APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten
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12.8.2016 | Von:
Jan C. Jansen

Algerien und Frankreich: Vom Kolonial- zum Erinnerungskrieg?

Immer, wenn ein französischer Präsident Algerien besucht, liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Medien auf beiden Seiten des Mittelmeers schauen genau hin, wenn die Präsidenten beider Länder symbolische Gesten austauschen, und wägen die Worte ab, mit denen der prominente Gast die bilateralen Beziehungen charakterisiert.[1] Bemerkenswerterweise geht es dabei häufig nicht um die vielen Gegenwartsprobleme wie etwa die Visums- und Migrationsfragen, die Terrorbekämpfung, die wirtschaftliche Kooperation oder die Flüchtlingsbewegungen im Mittelmeerraum, sondern den Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit: Wie hat der französische Präsident das Kolonialsystem Frankreichs in Algerien dargestellt? Hat er gar eine "Entschuldigung" präsentiert? Und: Hat er das Leid der mit der Unabhängigkeit geflüchteten Europäer und der für Frankreich kämpfenden Algerier zur Sprache gebracht?

Algerien und Frankreich verbindet eine konfliktträchtige Beziehungsgeschichte. Eine besonders intensive Form kolonialer Herrschaft und Besiedlung (ab 1830) endete mit einem der blutigsten militärischen Konflikte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der algerische Unabhängigkeitskrieg – je nach Perspektive auch "Algerische Revolution" oder "Algerienkrieg" – war ein Krieg der Extreme: Mit rund 400.000 algerischen Toten und 25.000 gefallenen französischen Soldaten entfaltete sich hier zwischen dem 1. November 1954 und dem Waffenstillstand vom 19. März 1962 der größte und blutigste Dekolonisationskrieg weltweit.[2] Rund eine Million französische Soldaten nahmen an Frankreichs drittgrößtem Militäreinsatz im 20. Jahrhundert teil, der das nordafrikanische Land stark verwüstete und Frankreich in eine tiefe politische Krise stürzte. Durch den systematischen Einsatz von Folter, Gewalt an Zivilisten, Umsiedlungen und psychologischer Kriegführung wurden der Krieg zum Modell des "schmutzigen Kriegs", die algerische Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) zum leuchtenden Vorbild für Guerillakämpfer im Globalen Süden und französische Militärs zu weltweit gefragten Folterexperten.

Auch in der nachkolonialen Erinnerung ragt der algerische Fall heraus. Das blutige Ende der Algérie française steht seit den 1990er Jahren im Mittelpunkt massiver Debatten um das koloniale Erbe Frankreichs und Europas. Dies hat – gerade auch außerhalb Frankreichs und Algeriens – zu einem Tunnelblick auf die Geschichte geführt. Sowohl der algerische Unabhängigkeitskampf als auch die Erinnerungen daran werden als ein absoluter Sonderfall – ein französisch-algerisches tête-à-tête – aus der breiteren Geschichte der Dekolonisation herausgelöst. Der Krieg dient dann etwa als Beleg für das besonders brutale und rücksichtslose Festhalten Frankreichs an seinem Kolonialreich, als Gegenbeispiel, von dem sich das vermeintlich einsichtige Großbritannien abhebt.[3] Jedoch: Jenseits der extremen Ausmaße ist der algerische Unabhängigkeitskrieg kein absoluter Sonderfall einer Auflösung europäischer Kolonialherrschaft. Und auch die Konflikte um die Erinnerung an die Kolonialzeit und den Krieg verdichten in extremer Form Erinnerungsprozesse, die in weiten Teilen Westeuropas und des Globalen Südens ablaufen.

Warum Algerien?

Warum nahm gerade Französisch-Algerien ein solch blutiges Ende? Erstens war Algerien Frankreichs erste und wichtigste Kolonie im 19. und 20. Jahrhundert. Ab 1830 erobert, wurde das Land zu einer Art "kolonialer Provinz".[4] Algerien bildete das Prestigeobjekt einer ambitionierten Assimilationspolitik und war maßgeblich mit den politischen Strukturen der Metropole verwoben. Algerien galt (spätestens ab 1870) als integraler Bestandteil des französischen Staatsterritoriums; der Norden des Landes wurde nach französischem Vorbild in Départements unterteilt, in denen Stadt- und Regionalräte sowie Abgeordnete für die Abgeordnetenkammern in Paris gewählt wurden.

