vgl. Helmut Martin (Hrsg.), Mao Zedong Texte, Bd. VI, München 1982, S. 175f.
16.
Vgl. Wang Nianyi, Dadongluan de niandai (Das Jahrzehnt der großen Unruhen), Zhengzhou 2005, S. 57.
17.
Vgl. Andrew G. Walder, Rebellion and Repression in China, 1966–1971, in: Social Science History, 38 (2014) 4, S. 513–539.
18.
Vgl. Günter Amendt, China: Der deutschen Presse Märchenland, Frankfurt/M. 1968, S. 35.
19.
Vgl. Kommunistische Volkszeitung vom 22.1.1979; Jürgen Horlemann, Kampuchea 1979: Befreiung oder Aggression?, Köln 1979.
20.
Vgl. Felix Wemheuer (Hrsg.), Linke und Gewalt: Pazifismus, Tyrannenmord und Befreiungskampf, Wien 2014, S. 22–27.
21.
J.-P. Sartre (Anm. 7), S. 6.
22.
Vgl. Felix Wemheuer (Hrsg.), Maoismus: Ideengeschichte und revolutionärer Geist, Wien 2008, S. 41–58.
23.
Vgl. Sebastian Gehrig, "Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen": Linksterroristische Gruppen und die maoistische Ideologie in der BRD der 1960er und 1970er Jahre, in: ders./B. Mittler/F. Wemheuer (Anm. 9), S. 172ff.
24.
Vgl. Jens Benicke, "Von Heidelberg nach Mogadischu, ein Weg von der revolutionären bis zur konterrevolutionären Aktion": Das Verhältnis der bundesdeutschen K-Gruppen zur RAF am Beispiel der KPD/ML, in: S. Gehrig/B. Mittler/F. Wemheuer (Anm. 9), S. 133–152.
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