Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Twitter statt Presserat? Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich


22.7.2016
Hat eine "Lügenpresse" ein Kartell über die öffentliche Meinung in Deutschland? Ist es angemessen, wenn Medien die Herkunft von Tatverdächtigen – Stichwort "Köln" – nicht offenlegen? Und haben die Medien "blinde Flecken" in der Auslandsberichterstattung – beispielsweise im Fall der Berichterstattung über Russland und den Ukraine-Konflikt? In den vergangenen Monaten mussten sich Journalisten und Redaktionen mit massiver Kritik an den Praktiken und Mechanismen der Medien auseinandersetzen.

Das ist nicht neu. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kritisch über Leistungen und Versagen im Journalismus diskutiert – von den Folgen von Berichterstattungsexzessen in der "Causa Wulff" bis weit zurück zum skandalträchtigen "Stern"-Titelfoto des toten Uwe Barschel, vom Umgang der "Bild" mit den Toten der Duisburger Love-Parade bis hin zur zweifelhaften Rolle von Journalisten des "Kölner Express" im Gladbecker Geiseldrama.

Neu an der hitzigen Diskussion über Qualität im Journalismus ist der Ort, an dem sie geführt wird – immer häufiger findet sie in den sozialen Medien statt. Das stellt die Spielregeln der Medienselbstkontrolle auf den Kopf: Verärgerte Mediennutzer finden sich heute längst in Blogs und Foren, vernetzen sich über Facebook und Twitter und äußern ihren Unmut massenhaft und in Sekundenschnelle über das Internet, während in der Medienwelt von gestern am Ende nur wenige die Muße und Tatkraft besaßen, ihre Medienkritik in Form eines Leserbriefs auf den Weg zu bringen. Wo früher einmal Journalistinnen und Journalisten auf Medienseiten über Kollegen urteilten, wo im Presserat Profis über Patzer anderer Profis zu Gericht saßen – und wo im Zweifel die goldene Regel von der Krähe, die der anderen kein Auge aushackt, galt –, haben in der Medienwelt von heute unendlich viele Medien-Laien die Möglichkeit, ihre Kritik an den Leistungen des Journalisten lautstark in den sozialen Medien kundzutun. Immer häufiger geraten Journalisten auf diesem Weg unversehens in "Shitstorms", etwa Anja Reschke (NDR) und Dunja Hayali (ZDF), die für ihre Kommentare zur Flüchtlingsdebatte wüst im Netz beschimpft wurden.[1]

Trotz solcher Auswüchse wird klar: Im digitalen Zeitalter können die etablierten Medien die Diskussion über die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft nicht mehr steuern. Das stellt die traditionellen Instrumente der Medienselbstkontrolle vor große Herausforderungen – in Deutschland wie auch in vielen anderen demokratischen Ländern der Welt.

Entwicklung



Dass Medien überhaupt in professionellen Kreisen oder gar öffentlich darüber reflektieren, wie gut oder schlecht sie ihrer Verantwortung für die Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit nachkommen, ist in Deutschland ein im Vergleich mit den angelsächsischen Ländern relativ junges Phänomen. Das britische Parlament verlängerte bereits 1695 den "Licensing Act" nicht mehr, der Zensur ermöglicht hatte. In den Vereinigten Staaten wurde die Presse- und Meinungsfreiheit 1791 als "First Amendment" in der Verfassung festgeschrieben – während die Zeitungen in Deutschland bis zum Ende des Kaiserreiches unter dem Kuratel der Obrigkeit standen und gemeinsam mit dem neuen Massenmedium Radio im "Dritten Reich" als Propagandainstrument des Hitler-Regimes missbraucht wurden. Erst mit der Neuordnung des westdeutschen Mediensystems durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der alten Bundesrepublik Rahmenbedingungen für Pressefreiheit geschaffen, während die ostdeutschen Medien mit dem Ende der DDR in die Eigenverantwortung gelangten.

