APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Gottfried Küenzlen

Der alte Traum vom Neuen Menschen. Ideengeschichtliche Perspektiven

Der Blick in die menschliche Kulturgeschichte zeigt: Der Traum vom Neuen Menschen ist uralt. Immer schon haben die Menschen auch nach einem Anders- und Neu-Sein ihrer selbst gestrebt, und immer wieder wurde ihnen ihre Neu- und Wiedergeburt Hoffnungsziel und Heilsversprechen. Warum dies so ist und überhaupt sein kann, gründet – nach unserem Verstehenszugang – in einer bestimmten anthropologischen Voraussetzung. Dies ist hier nicht breiter auszuführen,[1] soll aber thesenhaft vorab benannt sein: Die plastische Formulierung Friedrich Nietzsches, der Mensch sei "das nicht festgestellte Tier" verweist auf den anthropologischen Befund, dass der Mensch – im Gegensatz zum Tier – nicht über eine ihm zugewiesene "Daseinsnische" (Arnold Gehlen) verfügt, er ist in seiner prinzipiellen "Weltoffenheit" vielmehr dazu verdammt oder ermächtigt, sich in der Kultur seine ihm naturhaft versagte Welt als "zweite Natur" zu verschaffen. Dazu aber bedarf er der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, also der Fähigkeit, sich zu sich selbst zu verhalten – oder auch: Der Mensch ist das Wesen, das sich selbst eine Frage ist. In dieser Fähigkeit oder auch Nötigung, dass der Mensch die Frage nach sich selbst stellt oder doch stellen kann, ist auch die Suche nach einem Anders- und Neu-Sein und nach einem Neuen Menschen gegründet und hat so die Kulturgeschichte immer begleitet.

Hierzu ist einleitend ein weiterer Hinweis vonnöten: Im hier gemeinten Streben nach Anders- und Neu-Sein, wie überhaupt bei der Idee des Neuen Menschen, geht es nicht um ein bloßes Streben nach gradueller Verbesserung, nach allmählich voranschreitender Entwicklung und Fortschritt des Menschen. Es geht vielmehr um ein geradezu ontologisches, also das menschliche Sein umformendes Geschehen – oder zugespitzt formuliert: Der "Alte Adam" soll vom Neuen Menschen überwunden werden.

Frühe Religionsgeschichte

Die Geschichte der Religionen war immer auch die Geschichte des Strebens nach einem Neuen Menschen als eines religiösen Heilsziels. Ob als "Wiedergeburt", "Gottwerdung" oder als "Erlösung" gedacht – immer ging es den Gläubigen darum, einen neuen Daseinszustand zu erlangen, der im Augenblick religiöser Ekstase erfahren oder als auf Dauer gestellter Zustand erstrebt und erlebt wurde.

Dabei weist etwa die Vorstellung von Neu- und Wiedergeburt – Max Weber folgend – zurück auf "uraltes, magisches Gut" und bedeutete auf der Stufe magisch bestimmter Religionsgeschichte "die Erwerbung einer neuen Seele durch den orgiastischen Akt oder durch planvolle Askese. Man erwarb sie vorübergehend in der Ekstase, aber sie konnte auch als dauernder Habitus gesucht und durch die Mitwirkung der magischen Askese erreicht werden. Eine neue Seele musste der Jüngling haben, der als ein Held in die Gemeinschaft der Krieger treten oder als Mitglied der Kultgemeinschaft an deren magischen Tänzen oder Orgien teilnehmen oder im Kultmahl mit Göttern Gemeinschaft haben wollte. Uralt sind daher die Helden- und Magier-Askese, die Jünglingsweihe und die sakramentalen Wiedergeburtsbräuche bei wichtigen Abschnitten des privaten und Gemeinschaftslebens."[2]

So ist schon in frühen Zeugnissen der Religionsgeschichte ein radikales Anders-Werden und Neu-Sein des Menschen als zentraler Antrieb und religiöses Ziel erkennbar. Wie bei Weber angeklungen, lässt sich dies paradigmatisch illustrieren etwa am Beispiel der Initiationsriten einfacher Gesellschaften. Bei ihnen handelte es sich nicht um bloße äußere Aufnahmerituale hin zu einer Vollmitgliedschaft des jeweiligen Stammes. In der Initiation ging es vielmehr um die "ontologische Mutation des existentiellen Zustandes. Der Novize steigt aus seiner Prüfung als ein vollkommen anderes Wesen heraus: er ist ein anderer geworden."[3] [4] Ein also im Wortsinne "Neuer Mensch" ist das Ziel des Initiationsritus, als einer Verwandlung des ganzen Menschen in ein neues Sein.

Das Studium schon der frühen Quellen der Religionsgeschichte zeigt zudem, dass dieses Ziel eines Neu-Werdens sich häufig mit einem Motiv verband, das von Beginn an die Ideengeschichte eines Neuen Menschen immer begleitet und zentral bestimmt hat: die Vorstellung von der Vergöttlichung des Menschen, der in solcher Theophanie (Erscheinen als Gott) seiner selbst seine Endlichkeit überwindet. "So durchzieht das Motiv der Selbstvergottung oder Gottwerdung die gesamte Geistesgeschichte, ja es reicht wohl bis in prähistorische Vorzeit zurück. Auf den verschiedensten Wegen – etwa denen der Magie, der Mystik, der Spekulation – hat man danach getrachtet, sich göttliche Unsterblichkeit, Leidlosigkeit, Lebensfülle und Glückseligkeit zu verschaffen, aber auch die Macht und das Wissen der Gottheit."[5]

Christentum

Die folgende Skizze christentumsgeschichtlicher Vorstellungen vom Neuen Menschen muss hier notwendig verkürzend und vielfach fragmentarisch bleiben, wiewohl sie unabdingbar ist: Wie immer man den ideen- und realgeschichtlichen Zusammenhang von Christentum und Moderne – ob in Kontinuität oder Diskontinuität, ob in Widerspruch oder kultureller Transformation – bestimmt sehen mag, die neuzeitlich-okzidentale Kultur ist ohne ihre christliche Herkunftsprägung nicht zu begreifen. So sind auch die Vorstellungen eines Neuen Menschen, die in der Moderne wirkungskräftig wurden, mit dieser christlichen Herkunftsgeschichte verwoben, auch dort noch, wo sie sich als Ablehnung und Umformung des Christentums verstanden.

