Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
Susanne Fengler

Twitter statt Presserat? Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich

Hat eine "Lügenpresse" ein Kartell über die öffentliche Meinung in Deutschland? Ist es angemessen, wenn Medien die Herkunft von Tatverdächtigen – Stichwort "Köln" – nicht offenlegen? Und haben die Medien "blinde Flecken" in der Auslandsberichterstattung – beispielsweise im Fall der Berichterstattung über Russland und den Ukraine-Konflikt? In den vergangenen Monaten mussten sich Journalisten und Redaktionen mit massiver Kritik an den Praktiken und Mechanismen der Medien auseinandersetzen.

Das ist nicht neu. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kritisch über Leistungen und Versagen im Journalismus diskutiert – von den Folgen von Berichterstattungsexzessen in der "Causa Wulff" bis weit zurück zum skandalträchtigen "Stern"-Titelfoto des toten Uwe Barschel, vom Umgang der "Bild" mit den Toten der Duisburger Love-Parade bis hin zur zweifelhaften Rolle von Journalisten des "Kölner Express" im Gladbecker Geiseldrama.

Neu an der hitzigen Diskussion über Qualität im Journalismus ist der Ort, an dem sie geführt wird – immer häufiger findet sie in den sozialen Medien statt. Das stellt die Spielregeln der Medienselbstkontrolle auf den Kopf: Verärgerte Mediennutzer finden sich heute längst in Blogs und Foren, vernetzen sich über Facebook und Twitter und äußern ihren Unmut massenhaft und in Sekundenschnelle über das Internet, während in der Medienwelt von gestern am Ende nur wenige die Muße und Tatkraft besaßen, ihre Medienkritik in Form eines Leserbriefs auf den Weg zu bringen. Wo früher einmal Journalistinnen und Journalisten auf Medienseiten über Kollegen urteilten, wo im Presserat Profis über Patzer anderer Profis zu Gericht saßen – und wo im Zweifel die goldene Regel von der Krähe, die der anderen kein Auge aushackt, galt –, haben in der Medienwelt von heute unendlich viele Medien-Laien die Möglichkeit, ihre Kritik an den Leistungen des Journalisten lautstark in den sozialen Medien kundzutun. Immer häufiger geraten Journalisten auf diesem Weg unversehens in "Shitstorms", etwa Anja Reschke (NDR) und Dunja Hayali (ZDF), die für ihre Kommentare zur Flüchtlingsdebatte wüst im Netz beschimpft wurden.[1]

Trotz solcher Auswüchse wird klar: Im digitalen Zeitalter können die etablierten Medien die Diskussion über die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft nicht mehr steuern. Das stellt die traditionellen Instrumente der Medienselbstkontrolle vor große Herausforderungen – in Deutschland wie auch in vielen anderen demokratischen Ländern der Welt.

Entwicklung

Dass Medien überhaupt in professionellen Kreisen oder gar öffentlich darüber reflektieren, wie gut oder schlecht sie ihrer Verantwortung für die Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit nachkommen, ist in Deutschland ein im Vergleich mit den angelsächsischen Ländern relativ junges Phänomen. Das britische Parlament verlängerte bereits 1695 den "Licensing Act" nicht mehr, der Zensur ermöglicht hatte. In den Vereinigten Staaten wurde die Presse- und Meinungsfreiheit 1791 als "First Amendment" in der Verfassung festgeschrieben – während die Zeitungen in Deutschland bis zum Ende des Kaiserreiches unter dem Kuratel der Obrigkeit standen und gemeinsam mit dem neuen Massenmedium Radio im "Dritten Reich" als Propagandainstrument des Hitler-Regimes missbraucht wurden. Erst mit der Neuordnung des westdeutschen Mediensystems durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der alten Bundesrepublik Rahmenbedingungen für Pressefreiheit geschaffen, während die ostdeutschen Medien mit dem Ende der DDR in die Eigenverantwortung gelangten.

Dadurch, dass die Medien in den USA und Großbritannien bereits so früh aus der staatlichen Kontrolle entlassen wurden, begannen amerikanische und britische Journalisten zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt, sich mit der Frage nach Selbstkontrolle zu beschäftigen. Bereits 1887 wurde im ersten Fachmagazin "The Journalist" über Fragen des Berufsstands nachgedacht, 1910 verabschiedeten Journalisten im US-Bundesstaat Kansas einen ersten Pressekodex. Die Zeitung "New York World" richtete 1913 ein "Accuracy Bureau" ein, das gegen journalistisches Fehlverhalten im eigenen Haus vorging, und sozialkritische journalistische muckraker spürten auch Missständen in den Medien nach. So veröffentlichte der Journalist Will Irwin zahlreiche Enthüllungsartikel über die amerikanische Zeitungspresse. Dennoch wuchs, zumal nach Ende des Zweiten Weltkriegs – in dem auch US-Medien massiver Militärzensur unterstanden –, auch in Amerika der Unmut über Medienexzesse, und immer mehr kritische Beobachter warfen die Frage auf, wie verantwortlich die Medien eigentlich ihre Freiheiten im Dienste der Gesellschaft nutzen oder ob sie diese nicht für ihren eigenen ökonomischen Vorteil missbrauchen.