Dadurch, dass die Medien in den USA und Großbritannien bereits so früh aus der staatlichen Kontrolle entlassen wurden, begannen amerikanische und britische Journalisten zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt, sich mit der Frage nach Selbstkontrolle zu beschäftigen. Bereits 1887 wurde im ersten Fachmagazin "The Journalist" über Fragen des Berufsstands nachgedacht, 1910 verabschiedeten Journalisten im US-Bundesstaat Kansas einen ersten Pressekodex. Die Zeitung "New York World" richtete 1913 ein "Accuracy Bureau" ein, das gegen journalistisches Fehlverhalten im eigenen Haus vorging, und sozialkritische journalistische muckraker spürten auch Missständen in den Medien nach. So veröffentlichte der Journalist Will Irwin zahlreiche Enthüllungsartikel über die amerikanische Zeitungspresse. Dennoch wuchs, zumal nach Ende des Zweiten Weltkriegs – in dem auch US-Medien massiver Militärzensur unterstanden –, auch in Amerika der Unmut über Medienexzesse, und immer mehr kritische Beobachter warfen die Frage auf, wie verantwortlich die Medien eigentlich ihre Freiheiten im Dienste der Gesellschaft nutzen oder ob sie diese nicht für ihren eigenen ökonomischen Vorteil missbrauchen.

Die Hutchins-Kommission, eine Gruppe von hochrangingen US-Intellektuellen, gab 1947 den entscheidenden Anstoß für eine Neubestimmung der Debatte über Medienselbstverantwortung mit ihrem öffentlichen Appell für Medienselbstkontrolle: "We recommend that the members of the press engage in vigorous mutual criticism. Professional standards are not likely to be achieved as long as the mistakes and errors, the frauds and crimes, committed by units of the press are passed over in silence by other members of the profession." Seit US-Präsident Nixon in seiner Amtszeit von 1969 bis 1974 massiven Druck auf die Medien ausübte und mit der Einsetzung einer staatlichen Medienaufsicht drohte, entwickelte sich in rascher Folge ein Netzwerk von Medienselbstkontrollinstrumenten: Seit den späten 1960er Jahren entstanden zahlreiche Journalism Reviews, die sich mit der Qualität der regionalen Medien auseinandersetzten, ab 1970 installierten führende Zeitungen – darunter die "Washington Post" – sogenannte Ombudsmänner: Erfahrene Journalisten, die als Schnittstelle zwischen Redaktion und Publikum fungieren, Nutzerbeschwerden nachgehen und zugleich im besten Fall eigeninitiativ in den Redaktionen Debatten über ethische Fragen anregen.[2] Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Ein Ombudsmann der "New York Times" warf öffentlich – und ohne Absprache mit der Chefredaktion – im eigenen Blatt die Frage auf, ob ein unparteiischer Blick auf den Krisenherd Nahost möglich sei, wenn der Sohn des Nahost-Korrespondenten der Zeitung in der israelischen Armee diene.[3]

In Deutschland nahm die Entwicklung der Medienselbstkontrolle einen anderen Verlauf. Die Initialzündung für eine Selbstorganisation der Branche folgte auf staatlichen Druck: So drohte das Kabinett Adenauer aufgrund von wachsender Kritik den deutschen Medien mit der Einsetzung einer staatlichen Medienkommission; Verlegerverbände und Journalistengewerkschaften reagierten 1956 mit der Gründung des Deutschen Presserats als Anlaufstelle für Beschwerden über Presseberichterstattung. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind die Rundfunkräte für die Aufsicht zuständig, im privaten Rundfunk die Landesmedienanstalten.

