Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Twitter statt Presserat? Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich

22.7.2016

Konzepte und Forschung



Es ist inzwischen Konsens unter Medienbeobachtern aus Praxis und Wissenschaft, dass Medien verantwortungsvoll mit ihren verschiedenen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen umgehen müssen, damit sie auch ohne externe Steuerung ihre vielfältigen sozialen Funktionen erfüllen können, wie der Kommunikationswissenschaftler Denis McQuail hervorhebt. In diesem Sinne definiert er media accountability als Prozess der Ko-Orientierung: "Accountable communication exists where authors (originators, sources, or gatekeepers) take responsibility for the quality and consequences of their publication, orient themselves to audiences and others affected, and respond to their expectations and those of the wider society."[5]

Unter den deutschen Begriffen "Medienselbstkontrolle" oder "Medienselbstregulierung" werden jene Prozesse verstanden, die Mitglieder der journalistischen Profession selbst anstoßen, um die Qualität ihrer Berichterstattung zu garantieren (Presseräte, Pressekodizes, Medienkritik).[6] Dem breiteren Begriff der media accountability ordnet der Medienethiker Claude-Jean Bertrand "any non-state means of making media responsible towards the public" zu – und bezieht damit nicht nur Journalisten, sondern potenziell auch Mediennutzer und andere gesellschaftliche Stakeholder der Medien in den Prozess der journalistischen Qualitätssicherung ein.[7]

In der jüngsten Vergangenheit ist zudem verstärkt das Konzept der "Medientransparenz" in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt, wonach insbesondere auch Medienorganisationen durch die Bereitstellung von Informationen über redaktionelle Prozesse und die daran beteiligten Akteure dazu beitragen können, das Vertrauen in den Journalismus zu bewahren oder zurückzugewinnen (zum Beispiel mit Hilfe von online verfügbaren Autorenprofilen, Mission Statements, Links zu Quellen, Redaktionsblogs und anderem mehr).[8]

Das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus in Dortmund (EBI) hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen von mehreren großen Studien vergleichend mit Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich beschäftigt. Im von der Europäischen Union geförderten Forschungsprojekt "Media Accountability and Transparency in Europe" (MediaAcT) wurden die Strukturen der Medienselbstkontrolle in zwölf west- und osteuropäischen Staaten sowie ergänzend in Tunesien und Jordanien untersucht.[9] Aktuell kooperiert das EBI mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und legt Ende 2016 einen Vergleich der Strukturen der Medienselbstkontrolle in allen EU-Staaten zuzüglich Norwegen und der Schweiz sowie Israel, der Türkei und Russland vor. Die internationalen Studien zeigen: Im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten ist das deutsche System der Medienselbstkontrolle – allen Unkenrufen über den "zahnlosen Tiger" Presserat, aller wütenden Kritik, die im Vorwurf der "Lügenpresse" gipfelt, zum Trotz – vielfältig und relativ leistungsfähig.

Deutsche Medienselbstkontrolle



Die Anzahl der Beschwerden ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen, was sich der Presserat mit der anhaltenden Vertrauenskrise der Medien erklärt. Der 16 Ziffern umfassende Verhaltenskodex des Deutschen Presserats gibt den deutschen Journalistinnen und Journalisten ein ethisches Gerüst an die Hand, wie mit Grenzfragen der Recherche, Schutz der Persönlichkeit und Ehre, mit der Bedeutung von religiöser Zugehörigkeit und ethnischer Herkunft in der Berichterstattung, aber auch mit Geschenken, die den Medienmachern überreicht werden, umzugehen ist. Breit diskutiert wurde in Zusammenhang mit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht 2015 zuletzt die Richtlinie 12.1 des Kodex, die einen zurückhaltenden Umgang mit der Nationalität eines mutmaßlichen Straftäters anmahnt. Trotz teilweise lautstarker Kritik entschied sich der Presserat dazu, an der Richtlinie festzuhalten. Der Deutsche Presserat ist als unabhängiges Gremium von Verlegern und Journalisten organisiert, und seine Beschlüsse zu publizistischen Streitfällen werden von der Branche – mit Ausnahme der "Bild", die sich regelmäßig weigert, Urteile des Presserats abzudrucken – anerkannt.[10]