Zweitens war Algerien neben Südafrika die größte europäische Siedlungskolonie Afrikas. 1954 befanden sich fast eine Million Europäer im Land und dominierten die exportierten staatlichen Strukturen, auch dank einer verschärften Diskriminierungspolitik gegenüber der algerischen Bevölkerungsmehrheit. Durch die Siedler setzte Frankreich im Vergleich zu vielen britischen Siedlungskolonien der Selbstregierung klare Grenzen. Von zentraler Bedeutung für die Siedler war ihr Zugang zum politischen Betrieb in Paris, wo sie eine lautstarke Lobby bildeten und Einfluss auf die Algerienpolitik nahmen.

Drittens wirkte sich die Art des antikolonialen Widerstands auf den Verlauf der Dekolonisation aus. Die in Algerien ab der Jahrhundertwende entstehende Nationalbewegung zeichnete sich durch einen hohen Grad an Heterogenität aus.[5] Zwar war ein gewisses Maß an Uneinigkeit über die Ziele und Mittel ein Merkmal der meisten antikolonialen Nationalbewegungen, doch rangen in Algerien vier unterschiedliche Strömungen um die Führung im Kampf gegen die Kolonialherrschaft und um die Deutungshoheit über die algerische Nation: liberale Kolonialismuskritiker, muslimische Reformgelehrte, Kommunisten sowie eine ursprünglich unter maghrebinischen Arbeitsmigranten in Frankreich gegründete nationalistische Partei. Im Unterschied zu Tunesien und Marokko bildete sich in Algerien auch im Verlauf des antikolonialen Kampfes zunächst keine dominante Stellung eines dieser Akteure heraus – auch nicht, als das französische Militär und Siedler-Milizen im Mai 1945 auf brutalste Weise einen Aufstand in Ostalgerien niederschlugen. Die Anschlagsserie, mit denen der FLN in der Nacht zum 1. November 1954 in Erscheinung trat, stand daher weniger in der Kontinuität eines jahrzehntelangen politischen Kampfes, sondern war die Verzweiflungstat einer kleinen Gruppe militanter Nationalisten.[6] Diese hielten den bewaffneten Kampf nicht nur für den einzig verbliebenen Weg, sondern auch für den Ausweg aus der inneren Blockade der Nationalbewegung. Die blinden und brutalen Reaktionen Frankreichs auf die Anschläge hatten entscheidenden Anteil daran, dass der Rückhalt des FLN innerhalb der algerischen Bevölkerung wuchs.

Krieg an vielen Fronten

Der Krieg, der sich ab dem 1. November 1954 entfaltete, gewann seine besondere Dynamik aus einer Mischung aus massiver Repression und Reformbemühungen. Eine breite politische Mehrheit in Frankreich, einschließlich der traditionell kolonialismuskritischen Sozialisten und Kommunisten, drängte auf ein gewaltsames Niederringen des FLN. Ausgestattet mit Notstandsgesetzen und Sondervollmachten versuchten das Militär und die Polizeikräfte, den Guerillakampf zu beenden. Frankreichs "antisubversive" Kriegführung zog die zivile Bevölkerung stark in Mitleidenschaft; hierzu gehörte der systematische Einsatz von Folter, Internierungslager und massenhafte Zwangsumsiedlungen.[7] Zwei Millionen Algerier, rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung, lebte am Ende des Kriegs in Umsiedlungslagern.

Zur gleichen Zeit startete Frankreich eine umfassende Kampagne spätkolonialer Reformen, die kurz zuvor noch undenkbar gewesen waren. Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung und Industrialisierung, Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, in das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die spürbare Ausweitung der Partizipationsrechte für Algerier sollten dazu beitragen, die Bevölkerung für die Metropole zu gewinnen.

Der Kampf zwischen dem FLN und der Kolonialmacht verlief auf drei Ebenen, die sich immer wieder überschnitten. Im Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzung stand nicht der städtische Häuserkampf, wie er in Gillo Pontecorvos Meisterwerk "La Battaglia di Algeri" 1966 verewigt wurde, sondern der Guerillakrieg, der sich vorwiegend auf dem Land abspielte.[8] Daneben suchte Frankreich, vorwiegend über polizeiliche Maßnahmen, die politisch-administrativen Strukturen des FLN zu zerschlagen. Parallel dazu erfolgte eine diplomatische Auseinandersetzung um die Weltöffentlichkeit, die hauptsächlich in den Vereinten Nationen zum Tragen kam.[9] Vor allem aufgrund einer massiven Truppenaufstockung 1959 entschied Frankreich den Guerillakrieg für sich, scheiterte aber an den beiden anderen Fronten. Insbesondere der wachsende internationale Druck zwang die französische Führung dazu, in Verhandlungen mit dem FLN zu treten.

