Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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"Lügenpresse!". Medien als Gegenstand von Verschwörungstheorien


22.7.2016
Der pauschale Manipulations- und Täuschungsverdacht, der sich aktuell in Schlagworten wie "Lügenpresse" oder "Systemmedien" artikuliert, wird bislang vorrangig als Problem für den damit gemeinten Journalismus verhandelt. Das Phänomen greift allerdings weiter. Dass Massenmedien der Manipulation verdächtigt werden, ist seit jeher eine zentrale Ressource für Verschwörungstheorien und ebenso ein effektiver Schlüssel zur Mobilisierung und Rekrutierung für soziale Protestbewegungen und politische Parteien. Diese Perspektive spricht selbstredend ebenso wenig den Journalismus von seinen Problemen frei, wie sie seine Kritiker allesamt als Verschwörungstheoretiker bezeichnen würde. Sie fragt nach den Aktivitäten, die ermöglicht, und den Mechanismen, die hier in Gang gesetzt werden können.

Niklas Luhmann brachte einen zentralen Befund der Medienwissenschaft auf die folgende schlagende Formel: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien."[1] Wer über Medien spricht, trifft damit also immer auch Aussagen über die eigene Wahrnehmung der Welt und somit auch über sich selbst. Daher können sich Deutungsgemeinschaften, Subkulturen oder politische Gruppierungen im Reden über Medien ihrer gemeinsamen Werte versichern und ihre kollektiven Identitäten stärken.[2] Wenn Menschen etwa im Chor "Lügenpresse" rufen, dann ist das – wie bereits die historischen Proteste gegen "Judenpresse" oder "Springerpresse" – also auch eine kollektive Inszenierung eines bestimmten menschlichen Selbst- und Weltverständnisses. Dies verdeutlicht bereits, dass das, was Journalistinnen und Journalisten heute als massiven Angriff auf sich und ihre Arbeit erleben, einen weiteren Effekt entfaltet, der nämlich nicht auf die Medien, sondern ins Innere einer sich mobilisierenden Bewegung zielt. Dass das kritische Reden über die Medien fester Bestandteil bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung ist, mag erklären, dass dessen besondere Funktion im Arsenal moderner Propaganda bislang unterbeleuchtet blieb.

Medienkritik als Master Frame



Bewegungsakteure, so informiert uns die Forschung zu sozialen Bewegungen, "konstruieren im Kontext öffentlicher Auseinandersetzungen über strittige Themen ihre Problemdeutungen in der strategischen Absicht, möglichst breite öffentliche Resonanz für ihr Anliegen zu erzielen".[3] Medien eignen sich als Gegenstand solcher Problemdeutung in besonderer Weise, da sie als Quelle unseres Wissens selbst der zentrale Ausgangspunkt jeglicher Deutungsproduktion in der Öffentlichkeit sind. Die Interpretation von Problemgegenständen seitens sozialer Bewegungen beschreibt die sozialwissenschaftliche Forschung, in Anlehnung an den Soziologen Erving Goffman, als Rahmung (frame). Solche Rahmungen sind von essenzieller Bedeutung für soziale Bewegungen und insbesondere für deren Mobilisierung. Ein Beispiel bieten die sogenannten Neuen sozialen Bewegungen ab Ende der 1960er Jahre: Die Rahmung der Problemfelder Atomkraft und Aufrüstung als gesamtgesellschaftliche Bedrohungsfaktoren etwa führte zu einer erfolgreichen Mobilisierung der grünen Bewegung.