Trotz der Medienkrise gibt es nach wie vor Medienseiten in den überregionalen Qualitätszeitungen, Sendungen wie "Markt und Medien" im Deutschlandfunk oder "Zapp" im NDR-Fernsehen, und nicht zuletzt einflussreiche Websites und Blogs wie "Heise online" und das "Bildblog", die sich mit medienethischen, medienökonomischen und medienpolitischen Fragen befassen. Der Deutsche Journalistenverband und die Mediengewerkschaft Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union leisten mit ihren Fachzeitschriften, Websites, Fachtagungen und Initiativen wie "Qualität im Journalismus" einen Beitrag zur Debatte über Standards. Hinzu kommen Initiativen auf Ebene der Medienorganisationen: Einige Medien haben in den vergangenen Jahren eigene hausinterne Ethikkodizes verabschiedet und Formate entwickelt, die dabei helfen sollen, dem Publikum ein besseres Verständnis über die Hintergründe redaktioneller Entscheidungen zu vermitteln. So unterhält ARD-Aktuell das "Tagesschau-Blog", in dem die Chefredakteure beispielsweise immer wieder öffentlich ihre Gedanken über den Umgang mit Youtube-Material und Tweets aus unzugänglichen Krisen- und Kriegsgebieten mitteilen. Mit "Hier spricht der Aushilfshausmeister!" hat "Die Tageszeitung" (taz) ihr Redaktionsblog "Hausmeisterblog" überschrieben, "Die Zeit" das Blog "Fragen der Zeit" eingerichtet.

Zu einem interessanten Forum der Selbstreflexion hat sich nicht zuletzt Twitter entwickelt; aktuelle Studien am Institut für Journalistik der TU Dortmund haben gezeigt, dass Journalisten zunehmend von den sozialen Medien Gebrauch machen, um öffentlich über das Zustandekommen eines journalistischen Beitrags nachzudenken. Gerade unter Auslandskorrespondenten, die in den traditionellen Medien in der Regel nur wenig Platz für ihre Themen und Beiträge haben, oftmals aber in der journalistischen Praxis mit gewaltigen ethischen Herausforderungen konfrontiert sind – man denke nur an Krisen- und Kriegsberichterstattung – ist diese Form der Selbstreflexion beliebt.


Fußnoten

5.
Denis McQuail, Media Accountability and Freedom of Publication, Oxford–New York 2003, S. 19.
6.
Vgl. etwa Achim Baum et al., Handbuch Medienselbstkontrolle, Wiesbaden 2005; Ingrid Stapf, Medien-Selbstkontrolle. Ethik und Institutionalisierung, Konstanz 2006; Manuel Puppis, Organisationen der Selbstregulierung. Europäische Presseräte im Vergleich, Köln 2009.
7.
Claude-Jean Bertrand, Media Ethics & Accountability Systems, New Brunswick–London 2000, S. 108; ähnlich Jo Bardoel/Leen d’Haenens, Media Responsibility and Accountability: New Conceptualizations and Practices, in: Communications 29/2004, S. 5–26.
8.
Vgl. etwa Klaus Meier/Julius Reimer, Transparenz im Journalismus. Instrumente, Konfliktpotentiale, Wirkung, in: Publizistik 2/2011, S. 133–155.
9.
Ausführliche Informationen zum Forschungsprojekt MediaAcT finden sich unter http://www.mediaact.eu« sowie in: Susanne Fengler/Tobias Eberwein/Gianpetro Mazzoleni/Colin Porlezza/Stephan Ruß-Mohl (Hrsg.), Journalists and Media Accountability. An International Study of News People in the Digital Age, New York u.a. 2014.
10.
Über die Spruchpraxis informiert der Presserat auf http://www.presserat.de«, dort findet sich auch der Ethikkodex des Deutschen Presserats. Einen Überblick über Pressekodizes und weitere Instrumente der Medienselbstkontrolle auf internationaler Ebene hat die UNESCO zusammengestellt: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/freedom-of-expression/professional-journalistic-standards-and-code-of-ethics«.
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Autor: Susanne Fengler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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