Spätestens mit dem Zusammenbruch der Vierten Republik 1958, der durch einen von Algier ausgehenden Staatsstreich befördert wurde, erreichte der algerische Unabhängigkeitskrieg das französische Mutterland. Der Krieg wurde durch zahlreiche weitere Frontverläufe verkompliziert: Da war zum einen der blutige Konflikt, in dem der FLN seinen Alleinvertretungsanspruch gegen rivalisierende Nationalisten und pro-französische Gruppen durchsetzte; zum anderen kämpften zwischen 200.000 und 400.000 Algerier als Hilfstruppen für Frankreich – ein (oftmals nicht politisch motiviertes) Engagement, das vielen nach dem Algerienkrieg zum Verhängnis wurde. Zahlreiche Verwerfungen durchzogen auch das französische Lager: Soldaten widersetzten sich ihrer Versendung nach Algerien, und der FLN fand auch in Frankreich Unterstützer; mit Kriegsverlauf verselbständigten sich Armeekader, die dann im Verbund mit radikalisierten Siedlern erbitterten Widerstand gegen jegliche Zugeständnisse leisteten – von Straßenkämpfen über einen Putschversuch 1961 und der Gründung der Organisation de l’armée secrète (OAS), die Algerien und Frankreich 1961/62 mit einer Terrorkampagne überzog. Der französische Präsident Charles De Gaulle überlebte mehrere gegen ihn gerichtete Attentate nur mit Glück. Nach einem Waffenstillstand am 19. März 1962 wurde das Land am 5. Juli 1962 unabhängig.

Eine Ära der Verdrängung?

Die nachkolonialen Erinnerungen waren Teil eines langwierigen Trennungsprozesses, zweier eng miteinander verbundener postkolonialer Nationalstaatsbildungen: Algeriens und Frankreichs.[10] Die Frontverläufe und Konfliktlinien des Kriegs – die sich in ähnlicher Form in anderen Dekolonisationsprozessen wiederfinden – lebten auch in den Erinnerungen fort. In beiden Ländern dominierten bestimmte Gruppen die öffentliche Erinnerung, während es zu markanten Auslassungen und Leerstellen kam.

Einige Historiker haben diese selektiven Erinnerungsprozesse – vor allem mit Blick auf Frankreich – in Konzepten kollektiver "Verdrängung", "Traumata" oder "Syndromen" gefasst.[11] Diese Art der Beschreibung ist zu einem wichtigen Element öffentlicher Erinnerungsdebatten geworden und in den politischen Diskurs eingesickert. In analytischer Hinsicht weist sie jedoch gewichtige Probleme auf. Nicht zuletzt schreibt dieses Modell komplexen Gesellschaften eine einheitliche, kollektive "Psyche" zu, die häufig mit dem offiziellen Staatsgedächtnis gleichgesetzt wird. Kollektive Erinnerung wird jedoch in öffentlicher Kommunikation und sozialen Interaktionen generiert, eine Vielzahl sozialer Akteure nimmt auf sie Einfluss. In diesem Feld ist der Staat lediglich ein Akteur, dessen Rolle in den beiden Ländern lange Zeit sehr unterschiedlich ausfiel.

In Algerien nahm der entstehende FLN-Staat von Anfang an eine zentrale Rolle bei der Schaffung und Kontrolle der Erinnerung ein.[12] Die algerische Revolution, ihre "Märtyrer" (Shuhada) und Veteranen (Mudschahedin) wurden zum symbolischen Gravitationszentrum des Landes. Dies war das Ergebnis eines langwierigen und komplexen Prozesses. Der öffentliche Raum algerischer Städte blieb über die Unabhängigkeit hinaus geprägt von Elementen kolonialer Symbolik.[13] Während 1962 einige Denkmäler zerstört oder nach Frankreich geschafft wurden, blieb ein vollständiger Denkmalsturz aus. Einige Denkmäler bestanden teils mehrere Jahrzehnte über fort, einige, in überarbeiteter Form, bis heute. Die wichtigsten nationalen Gedenkorte für den Krieg entstanden erst in den 1980er Jahren, nicht durch Zufall während der Präsidentschaft Chadli Bendjedids (von 1979 bis 1992), der die Autorität des FLN als Partei der Unabhängigkeit zu stärken suchte.

