Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.
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Terror oder Terrorismus? Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer und nichtstaatlicher Gewalt


10.6.2016
Die zentrale Rolle von Gewalt für Expansion, Machtanspruch und Machterhalt des selbsternannten "Islamischen Staats" zu erkennen, bedarf keiner eingehenderen Analyse: Die Kriegsrhetorik seiner Repräsentanten, die Brutalität seiner Kämpfer, aber vor allem die Zelebrierung "entgrenzter Gewalt"[1] in sorgsam inszenierten Videoclips des gruppeneigenen "Al-Hayat Media Center" sprechen eine allzu deutliche Sprache. Doch inwiefern Gewalt und die Möglichkeit ihrer Anwendung den Prozess der Ausdehnung und Aufrechterhaltung der territorialen Kontrolle und der Herrschaft über dieses Territorium dynamisiert und definiert, stellt uns mit Blick auf terroristische Anschläge jenseits dieses Territoriums vor ein analytisches Dilemma: Im Hinblick auf die zeitgleich sehr unterschiedlichen Arten des Gewalthandelns Daeshs, wie der "Islamische Staat" hier bezeichnet werden soll,[2] scheint die Trennschärfe zwischen Terror "von oben" und Terrorismus "von unten", zwischen staatstypischer und nichtstaatlicher Gewalt, vor unserem analytischen Auge zu verschwimmen. Was tun, wenn die soziale Realität den Rahmen bewährter Konzepte sprengt?

Eine abschließende Antwort kann insbesondere aufgrund der Informationslage in absehbarer Zeit nicht gegeben werden – wenig Überprüfbares aus den kontrollierten Gebieten steht der permanent hohen Dynamik des Geschehens vor Ort gegenüber. Die Einblicke, die der externe Beobachter durch Propagandamaterial und Augenzeugenberichte bereits heute erhält, zeigen, dass sich drakonische Strafen für jedwede Dissidenz mit einer fortschreitenden Professionalisierung staatstypischer Überwachung und dem langfristigen Ziel der Gruppe,[3] der totalen Kontrolle über eine ihr durch freie Entscheidung, Umstände und Zwang zugeführte Bevölkerung, paaren. Sich mit diesem territorialen Anspruch auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, den "Islamischen Staat" als eben einen solchen und somit als legitim im Sinne des Völkerrechts anzuerkennen. Vielmehr geht es darum, Territorialität als zentrales Element der religiös motivierten Ideologie einer endzeitlich-totalitären Bewegung zu verstehen und den territorialen Anspruch der Gruppe entsprechend ernst zu nehmen.

Um dies analytisch zu bewältigen, wird in diesem Beitrag sowohl für einen interdisziplinären Brückenschlag als auch für eine Wiederaufnahme der verstummten Totalitarismusdebatte in Deutschland und ihre Anbindung an die internationale Debatte zum totalitären Charakter der Bewegung des dschihadistischen Salafismus argumentiert. Zweifelsohne kann die Entscheidung, das Kalifatsprojekt Daeshs mithilfe der modernen Staatstheorie zu untersuchen, kritisch betrachtet werden und muss sich in der Fallanalyse bewähren. Im Folgenden sollen deshalb erste Überlegungen zumindest das Erkenntnispotenzial dieses Vorgehens belegen[4] sowie analytische Herausforderungen und theoretische Leerstellen aufzeigen.

Unterscheidung von Staatsterror und nichtstaatlichem Terrorismus



Weder das Phänomen des Terrorismus[5] noch die Grenze zwischen legitimem und illegitimem Gewalthandeln staatlicher Repräsentanten gegenüber der Bevölkerung sind abschließend definiert. Lediglich die analytische Unterscheidung zwischen staatlichem Terror "von oben" und nichtstaatlichem Terrorismus "von unten" ist, zumindest größtenteils, unstrittig – liefert die Differenzierung doch zuverlässige und scharfe Werkzeuge für das Klassifizieren und Verstehen von Gewalt in Gesellschaften und die Auswirkungen ihrer Organisation und Institutionalisierung.[6] Mit Blick auf die vom Territorium des "Islamischen Staats" aus gesteuerten Anschläge in Paris 2015 und Brüssel 2016 und die Selbstmordattentate in der Region lässt sich das Gewalthandeln Daeshs als terroristisch verstehen, als "planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund", aber auch gegen die Zivilbevölkerung und Vertreter des erklärten Feindes, um "Unsicherheit und Schrecken (zu) verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft (zu) erzeugen".[7] Das mit dem territorialen Anspruch und der territorialen Kontrolle verbundene Gewalthandeln[8] Daeshs lässt sich demgegenüber jedoch nicht unter diese Definition subsumieren.