Auch die Medienselbstkontrolle ist in Deutschland – wie übrigens in vielen anderen nordeuropäischen Ländern – damit grundsätzlich korporatistisch angelegt. Selbstregulierung wird von den Interessenvertretern auf Ebene der Profession organisiert, während im angelsächsischen Raum viel stärker die (Medien-)Unternehmen die Verantwortung für den Umgang mit Missständen auf organisationaler Ebene wahrnehmen. So konnte sich in den USA kein Presserat auf nationaler Ebene behaupten (ein kurzlebiger Versuch scheiterte in den 1980er Jahren), während andererseits das Modell des Ombudsmanns, das inzwischen auch von Qualitätsmedien in vielen anderen Ländern von Spanien bis Japan erfolgreich praktiziert wird, in Deutschland nie populär wurde. Erst seit kurzem setzt sich eine kleine Gruppe süddeutscher Redakteure um den Ombudsmann der "Mainpost", Anton Sahlender, für eine Wiederbelebung des Ombudsmanns-Konzepts in deutschen Redaktionen ein.[4]

Konzepte und Forschung



Es ist inzwischen Konsens unter Medienbeobachtern aus Praxis und Wissenschaft, dass Medien verantwortungsvoll mit ihren verschiedenen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen umgehen müssen, damit sie auch ohne externe Steuerung ihre vielfältigen sozialen Funktionen erfüllen können, wie der Kommunikationswissenschaftler Denis McQuail hervorhebt. In diesem Sinne definiert er media accountability als Prozess der Ko-Orientierung: "Accountable communication exists where authors (originators, sources, or gatekeepers) take responsibility for the quality and consequences of their publication, orient themselves to audiences and others affected, and respond to their expectations and those of the wider society."[5]

Unter den deutschen Begriffen "Medienselbstkontrolle" oder "Medienselbstregulierung" werden jene Prozesse verstanden, die Mitglieder der journalistischen Profession selbst anstoßen, um die Qualität ihrer Berichterstattung zu garantieren (Presseräte, Pressekodizes, Medienkritik).[6] Dem breiteren Begriff der media accountability ordnet der Medienethiker Claude-Jean Bertrand "any non-state means of making media responsible towards the public" zu – und bezieht damit nicht nur Journalisten, sondern potenziell auch Mediennutzer und andere gesellschaftliche Stakeholder der Medien in den Prozess der journalistischen Qualitätssicherung ein.[7]

In der jüngsten Vergangenheit ist zudem verstärkt das Konzept der "Medientransparenz" in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt, wonach insbesondere auch Medienorganisationen durch die Bereitstellung von Informationen über redaktionelle Prozesse und die daran beteiligten Akteure dazu beitragen können, das Vertrauen in den Journalismus zu bewahren oder zurückzugewinnen (zum Beispiel mit Hilfe von online verfügbaren Autorenprofilen, Mission Statements, Links zu Quellen, Redaktionsblogs und anderem mehr).[8]

Das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus in Dortmund (EBI) hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen von mehreren großen Studien vergleichend mit Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich beschäftigt. Im von der Europäischen Union geförderten Forschungsprojekt "Media Accountability and Transparency in Europe" (MediaAcT) wurden die Strukturen der Medienselbstkontrolle in zwölf west- und osteuropäischen Staaten sowie ergänzend in Tunesien und Jordanien untersucht.[9] Aktuell kooperiert das EBI mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und legt Ende 2016 einen Vergleich der Strukturen der Medienselbstkontrolle in allen EU-Staaten zuzüglich Norwegen und der Schweiz sowie Israel, der Türkei und Russland vor. Die internationalen Studien zeigen: Im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten ist das deutsche System der Medienselbstkontrolle – allen Unkenrufen über den "zahnlosen Tiger" Presserat, aller wütenden Kritik, die im Vorwurf der "Lügenpresse" gipfelt, zum Trotz – vielfältig und relativ leistungsfähig.