In Frankreich spielte der Staat zunächst eine grundlegend andere Rolle. Bis in die 1980er-Jahre war den verschiedenen französischen Regierungen daran gelegen, den Algerienkrieg als ein zutiefst konfliktbeladenes und spaltendes Kapitel der jüngeren Geschichte hinter sich zu lassen.[14] Das Ergebnis war eine Politik des Schweigens, die auf zwei Säulen beruhte: zum einen eine weitgehende Amnestie, die auch OAS-Terrorakte einschloss; zum anderen die Kontrolle offizieller Sprache: die ab 1954 aufrechterhaltene Position, dass es sich nicht um einen Krieg, sondern um "Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung" – eine interne französische Angelegenheit – handelte.

Die staatliche Schweigepolitik bedeutete jedoch keineswegs, dass der Krieg in der französischen Gesellschaft nicht präsent gewesen wäre. Der Staat überließ das Feld der Erinnerung vielmehr einer Reihe gesellschaftlicher Gruppen, insbesondere den Kriegsveteranen sowie den rapatriés, die offizielle Bezeichnung für die mit der Unabhängigkeit nach Frankreich migrierten Algerienfranzosen. Beide Gruppen hielten Erinnerungen an Französisch-Algerien und den Krieg auf unterschiedliche Weise wach. Der größte Veteranenverband kämpfte erbittert gegen die Weigerung des französischen Staats, den Militäreinsatz zwischen 1954 und 1962 als Krieg zu bezeichnen, eine Tatsache, die den Kriegsteilnehmern eine Reihe symbolischer und materieller Privilegien vorenthielt. Ein zentrales Element dieser Bemühungen war die Kampagne für die Einrichtung eines offiziellen Gedenktags zum Kriegsende am 19. März. Während diese Kampagne seit den 1980er Jahren auf lokaler Ebene Früchte trug, stieß sie auf erbitterten Widerstand bei all jenen, die das Datum mit einer schmachvollen Niederlage oder gar einem "Verrat" an Französisch-Algerien verbanden. Diese Position fand sich auch unter vielen (wenn nicht allen) rapatriés oder pieds-noirs ("Schwarzfüße"), wie sich viele von ihnen fortan selbst bezeichneten. Diese hatten unter teils dramatischen Bedingungen das Land verlassen und formierten sich über ein lebhaftes Verbandswesen als soziopolitische Gruppe. Das Gedenken an die verlorene Heimat spielte beim Aufbau der Verbände eine zentrale Rolle. In einer Zeit, in der die Erinnerung an den Krieg auf nationaler Ebene eine marginale Stellung einnahm, prägten sie mithin längst den öffentlichen Raum vieler französischer Kommunen.

Erinnerungsdebatten seit den 1990er Jahren

Seit den 1990er Jahren hat sich die Arena der Erinnerung an den Algerienkrieg in beiden Ländern stark verändert. In Algerien blieb die Spirale islamistischen Terrors und staatlicher Repression der 1990er Jahre nicht ohne Konsequenzen für die Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg. Die Konflikte des "schwarzen Jahrzehnts" mobilisierten interne Feindbilder aus der Zeit des Befreiungskriegs (etwa den Vorwurf der Kollaboration mit Frankreich) und bezogen das symbolische Erbe der Kolonialzeit mit ein (etwa durch Anschläge gegen Monumente der Kolonialzeit). Die erstarkende algerische Zivilgesellschaft öffnete parallel dazu Räume für eine Debatte über die nationale Vergangenheit: die Rolle von Frauen oder der Europäer im Befreiungskampf sowie die Vielfalt des algerischen Nationalismus und die interne Gewalt stehen zwar nicht im Fokus offizieller Erinnerungspolitik, sind aber Themen öffentlicher Debatten.

