Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.
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Boko Haram: Lokaler oder transnationaler Terrorismus?


10.6.2016
Der islamistische Terrorismus geht um die Welt. Die Terroristen von Al-Qaida haben seit den frühen 1990er Jahren ein globales Terrornetzwerk aufgebaut.[1] Aus diesem stieg ab 2013 der selbsterklärte "Islamische Staat" auf. In kurzer Zeit hat der "Islamische Staat" nicht nur einen Kernstaat im Irak und in Syrien aufgebaut, sondern auch Provinzen in vielen Ländern eingerichtet: Afghanistan, Algerien, Ägypten, der Jemen, Libyen, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien und die Region des Kaukasus gehören zum deklarierten Einflussgebiet des "Islamisches Staats".[2] Darüber hinaus hat er in Paris und Brüssel 2015 und 2016 schwere Terroranschläge im "Herzen Europas" verübt.

In Westafrika sticht vor allem die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram hervor. Diese ist gegenwärtig die mit Abstand gefährlichste Gewaltbewegung in der Region: Seit Beginn der Rebellion 2009 starben mehr als 15000 Menschen durch Angriffe von Boko Haram, 2,8 Millionen wurden vertrieben.[3] Boko Haram scheint sich dabei auf den ersten Blick in einem gemeinsamen Kampf mit den transnationalen Terrornetzwerken von Al-Qaida und dem "Islamischen Staat" zu befinden und ebenfalls gegen den Westen zu kämpfen: Schon die Bezeichnung "Boko Haram" – übersetzt etwa "Westliche Bildung ist religiös verboten" – suggeriert, dass die nigerianische Terrorgruppe dem Westen den Krieg erklärt hat. Ihre Anführer betonten zudem wiederholt, Al-Qaida Gefolgschaft zu leisten.[4] Mehrfach wurden auch Angriffe nach den Kampfstrategien von Al-Qaida ausgeführt: Boko Haram verübte als erste Terrorgruppe Nigerias Selbstmordattentate, griff 2011 das UN-Büro in Abuja an und entführte Bürger westlicher Staaten. Zum "Islamischen Staat" scheinen sogar noch engere Verbindungen entstanden zu sein: Im März 2015 nahm dessen Führer Abu Bakr al-Baghdadi den Treueschwur Boko Harams an und machte die Gruppe damit offiziell zur Provinz des "Islamischen Staates".[5] Seitdem ist Boko Haram in einigen ihrer Propagandavideos als "Islamischer Staat in Westafrika" aufgetreten. Dass sich diese Videos zugleich inhaltlich der Organisation angenähert haben, legt nahe, dass Boko Haram handfeste Unterstützung vom "Islamischen Staat" erhalten hat. Ohnehin scheinen die beiden ähnliche Ziele zu verfolgen, nämlich dem Islam durch einen "Heiligen Krieg" (Dschihad) gegen die "Ungläubigen" Geltung verschaffen zu wollen.

Doch welche Rolle spielen solche transnationalen Terrornetzwerke wirklich für Boko Haram? Ist die Gruppe Ausdruck des globalen Herrschaftsanspruchs radikaler Islamisten oder gar des Islam? Oder handelt es sich vielmehr um eine lokale Terrororganisation, deren Entstehung auf politische statt religiöse Ursachen zurückzuführen ist? Was sind angemessene Lösungsstrategien, um ihre Gewalt zu beenden? Diesen Fragen werde ich im Folgenden nachgehen.

Politische, wirtschaftliche und soziale Missstände



Boko Haram entstand aus Nigerias Entwicklungsmisere. Etwa 2002 wurde die Gruppe vom lokalen Imam Mohammed Yusuf in Maiduguri (Hauptstadt des Bundesstaats Borno im Nordosten Nigerias) gegründet. Yusuf hatte sich zuvor mit der Führung der islamistischen Bewegung "Ahlus Sunna" zerstritten, der er eine zu moderate Haltung im Streben nach der Transformation Nigerias in einen islamischen Staat vorwarf. Yusuf forderte den radikalen Bruch mit der korrupten, "gottlosen" und repressiven Politik in Nigeria, indem er Muslime aufrief, zunächst in Enklaven zu emigrieren, dort die Lehren des reinen salafistischen Islam zu lernen und später einen gewaltsamen Dschihad zu führen.[6] Angesichts der katastrophalen Lebensumstände seiner Zuhörerschaft fand der charismatische Prediger Yusuf viel Resonanz.

Den Nährboden für die Gewaltbewegung stellt die große Verbitterung der nigerianischen Bevölkerung über die Lebensbedingungen und die sozialen Ungerechtigkeiten dar. Das Kerngebiet von Boko Haram im Nordosten ist die landesweit am stärksten benachteiligte Region: Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben in extremer Armut; im Bundesstaat Borno liegt die Einschulungsrate bei lediglich 23 Prozent und die Alphabetisierungsrate bei 12 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer.[7] Nordnigeria ist zudem durch den Fortbestand der Koranschulen benachteiligt. Diese verstetigen die wirtschaftliche Chancenlosigkeit, da sie Millionen von Kindern und Jugendlichen kaum die nötigen Fertigkeiten für ein berufliches Auskommen vermitteln. Die Grundursache für die gescheiterte wirtschaftliche und soziale Entwicklung liegt aber darin, dass Nigerias Regierende sich seit Jahrzehnten an den umfangreichen Staatseinnahmen aus den Ölexporten persönlich bereichern. Seit den späten 1960er Jahren hat der Staat zwar Hunderte Milliarden US-Dollar eingenommen, doch gingen und gehen fast die gesamten Erlöse durch Korruption verloren und kommen nach wie vor nicht der Entwicklung des Lands und der Bevölkerung zugute.[8]

