Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Medien im Mainstream. Problem oder Notwendigkeit?


22.7.2016
Für Medienmacher sind die jüngeren Umfrageergebnisse zur Glaubwürdigkeit des Journalismus beunruhigend: "In letzter Zeit ist hin und wieder das Schimpfwort ‚Lügenpresse‘ zu hören. Damit ist gemeint, dass die Medien angeblich nicht objektiv berichten, sondern Sachverhalte verdrehen oder bestimmte Tatsachen ganz verheimlichen. Finden Sie, an dem Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ ist etwas dran?", fragte das Allensbach-Institut im Auftrag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Dezember 2015, und 39 Prozent der Befragten antworteten: Ja. "Wenn Sie an die Medien in Deutschland denken – ist da Ihr Vertrauen in den letzten Jahren gestiegen, gesunken oder hat sich da nicht so viel geändert?", wollte im Oktober 2015 Infratest dimap im Auftrag des WDR wissen, und 37 Prozent antworteten: ist gesunken. 42 Prozent glaubten derselben Umfrage zufolge, "dass den deutschen Medien von Staat und Regierung vorgegeben wird, worüber sie berichten sollen".[1] Und laut einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag des BR vom März 2016 glauben 60 Prozent aller Deutschen, Nachrichtenmedien "blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht halten". Mehr als die Hälfte der Deutschen zweifelt an den Medien als unabhängige Kritik- und Kontrollinstanz und wirksames Korrektiv für die anderen Gewalten. Auf die Frage "Kontrollieren oder stützen die Nachrichtenmedien mit ihrer Berichterstattung die ‚Mächtigen‘ im Land, also Staat, Regierung, Wirtschaft, einflussreiche Personen und Interessengruppen?", sagten 55 Prozent: Sie stützen sie.[2] Hier kommt eine Skepsis gegenüber der "Vierten Gewalt" zum Ausdruck, die der kanadische Pressemogul Conrad Black einmal in den zynischen Satz fasste: "If the small guy’s guardian is the media, then the small guy is in bigger trouble than I thought."[3]

Misstrauen gegenüber dem Journalismus kommt nicht nur in Umfragen zum Ausdruck, auch namhafte Intellektuelle und Politiker artikulieren Argwohn gegenüber dem Output der Redaktionen. "Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier 2014 auf einer Gala vor Journalisten und Verlagsmanagern, "habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch." Franziska Augstein, Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", kritisierte bereits 2005, dass es eine neben der "industriellen Pressekonzentration" (also der Tatsache, dass Presseerzeugnisse in der Hand von immer weniger Eigentümern liegen) noch eine zweite, eine "ideelle Pressekonzentration" gebe, eine "Selbstgleichschaltung der deutschen Presse". Und Manfred Bissinger, ehemaliger leitender Redakteur bei "Stern" und "Woche", schrieb 2015, der Journalismus sei dabei, "seine Wächterfunktion aufzugeben. (…) Medien werden – oft nicht zu Unrecht – als gleichgeschaltet (ja, das ist ein schreckliches Wort) empfunden."

"Gleichschaltung", "Lügenpresse", "Systemmedien", "Mainstream-Medien": Mit diesen Schlagworten bringen seit etwa 2014 – die Ukraine-Krise mit der Krim-Annexion durch Russland hatte hier Katalysatorfunktion – viele Nutzerinnen und Nutzer ihre Entfremdung von den etablierten Medien zum Ausdruck, während sich Journalistinnen und Journalisten unverstanden fühlen und mit Gegenvorwürfen wie "Verschwörungstheoretiker" kontern. Will man in dieser Beziehungskrise Verständigung herstellen und den Ursachen der Problematik näherkommen, sollte man sich von einigen dieser Begriffe wohl verabschieden. Der Begriff "Lügenpresse" ist nicht nur historisch diskreditiert und transportiert Aggressivität gegen Journalisten, sondern er trifft die Sache nicht: Die Anklage des revoltierenden Publikums lautet schließlich nicht auf Lügen im Sinne von absichtsvoll falschen Sachverhaltsaussagen, sondern eher auf Einseitigkeit in der Auswahl und Darstellung von Themen, Informationen und Meinungen. Ebenso wenig geeignet erscheint das Wort "Gleichschaltung", denn es hat den Ruch des Totalitären, impliziert Lenkung und Vorzensur durch vorgeschaltete und gleichschaltende Institutionen.