Derartige bewegungsrelevante Rahmungen lassen sich hierarchisch in collective action frames und übergeordnete master frames unterscheiden: "Master frames are to (…) collective action frames as paradigms are to finely tuned theories".[4] Als eigener Deutungsgegenstand erhalten "die Medien" in diesem Modell und in den üblichen Nennungen von master frames bis dato kaum Beachtung, was angesichts ihrer Sonderstellung eine eklatante Lücke darstellt. Beim Deutungsgegenstand "Medien" ist jedenfalls in Rechnung zu stellen, dass die Massenmedien nicht nur allen anderen Gegenständen, die man kritisieren, bekämpfen oder enthüllen möchte, in der Wahrnehmung vorgelagert sind, sondern dass sie die interessierenden Probleme zwangsläufig ja auch selbst mittels bestimmter Rahmungen deuten. Eine Nachrichtensendung etwa kann ihre Gegenstände nicht nicht rahmen: Das Bild eines Bundespräsidenten ließe sich im Sprechertext etwa im Kontext von "Flüchtlingskrise" rahmen, ebenso gut gingen aber auch "Koalitionskrach", "soziale Ungerechtigkeit" oder einfach "Herrenmode". Und ebenso rahmen Medien zwangsläufig eben auch Informationen aus Damaskus, Kiew oder Washington.

Die kritische Rede über Medien impliziert somit ein großes Versprechen: Deutungshoheit. Und zwar nicht bloß über die Medien, sondern über alle Gegenstände, über die Medien berichten. Entsprechend sind "die Medien" für die Rekrutierung und Mobilisierung von Protestbewegungen ein ausgesprochen naheliegender und in einzigartiger Weise universeller Deutungsgegenstand. Er ist von sonstigen frames zunächst weitgehend unabhängig und prinzipiell für breite Bevölkerungsgruppen anschlussfähig. Welches Problem auch immer beklagt wird – die Rolle der Medien ist dabei immer von Interesse, sofern sie aus Perspektive der Bewegungsakteure typischerweise "falsch" oder zumindest unzureichend über das Problem informieren. Gerade eine pauschale Kritik an den Medien ist so gesehen besonders vielversprechend, ermöglicht sie doch auch Einigkeit und Querverbindungen zwischen ansonsten unterschiedlichen politischen Fronten.

Der medienkritische Deutungsrahmen ist also ein politischer "Fliegenfänger". Angesichts der Universalität des Deutungsgegenstands Medien, der als Quelle unseres Wissens ja praktisch alle anderen Deutungsgegenstände fundamental betrifft, hat er eine übergeordnete Funktion, die ihn von allen anderen Gegenständen unterscheidet. In diesem Sinne lässt sich pauschale Medienkritik, die "Manipulation" und "Täuschung" eines "betrogenen Volkes" unterstellt, als master frame zur Rekrutierung und Mobilisierung politischer Protestbewegungen bis hin zur Bildung politischer Parteien begreifen.

Die radikalste Form dieses Deutungsrahmens, die "Medienverschwörungstheorie", kann deshalb für politische Bewegungen und Organisationen bereits das eigentliche Kernthema ihrer öffentlichen Kommunikation bilden, mit dem sie erfolgreich ihre Anhängerschaft rekrutieren und mobilisieren. Der Kommunikationswissenschaftler Adrian Quinn beschrieb diesen Mechanismus einmal am Beispiel des französischen Front National: Obgleich die Idee, dass konspirative Mächte die Schaltstellen der Medien besetzen, im akademischen Kontext längst verworfen sei, bilde dieser Mythos das eigentliche Lebenselixier der rechtspopulistischen Partei: "It constitutes their reality."[5]


Fußnoten

1.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 19962, S. 9.
2.
Zu dieser Einsicht über "Mediendiskurse" und soziale Bewegungen inspirierten mich unter anderem die Erörterungen von Tanja Carstensen, "Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe, in: Kommunikation@Gesellschaft 7/2006, S. 3.
3.
Reiner Keller, Wissenssoziologische Diskursanalyse, Wiesbaden 20082, S. 79.
4.
Robert D. Benford/David A. Snow, Master Frames and Cycles of Protest, in: Aldon D. Morris/Carol McClurg Mueller (Hrsg.), Frontier in Social Movement Theory, New Haven 1992, S. 138.
5.
Adrian Quinn, Tout est lié: The Front National and Media Conspiracy Theories, in: Martin Parker/Jane Parish (Hrsg.), The Age of Anxiety. Conspiracy Theory and the Human Sciences, Oxford 2001, S. 121.
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Autor: John David Seidler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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