Unter Muslimen in Nigeria besteht weitgehend Konsens, dass diese Missstände nur beseitigt werden können, wenn der Staat nach Maßgabe des islamischen Rechts (Scharia) reformiert wird. Die Scharia ist also in den Augen der muslimischen Öffentlichkeit ein Instrument, um die korrupte Elite des Lands zu bändigen und soziale Gerechtigkeit zu erreichen.[9] Das historische Beispiel des Kalifats von Sokoto, das in Nordnigeria etwa 100 Jahre lang bestand (1804–1903), nährt diese Vorstellung. Es gilt in der Region bis heute als Maßstab für eine gerechte politische Ordnung. Daher hatten viele Muslime in den frühen 2000er Jahren hohe Erwartungen, als die zwölf Bundesstaaten des Nordens überraschend die Scharia ins Strafrecht einführten. Doch den Regierenden ging es nicht darum, das islamische Recht tatsächlich durchzusetzen, denn dies hätte ihre eigenen Privilegien und korrupten Praktiken beendet. Sie verwendeten die Scharia stattdessen als Drohgebärde in einem innenpolitischen Machtkampf mit dem christlichen Süden.[10] So war die Scharia als Gesetzesgrundlage nun zwar formell eingeführt, kam aber nicht zur Anwendung, was die Frustration der Bevölkerung weiter verstärkte.

In diesem Kontext trat nun Boko Haram mit der Forderung in Erscheinung, die Scharia durchzusetzen. Dafür propagiert die Gruppe die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfs in Form eines "Heiligen Kriegs", in dem sie gegen die "Ungläubigen" vorgeht und die Islamisierung Nigerias anstrebt. Der Gewaltaufruf unterscheidet Boko Haram von den politischen Ansichten der Mehrheit der muslimischen Organisationen und der Muslime in Nigeria.[11] Führende muslimische Geistliche haben die Gewalt daher immer wieder öffentlich kritisiert und für unvereinbar mit ihrem Islam-Verständnis erklärt. Dass sich Boko Haram mit ihren Gewaltaufrufen auf den Islam bezieht, bedeutet nicht, dass ihr Kampf notwendigerweise religiöse Ursachen hat oder rein religiösen Motiven folgt. Es handelt sich in erster Linie um einen politischen Kampf gegen wahrgenommene Ausbeutung und Unterdrückung, insbesondere durch die korrupte muslimische Elite. Diese hat aus Sicht von Boko Haram ihren Glauben verloren und die Gerechtigkeitsideale des Islam verraten. Daher ist es aus Sicht der Gruppe nötig, diese "Ungläubigen" gewaltsam zur Einhaltung der religiösen Vorgaben zu bringen. Boko Haram führt den "Heiligen Krieg" demnach auch nicht primär gegen Christen, sondern agiert als Reformbewegung unter Muslimen.


Fußnoten

1.
Vgl. Marc Sageman, Understanding Terror Networks, Philadelphia 2004, S. 440–451.
2.
Vgl. Daniel Byman, ISIS Goes Global. Fight the Islamic State by Targeting Its Affiliates, in: Foreign Affairs, 96 (2016) 3, S. 76–85, hier: S. 78.
3.
Vgl. Lauren P. Blanchard, Nigeria’s Boko Haram. Frequently Asked Questions, Congressional Research Service R43558/2016, S. 1.
4.
Vgl. Boko Haram Ressurects. Declares Total Jihad, in: Vanguard vom 14.8.2009.
5.
Vgl. Islamic State "Accepts" Boko Haram’s Allegiance Pledge, 13.3.2015, http://www.bbc.com/news/world-africa-31862992« (2.5.2016)
6.
Vgl. Anonymous, The Popular Discourses of Salafi Radicalism and Salafi Counter-Radicalism in Nigeria. A Case Study of Boko Haram, in: Journal of Religion in Africa, 42 (2012) 2, S. 118–144.
7.
Vgl. National Population Commission, Nigeria Demographic and Health Survey 2008, Abuja–Calverton 2009, S. 26, S. 319f., S. 337f.
8.
Vgl. Jonathan Hill, Nigeria Since Independence. Forever Fragile?, Basingstoke–New York 2012, S. 87f.
9.
Vgl. Johannes Harnischfeger, Democratization and Islamic Law. The Sharia Conflict in Nigeria, Frankfurt/M.–New York 2008, S. 40.
10.
Vgl. ebd., S. 33.
11.
Vgl. ders., Rivalität unter Eliten. Der Boko-Haram-Aufstand in Nigeria, in: Leviathan, 40 (2012) 4, S. 491–516, hier: S. 509; Pew Research Center, Muslim Publics Share Concerns about Extremist Groups. Much Diminished Support for Suicide Bombing, Washington D.C. 2013, S. 9.
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Autor: Jan Sändig für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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