Deutsche Medienselbstkontrolle



Die Anzahl der Beschwerden ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen, was sich der Presserat mit der anhaltenden Vertrauenskrise der Medien erklärt. Der 16 Ziffern umfassende Verhaltenskodex des Deutschen Presserats gibt den deutschen Journalistinnen und Journalisten ein ethisches Gerüst an die Hand, wie mit Grenzfragen der Recherche, Schutz der Persönlichkeit und Ehre, mit der Bedeutung von religiöser Zugehörigkeit und ethnischer Herkunft in der Berichterstattung, aber auch mit Geschenken, die den Medienmachern überreicht werden, umzugehen ist. Breit diskutiert wurde in Zusammenhang mit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht 2015 zuletzt die Richtlinie 12.1 des Kodex, die einen zurückhaltenden Umgang mit der Nationalität eines mutmaßlichen Straftäters anmahnt. Trotz teilweise lautstarker Kritik entschied sich der Presserat dazu, an der Richtlinie festzuhalten. Der Deutsche Presserat ist als unabhängiges Gremium von Verlegern und Journalisten organisiert, und seine Beschlüsse zu publizistischen Streitfällen werden von der Branche – mit Ausnahme der "Bild", die sich regelmäßig weigert, Urteile des Presserats abzudrucken – anerkannt.[10]

Trotz der Medienkrise gibt es nach wie vor Medienseiten in den überregionalen Qualitätszeitungen, Sendungen wie "Markt und Medien" im Deutschlandfunk oder "Zapp" im NDR-Fernsehen, und nicht zuletzt einflussreiche Websites und Blogs wie "Heise online" und das "Bildblog", die sich mit medienethischen, medienökonomischen und medienpolitischen Fragen befassen. Der Deutsche Journalistenverband und die Mediengewerkschaft Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union leisten mit ihren Fachzeitschriften, Websites, Fachtagungen und Initiativen wie "Qualität im Journalismus" einen Beitrag zur Debatte über Standards. Hinzu kommen Initiativen auf Ebene der Medienorganisationen: Einige Medien haben in den vergangenen Jahren eigene hausinterne Ethikkodizes verabschiedet und Formate entwickelt, die dabei helfen sollen, dem Publikum ein besseres Verständnis über die Hintergründe redaktioneller Entscheidungen zu vermitteln. So unterhält ARD-Aktuell das "Tagesschau-Blog", in dem die Chefredakteure beispielsweise immer wieder öffentlich ihre Gedanken über den Umgang mit Youtube-Material und Tweets aus unzugänglichen Krisen- und Kriegsgebieten mitteilen. Mit "Hier spricht der Aushilfshausmeister!" hat "Die Tageszeitung" (taz) ihr Redaktionsblog "Hausmeisterblog" überschrieben, "Die Zeit" das Blog "Fragen der Zeit" eingerichtet.

Zu einem interessanten Forum der Selbstreflexion hat sich nicht zuletzt Twitter entwickelt; aktuelle Studien am Institut für Journalistik der TU Dortmund haben gezeigt, dass Journalisten zunehmend von den sozialen Medien Gebrauch machen, um öffentlich über das Zustandekommen eines journalistischen Beitrags nachzudenken. Gerade unter Auslandskorrespondenten, die in den traditionellen Medien in der Regel nur wenig Platz für ihre Themen und Beiträge haben, oftmals aber in der journalistischen Praxis mit gewaltigen ethischen Herausforderungen konfrontiert sind – man denke nur an Krisen- und Kriegsberichterstattung – ist diese Form der Selbstreflexion beliebt.

Europäischer Vergleich



Im internationalen Vergleich findet sich ansonsten nur in den skandinavischen Ländern, in den Niederlanden und in der Schweiz eine ähnliche Breite an Instrumenten der Medienselbstkontrolle. Eine Besonderheit im finnischen wie auch im Schweizer Mediensystem ist, dass der Presserat in diesen Ländern branchenübergreifend als Medienrat organisiert ist und sich auch mit Beschwerden über Rundfunk- und Online-Medien befasst. Die umfassende Zuständigkeit zahlt sich aus: Eine repräsentative Befragung von knapp 1800 Journalisten in 14 Staaten im Rahmen der MediaAcT-Studie hat gezeigt, dass die Medienräte in Finnland und der Schweiz von Journalisten in den beiden Ländern in herausragendem Maße als Instrument der professionellen Selbstkontrolle anerkannt sind.[11]

