Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Twitter statt Presserat? Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich

22.7.2016

Stolpersteine und Wege, sie zu umgehen



Ein zentrales Problem bei der Etablierung von Instrumenten der Medienselbstkontrolle gerade in Osteuropa, aber auch in den noch bis in die 1970er Jahre hinein von Militärdiktaturen regierten südeuropäischen Ländern (Spanien, Portugal, Griechenland), ist die Erfahrung mit staatlicher Instrumentalisierung und Kontrolle durch die Regimes, unter denen Medien und Journalisten jahrzehntelang zu leiden hatten. Vor diesem Hintergrund ist die Bereitschaft gerade vieler osteuropäischer Medien, neue Formen der (Selbst-)Kontrolle zu akzeptieren, sich sogar selbst nicht mehr als Opfer, sondern als Teil der neuen herrschenden Elite und damit notwendigerweise auch als Subjekt von Transparenz-Debatten zu begreifen, oft noch schwach ausgeprägt. Dabei sind die Medien gerade in diesen Ländern häufig eng mit der Politik verbandelt.

Zu den Besonderheiten der ost- und südeuropäischen Mediensysteme gehört auch, dass die Journalisten sich in ihrem Selbstverständnis viel stärker als etwa in Deutschland oder anderen nordeuropäischen Ländern als Teil einer Elite verstehen und ein eher negatives Bild von ihrem Publikum haben. Auf eine entsprechende Frage in der MediaAcT-Studie antworteten denn auch auffällig viele ost- und südeuropäische Journalisten, dass Offenheit im Umgang mit eigenen Fehlern nicht dazu beitrage, das Vertrauen in die Medien zu vergrößern. Ihre Kollegen aus Nord- und Westeuropa hingegen bejahten das Statement mehrheitlich.[15] Gerade in Ost- und Südeuropa ist ein Bewusstseinswandel im Journalismus nötig. Das ebenfalls am EBI angesiedelte European Journalism Observatory arbeitet inzwischen mit Publikationen in mehreren Sprachen daran, die Sensibilität europäischer Journalisten für ethische Herausforderungen zu fördern.[16]

Denn die Gatekeeper geraten allerorts in Bedrängnis. Die Frage, ob das Internet die Bereitschaft des Publikums, Kritik an den Leistungen der Medien öffentlich zu äußern, vergrößert habe, wird laut der MediaAcT-Studie in vielen Ländern bejaht. Publikumskritik wird damit zu einem wesentlichen Faktor, insbesondere wenn die hergebrachten Instrumente der Medienselbstkontrolle nicht die erhoffte Schlagkraft entfalten. So wird Presseräten und von den Presseräten verabschiedeten Ethikkodizes von den europäischen Journalisten insgesamt im besten Fall durchschnittlicher Einfluss auf die Qualität der Berichterstattung zugeschrieben; als wesentlich effektiver wird das Medienrecht angesehen. Quer durch die Länder hinweg fühlen sich die Journalisten stärker ihrem eigenen Gewissen denn der Öffentlichkeit verpflichtet. Dies könnte sich mit der Zeit jedoch wandeln: Unseren Daten zufolge erhalten Journalisten bereits heute mehr Kritik über die sozialen Medien als über die klassischen Instrumente der Medienselbstkontrolle. Die junge Journalistengeneration misst dem Feedback via Facebook und Twitter bereits erhebliche Bedeutung zu.[17]

Nach wie vor ungelöst ist damit die Frage, wie sich die Systeme der Medienselbstkontrolle effektiver gestalten lassen, ohne dass dadurch in irgendeiner Form die Pressefreiheit gefährdet würde. Den meisten Presseräten in Europa bleiben kaum andere Möglichkeiten, als bei den kritisierten Medien auf eine Veröffentlichung ihres Urteilsspruchs zu drängen. In manchen Fällen wird eine geringe Geldstrafe verhängt, die jedoch keine abschreckende Wirkung entfaltet. Damit bleibt letztlich nur die Drohung auf Verlust von Reputation unter Kollegen. Doch das System Journalismus stößt seine "schwarzen Schafe" nicht konsequent genug aus; auch Medienmacher, die in Skandale wie beispielsweise die "Tom-Kummer-Affäre" um frei erfundene Interviews mit Hollywoodstars verwickelt waren, sind weiterhin erfolgreich in der Branche tätig.

Eine interessante Option findet sich im irischen Mediensystem, das vor einigen Jahren einem grundlegenden Umbau unterzogen wurde: Hier berücksichtigen es Gerichte bei juristischen Streitfällen positiv, wenn sich Medien dem Presserat angeschlossen und dem Pressekodex verschrieben haben. Die MediaAcT-Studie zeigt auch, dass in solchen Medienhäusern, in denen die Redaktionsleiter ethisches Fehlverhalten sanktionieren, das Bewusstsein der Journalisten für die Relevanz von Medienselbstregulierung stärker ausgeprägt ist.

Es bräuchte mehr solcher Mechanismen, sowohl auf Branchenebene als auch auf Ebene der Redaktionen, die konsequent auf Anreize für eine effektivere Medienselbstkontrolle setzen – und denen es zugleich gelingt, mit dem tief greifenden Wandel fast aller Strukturen des Mediensystems Schritt zu halten. Denn wo und wie kann eigentlich noch eine Verständigung über ethische Werte im Journalismus stattfinden, wenn die Journalistenverbände keinen Nachwuchs mehr gewinnen, wenn immer mehr Journalisten als "Freie" arbeiten und nebenher Auftragsarbeiten in der PR übernehmen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen? Der MediaAcT-Studie zufolge messen Journalisten quer durch Europa redaktionellen Ethikkodizes auf Ebene der Medienunternehmen noch den vergleichsweise größten potenziellen Einfluss auf Standards im Journalismus zu.[18]

Was spräche dagegen, die Vergabe staatlicher und auch privater Anzeigenaufträge davon abhängig zu machen, dass die betreffende Redaktion einen Ethikkodex entwickelt, einen Newsroom-Blog installiert, einen Ombudsmann eingesetzt oder einen "Correction Button" für die Nutzer installiert hat, kurz: sich in welcher Form und mit welchem Ergebnis auch immer um media accountability bemüht? An einem funktionierenden System der Medienselbstkontrolle, das Voraussetzung dafür ist, dass Journalismus auch in Zukunft seine Schlüsselrolle für eine kritische demokratische Öffentlichkeit behalten kann, sollten nicht nur die Branche, sondern auch Publikum, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft größtes Interesse haben.[19]


Fußnoten

15.
Vgl. Fengler et al. (Anm. 11).
16.
Siehe die Website des European Journalism Observatory: http://www.ejo-online.eu«.
17.
Vgl. Wayne Powell/Mike Jempson, More Accountability in the Digital Age? The Influence of New Technologies, in: Fengler et al. (Anm. 9), S. 115–128.
18.
Vgl. Fengler et al. (Anm. 9).
19.
Vgl. Fengler et al., Summary – Perspectives for Newsrooms, Policy-Makers and Journalism Educators, in: dies. (Anm. 9), S. 265–290.
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Autor: Susanne Fengler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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