Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.
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Terrorismus – Merkmale, Formen und Abgrenzungsprobleme


10.6.2016
Des einen Freiheitskämpfer ist des anderen Terrorist" – mit dieser Aussage haben Kommentatoren unterschiedlichster Motivation und Richtung immer wieder die Angemessenheit der Rede von "Terrorismus" in Zweifel gezogen. Handelt es sich daher auch nur um ein politisches Schlagwort, das zur Diskreditierung von als unliebsam geltenden militanten Gruppierungen dient? Dieser Auffassung könnte man durchaus sein, gibt es doch genügend Belege für die Nutzung des Terminus als politischen Kampfbegriff. Gleichwohl spricht eine solche Einsicht nicht notwendigerweise gegen die Angemessenheit der Bezeichnung "Terrorismus". Denn es existiert kaum ein politischer Begriff, der nicht missbraucht wird. Ansonsten könnten wir auch nicht mehr von "Demokratie" oder "Freiheit", "Gerechtigkeit" oder "Widerstand" sprechen. Die folgenden Ausführungen leisten daher einen Beitrag zu einer differenzierten und trennscharfen Definition von "Terrorismus" und münden in der Präsentation einer Sammelbezeichnung als Vorschlag.[1]

Bereits ein Blick auf die Geschichte und Bedeutung des Begriffs ergibt dabei erste Hinweise für eine genauere Definition.[2] "Terrorismus" leitet sich von dem lateinischen terror ab, was "Furcht" oder "Schrecken" bedeutet. Dies bezieht sich also nicht auf die häufig als primäres Merkmal der terroristischen Tat angesehene Gewalthandlung, sondern auf deren psychische Wirkung. Nicht die besondere Brutalität, sondern der intensive Schrecken bildet den inhaltlichen Kern. Und in der Tat zeigen die späteren Betrachtungen über die Verwendung des Terrorismus als Kommunikationsstrategie, wie groß die Bedeutung dieses Aspektes ist, um die Besonderheiten des Terrorismus gegenüber anderen Formen der politisch motivierten Gewaltanwendung zu erfassen. Es geht insbesondere um die Folgen der Gewalttaten im gesellschaftlichen Kontext, nicht primär um die Handlungen als isoliertes Phänomen.

In einem politischen Sinne wurde die Bezeichnung erstmals breiter während der Französischen Revolution zur Kennzeichnung der Revolutionsregierung als "Regime des Terrors" genutzt.[3] Von diesem Verständnis unterscheidet sich die heutige Auffassung zum Begriff "Terrorismus" in zwei grundlegenden Aspekten: Zum einen handelte es sich damals um eine Selbstbezeichnung mit positivem Beiklang, sahen Maximilien de Robespierre und seine Anhänger doch im Terror ein Mittel, um die Tugenden der Revolution gesellschaftlich zu verankern. Und zum anderen richtete sich der damit gemeinte "Terror" nicht gegen eine Regierung oder einen Staat, sondern wurde von ebendiesem gegen Teile der Gesellschaft angewandt.

Um einer Differenzierung bei der Begriffsverwendung und der Vermeidung von Missverständnissen willen sollten daher auch die Bezeichnungen "Terror" und "Terrorismus" unterschieden werden: Erstere steht für ein Instrument staatlicher Repressionspolitik, etwa von totalitären Diktaturen. Im Unterschied dazu wäre "Terrorismus" ein Mittel, das nichtstaatliche Akteure zur Bekämpfung eines Staats nutzen. Während "Terror" demgemäß von "oben" ausgeht, geht "Terrorismus" von "unten" aus. In diesem Sinne bezeichnete man seit Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere Anarchisten und Sozialisten, Nationalisten und Separatisten, die mit Anschlägen und Attentaten ihre politischen Ziele umsetzen wollten, als Terroristen. Diese benannten demgegenüber ihre Handlungen als "Propaganda der Tat":[4] Das Ausmaß der Gewalttaten diente dazu, der Öffentlichkeit eine Botschaft zu ihrem Anliegen und ihrer Stärke zu vermitteln. Insofern lässt sich bereits in der Frühphase der Geschichte des Terrorismus – bis in die Gegenwart hinein – diese besondere Kommunikationsstrategie ausmachen.

