Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Nicht nur die Welt, auch sich selbst erklären. Zur Rolle des Journalismus heute - Essay


22.7.2016
Ende Mai 2016 landete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) einen Scoop, der tagelang Nachrichten und Debatten dominierte. In einem Gespräch mit zwei Redakteuren soll der stellvertretende Bundessprecher der AfD, Alexander Gauland, über den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng gesagt haben: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Boateng ist in Berlin geboren und Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen. Die FAS machte die Aussage zum Thema ihres Aufmachers. Am 29. Mai erschien sie mit der Schlagzeile: "Gauland beleidigt Boateng".[1] Gaulands Aussage löste Empörung aus. Einige kritische Reaktionen, unter anderem vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), hatte die FAS bereits für ihren Artikel eingesammelt. Der AfD-Politiker reagierte auf die Veröffentlichung mit wechselnden und teils widersprüchlichen Erklärungen. Er gab an, sich nicht genau erinnern zu können; er bestritt, sich überhaupt "über Herrn Boateng geäußert" zu haben, den er gar nicht kenne; er behauptete, es habe sich um ein vertrauliches Hintergrundgespräch gehandelt, aus dem die Zeitung nicht hätte zitieren dürfen.

In der Folge entwickelte sich nicht nur eine lebhafte Debatte über Rassismus, sondern auch eine über guten und schlechten Journalismus. Letztere taugt als Lehrstück darüber, wie sich die Bedingungen, unter denen Journalistinnen und Journalisten arbeiten, in den vergangenen Jahren gewandelt haben – und was das für den professionellen Journalismus heute bedeutet.

Gauland gab in seinen Verteidigungsversuchen keine gute Figur ab, aber auch die Zeitung sah sich massiver Kritik ausgesetzt. AfD-Anhänger kritisierten nicht nur die Zuspitzung der Schlagzeile, sondern zweifelten an Richtigkeit und Zulässigkeit der Berichterstattung. In ihren Verteidigungsversuchen gab dann wiederum die FAS keine gute Figur ab. Der Politikchef des Online-Auftritts der Zeitung twitterte zunächst: "gesagt ist gesagt alles auf Band", musste das aber wenige Stunden später korrigieren: "Gauland nicht auf band aber von beiden Kollegen handschriftlich aufgezeichnet".[2] Offenbar hatte er die offizielle Erklärung der FAS-Politikredaktion falsch verstanden, in der es sprachlich verwirrend über das Gespräch mit Gauland hieß: "Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen stimmen überein." Das Wort "aufgezeichnet" suggeriert einen Mitschnitt, das Wort "Aufzeichnungen" hingegen das Mitschreiben. Verwirrend ist auch: Bei dem Gespräch handelte es sich nach Darstellung der Zeitung weder um ein vertrauliches Hintergrundgespräch noch um ein offenes Interview, sondern um ein "Informationsgespräch". Nur ein Teil daraus – nicht der, in dem es um Boateng ging – sei von Gauland als "Hintergrund" und vertraulich zu behandeln eingestuft worden. Im Deutschlandfunk am folgenden Tag wurde Eckart Lohse, einer der beiden FAS-Interviewer, damit konfrontiert, dass Gauland Boateng gar nicht erwähnt haben will. Lohse sagte: "Wir haben ihn gefragt bei dem Thema ‚Fremd sein in Deutschland und Integration‘, wie es denn mit Herrn Boateng zum Beispiel sei, und dann hat er die Antwort gegeben, die er gegeben hat und die wir veröffentlicht haben."[3]

Darin sahen Kritiker nun ein Eingeständnis der Zeitung, dass sie es war, die den Namen des Fußballspielers überhaupt in die Diskussion gebracht hat. Aus all den scheinbaren oder tatsächlichen Widersprüchen, den Ungenauigkeiten und Unklarheiten, schlossen sie, dass die FAS Gauland eine Falle gestellt und ihn unfair behandelt habe. Rechte Publizisten griffen das Blatt wütend an. Der frühere "Welt"- und "Spiegel"-Redakteur Matthias Matussek schrieb auf Facebook: "Ich hatte mich über Gauland empört, wie wahrscheinlich die halbe Nation. Jetzt empöre ich mich über den versuchten Rufmord zweier übereifriger Redakteure auf der Jagd. Ich hatte bisher felsenfest auf die Seriosität der FAS gebaut. Auch diese Gewissheit ist dahin."[4] Der vom FAZ-Redakteur zu einem der einflussreichsten "Lügenpresse"-Rufer gewordene Udo Ulfkotte schrieb auf Facebook neben vielen anderen Beleidigungen und Beschimpfungen von einer "Sauerei". Und die Publizistin Bettina Röhl fragte im Online-Magazin "Tichys Einblick": "Wird aus dem Fall Gauland ein Fall FAZ?"[5] Sie war mit dieser Frage nicht allein, und diese Frage kam nicht nur aus dem rechten und ganz rechten Spektrum. Hat die Titelgeschichte Gauland geschadet? Oder der FAS? Oder beiden?