Die Hutchins-Kommission, eine Gruppe von hochrangingen US-Intellektuellen, gab 1947 den entscheidenden Anstoß für eine Neubestimmung der Debatte über Medienselbstverantwortung mit ihrem öffentlichen Appell für Medienselbstkontrolle: "We recommend that the members of the press engage in vigorous mutual criticism. Professional standards are not likely to be achieved as long as the mistakes and errors, the frauds and crimes, committed by units of the press are passed over in silence by other members of the profession." Seit US-Präsident Nixon in seiner Amtszeit von 1969 bis 1974 massiven Druck auf die Medien ausübte und mit der Einsetzung einer staatlichen Medienaufsicht drohte, entwickelte sich in rascher Folge ein Netzwerk von Medienselbstkontrollinstrumenten: Seit den späten 1960er Jahren entstanden zahlreiche Journalism Reviews, die sich mit der Qualität der regionalen Medien auseinandersetzten, ab 1970 installierten führende Zeitungen – darunter die "Washington Post" – sogenannte Ombudsmänner: Erfahrene Journalisten, die als Schnittstelle zwischen Redaktion und Publikum fungieren, Nutzerbeschwerden nachgehen und zugleich im besten Fall eigeninitiativ in den Redaktionen Debatten über ethische Fragen anregen.[2] Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Ein Ombudsmann der "New York Times" warf öffentlich – und ohne Absprache mit der Chefredaktion – im eigenen Blatt die Frage auf, ob ein unparteiischer Blick auf den Krisenherd Nahost möglich sei, wenn der Sohn des Nahost-Korrespondenten der Zeitung in der israelischen Armee diene.[3]

In Deutschland nahm die Entwicklung der Medienselbstkontrolle einen anderen Verlauf. Die Initialzündung für eine Selbstorganisation der Branche folgte auf staatlichen Druck: So drohte das Kabinett Adenauer aufgrund von wachsender Kritik den deutschen Medien mit der Einsetzung einer staatlichen Medienkommission; Verlegerverbände und Journalistengewerkschaften reagierten 1956 mit der Gründung des Deutschen Presserats als Anlaufstelle für Beschwerden über Presseberichterstattung. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind die Rundfunkräte für die Aufsicht zuständig, im privaten Rundfunk die Landesmedienanstalten.

Auch die Medienselbstkontrolle ist in Deutschland – wie übrigens in vielen anderen nordeuropäischen Ländern – damit grundsätzlich korporatistisch angelegt. Selbstregulierung wird von den Interessenvertretern auf Ebene der Profession organisiert, während im angelsächsischen Raum viel stärker die (Medien-)Unternehmen die Verantwortung für den Umgang mit Missständen auf organisationaler Ebene wahrnehmen. So konnte sich in den USA kein Presserat auf nationaler Ebene behaupten (ein kurzlebiger Versuch scheiterte in den 1980er Jahren), während andererseits das Modell des Ombudsmanns, das inzwischen auch von Qualitätsmedien in vielen anderen Ländern von Spanien bis Japan erfolgreich praktiziert wird, in Deutschland nie populär wurde. Erst seit kurzem setzt sich eine kleine Gruppe süddeutscher Redakteure um den Ombudsmann der "Mainpost", Anton Sahlender, für eine Wiederbelebung des Ombudsmanns-Konzepts in deutschen Redaktionen ein.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Fengler, From Media Self-Regulation to "Crowd-Criticism": Media Accountability in the Digital Age, in: Central European Journal of Communication 2/2012, S. 175–189.
2.
Zur Geschichte der Medienkritik in den USA vgl. Susanne Fengler, Medienjournalismus in den USA, Konstanz 2002.
3.
Einen Überblick über die Ziele und Erfahrungen von Ombudsleuten bei internationalen Medien bietet die Website der Organization of News Ombudsmen: http://www.newsombudsmen.org«.
4.
Anton Sahlender hat die Vereinigung der Medien-Ombudsleute gegründet: http://www.vdmo.de«.
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Autor: Susanne Fengler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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