Noch stärker kamen die Dinge in Frankreich in Bewegung: Zunächst ein auf kommunaler, vereinsmäßiger und privater Ebene verhandeltes Thema, wurden die Erinnerungen an den Algerienkrieg mit der Zeit zu einem brisanten Gegenstand nationaler Politik. Sie sind mittlerweile in eine allgemeine Kontroverse über das Erbe des Kolonialismus und die Funktion nationaler Memorialkultur übergegangen – eine Kontroverse um Schuld, Verantwortung und Stolz, um individuelle Erfahrungen, wissenschaftliche Objektivität und politische Einflussnahme, um nationale Identität, republikanischen Universalismus und partikulare Gruppenzugehörigkeiten.[15]

Wie kam es dazu? Von großer Bedeutung war, dass der französische Staat von seiner jahrzehntelangen Politik des Schweigens abrückte. Getragen von einem (internationalen) Diskurs über die staatliche "Pflicht zur Erinnerung" negativer Ereignisse, spielte ein Generationenwechsel an der Staatsspitze eine zentrale Rolle. Insbesondere Jacques Chirac, Präsident zwischen 1995 und 2007, maß der Neugestaltung nationaler Erinnerungspolitik große Bedeutung bei. Damit begab sich der Staat auf ein Terrain, das verschiedene nichtstaatliche Akteure über Jahrzehnte besetzt und geprägt hatten. Diese begrenzten nicht nur den staatlichen Handlungsspielraum: Die Erinnerungslobbys, insbesondere Veteranenverbände und Rapatriés-Vereine, bemühten sich um Eingang in die offiziellen Erinnerungsdiskurse. Dies führte zu einigen Allianzen, vorwiegend jedoch zu Konflikten und Rivalität. Während Beobachter Anfang der 2000er Jahre von einer Überwindung des französischen "Traumas" schwärmten, machte bald schon die Rede vom "Erinnerungskrieg" die Runde.[16]

Seit Chirac verfolgen die Präsidenten mit gewissen Variationen die Strategie, die Anliegen unterschiedlicher Akteursgruppen gesetzlich anzuerkennen. Gegenüber den Veteranen erfolgte 1999 die offizielle Anerkennung des Begriffs "Krieg", am 5. Dezember 2002 die Einweihung eines nationalen Denkmals für die gefallenen Soldaten im Herzen der Hauptstadt und 2003 die Erklärung des – historisch bewusst willkürlich gewählten – 5. Dezember zum Gedenktag für die Gefallenen. Allmählich rückten auch die algerischen Hilfstruppen (Harkis), später auch andere koloniale Soldaten in den Fokus der Anerkennungspolitik. Aus dem Bemühen verschiedene, teils widerstreitende Ansprüche zu befriedigen, resultierten erratisch anmutende, ja widersprüchliche Signale: Während Chirac einen französisch-algerischen Freundschaftsvertrag anstrebte, setzte er 2005 seine Unterschrift unter das "Gesetz vom 23. Februar 2005", das verurteilte OAS-Terroristen entschädigte und im Artikel 4 eine "positive Rolle" des französischen Kolonialismus im Schulunterricht und in der Forschung festschrieb. Der Artikel, im Gesetzgebungsprozess durch aktives Lobbying einiger Rapatriés-Verbände verschärft, wurde erst auf massiven öffentlichen Druck 2006 gestrichen, da die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nicht Sache des Gesetzgebers seien.

Zum Thema öffentlicher Debatten wurde schließlich auch der Aspekt kolonialer Gewalt, ein Aspekt, mit dem sich die offizielle staatliche Anerkennungspolitik schwer tat. Eine Kontroverse über den systematischen Einsatz von Folter erschütterte zwischen 2000 und 2002 die französische Öffentlichkeit. Die "Folterdebatte" hinterließ jedoch trotz ihrer Intensität kaum dauerhafte Spuren offizieller Erinnerung, was damit zusammenhing, dass sich die Debatte mehr um die Täter als um die Opfer drehte. Dies änderte sich mit dem verstärkten Engagement von Migrantengruppen und Antirassismus-Vereinen in den Debatten: Sie brachten Ereignisse kolonialer Gewalt – etwa die blutige Niederschlagung einer FLN-Demonstration in Paris am 17. Oktober 1961 – mit Themen wie Rassismus und Polizeigewalt in Verbindung. Aktivisten und Medien begannen ab Mitte der 2000er Jahre, Gegenwartsfragen wie die Situation in französischen Vororten oder das Kopftuchverbot in Schulen 2004 in Kategorien der kolonialen Vergangenheit zu beschreiben. Hieran zeigt sich eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in den jüngsten Erinnerungsdebatten: Die Bezugnahme auf die Kolonialvergangenheit zielt nicht mehr nur darauf ab, diese Vergangenheit zu erinnern, sondern soziale Konflikte innerhalb der Gegenwartsgesellschaft auszutragen, insbesondere Auseinandersetzungen um Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung.