Typische Eigenschaften, Mittel und Vorgehensweisen



Mit dem Verweis auf die Akteure aus der Gesellschaft als Anwender terroristischer Praktiken ist man aber nur einen ersten Schritt in Richtung einer trennscharfen Definition von "Terrorismus" gegangen; weitere typische Eigenschaften, Mittel und Vorgehensweisen müssen betrachtet werden. Dazu gehört zunächst die politische Motivation, verbunden mit der Absicht, ein bestimmtes System in Form einer staatlichen Ordnung zu überwinden beziehungsweise dessen Gewaltmonopol in bestimmten Kernbereichen massiv infrage zu stellen. Zwar gehen solche Absichten mitunter mit anderen Motiven einher, wozu etwa psychische Aspekte wie Abenteuerlust, Gewaltfaszination, Machtgier oder Selbstdarstellung gehören können.[5] Gleichwohl dominieren die politischen Absichten in Außendarstellung und Selbstverständnis. Als ein weiteres Merkmal für Terrorismus gilt die Einbettung politisch motivierter Gewaltanwendung in eine längerfristig angelegte Strategie. Eher spontan und unreflektiert begangene Taten gehören demnach nicht dazu.

Damit verbindet sich in der Regel auch eine bestimmte Organisationsstruktur terroristischer Gruppen, bedarf es doch bei entsprechendem Vorgehen der konspirativen und systematischen Planung. Dies bedingt zum einen das Bestehen einer verschworenen Gemeinschaft von Handlungswilligen, zum anderen die Herausbildung von funktionierenden Arbeitsstrukturen in der Gruppe. Zwar entstehen in der Illegalität keine bürokratischen Strukturen mit entsprechenden Zuständigkeiten, gleichwohl entwickeln sich durch die Arbeitsteilung und Personenkonstellation informelle Abhängigkeiten und Hierarchien. Sie führen zur emotionalen und kognitiven, persönlichen und politischen Unterwerfung unter die Gruppengemeinschaft, die noch durch die Isolierung von Außenkontakten gefördert wird. Und schließlich kann als weiteres besonderes Merkmal terroristischer Gruppen deren geringe quantitative Dimension gelten, handelt es sich doch überwiegend um kleinere Personenzusammenschlüsse von wenigen Aktivisten.

Die vorstehend genannten Besonderheiten finden sich auch in der folgenden Definition des US-amerikanischen Terrorismusforschers Bruce Hoffman: "Wir können (…) Terrorismus (…) als bewusste Erzeugung und Ausbeutung von Angst durch Gewalt oder die Drohung mit Gewalt zum Zweck der Erreichung politischer Veränderung definieren. (…) Der Terrorismus ist spezifisch darauf ausgerichtet, über die unmittelbaren Opfer oder Ziele des terroristischen Angriffs hinaus weitreichende psychologische Effekte zu erzielen. Er will innerhalb eines breiteren ‚Zielpublikums‘ Furcht erregen und dieses dadurch einschüchtern (…). Der Terrorismus zielt darauf ab, Macht zu schaffen, wo es keine gibt, oder Macht zu konsolidieren, wo es nur sehr wenig davon gibt. Durch die Publizität, die sie mit ihren Gewaltakten erzeugen, versuchen Terroristen die Druckmittel, den Einfluss und die Macht zu erlangen, über die sie ansonsten nicht verfügen würden, um entweder auf regionaler oder auf internationaler Ebene politischen Wandel zu bewirken."[6]

Ausdruck politischer Schwäche und Kommunikationsstrategie



Entgegen weitverbreiteter Annahmen stellt nicht allein das Ausmaß der durch entsprechende Anschläge getöteten Menschen oder zerstörten Sachwerte das Hauptziel terroristischen Handelns dar, es besteht vor allem in der auch von Hoffman erwähnten psychologischen Wirkung, in der Verbreitung von Furcht und Schrecken. Insofern stellen solche Taten im strategischen Kalkül lediglich den Beginn eines angestrebten längerfristigen Wegs dar. Er soll in der Abschaffung der bestehenden politischen Ordnung und deren Ersetzung durch ein neues politisches System enden. Als einen Schritt auf dem Weg dorthin sehen Terroristen ihre Taten an, die als Botschaften an die Bevölkerung, den Staat oder andere Adressaten gelten können. Damit soll beispielsweise eine lethargische Bevölkerung zum Widerstand motiviert oder der Staat zu Überreaktionen gegen die Gesellschaft genötigt werden.

