Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Medien im Mainstream. Problem oder Notwendigkeit?


22.7.2016
Für Medienmacher sind die jüngeren Umfrageergebnisse zur Glaubwürdigkeit des Journalismus beunruhigend: "In letzter Zeit ist hin und wieder das Schimpfwort ‚Lügenpresse‘ zu hören. Damit ist gemeint, dass die Medien angeblich nicht objektiv berichten, sondern Sachverhalte verdrehen oder bestimmte Tatsachen ganz verheimlichen. Finden Sie, an dem Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ ist etwas dran?", fragte das Allensbach-Institut im Auftrag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Dezember 2015, und 39 Prozent der Befragten antworteten: Ja. "Wenn Sie an die Medien in Deutschland denken – ist da Ihr Vertrauen in den letzten Jahren gestiegen, gesunken oder hat sich da nicht so viel geändert?", wollte im Oktober 2015 Infratest dimap im Auftrag des WDR wissen, und 37 Prozent antworteten: ist gesunken. 42 Prozent glaubten derselben Umfrage zufolge, "dass den deutschen Medien von Staat und Regierung vorgegeben wird, worüber sie berichten sollen".[1] Und laut einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag des BR vom März 2016 glauben 60 Prozent aller Deutschen, Nachrichtenmedien "blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht halten". Mehr als die Hälfte der Deutschen zweifelt an den Medien als unabhängige Kritik- und Kontrollinstanz und wirksames Korrektiv für die anderen Gewalten. Auf die Frage "Kontrollieren oder stützen die Nachrichtenmedien mit ihrer Berichterstattung die ‚Mächtigen‘ im Land, also Staat, Regierung, Wirtschaft, einflussreiche Personen und Interessengruppen?", sagten 55 Prozent: Sie stützen sie.[2] Hier kommt eine Skepsis gegenüber der "Vierten Gewalt" zum Ausdruck, die der kanadische Pressemogul Conrad Black einmal in den zynischen Satz fasste: "If the small guy’s guardian is the media, then the small guy is in bigger trouble than I thought."[3]

Misstrauen gegenüber dem Journalismus kommt nicht nur in Umfragen zum Ausdruck, auch namhafte Intellektuelle und Politiker artikulieren Argwohn gegenüber dem Output der Redaktionen. "Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier 2014 auf einer Gala vor Journalisten und Verlagsmanagern, "habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch." Franziska Augstein, Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", kritisierte bereits 2005, dass es eine neben der "industriellen Pressekonzentration" (also der Tatsache, dass Presseerzeugnisse in der Hand von immer weniger Eigentümern liegen) noch eine zweite, eine "ideelle Pressekonzentration" gebe, eine "Selbstgleichschaltung der deutschen Presse". Und Manfred Bissinger, ehemaliger leitender Redakteur bei "Stern" und "Woche", schrieb 2015, der Journalismus sei dabei, "seine Wächterfunktion aufzugeben. (…) Medien werden – oft nicht zu Unrecht – als gleichgeschaltet (ja, das ist ein schreckliches Wort) empfunden."

"Gleichschaltung", "Lügenpresse", "Systemmedien", "Mainstream-Medien": Mit diesen Schlagworten bringen seit etwa 2014 – die Ukraine-Krise mit der Krim-Annexion durch Russland hatte hier Katalysatorfunktion – viele Nutzerinnen und Nutzer ihre Entfremdung von den etablierten Medien zum Ausdruck, während sich Journalistinnen und Journalisten unverstanden fühlen und mit Gegenvorwürfen wie "Verschwörungstheoretiker" kontern. Will man in dieser Beziehungskrise Verständigung herstellen und den Ursachen der Problematik näherkommen, sollte man sich von einigen dieser Begriffe wohl verabschieden. Der Begriff "Lügenpresse" ist nicht nur historisch diskreditiert und transportiert Aggressivität gegen Journalisten, sondern er trifft die Sache nicht: Die Anklage des revoltierenden Publikums lautet schließlich nicht auf Lügen im Sinne von absichtsvoll falschen Sachverhaltsaussagen, sondern eher auf Einseitigkeit in der Auswahl und Darstellung von Themen, Informationen und Meinungen. Ebenso wenig geeignet erscheint das Wort "Gleichschaltung", denn es hat den Ruch des Totalitären, impliziert Lenkung und Vorzensur durch vorgeschaltete und gleichschaltende Institutionen.