Auch die internationale Arena wirkte auf die Erinnerungsdebatten ein: Chirac flankierte seine Initiativen Anfang der 2000er Jahre bezeichnenderweise mit versöhnenden Gesten in Richtung Algier. Das "Gesetz vom 23. Februar 2005" wurde zu einem offenen diplomatischen Streitthema und bildete den Anlass für das Scheitern des Freundschaftsvertrags 2007. Seit 2005 berichtete die algerische Presse regelmäßig über nostalgische Denkmalprojekte in Frankreich; das algerische Parlament drohte 2010 sogar mit einem Gesetz zur rückwirkenden "Kriminalisierung" der Kolonialherrschaft.

Die verstärkten erinnerungspolitischen Interaktionen zwischen Frankreich und Algerien erweisen sich als Teil breiterer Trends: Seit den 1990er Jahren lässt sich ein steigendes internationales Interesse an Aspekten kolonialer Gewalt – als Teil "dunkler Seiten" europäischer Nationalgeschichten – beobachten.[17] In den meisten ehemaligen Kolonialmetropolen ist es seither zu öffentlichen Debatten über Kolonialgräuel gekommen; auch haben postkoloniale Staaten vermehrt Forderungen nach offiziellen "Entschuldigungen" oder Reparationen vorgebracht. Die Erinnerung an koloniale Gräuel sind – als eine Art Waffe der Schwachen – ein integraler Bestandteil der soft diplomacy zwischen dem Globalen Norden und dem Süden geworden. Daher mag es auch nicht verwundern, dass das internationale Bewusstsein gegenüber der kolonialen Vergangenheit bislang kaum Ansätze transnationaler Gedenkformen wie im Fall des Holocausts, der Weltkriege oder der Vertreibungen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

All diese Faktoren haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer sich schnell wandelnden und vielfältigen Erinnerungslandschaft geführt. Der französisch-algerische Fall ist dabei kein Sonderfall, eher ein extremes Beispiel für das umstrittene Erbe, das die koloniale Herrschaft und ihre Auflösung in weiten Teilen der Welt bis heute hinterlassen haben. Die "Erinnerungskriege" um das koloniale Algerien verlaufen entlang ähnlich komplexer Frontlinien wie der Kolonialkrieg selbst. Zahlreiche interne Verwerfungen verkomplizieren daher – wie im Dekolonisationsprozess – das Bild zweier miteinander ringender homogener Gebilde. Insbesondere in Frankreich hat dies zuletzt zu einem Patt wiederstreitender Kräfte geführt und ließ ambitionierte Großprojekte, wie etwa Nicolas Sarkozys "Haus der Geschichte", scheitern; oder zwang Entscheidungsträger zu ungewöhnlichen Lösungen, wie bei der seit 2012 bestehenden Existenz zweier offizieller Gedenktage für die gefallenen Soldaten des Algerienkriegs (am 19. März und 5. Dezember). Eine Einigung dieser Erinnerungskonflikte scheint kaum in Sicht, und der Ruf nach einem übergreifenden, "versöhnenden" Geschichtsbild für alle hat die Konflikte bislang eher angeheizt als beruhigt. Vielleicht geht es in der derzeitigen Situation eher darum, einen Modus Vivendi zu finden, der die Koexistenz verschiedener Versionen der kolonialen Vergangenheit ermöglicht und die historische Wahrheit (der Geschichtswissenschaft) zugleich von dem Anspruch befreit, als Versöhnerin verschiedener sozialer Gruppen oder Nationen zu fungieren.
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Fußnoten