Selbst für Medienkenner dürfte hingegen überraschend sein, wie schlecht es in vielen anderen europäischen Ländern um die Medienselbstkontrolle bestellt ist. So existiert in Frankreich nach wie vor kein Presserat – auch wenn Journalisten-Initiativen in den vergangenen Jahren immer wieder neue Anläufe unternommen haben. In Spanien funktioniert das System der Medienselbstkontrolle nur in kleinräumigen Gebieten – so wird der katalanische Presserat immerhin als effizient eingeschätzt. Italien verfügt über die Besonderheit einer "Journalisten-Kammer": Wer in Italien als Journalist tätig werden will, muss eine Eignungsprüfung absolvieren, alle anderen Medienschaffenden werden als "Publizisten" geführt.

Auch in Osteuropa haben sich in dem Vierteljahrhundert seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nur schleppend Instrumente der Medienselbstkontrolle etablieren können. Der polnische Presserat existiert de facto nur auf dem Papier, in anderen Ländern wie etwa Rumänien gar nicht. In Ungarn untersteht nach den massiven Eingriffen der Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán in die Medienfreiheit auch der Presserat staatlichem Einfluss; auch in Lettland mischte sich die Regierung zuletzt in die Besetzung der Medienregulierungsbehörde ein. In Estland, das schon zu Sowjetzeiten vom engen kulturellen Austausch mit Finnland profitierte, wurde bereits in den 1990er Jahren ein Presserat gegründet; diesem setzten jedoch die Verleger – verärgert über die Spruchpraxis des von Journalistenverbänden getragenen Rates – bald darauf einen eigenen, deutlich weniger kritischen Presserat entgegen. Eine noch prekärere Situation findet sich in Bulgarien, wo die New Bulgarian Media Group der Oligarchin Irena Krastewa kurzerhand für die Journalisten ihrer Mediengruppe einen "Journalistenverband" gründete, der einen eigenen "Ethikkodex" verabschiedete. Hier schafft sich ein Medienunternehmen eigene Regeln.[12]

Beobachtungen dieser Art führten dazu, dass die in Reaktion auf die von Orbán herbeigeführten Änderungen im ungarischen Mediensystem eingesetzte High-Level Group on Media Freedom and Pluralism der EU sich ab 2011 unter anderem mit der Qualität der Medienselbstkontrolle in Europa beschäftigte.[13] Zu den 2013 veröffentlichten Eckpunkten der von der ehemaligen lettischen Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga geführten Kommission gehörte die Forderung, in jedem EU-Mitgliedsstaat verbindlich einen Medienrat einzuführen, der dem Publikum als Anlaufstelle für Beschwerden dient. Die europäischen Medien reagierten auf diesen konstruktiv gemeinten Vorschlag jedoch mit erbittertem Protest: Quer durch Europa äußerten zahlreiche Verlegerverbände und Medienunternehmer lautstark den Verdacht, die EU wolle auf diesem Wege die Pressefreiheit in ihren Mitgliedsstaaten unterminieren. Besonderen Gegenwind bekam die High-Level Group aus Großbritannien – dort zieht der Skandal um journalistische Praktiken insbesondere der Boulevardpresse, die im Zuge des "News of the World"-Skandals und der anschließenden als Leveson Inquiry bekannt gewordenen Untersuchung offenbar wurden, noch immer weite Kreise.[14]