Wenn somit dem Gewaltakt eine symbolische Funktion zugeschrieben und Terrorismus als Mittel der Kommunikation verstanden wird, so verbindet sich damit keine Verharmlosung entsprechender Taten. Entscheidend ist hier, die Funktion von Gewalt im terroristischen Kalkül zu benennen, also als Bestandteil einer politischen Strategie. So bemerkte der Soziologe Peter Waldmann: "Dem Terroristen geht es nicht um den eigentlichen Zerstörungseffekt seiner Aktionen. Diese sind nur ein Mittel, eine Art Signal, um einer Vielzahl von Menschen etwas mitzuteilen. Terrorismus, das gilt es festzuhalten, ist primär eine Kommunikationsstrategie."[7] Etwas differenzierter wäre zu bemerken, dass Terrorismus nicht nur, aber auch eine Kommunikationsstrategie ist. Der von der jeweiligen Tat ausgehende Schrecken – und hierfür können mitunter hohe Zahlen von Todesopfern von Bedeutung sein – soll in besonderem Maße auf emotionaler wie rationaler Ebene Aufmerksamkeit für das politische Anliegen der terroristischen Organisationen auslösen.

Damit deutet sich indirekt auch ein weiterer typischer Aspekt an, der sich auf die politische Schwäche von derart handelnden Gruppen bezieht. Terroristen ist durchaus bewusst, dass sie mit ihren Anschlägen allein das bekämpfte politische System nicht stürzen können. Insofern stehen solche Handlungen auch für Isolation und Schwäche, würde man doch ansonsten einen Guerillakrieg führen oder eine Revolution auslösen. Auch erfolgt das Aufkommen terroristischer Gruppen nicht selten aus ähnlich ausgerichteten politischen Bewegungen heraus. Dies können die beiden folgenden Beispiele veranschaulichen: Das terroristische Kalkül des islamistischen terroristischen Netzwerkes Al-Qaida fand erst größere Akzeptanz und Bedeutung, nachdem nichtterroristische Strategien zur Machteroberung wie Aufstände, Staatsstreiche oder Wahlbeteiligungen gescheitert waren. Und der Linksterrorismus im Westeuropa der 1970er Jahre entstand nach dem Zusammenbruch der sich als sozialrevolutionär verstehenden "Achtundsechziger"-Bewegung.[8]


Fußnoten

1.
Die Darstellung und Erörterung erfolgt aus politikwissenschaftlicher Sicht. Eine Auseinandersetzung mit dem behördlichen oder juristischen Verständnis im In- und Ausland würde den Rahmen des Beitrags sprengen.
2.
Vgl. zur Begriffsgeschichte Rudolf Walter, Terror und Terrorismus. Eine begriffs- und sozialgeschichtliche Skizze, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 64–77.
3.
Vgl. u.a. Rolf Reichhardt, Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur, Frankfurt/M. 2002; Johannes Willms, Tugend und Terror. Geschichte der Französischen Revolution, München 2014.
4.
Vgl. u.a. Richard Bach Jensen, The Pre-1914 Anarchist "Lone Wolf" Terrorist and Governmental Responses, in: Terrorism and Political Violence, 26 (2014) 1, S. 86–94; Walter Laqueur, Terrorismus, Kronsberg/Ts. 1977, S. 22–77.
5.
Darauf stellt insbesondere Louise Richardson, Was Terroristen wollen. Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können, Frankfurt/M. 2007, ab.
6.
Bruce Hoffman, Terrorismus, der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt/M. 2006, S. 80.
7.
Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 12f.
8.
Vgl. u.a. Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München 2002; Alexander Straßner (Hrsg.), Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008.
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Autor: Armin Pfahl-Traughber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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