Der Begriff der "Mainstream-Medien" lässt sich am ehesten von Polemik und Herabwürdigung entkleiden, um sich den Mechanismen anzunähern, die in einer grundsätzlich pluralistischen, demokratisch verfassten Gesellschaft zu einer hohen Konformität der Medien führen können und Journalisten zuweilen wie einen Fischschwarm in dieselbe Richtung schwimmen lassen. Selbst Medienmacher benutzen den Begriff. So räumte der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, im September 2014 auf dem "Tagesschau-Blog" Versäumnisse in der Ukraine-Berichterstattung mit den Worten ein: "Möglicherweise sind wir zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt." Und die MDR-Intendantin Karola Wille versprach bei ihrem Amtsantritt als Vorsitzende der ARD im Januar 2016, am Thema Glaubwürdigkeit zu arbeiten und darauf zu achten, dass die Berichterstattung die größtmögliche Vielfalt an Themen, Akteuren und Meinungen "auch außerhalb von Mainstream-Korridoren" spiegele.[4] Was meint nun also Mainstream? Woher weht der Wind in seinen Korridoren? Und welches sind die Engführungen und Bruchstellen, die zu einer Entfremdung weiter Teile des Publikums geführt haben könnten?

Kampfbegriff versachlichen



Ein Schimpfen auf "die Mainstream-Medien" legt nahe, dass es eine Anzahl von (Leit-)Medien gibt, die immer dasselbe schreiben oder senden – und die einen offiziellen oder zumindest offiziösen Diskurs führen, dessen Legitimität oder Alleingültigkeit der Kritiker der "Mainstream-Medien" anzweifelt. Nun gibt es tatsächlich eine Anzahl von Leitmedien, die aufgrund ihrer Reichweite und Bedeutung eine Art "Kern" des deutschen Mediensystems ausmachen und Taktgeber auch für andere Medien sind: Laut Journalistenbefragungen sind dies die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, die Tageszeitungen "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Frankfurter Rundschau", "Die Tageszeitung" (taz) und "Bild", die Wochenzeitung "Die Zeit", die Nachrichtenmagazine "Der Spiegel" und "Focus", die Illustrierte "Stern" sowie die Online-Ableger all dieser Medien. Das wären also die potenziellen "Mainstream-Medien" – doch pauschal zu behaupten, darin würde überall dasselbe gesagt, wird der Sache nicht gerecht. Wem ist nicht schon einmal in einem dieser Medien ein überraschender, besonders kritischer Beitrag aufgefallen, der aus der Masse der Veröffentlichungen herausragte, vom gewohnten Sound des Blätterwalds abwich?

Was es jedoch zweifellos immer wieder gibt, ist ein "Medien-Mainstream", ein mehr oder weniger weitgehender medialer Konsens in bestimmten Fragen, oder auch: eine Anzahl von Themen und Meinungen, die in einem bestimmten Zeitraum in der Medienlandschaft dominiert und damit eine "Hauptströmung" oder eine "Hauptrichtung" bildet. Dabei kann mal die eine Zeitung oder die andere Sendung vom Themen- oder Meinungs-Mainstream abweichen. "Medialer Mainstream" ist also zunächst einmal, ganz wertfrei, das Phänomen, dass zu einem Zeitpunkt die Mehrzahl der Leitmedien ein bestimmtes Thema behandelt oder eine bestimmte Meinung vertritt. Kommunikationswissenschaftler sprechen bei großer Übereinstimmung in der Themen-Agenda von hoher "Fokussierung" und bei großem Gleichklang in den Meinungen von hoher "Konsonanz".