Denn in den kontrollierten Gebieten tritt mehr und mehr "staatstypisches" Gewalthandeln an die Stelle terroristischer Akte, wobei langfristig das Ziel erkennbar wird, die entgrenzte Gewalt des Kriegs aus der Gesellschaft an die Ränder des kontrollierten "Territoriums" zu drängen. Gemeint ist die für Staatsbildungsprozesse typisierte, parallel zur Zentralisierung von (staatstypischem) Gewalthandeln erfolgende Externalisierung von Gewalt zur inneren Befriedung der Gesellschaft. In der religiös motivierten Ideologie findet sich dieser Prozess in der Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen dem Kalifat als dār al-islām, der muslimischen Heimat des friedlichen Zusammenlebens, und allen Gebieten außerhalb als dār al-ḥarb, der Heimat des Kriegs.[9] Erzeugt wird nicht nur eine gruppenkohäsive Situation des "Wir gegen die Anderen", sondern das Gefühl der Umzingelung durch einen übermächtigen und entmenschlichten Feind. Diese "Belagerungssituation" lässt das exzessive Gewalthandeln nicht nur gegenüber dem äußeren Feind, sondern auch gegenüber den Feinden im Innern, den angeblichen Zweiflern, Abtrünnigen und Verrätern, als Ultima Ratio erscheinen. Auf dem eigenen Gebiet ersetzt staatstypisches Gewalthandeln terroristische und Kriegsgewalt, um entlang totalitärer Logiken akute Konflikte aufzulösen beziehungsweise zu unterdrücken sowie zukünftige zu verhindern.


Fußnoten

1.
Heinrich Popitz’ Gewaltbegriff wird hier um die Dimension instrumenteller Macht erweitert, um die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit zukünftiger Gewaltanwendung im Sinne einer Androhung physischer Gewalt mitdenken zu können. Vgl. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1992, S. 48. Zur Entgrenzung von Gewalt vgl. Martin Endreß, Entgrenzung des Menschlichen. Zur Transformation der Strukturen menschlichen Weltbezuges durch Gewalt, in: Wilhelm Heitmeyer/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Gewalt, Frankfurt/M. 2004, S. 174–201.
2.
Der problematische Begriff "Islamischer Staat" wird für das Kalifatsprojekt, nicht aber für die Gruppe verwendet. Diese wird mit dem arabischen Zuschreibungsakronym "Daesh", der Vorläuferbezeichnung "Islamischer Staat in Irak und der Levante" (arab. al-dawla al-islāmīya fīl-ʿirāq wa al-shām), bezeichnet (im Wortsinn auch arab. für "Zertreter" beziehungsweise "Zerstörer").
3.
Je nach Art der angewandten Gewalt und ihrem Kontext wird Daesh als (terroristische) Gruppe oder als soziale Bewegung bezeichnet. Inwiefern sich Daesh indes im Übergang von der Gruppe zur Organisation befindet, muss an anderer Stelle noch umfassender untersucht werden. Vgl. Friedhelm Neidhardt, Themen und Thesen der Gruppensoziologie, in: René König et al. (Hrsg.), Gruppensoziologie. Perspektiven und Materialien, Opladen 1983, S. 12–34; Armin Stickler, Organisation und soziale Bewegung. Zur Kritik der bewegungswissenschaftlichen Institutionalisierungsdebatte, in: Michael Bruch/Wolfram Schaffrar/Peter Scheiffle (Hrsg.), Organisation und Kritik, Münster 2011, S. 105–136.
4.
Vgl. Raymond Hinnebusch, State De-Formation in Iraq and Syria, in: Politische Vierteljahresschrift, (2016) (i.E.); Jochen Hippler, Der "Islamische Staat" – Auseinandersetzungen um den Charakter von Staatlichkeit in der MENA-Region, in: Janet Kursawe et al. (Hrsg.), Friedensgutachten 2015, Berlin 2015, S. 162–174.
5.
Vgl. Axel P. Schmid, The Problem of Defining Terrorism, in: ders. (Hrsg.), Routledge Handbook of Terrorism Research, London–New York 2011, S. 39–98.
6.
Zur Unterscheidung von Terrorismus und Terror vgl. Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, Hamburg 2005, S. 12.
7.
Ebd.
8.
Zur "Verorganisierung" Daeshs vgl. Miriam M. Müller, Noch nutzt die "Verorganisierung" dem "Islamischen Staat". Eine Antwort auf Stefan Kühl und die "Verorganisierung" des Islamismus, 3.12.2015, http://sozialtheoristen.de/2015/12/03/noch-nutzt-die-verorganisierung-dem-islamischen-staat/#more-6025« (10.5.2016).
9.
Dieses Verständnis ist zentrale Doktrin des dschihadistischen Weltbilds, die Ausdehnung des dār al-islām auf die ganze Welt ideelles Endziel. Vgl. Lutz Berger, Islamische Theologie, Wien 2010, S. 221f.
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Autor: Miriam M. Müller für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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