Der britische Skandal zeigt die Unzulänglichkeiten des Systems der Medienselbstkontrolle auf: Obwohl die britische Press Complaints Commission zu den traditionellsten Presseräten gehört und vielfach als Vorbild gerühmt wurde, war sie nicht in der Lage, die Exzesse gerade der britischen Boulevardpresse – die weder vor der Bestechung von Polizeibeamten noch dem Hacken von Mailboxen von Mordopfern zurückschreckte – zu verhindern. Im Zuge der Leveson Inquiry wurde zwar versucht, ein verbindlicheres Modell der Medienselbstkontrolle zu schaffen, im Ergebnis setzten aber zuletzt mehrere Großverlage einen neuen Presserat ein. Diese neue Independent Press Standards Organisation (IPSO) wird von renommierten Medien wie dem "Guardian" allerdings boykottiert, da Zweifel an seiner Zielsetzung bestehen. Der "Guardian" versucht seither, durch Stärkung seines Ombudsmanns in Eigeninitiative medienethische Verantwortung zu beweisen. Das System der Selbstorganisation auf Branchenebene erscheint im Vereinigten Königreich somit weitgehend gescheitert. Und auch für die süd- und osteuropäischen Länder zeigt sich aus der Vogelperspektive des internationalen Vergleichs: Medienselbstkontrolle kann nur dort funktionieren, wo Journalisten an einem Strang ziehen, um ihre Interessen – auch im Sinne des Schutzes vor staatlicher Kontrolle – durchzusetzen.

In vielen osteuropäischen Ländern, aber auch beispielsweise in Frankreich existieren hingegen mehrere kleine Journalistenverbände, die untereinander im Wettstreit um Akzeptanz in der Branche stehen. In Österreich unternehmen Verleger nach jahrelanger Lähmung des Presserats durch einen Boykott der Medien der Kronen-Gruppe seit kurzem einen neuen Anlauf, einen handlungsfähigen und sogar mit quasi-juristischen Funktionen ausgestatteten Presserat ins Leben zu rufen. In vielen süd- und osteuropäischen Ländern, in denen das System der Medienselbstkontrolle lückenhaft und schwach entwickelt ist, bleiben somit oft nur Blogs und Social-Media-Aktivitäten kritischer Journalisten, in denen über Medienqualität und Medienversagen diskutiert werden kann.

Stolpersteine und Wege, sie zu umgehen



Ein zentrales Problem bei der Etablierung von Instrumenten der Medienselbstkontrolle gerade in Osteuropa, aber auch in den noch bis in die 1970er Jahre hinein von Militärdiktaturen regierten südeuropäischen Ländern (Spanien, Portugal, Griechenland), ist die Erfahrung mit staatlicher Instrumentalisierung und Kontrolle durch die Regimes, unter denen Medien und Journalisten jahrzehntelang zu leiden hatten. Vor diesem Hintergrund ist die Bereitschaft gerade vieler osteuropäischer Medien, neue Formen der (Selbst-)Kontrolle zu akzeptieren, sich sogar selbst nicht mehr als Opfer, sondern als Teil der neuen herrschenden Elite und damit notwendigerweise auch als Subjekt von Transparenz-Debatten zu begreifen, oft noch schwach ausgeprägt. Dabei sind die Medien gerade in diesen Ländern häufig eng mit der Politik verbandelt.

Zu den Besonderheiten der ost- und südeuropäischen Mediensysteme gehört auch, dass die Journalisten sich in ihrem Selbstverständnis viel stärker als etwa in Deutschland oder anderen nordeuropäischen Ländern als Teil einer Elite verstehen und ein eher negatives Bild von ihrem Publikum haben. Auf eine entsprechende Frage in der MediaAcT-Studie antworteten denn auch auffällig viele ost- und südeuropäische Journalisten, dass Offenheit im Umgang mit eigenen Fehlern nicht dazu beitrage, das Vertrauen in die Medien zu vergrößern. Ihre Kollegen aus Nord- und Westeuropa hingegen bejahten das Statement mehrheitlich.[15] Gerade in Ost- und Südeuropa ist ein Bewusstseinswandel im Journalismus nötig. Das ebenfalls am EBI angesiedelte European Journalism Observatory arbeitet inzwischen mit Publikationen in mehreren Sprachen daran, die Sensibilität europäischer Journalisten für ethische Herausforderungen zu fördern.[16]