Wenn man "Mainstream" derart in Themenfokussierung und Meinungskonsonanz aufsplittet, lässt sich die Frage, ob die Existenz eines Mainstreams an sich ein Problem oder eine Notwendigkeit darstellt, differenzierter beantworten. Eine Vielfalt an Themen und Meinungen ist demokratietheoretisch einerseits erwünscht, ein Zuviel an Pluralität kann aber auch dysfunktional sein. Eine Gesellschaft kann sich zu jedem Zeitpunkt nur einer begrenzten Anzahl von Problemen widmen; ist die öffentliche Aufmerksamkeit zu stark fragmentiert, werden Problemlösungen unwahrscheinlicher, da der Druck auf die handelnden Akteure nicht groß genug ist. Jedoch sollte zu jedem Thema – zumindest in der Anfangsphase einer Debatte – eine größtmögliche Vielfalt an Meinungen, Positionen und Aspekten auf den gemeinsamen Tisch kommen, damit sich dann in einem (idealerweise herrschaftsfreien) Diskurs die besten Argumente durchsetzen können. "Plausibel erscheint", so schrieb es der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler einmal, "dass im Interesse funktionstüchtiger gesellschaftlicher Problemlösungsmechanismen ein Ausbalancieren (…) stattfindet, sich mithin eine relative Vielfalt bei ausreichender Fokussierung einstellt."[5] Das ist allerdings eine optimistische Annahme.

Ihr ließe sich eine pessimistische Vermutung entgegensetzen: Wenn zu bestimmten Fragen größere Meinungsdiskrepanzen zwischen Teilen der Bevölkerung und einer konsensuell weitgehend geeinten Elite bestehen, ist es ebenso möglich, dass die großen Medien recht enge Themen- und Meinungskorridore aufweisen, in denen bestimmte Problemlagen sowie verbreitete Meinungen oder Werthaltungen unterrepräsentiert sind. Man muss dabei nicht einmal böse Absicht unterstellen: So ist es denkbar, dass Akteure aus Verantwortungsbewusstsein bestimmte verbreitete, aber unerwünschte (da als gefährlich angesehene) Meinungen oder Einstellungen – Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Antiamerikanismus, Euroskepsis – aus der öffentlichen Debatte fernzuhalten versuchen. Sollte dies der Fall sein, könnte es erklären, warum beachtliche Teile der Bevölkerung sich den quasi-offiziellen medialen Wirklichkeitsentwürfen verweigern und die Legitimität der sie hervorbringenden Institutionen infrage stellen – oder, wissenssoziologisch ausgedrückt, sich von anerkannten "orthodoxen" Sinnwelten und Deutungsmustern abwenden und "ketzerische" Diskurse mit "heterodoxen" Wirklichkeitsbestimmungen (etwa: Verschwörungstheorien) führen.[6]

Quellen des Mainstreams



Welches sind die sanften Mechanismen, durch die Meinungsvielfalt in einer demokratisch-pluralistischen Mediengesellschaft eingeschränkt werden kann? Kommunikationswissenschaftler haben bereits auf eine ganze Reihe von Faktoren hingewiesen, die zu höherer Konsonanz und Fokussierung führen können.[7] So wählen Journalisten aus der Fülle der Ereignisse nach professionellen, standardisierten Kriterien aus, über welche Themen berichtet wird. Zu den sogenannten Nachrichtenfaktoren gehören etwa Prominenz, Aktualität, Konflikt, Nähe, Folgenschwere und anderes mehr. Da die Aufmerksamkeitsstrukturen in verschiedenen Redaktionen ähnlich sind und viele Journalisten qua Ausbildung denselben Ereignissen ähnliche Eigenschaften zuschreiben, kann sich auch die Nachrichtenauswahl ähneln. Auch beobachten sich Journalisten gegenseitig. Man rezipiert andere Medien, um auf Themenideen zu kommen, die eigene Position abzugleichen und die Konkurrenz- und Anschlussfähigkeit der eigenen Berichterstattung beim Publikum sicherzustellen. Auch durch eine solche Kollegen-Orientierung entstehen gemeinsame Bezugsrahmen.