In systematisierendem Zugriff lässt sich feststellen: Im Hauptstrom der Geschichte des Christentums, in ihren verschiedenen Stufen und Stadien, sind die Vorstellungen eines Neuen Menschen in einen eschatologischen Horizont gestellt. So war schon der Glaube des Urchristentums an eine Neue Schöpfung und an einen Neuen Menschen bestimmt von der jüdisch-apokalyptischen Naherwartung eines "neuen Himmels" und einer "neuen Erde". Diese Heilszukunft ist mit der Menschwerdung Gottes schon angebrochen, in Christus ist der Neue Mensch schon in die Geschichte eingetreten, als Epiphanie und Urbild des Neuen Menschen. An ihm hat der mit Christus verbundene Glaubende jetzt schon Anteil, aber noch steht die universale, Mensch und Kosmos umfassende neue Schöpfung aus – bis zur Wiederkunft von Jesus Christus. "Die ursprüngliche christliche Verkündigung ist beherrscht von der Verheißung vom Kommen des neuen Menschen und der neuen Gesellschaft. Die christliche Gemeinde lebt von der Zukunft her, die in Jesus Christus, dem Erstgeborenen unter den Toten, dem ersten der Auferstandenen bereits begonnen hat und die mit der nahen Wiederkunft Christi ihre Erfüllung und Vollendung finden wird (…); man stellt sich ein auf die kommende Erhöhung, Erneuerung und Verwandlung des Menschseins, auf das Eingeformtwerden in den neuen Menschen, auf das Verwandeltwerden in den ,vollkommenen Mann‘ Christus, den zweiten Adam."[6]

Diese Naherwartung der Urgemeinde auf die baldig bevorstehende Wiederkunft Jesu Christi ist geschwunden, geblieben aber ist die grundsätzlich eschatologische Dimension des christlichen Verständnisses vom Neuen Menschen – als eines Spannungsverhältnisses zwischen Verheißung und Erfüllung, zwischen "schon jetzt" und "noch nicht". Kann der Christ auch in der glaubenden Verbundenheit mit Christus sein Neu-Sein schon erfahren, so steht doch das endgültig-universale Neu-Werden, stehen der neue Himmel und die neue Erde noch aus. Die Verwandlung hin zu einem Neuen Menschen, zum ewigen Neu-Sein in Gott, bleibt Teil der eschatologischen Zukunft Gottes und ist so menschlicher Verfügbarkeit entzogen. Dieser "eschatologische Vorbehalt" in der Hoffnung auf den Neuen Menschen blieb in der christlichen Dogmen-, aber auch Frömmigkeitsgeschichte immer bestimmend.

Deshalb auch konnte das Motiv der (Selbst-)Vergöttlichung des Menschen im Hauptstrom der Christentumsgeschichte, vor allem in der Tradition des westlichen Christentums, kein konstitutives Merkmal der christlichen Auffassung vom Neuen Menschen werden.[7] Eritis sicut Deus (Ihr werdet sein wie Gott): Dieses Versprechen der Schlange aus dem biblischen Schöpfungsbericht war trügerisch und führte zu Trennung und Abfall von Gott. Der seitdem in seine Endlichkeit und "Sünde" gebannte Mensch kann – so die Auffassung seit Augustinus bis zu den Reformatoren – das Neuwerden seiner selbst nicht in autonomer Selbstkonstitution erlangen. Nicht nach seiner Vergöttlichung also soll der Christ streben, sondern nach der Einsicht leben, die Martin Luther prägnant so formulierte: "Wir sollen Menschen und nicht Gott sein: das ist die summa!"

Fußnoten

1.
Siehe dazu Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, München 1994² (Neuausgabe Frankfurt/M. 1997), S. 25–40. Der folgende Beitrag stützt sich immer wieder auf dieses Buch.
2.
Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen 1972 (1920), S. 250f.
3.
Mircea Eliade, Die Sehnsucht nach dem Ursprung. Von den Quellen der Humanität, Frankfurt/M. 1989, S. 155.
4.
Ernst Topitsch, Gottwerdung und Revolution. Beiträge zur Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik, Pullach 1973, S. 11.
5.
Ernst Benz, Das Bild des Übermenschen in der europäischen Geistesgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Der Übermensch, Zürich 1961, S. 19–161, hier S. 27.
6.
Die Vergöttlichungsvorstellung war freilich in bestimmten christlichen Bewegungen immer wieder auch präsent (Täuferbewegungen etc.). Das östlich-orthodoxe Christentum ist in dieser Frage seinen eigenen Weg gegangen. Vgl. dazu Benz (Anm. 5).
7.
Antoine Condorcet, Entwurf einer historischen Darstellung des Fortschritts des menschlichen Geistes, hrsg. von Wilhelm Alff, Frankfurt/M. 1963 (1793), S. 198f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Gottfried Küenzlen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.