Denn die Gatekeeper geraten allerorts in Bedrängnis. Die Frage, ob das Internet die Bereitschaft des Publikums, Kritik an den Leistungen der Medien öffentlich zu äußern, vergrößert habe, wird laut der MediaAcT-Studie in vielen Ländern bejaht. Publikumskritik wird damit zu einem wesentlichen Faktor, insbesondere wenn die hergebrachten Instrumente der Medienselbstkontrolle nicht die erhoffte Schlagkraft entfalten. So wird Presseräten und von den Presseräten verabschiedeten Ethikkodizes von den europäischen Journalisten insgesamt im besten Fall durchschnittlicher Einfluss auf die Qualität der Berichterstattung zugeschrieben; als wesentlich effektiver wird das Medienrecht angesehen. Quer durch die Länder hinweg fühlen sich die Journalisten stärker ihrem eigenen Gewissen denn der Öffentlichkeit verpflichtet. Dies könnte sich mit der Zeit jedoch wandeln: Unseren Daten zufolge erhalten Journalisten bereits heute mehr Kritik über die sozialen Medien als über die klassischen Instrumente der Medienselbstkontrolle. Die junge Journalistengeneration misst dem Feedback via Facebook und Twitter bereits erhebliche Bedeutung zu.[17]

Nach wie vor ungelöst ist damit die Frage, wie sich die Systeme der Medienselbstkontrolle effektiver gestalten lassen, ohne dass dadurch in irgendeiner Form die Pressefreiheit gefährdet würde. Den meisten Presseräten in Europa bleiben kaum andere Möglichkeiten, als bei den kritisierten Medien auf eine Veröffentlichung ihres Urteilsspruchs zu drängen. In manchen Fällen wird eine geringe Geldstrafe verhängt, die jedoch keine abschreckende Wirkung entfaltet. Damit bleibt letztlich nur die Drohung auf Verlust von Reputation unter Kollegen. Doch das System Journalismus stößt seine "schwarzen Schafe" nicht konsequent genug aus; auch Medienmacher, die in Skandale wie beispielsweise die "Tom-Kummer-Affäre" um frei erfundene Interviews mit Hollywoodstars verwickelt waren, sind weiterhin erfolgreich in der Branche tätig.

Eine interessante Option findet sich im irischen Mediensystem, das vor einigen Jahren einem grundlegenden Umbau unterzogen wurde: Hier berücksichtigen es Gerichte bei juristischen Streitfällen positiv, wenn sich Medien dem Presserat angeschlossen und dem Pressekodex verschrieben haben. Die MediaAcT-Studie zeigt auch, dass in solchen Medienhäusern, in denen die Redaktionsleiter ethisches Fehlverhalten sanktionieren, das Bewusstsein der Journalisten für die Relevanz von Medienselbstregulierung stärker ausgeprägt ist.

Es bräuchte mehr solcher Mechanismen, sowohl auf Branchenebene als auch auf Ebene der Redaktionen, die konsequent auf Anreize für eine effektivere Medienselbstkontrolle setzen – und denen es zugleich gelingt, mit dem tief greifenden Wandel fast aller Strukturen des Mediensystems Schritt zu halten. Denn wo und wie kann eigentlich noch eine Verständigung über ethische Werte im Journalismus stattfinden, wenn die Journalistenverbände keinen Nachwuchs mehr gewinnen, wenn immer mehr Journalisten als "Freie" arbeiten und nebenher Auftragsarbeiten in der PR übernehmen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen? Der MediaAcT-Studie zufolge messen Journalisten quer durch Europa redaktionellen Ethikkodizes auf Ebene der Medienunternehmen noch den vergleichsweise größten potenziellen Einfluss auf Standards im Journalismus zu.[18]

Was spräche dagegen, die Vergabe staatlicher und auch privater Anzeigenaufträge davon abhängig zu machen, dass die betreffende Redaktion einen Ethikkodex entwickelt, einen Newsroom-Blog installiert, einen Ombudsmann eingesetzt oder einen "Correction Button" für die Nutzer installiert hat, kurz: sich in welcher Form und mit welchem Ergebnis auch immer um media accountability bemüht? An einem funktionierenden System der Medienselbstkontrolle, das Voraussetzung dafür ist, dass Journalismus auch in Zukunft seine Schlüsselrolle für eine kritische demokratische Öffentlichkeit behalten kann, sollten nicht nur die Branche, sondern auch Publikum, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft größtes Interesse haben.[19]