Ein weiterer Punkt ist die Abhängigkeit verschiedener Redaktionen von denselben Quellen, zum Beispiel denselben Nachrichtenagenturen oder Produkten der Öffentlichkeitsarbeit von Institutionen aus Politik, Verwaltung oder Wirtschaft (Pressekonferenzen, Pressemitteilungen). Fehlt das Personal beziehungsweise die Zeit für eigenständige Themensetzung, Recherche und Reflexion, kann sich auch hier ein Gleichklang einstellen. Gerade aufgrund der wirtschaftlichen Schwäche vieler Medienhäuser infolge von Anzeigen- und Auflagenschwund scheint sich dieses Problem verschärft zu haben. Als 2014 das Allensbach-Institut im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse 432 Zeitungsjournalisten fragte, wodurch die Pressefreiheit in Deutschland gefährdet sei, da erschienen den Befragten als größte Gefährdungen, dass "Zeitmangel die eigenen Recherchen einschränkt" (83 Prozent stimmten zu) und "dass Journalisten auf wirtschaftliche Interessen des eigenen Medienhauses Rücksicht nehmen müssen" (77 Prozent). Die Aussage "Die Grenzen zwischen PR und Journalismus verschwimmen immer mehr und PR-Material findet immer öfter ungefiltert seinen Weg in die Medien" bejahten 79 Prozent der Befragten.

Schließlich dürften auch demografische Besonderheiten der Journalisten eine Rolle spielen. Die Meinungsmacher sind nämlich in ihrer Merkmalsverteilung keinesfalls ein Spiegelbild der Bevölkerung. Der Beruf ist inzwischen fast durchakademisiert, ohne Studienabschluss ist der Eintritt in eine Redaktion heute kaum noch möglich – demgegenüber haben nur 14 Prozent der Gesamtbevölkerung einen Hochschulabschluss. Journalisten sind also zunächst einmal eine Bildungselite. Darüber hinaus sind zwei Drittel aller deutschen Journalisten in einem gut abgesicherten Angestellten- oder Beamtenhaushalt groß geworden, Arbeiterkinder stellen nur eine kleine Minderheit dar. Nimmt man das Modell der Sinus-Milieus als Maßstab, so ist (laut einer Journalistenbefragung aus dem Jahr 1999) die Szene der Journalisten relativ homogen: In nennenswerter Anzahl sind sie nur fünf von insgesamt zehn Milieus zuzurechnen. Deutlich überrepräsentiert ist das gut situierte "liberal-intellektuelle Milieu". Konservativ-kleinbürgerliche Werte und prekäre Lebenslagen sind in deutschen Redaktionshäusern offenbar notorisch unterrepräsentiert – was zum Beispiel in Fragen des Umgangs mit Flüchtlingen und Sorgen vor einer "Islamisierung", in Sachen Multikulturalität, Toleranz und Weltoffenheit, Minderheitenschutz und Gleichstellung, Antidiskriminierung und Gender Mainstreaming (kurz: in Fragen politischer Korrektheit) zwischen Medienmachern und Mediennutzern zu gegenseitiger Abneigung bis Feindseligkeit führen kann.

Die (Enttäuschungs-)Wut vieler Mediennutzer rührt aber nicht nur daher, dass enge Meinungskorridore wahrgenommen werden, in denen sich viele nicht repräsentiert fühlen, sondern dass der mediale Tenor immer wieder mit der Regierungslinie zusammenzufallen scheint – sei es in der Euro- und Griechenland-Krise, in der Ukraine-Krise oder der Flüchtlingskrise – sodass der Verdacht entsteht, es gebe Vorgaben aus dem Kanzleramt, Journalisten seien fremdgesteuert und die Berichterstattung gelenkt. Wie kommt das?

Indexing und informelle Interaktion



Journalisten orientieren sich nicht nur aneinander, sondern auch und vor allem an Eliten und deren Diskursen. Medien sind auf einen steten Fluss verlässlicher Informationen und Aussagen glaubwürdiger Akteure angewiesen, denn sie müssen schnell und kontinuierlich relativ preiswerte Inhalte produzieren. Schon aus diesem ökonomischen Grund liegt es nahe, sich an der Themen-Agenda und dem Meinungsspektrum der Eliten zu orientieren – was nicht ausschließt, dass von Zeit zu Zeit die eine oder andere Redaktion mit Enthüllungsrecherchen, kritischen Analysen oder entlarvenden Faktenchecks aufwartet. Doch diese aufklärenden Ausnahmen werden gleichsam naturgemäß überspült von der Flut der täglichen, eher passiven Abbildung des Regierungshandelns in den Hauptnachrichtensendungen und den Politikteilen der großen Zeitungen.