Der Begriff der "Mainstream-Medien" lässt sich am ehesten von Polemik und Herabwürdigung entkleiden, um sich den Mechanismen anzunähern, die in einer grundsätzlich pluralistischen, demokratisch verfassten Gesellschaft zu einer hohen Konformität der Medien führen können und Journalisten zuweilen wie einen Fischschwarm in dieselbe Richtung schwimmen lassen. Selbst Medienmacher benutzen den Begriff. So räumte der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, im September 2014 auf dem "Tagesschau-Blog" Versäumnisse in der Ukraine-Berichterstattung mit den Worten ein: "Möglicherweise sind wir zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt." Und die MDR-Intendantin Karola Wille versprach bei ihrem Amtsantritt als Vorsitzende der ARD im Januar 2016, am Thema Glaubwürdigkeit zu arbeiten und darauf zu achten, dass die Berichterstattung die größtmögliche Vielfalt an Themen, Akteuren und Meinungen "auch außerhalb von Mainstream-Korridoren" spiegele.[4] Was meint nun also Mainstream? Woher weht der Wind in seinen Korridoren? Und welches sind die Engführungen und Bruchstellen, die zu einer Entfremdung weiter Teile des Publikums geführt haben könnten?

Kampfbegriff versachlichen



Ein Schimpfen auf "die Mainstream-Medien" legt nahe, dass es eine Anzahl von (Leit-)Medien gibt, die immer dasselbe schreiben oder senden – und die einen offiziellen oder zumindest offiziösen Diskurs führen, dessen Legitimität oder Alleingültigkeit der Kritiker der "Mainstream-Medien" anzweifelt. Nun gibt es tatsächlich eine Anzahl von Leitmedien, die aufgrund ihrer Reichweite und Bedeutung eine Art "Kern" des deutschen Mediensystems ausmachen und Taktgeber auch für andere Medien sind: Laut Journalistenbefragungen sind dies die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, die Tageszeitungen "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Frankfurter Rundschau", "Die Tageszeitung" (taz) und "Bild", die Wochenzeitung "Die Zeit", die Nachrichtenmagazine "Der Spiegel" und "Focus", die Illustrierte "Stern" sowie die Online-Ableger all dieser Medien. Das wären also die potenziellen "Mainstream-Medien" – doch pauschal zu behaupten, darin würde überall dasselbe gesagt, wird der Sache nicht gerecht. Wem ist nicht schon einmal in einem dieser Medien ein überraschender, besonders kritischer Beitrag aufgefallen, der aus der Masse der Veröffentlichungen herausragte, vom gewohnten Sound des Blätterwalds abwich?

Was es jedoch zweifellos immer wieder gibt, ist ein "Medien-Mainstream", ein mehr oder weniger weitgehender medialer Konsens in bestimmten Fragen, oder auch: eine Anzahl von Themen und Meinungen, die in einem bestimmten Zeitraum in der Medienlandschaft dominiert und damit eine "Hauptströmung" oder eine "Hauptrichtung" bildet. Dabei kann mal die eine Zeitung oder die andere Sendung vom Themen- oder Meinungs-Mainstream abweichen. "Medialer Mainstream" ist also zunächst einmal, ganz wertfrei, das Phänomen, dass zu einem Zeitpunkt die Mehrzahl der Leitmedien ein bestimmtes Thema behandelt oder eine bestimmte Meinung vertritt. Kommunikationswissenschaftler sprechen bei großer Übereinstimmung in der Themen-Agenda von hoher "Fokussierung" und bei großem Gleichklang in den Meinungen von hoher "Konsonanz".