Spirale der Medienkritik



Natürlich hat es das immer schon gegeben, dass ein Medium sich kritische Fragen gefallen lassen muss, dass es sich Kritik ausgesetzt sieht – von Lesern, von Betroffenen, von Kollegen – wegen seiner Berichterstattung. Aber Größe, Geschwindigkeit und Heftigkeit der Gegenreaktion im Fall Gauland sind Ausdruck einer speziellen, neuen Situation, in der sich der professionelle Journalismus befindet: Ein erheblicher Teil des Publikums misstraut den Journalisten. Die Leute finden andere Quellen, die sie in ihrem Misstrauen bestärken. Sie finden andere Menschen, die ihr Misstrauen teilen. Das ist nicht nur ein Kreislauf. Es ist eine Spirale.

Es mischen sich, in diesem Fall und grundsätzlich, gute und schlechte Gründe für das Misstrauen. Die FAS hat durch die Art, wie sie mit dem Zitat Gaulands umgegangen ist, tatsächlich Anlass für Kritik gegeben, aber ein Teil der Kritik entsteht auch aus Unwissenheit über die Praxis des Journalismus. Schon die Tatsache, dass Journalisten sich bei einem solchen Gespräch Notizen machen anstatt ein Band mitlaufen zu lassen, bestätigt ihren Argwohn – dabei ist das bei Zeitungsjournalisten keine ungewöhnliche Praxis.

Es mischt sich auch allgemein nachvollziehbare Skepsis mit interessengeleiteter Kritik: Die AfD und ihre Anhänger schüren bewusst (und auch mit irreführenden Aussagen) Misstrauen, um die Gegenseite in diesem Konflikt zu diskreditieren. Auch das ist prinzipiell nicht neu; neu ist aber, dass sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Die offizielle Seite der AfD hat auf Facebook über eine Viertelmillion Freunde. Allein diese Zahl lässt erahnen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Leitmedien wie die FAZ die Kommunikation dominierten; in denen sie die einzigen waren, die über ein Megafon verfügten, mit dem sie zu Hunderttausenden Menschen sprachen. Sie haben nicht mehr automatisch die Diskurshoheit – wenn man überhaupt noch davon sprechen kann, dass es einen Diskurs gibt und nicht viele Konversationen, die parallel stattfinden und gar nicht mehr unbedingt aufeinander eingehen.

Medien sehen sich heute in gleichem Maße kritischer Beobachtung ausgesetzt, wie es früher nur die Objekte ihrer Berichterstattung waren. Nach einer Veröffentlichung wie der über Gauland wird nicht nur jedes Wort von Gauland auf die Goldwaage gelegt, sondern auch jedes Wort der FAZ. Die klassischen Medien tun sich immer noch schwer, damit umzugehen. Die Situation verschärft sich, wenn die Medien von Teilen des Publikums als Gegner wahrgenommen werden. Auch das ist eine Wahrnehmung, die einerseits gezielt von Parteien und Gruppen aus ideologischen und strategischen Gründen gefördert wird, um sich als Opfer darzustellen und unliebsame – auch korrekte – Berichterstattung zu diskreditieren. Aber es ist eine Wahrnehmung, die andererseits zum Beispiel damit korreliert, dass einige Medien die AfD als Gegner behandeln, als neue Gruppierung, die es nicht nur kritisch zu begleiten gilt, wie alle anderen auch, sondern zu bekämpfen.

Journalisten werden nie, egal wie geschickt sie handeln, all diese "Gegner" überzeugen. Aber sie haben die Chance, ihnen zumindest nicht unnötig Munition zu geben. Und sie haben die Chance, den Teil des Publikums zu überzeugen, der kritisch ist, aber nicht feindselig: Menschen, die (noch) keine Gegner sind, sondern Zweifler und Kritiker, die bei einer Auseinandersetzung zwischen AfD und FAZ nicht automatisch der Darstellung der FAZ glauben, die sich kritisch mit Medien und ihrer Berichterstattung, aber auch mit der Politik und den anderen Akteuren auseinandersetzen – kurz: Menschen, die offen sind für Argumente, aber die tatsächlich auch überzeugt werden wollen und müssen. Das ist, einerseits, natürlich genau das Publikum für Leitmedien wie die FAZ. Es ist aber, andererseits, nicht mehr automatisch deren Publikum. Sie können es nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen. Und sie können nicht mehr mit ihm kommunizieren, als sei ihre Berichterstattung über jeden Zweifel erhaben, als stünde ihre Autorität außer Frage und bürge allein ihr behaupteter Anspruch schon für Qualität.


Fußnoten

1.
Markus Wehner/Eckart Lohse, Gauland beleidigt Boateng, 29.5.2016, http://www.faz.net/-14257743.html«.
2.
Siehe die Tweets unter https://twitter.com/ThomasHoll/status/736879551268196352« und https://twitter.com/ThomasHoll/status/736920846560841729«.
3.
"Es ging sehr konkret um das Beispiel Jérôme Boateng", 30.5.2016, http://www.deutschlandfunk.de/gauland-aeusserung-es-ging-sehr-konkret-um-das-beispiel.694.de.html?dram:article_id=355634«.
4.
Siehe http://www.facebook.com/matthias.matussek/posts/10201666642505463«.
5.
Bettina Röhl, FAZ rudert zu Gauland und wirft neue Fragen auf, 30.5.2016, http://www.rolandtichy.de/daili-es-sentials/update-fall-gauland-oder-faz«.
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Autor: Stefan Niggemeier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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