Der Politologe W. Lance Bennett entwickelte dazu eine Hypothese, die er "Indexing" nannte. Die großen Medien, so besagt diese These, tendierten dazu, die Spanne der Meinungen und Argumente in der offiziellen politischen Debatte, also in Parlament und Regierung, anzuzeigen, zu "indexieren". Dies treffe nicht nur auf Nachrichten und Berichte zu, sondern sogar auf Kommentare, in denen die Journalisten ihre eigene Haltung darlegen, denn Journalisten wichtiger Medien suchten meist Rückendeckung aus dem Establishment. Kritik stellt aus dieser Sicht keine Eigenleistung des Journalismus dar, sondern ist auf Gelegenheitsstrukturen im politisch-parlamentarischen Raum angewiesen. Gibt es dort Konflikte, bekommen auch die Mediennutzer eine lebhafte mediale Debatte geboten; besteht aber über ein Thema Konsens, so die Annahme, unterstützen die Medien die Regierungslinie.[8]

Indizien für ein solches Verhalten, das Bennett nicht als mechanisches Gesetz, sondern eher als unbewusst verfolgte Daumenregel verstanden wissen will, sind in Deutschland bei einer ganzen Reihe von wichtigen politischen Themen gefunden worden – für den Kosovo-Krieg, den Afghanistan-Krieg, den Irak-Krieg, die EU-Osterweiterung, die Einführung von Hartz IV und die Deregulierung des Finanzmarktes sowie für die Finanzkrise 2008. So gab es zum Beispiel für die Kriegseinsätze im Kosovo und in Afghanistan breite Mehrheiten im Bundestag, und auch in den Medien fand sich ein hohes Maß an Konsens über die Legitimität einer deutschen Beteiligung, während der Irak-Krieg sowohl von der politischen Elite als auch von den Journalisten sehr viel stärker kritisiert wurde.

Nun ist ein tendenziell passiver Journalismus, der sich auf das Widerspiegeln des Elitendiskurses beschränkt und sich nur innerhalb von dessen Grenzen bewegt, unproblematisch, solange sich das Establishment selbst kontrolliert, alle Fraktionen der Macht gegenseitig die blinden Flecken der jeweils anderen ausleuchten und alle Interessen und Meinungen der Bevölkerung im Parlament repräsentiert sind. Wenn jedoch der Meinungskorridor auch im Establishment enger wird, wenn politische Entscheider ihr Tun als alternativlos und als bloße Exekution von Sachzwängen darstellen und von keiner starken Opposition herausgefordert werden, wenn sich Parteiprogramme angleichen – die CDU ökologischer, die SPD wirtschaftsliberaler und die Grünen militärfreundlicher werden –, dann kann es zu einer Repräsentationskrise kommen, die von der Politik auf die Medien abfärbt. "Es herrscht in allen wichtigen Fragen eine schwarz-rot-grüne Koalition", konstatierten 2015 die "Zeit"-Redakteure Matthias Geis und Bernd Ulrich. Schon seit der Schröder-Regierung rangiere "pragmatische Krisenbewältigung" vor demokratischer Willensbildung, und es sei das "schmutzige Geheimnis des Konsenssystems, dass unter der Kooperation der demokratischen Kräfte die Demokratie selbst in Mitleidenschaft gezogen wird". In solch einer Situation wird es wichtiger, dass aktive Medien das politische Entscheidungszentrum auf zu bearbeitende Probleme aufmerksam machen, nicht repräsentierte Bevölkerungsmeinungen ins Spiel bringen und die Mächtigen durch die Formulierung von politischen Optionen unter Druck setzen.