Wenn man "Mainstream" derart in Themenfokussierung und Meinungskonsonanz aufsplittet, lässt sich die Frage, ob die Existenz eines Mainstreams an sich ein Problem oder eine Notwendigkeit darstellt, differenzierter beantworten. Eine Vielfalt an Themen und Meinungen ist demokratietheoretisch einerseits erwünscht, ein Zuviel an Pluralität kann aber auch dysfunktional sein. Eine Gesellschaft kann sich zu jedem Zeitpunkt nur einer begrenzten Anzahl von Problemen widmen; ist die öffentliche Aufmerksamkeit zu stark fragmentiert, werden Problemlösungen unwahrscheinlicher, da der Druck auf die handelnden Akteure nicht groß genug ist. Jedoch sollte zu jedem Thema – zumindest in der Anfangsphase einer Debatte – eine größtmögliche Vielfalt an Meinungen, Positionen und Aspekten auf den gemeinsamen Tisch kommen, damit sich dann in einem (idealerweise herrschaftsfreien) Diskurs die besten Argumente durchsetzen können. "Plausibel erscheint", so schrieb es der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler einmal, "dass im Interesse funktionstüchtiger gesellschaftlicher Problemlösungsmechanismen ein Ausbalancieren (…) stattfindet, sich mithin eine relative Vielfalt bei ausreichender Fokussierung einstellt."[5] Das ist allerdings eine optimistische Annahme.

Ihr ließe sich eine pessimistische Vermutung entgegensetzen: Wenn zu bestimmten Fragen größere Meinungsdiskrepanzen zwischen Teilen der Bevölkerung und einer konsensuell weitgehend geeinten Elite bestehen, ist es ebenso möglich, dass die großen Medien recht enge Themen- und Meinungskorridore aufweisen, in denen bestimmte Problemlagen sowie verbreitete Meinungen oder Werthaltungen unterrepräsentiert sind. Man muss dabei nicht einmal böse Absicht unterstellen: So ist es denkbar, dass Akteure aus Verantwortungsbewusstsein bestimmte verbreitete, aber unerwünschte (da als gefährlich angesehene) Meinungen oder Einstellungen – Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Antiamerikanismus, Euroskepsis – aus der öffentlichen Debatte fernzuhalten versuchen. Sollte dies der Fall sein, könnte es erklären, warum beachtliche Teile der Bevölkerung sich den quasi-offiziellen medialen Wirklichkeitsentwürfen verweigern und die Legitimität der sie hervorbringenden Institutionen infrage stellen – oder, wissenssoziologisch ausgedrückt, sich von anerkannten "orthodoxen" Sinnwelten und Deutungsmustern abwenden und "ketzerische" Diskurse mit "heterodoxen" Wirklichkeitsbestimmungen (etwa: Verschwörungstheorien) führen.[6]


Fußnoten

1.
Für Nachweise der in diesem Text nicht gesondert ausgewiesenen Studienergebnisse und Zitate siehe Uwe Krüger, Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen, München 2016.
2.
Medien in der Glaubwürdigkeitskrise?, 2.5.2016, http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html«.
3.
Zit. nach John McMurtry, Unequal Freedoms. The Global Market as an Ethical System, Toronto 1998, S. 199.
4.
Ulrike Simon, Die Agenda der neuen ARD-Vorsitzenden, 11.1.2016, http://www.horizont.net/medien/nachrichten/-138217«.
5.
Patrick Rössler, Vielzahl = Vielfalt = Fragmentierung? Empirische Anhaltspunkte zur Differenzierung von Medienangeboten auf der Mikroebene, in: Otfried Jarren/Kurt Imhof/Roger Blum (Hrsg.), Zerfall der Öffentlichkeit?, Opladen 2000, S. 168–186, hier S. 178.
6.
Vgl. Michael K. Walter, Der Kampf um die Wirklichkeit. Mediale Legitimationsstrategien gegenüber Verschwörungstheorien zum 11. September, in: Andreas Anton/Michael Schetsche/Michael K. Walter (Hrsg.), Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens, Wiesbaden 2014, S. 181–202.
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Autor: Uwe Krüger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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