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Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Fengler, From Media Self-Regulation to "Crowd-Criticism": Media Accountability in the Digital Age, in: Central European Journal of Communication 2/2012, S. 175–189.
2.
Zur Geschichte der Medienkritik in den USA vgl. Susanne Fengler, Medienjournalismus in den USA, Konstanz 2002.
3.
Einen Überblick über die Ziele und Erfahrungen von Ombudsleuten bei internationalen Medien bietet die Website der Organization of News Ombudsmen: http://www.newsombudsmen.org«.
4.
Anton Sahlender hat die Vereinigung der Medien-Ombudsleute gegründet: http://www.vdmo.de«.
5.
Denis McQuail, Media Accountability and Freedom of Publication, Oxford–New York 2003, S. 19.
6.
Vgl. etwa Achim Baum et al., Handbuch Medienselbstkontrolle, Wiesbaden 2005; Ingrid Stapf, Medien-Selbstkontrolle. Ethik und Institutionalisierung, Konstanz 2006; Manuel Puppis, Organisationen der Selbstregulierung. Europäische Presseräte im Vergleich, Köln 2009.
7.
Claude-Jean Bertrand, Media Ethics & Accountability Systems, New Brunswick–London 2000, S. 108; ähnlich Jo Bardoel/Leen d’Haenens, Media Responsibility and Accountability: New Conceptualizations and Practices, in: Communications 29/2004, S. 5–26.
8.
Vgl. etwa Klaus Meier/Julius Reimer, Transparenz im Journalismus. Instrumente, Konfliktpotentiale, Wirkung, in: Publizistik 2/2011, S. 133–155.
9.
Ausführliche Informationen zum Forschungsprojekt MediaAcT finden sich unter http://www.mediaact.eu« sowie in: Susanne Fengler/Tobias Eberwein/Gianpetro Mazzoleni/Colin Porlezza/Stephan Ruß-Mohl (Hrsg.), Journalists and Media Accountability. An International Study of News People in the Digital Age, New York u.a. 2014.
10.
Über die Spruchpraxis informiert der Presserat auf http://www.presserat.de«, dort findet sich auch der Ethikkodex des Deutschen Presserats. Einen Überblick über Pressekodizes und weitere Instrumente der Medienselbstkontrolle auf internationaler Ebene hat die UNESCO zusammengestellt: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/freedom-of-expression/professional-journalistic-standards-and-code-of-ethics«.
11.
Vgl. Susanne Fengler et al., How Effective Is Media Self-Regulation? Results From a Comparative Survey of European Journalists, in: European Journal of Communication 3/2015, S. 249–266.
12.
Vgl. Susanne Fengler/Tobias Eberwein/Matthias Karmasin (Hrsg.), European Handbook of Media Accountability, London 2016 (i.E.).
13.
Vgl. High Level Group on Media Freedom and Pluralism, A Free and Pluralistic Media to Sustain European Democracy, Januar 2013, https://ec.europa.eu/digital-agenda/sites/digital-agenda/files/HLG%20Final%20Report.pdf«.
14.
Die umfassende Untersuchung "Culture, Practice and Ethics of the Press" wurde 2012 veröffentlicht und findet sich auf der Website der Kommission: http://www.levesoninquiry.org.uk«.
15.
Vgl. Fengler et al. (Anm. 11).
16.
Siehe die Website des European Journalism Observatory: http://www.ejo-online.eu«.
17.
Vgl. Wayne Powell/Mike Jempson, More Accountability in the Digital Age? The Influence of New Technologies, in: Fengler et al. (Anm. 9), S. 115–128.
18.
Vgl. Fengler et al. (Anm. 9).
19.
Vgl. Fengler et al., Summary – Perspectives for Newsrooms, Policy-Makers and Journalism Educators, in: dies. (Anm. 9), S. 265–290.
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Autor: Susanne Fengler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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