Doch das ist leichter gesagt als getan – denn die mediale Elite steht in vielfältigen sozialen Beziehungen zur politischen Elite. Man trifft sich auf Sommerfesten, reist gemeinsam im Flugzeug, führt informelle Gespräche. Es gibt eine bunte und intransparente Szene von sogenannten Hintergrundkreisen, in denen jeweils eine feste Anzahl von Journalisten in regelmäßigem Turnus mit wechselnden Spitzenpolitikern off the record spricht; auch Politiker laden regelmäßig oder ad hoc Journalisten ihres Vertrauens zu Hintergrundrunden ein.[9] So können die menschliche Nähe am Korrespondentenstandort und die Suche nach Zugang zu hochrangigen Quellen, gepaart mit der Konkurrenzsituation, einen subtilen Konformitätsdruck bewirken, der auf Anpassung an den Diskursrahmen der politischen Machthaber zielt – wer es sich mit allen verdirbt, etwa indem er auf unbequemen Wahrheiten beharrt und anerkannte Glaubenssätze hinterfragt, der kann sich in die soziale und berufliche Isolation manövrieren. "Je länger und enger ich in Bonn das politische Geschehen und dessen journalistische Verarbeitung miterlebte, desto unbehaglicher fühlte ich mich als Teil einer professionell betriebenen Verschwörung zur Unterdrückung von Wirklichkeit", schrieb 1995 der frühere Hauptstadtbüro-Leiter des "Spiegel", Jürgen Leinemann. Sowohl Politiker als auch Journalisten achteten "sorgsam darauf, dass möglichst niemand aus der selbstgeschaffenen Vakuumwelt ausbricht. (…) ‚So darf man das nicht sehen‘ oder ‚Das ist die falsche Fragestellung‘ oder ‚Wo leben Sie denn?‘ heißen die Formeln, mit denen Abweichler zur Ordnung gerufen werden."

Konformitätsdruck in Hinblick auf die EU-Osterweiterung erlebte der Journalist Hajo Friedrich in Brüssel, wovon er 2012 berichtete: Journalisten seien darauf eingeschworen worden, bloß nicht auf die Gefahren eines Beitritts etwa von Bulgarien und Rumänien hinzuweisen. "Wer das tat, galt nicht nur als dem nationalen Denken verhafteter Kleingeist, sondern auch als Brandstifter." Als solcher abgestempelt, sei man mit Vertrauensentzug abgestraft und nicht mehr zu Reisen oder Hintergrundgesprächen eingeladen worden. Dabei sind zumindest für die Vertreter jener tonangebenden Leitmedien, die auf Hintergrundberichterstattung und Exklusivinformationen setzen, informelle Treffen mit politischen Akteuren das A und O. "Die sind nicht nur das Salz in der Suppe", sagte ein Berlin-Korrespondent in einer Befragung, "sondern das ist die Suppe. Also darum geht es. Darum geht es."[10]

Das Problem ist wohl dieses: Wem als Journalist in Hintergrundgesprächen frühzeitig unpopuläre Maßnahmen wie soziale Einschnitte oder Kriegseinsätze vermittelt werden, wem im Vertrauen Motive erläutert und drohende Gefahren deutlich gemacht werden, dessen Perspektive verschiebt sich immer weiter weg von der seines Publikums, das fernab des Politikbetriebs lebt. Auf diese Weise kann der Journalist zum "Politiker-Versteher" werden, dem die Naivität, die Neugier und die Empörung des Publikums abgehen, für das er stellvertretend die Fragen stellen soll. So findet er oder sie sich auf einmal in gemeinsamer Abwehrfront der demokratisch legitimierten Politiker und der freien Presse gegen die, wie Helmut Kohl sie einst nannte, "Menschen draußen im Lande".

Fazit und Ausblick



"Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken", schrieben einst Karl Marx und Friedrich Engels.[11] Man muss kein Freund von Einbahnstraßen-Materialismus sein, um eine Abwandlung davon auch für demokratische Systeme mit pluralistischer Medienöffentlichkeit in Betracht zu ziehen: Die Deutungsmuster der jeweiligen politischen und ökonomischen Machthaber sind auch die vorherrschenden Deutungsmuster im Medien-Mainstream. Denn die Aussagen und Handlungen dieser Eliten sind die hauptsächlichen Quellen, aus denen die Redaktionen für ihre tägliche Berichterstattung schöpfen, und mit dem vermeintlich neutralen Abbilden des Geschehens folgen viele den grundlegenden Prämissen des jeweils laufenden politischen Diskurses.