1.
Siehe etwa die Berichterstattung zu François Hollandes erstem Staatsbesuch in Algerien, in: Le Monde, 18.–21.12.2012.
2.
Die zurzeit besten Gesamtdarstellungen sind Sylvie Thénault, L’histoire de la guerre d’indépendance algérienne, Paris 2005; Martin Evans, Algeria. France’s Undeclared War, Oxford 2012. Ein knapper Überblick auf Deutsch bei Frank Renken, Kleine Geschichte des Algerienkriegs, in: Christiane Kohser-Spohn/Frank Renken (Hrsg.), Trauma Algerienkrieg. Zur Aufarbeitung und Geschichte eines tabuisierten Konflikts, Frankfurt/M. 2006, S. 25–50.
3.
Kritik daran zuletzt pointiert bei Dane Kennedy, Decolonization. A Very Short Introduction, Oxford 2016, S. 3f.
4.
Jan C. Jansen, Erobern und Erinnerung: Symbolpolitik, öffentlicher Raum und französischer Kolonialismus in Algerien, 1830–1950, München 2013, S. 8f. und 467f. Zur allgemeinen Kolonialgeschichte Algeriens weiterhin Charles-Robert Ageron, L’Histoire de l’Algérie contemporaine. Tome 2: De l’insurrection de 1871 au déclenchement de la guerre de libération (1954), Paris 1979; Abderrahmane Bouchène et al. (Hrsg.), Histoire de l’Algérie à la période coloniale, 1830–1962, Algier/Paris 2012; John Ruedy, Modern Algeria: The Origins and Development of a Nation, Bloomington 2005².
5.
Zum algerischen Nationalismus siehe James McDougall, History and the Culture of Nationalism in Algeria, Cambridge 2006.
6.
Fundamental zum FLN Gilbert Meynier, Histoire intérieure du F.L.N. 1954–1962, Paris 2002.
7.
Zu Aspekten der Gewalt vgl. Raphaëlle Branche, La torture et l’armée pendant la guerre d’Algérie, 1954–1962, Paris 2001; Sylvie Thénault, Une drôle de justice. Les magistrats dans la guerre d’Algérie, Paris 2004; Fabian Klose, Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien, 1945–1962, München 2009.
8.
Siehe die Fallstudie Raphaëlle Branche, L’Embuscade de Palestro. Algérie 1956, Paris 2010.
9.
Siehe hierzu Matthew Connelly, A Diplomatic Revolution. Algeria’s Fight for Independence and the Origins of the Post-Cold War Era, Oxford 2002; zur Süd-Süd-Diplomatie des FLN Jeffrey Byrne, Mecca of the Revolution. Algeria, Decolonization, and the Third World Order, Oxford 2016.
10.
Dieser Trennungsprozess und seine langfristigen Auswirkungen werden analysiert von Todd Shepard, The Invention of Decolonization. The Algerian War and the Remaking of France, Ithaca 2006.
11.
Am prominentesten Benjamin Stora, La gangrène et l’oubli. La mémoire de la guerre d’Algérie, Paris 1991; David L. Schalk, Has France’s Marrying Her Century Cured the Algerian Syndrome?, in: Historical Reflections 25/1999, S. 149–164.
12.
Als Überblick Raphaëlle Branche, The Martyr’s Torch. Memory and Power in Algeria, in: The Journal of North African Studies 16/2011, S. 431–443.
13.
Zu diesen Prozessen vgl. Jansen (Anm. 4), S. 476–488.
14.
Die beste Gesamtdarstellung für diese Zeit ist Frank Renken, Frankreich im Schatten des Algerienkrieges. Die Fünfte Republik und die Erinnerung an den letzten großen Kolonialkonflikt, Göttingen 2006.
15.
Zum Überblick über die folgenden Entwicklungen vgl. Romain Betrand, Mémoires d’empires. La controverse autour du "fait colonial", Bellecombes-en-Bauge 2006; Eric Savarese, Algérie, la guerre des mémoires, Paris 2007; Jan C. Jansen, Memory Lobbying and the Shaping of "Colonial Memories" in France. The Local, the National and the International, in: Manuel Borutta/Jan C. Jansen (Hrsg.), Vertriebene and Pieds-Noirs in Postwar Germany and France. Comparative Perspectives, Basingstoke 2016, S. 252–271.
16.
Etwa Benjamin Stora, La guerre des mémoires. La France face à son passé colonial. Entretiens avec Thierry Leclère, La Tour d’Aigues 2007; Savarese (Anm. 15).
17.
Für einen allgemeinen Überblick über diese Erinnerungsprozesse vgl. Jan C. Jansen/Jürgen Osterhammel, Dekolonisation. Das Ende der Imperien, München 2013, S. 122–126.
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Autor: Jan C. Jansen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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