Das heißt aber nicht, dass die Politik- und Wirtschaftselite allmächtig wäre und sich ihre Narrative stets frei aussuchen könnte. In einer Mediendemokratie sind (vor allem politische) Eliten auch von Medien abhängig und auf gute Presse angewiesen. Außerdem: Neue Narrative, Anliegen und Bedürfnisse kommen von Zeit zu Zeit durch Protestbewegungen und außerparlamentarische Oppositionen in die Arena der Öffentlichkeit. Diese Herausforderer werden zwar in der Regel zunächst von der politischen und medialen Elite marginalisiert und bekämpft, sickern dann aber häufig ins Establishment ein – weil die etablierten Parteien die Argumente assimilieren oder das Personal der sozialen Bewegungen selbst in höhere Positionen aufsteigt. Das passierte etwa mit den Grünen, die in den 1970er Jahren die ökologische Frage stellten und zunächst massiv bekämpft wurden, bis der Umweltschutz schließlich Gemeingut in den Parteiprogrammen wurde. Derzeit stellen die Rechtspopulisten der Alternative für Deutschland die soziale Frage – indem sie die Ansprüche einheimischer Arbeiter und Erwerbsloser gegen die von Flüchtlingen zu verteidigen vorgeben, also unten gegen ganz unten ausspielen – und vor allem die kulturelle Frage. Gut möglich, dass in einigen Jahren Fragen der kulturellen Identität in vielen anderen Parteiprogrammen zu finden sein werden, eventuell mit Ausnahme der Grünen, die als dezidiert multikulturalistische Partei wohl als einzige mit diesem Anliegen nicht kompatibel ist. Der Mainstream wird im Zuge dieses Prozesses in eine andere Richtung fließen als heute – und viele Journalisten werden wie ein Fischschwarm mit ihm ziehen.

Vielleicht werden manche den Richtungswechsel nicht einmal bemerkenswert finden, sondern als etwas ganz Natürliches hinnehmen. Öffentliche Meinung ist schließlich für Hersteller von Öffentlichkeit so etwas wie eine zweite Haut. Ganz so wie in einer Parabel des Schriftstellers David Foster Wallace, in der zwei junge Fische ihres Weges schwimmen. Ihnen kommt ein älterer Fisch entgegen und fragt: "Morgen Jungs, wie ist das Wasser?" Ohne zu antworten, schwimmen die beiden weiter, doch dann fragt der eine den anderen verwundert: "Was zum Teufel ist Wasser?"[12]

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Fußnoten

1.
Für Nachweise der in diesem Text nicht gesondert ausgewiesenen Studienergebnisse und Zitate siehe Uwe Krüger, Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen, München 2016.
2.
Medien in der Glaubwürdigkeitskrise?, 2.5.2016, http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html«.
3.
Zit. nach John McMurtry, Unequal Freedoms. The Global Market as an Ethical System, Toronto 1998, S. 199.
4.
Ulrike Simon, Die Agenda der neuen ARD-Vorsitzenden, 11.1.2016, http://www.horizont.net/medien/nachrichten/-138217«.
5.
Patrick Rössler, Vielzahl = Vielfalt = Fragmentierung? Empirische Anhaltspunkte zur Differenzierung von Medienangeboten auf der Mikroebene, in: Otfried Jarren/Kurt Imhof/Roger Blum (Hrsg.), Zerfall der Öffentlichkeit?, Opladen 2000, S. 168–186, hier S. 178.
6.
Vgl. Michael K. Walter, Der Kampf um die Wirklichkeit. Mediale Legitimationsstrategien gegenüber Verschwörungstheorien zum 11. September, in: Andreas Anton/Michael Schetsche/Michael K. Walter (Hrsg.), Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens, Wiesbaden 2014, S. 181–202.
7.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Öffentlichkeit als Bedrohung, Freiburg/Br.–München 1977, S. 138; Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch, Pressekommentare und öffentliche Meinung, in: Otfried Jarren/Bettina Knaup/Heribert Schatz, Machtkonzentration in der Multimediagesellschaft?, Opladen 1997, S. 176–187, hier S. 182.
8.
Vgl. W. Lance Bennett, Towards a Theory of Press-State Relations in the United States, in: Journal of Communication 2/1990, S. 103–125.
9.
Vgl. Uwe Krüger, Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse, Köln 2013, S. 31–37.
10.
Christiane Lesmeister, Informelle politische Kommunikationskultur, Wiesbaden 2008, S. 145.
11.
Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: Marx Engels Werke, Bd. 3, Berlin 1969, S. 46.
12.
David Foster Wallace, Das hier ist Wasser/This Is Water, Köln 2012, S. 9.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Uwe Krüger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de