APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch
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Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancement


9.9.2016
Neue Menschen schaffen – das war einst den Göttern vorbehalten. Doch im utopischen Denken wird der Neue Mensch auf die Erde geholt. Er symbolisiert darin den Bruch mit der gegenwärtigen Wirklichkeit zugunsten alternativer innerweltlich gedachter Möglichkeiten.[1] Ihren prominentesten Ausdruck fand das utopische Denken in den Sozialutopien der Moderne. Idealtypisch lässt sich die Sozialutopie als Alternativkonstruktion gesellschaftlicher Ordnung begreifen, die von kollektiv verbindlichen Werten und Normen getragen wird. Einer unvollkommenen Wirklichkeit wird dabei ein Zustand der Perfektion entgegengehalten. Im Spiegel der Utopie soll die Gesellschaft ihre eigene Unvollkommenheit reflektieren und eine Wende zum Besseren einleiten. In den Staatsromanen der Frühen Neuzeit wurde diese alternative Ordnung noch auf ferne Inselreiche verlagert,[2] doch im Zuge der Aufklärung wanderte die Utopie in das Übermorgen. Aus Raumutopien wurden Zeitutopien.[3] Die Utopie wurde zum Wunschbild einer anzustrebenden Zukunft. Das gegenwärtig Unmögliche sollte zukünftig möglich werden.

Mensch und Gesellschaft werden in Sozialutopien stets zusammengedacht. Je nach utopischer Ausdeutung sind die Neuen Menschen utopischer Gesellschaften glücklicher, klüger, altruistischer oder freier als die alten Menschen.[4] Die Instrumente der Umgestaltung, die den Neuen Menschen hervorbringen sollen, sind Sozialtechnologien: politische Maßnahmen und erzieherische Methoden. Ihre Anwendung soll einen neuen Menschentypus produzieren. Dem entspricht ein dezidiert modernes Bild des Menschen, in dem derselbe als Tabula Rasa begriffen wird, als "unbestimmte Negativität",[5] die erst durch die Gesellschaft zum Subjekt wird: Der Mensch ist dann das, was die gesellschaftliche Ordnung aus ihm macht. Ändert man diese, so ändert man zugleich die conditio humana. Diese utopische Idee war nicht zuletzt den großen revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Der in die Zukunft verschobene Neue Mensch sollte den alten Menschen als Leitbild dienen, das es anzustreben und zu verwirklichen galt.

Human Enhancement: Die Neuerfindung des Neuen Menschen



Doch der sozialtechnologische Traum vom Neuen Menschen ist weitgehend ausgeträumt.[6] Spätestens mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus schienen die utopischen Energien der Moderne erschöpft zu sein. Einige Autoren kamen daher zu dem Schluss, dass moderne Utopien mit gesellschaftsweitem Anspruch ein Übergangsphänomen gewesen sind, das nun langsam selbst der Modernisierung zum Opfer fällt.[7] Paradigmatisch für diese Position ist die 1989 formulierte These Francis Fukuyamas vom "Ende der Geschichte". Nach dem historischen Sieg von Demokratie und Kapitalismus sei zugleich das Streben nach einer alternativen neuen Welt und einem Neuen Menschen an ihr Ende gelangt. Wir müssten uns stattdessen als die "letzten Menschen" begreifen.[8]

Doch einige Jahre später sah sich Fukuyama zu einem Widerruf gezwungen. Er räumte ein, dass die sozialtechnologischen Werkzeuge womöglich "schlicht zu grob waren, um das natürliche Substrat menschlichen Verhaltens wirksam zu verändern". Demgegenüber könnte der Fall eintreten, dass "uns die Biotechnologie innerhalb der nächsten Generationen Werkzeuge an die Hand geben wird, mit denen wir das erreichen werden, was die Gesellschaftstechniker der Vergangenheit nicht haben bewerkstelligen können".[9] Fukuyama brachte damit die Idee zum Ausdruck, dass zukünftige, naturwissenschaftlich fundierte Sachtechnologien etwas leisten könnten, was mit vergangenen Sozialtechnologien – zum Guten oder zum Schlechten – nicht gelingen wollte. Das neue utopische Projekt, das Fukuyama in mahnender Absicht skizziert, lautet "Human Enhancement" – die Verbesserung des Menschen durch den Einsatz technologischer Eingriffe in den Körper:[10] durch Pharmaka, Implantate, Prothesen, Bio- und Nanotechnologie.

Der Begriff "Human Enhancement" hat sich in der internationalen bioethischen Diskussion als Oberbegriff durchgesetzt, der unterschiedlichste technologische Optionen einer Verbesserung des Körpers umfasst.[11] Die zentrale Unterscheidung ist dabei die Differenz von Verbesserung und Therapie. Als Enhancement, also Verbesserung, gelten im Rahmen dieser Differenz jene Praktiken, die nicht der Wiederherstellung des gesundheitlichen Normalzustands dienen, sondern darauf abzielen, eben diesen Normalzustand in bestimmten Hinsichten zu verändern. Von dieser Unterscheidung ausgehend, lassen sich dann Therapie und Enhancement anhand ihrer Handlungsziele differenzieren. Um eine Handlung als therapeutische Intervention zu rahmen, ist die Identifikation eines pathologischen Problems unerlässlich. Das Ziel besteht in dessen Behandlung. Das Ziel von Enhancement bestimmt sich demgegenüber durch die Konstruktion möglicher Verbesserungsoptionen, ohne dass eine zu behandelnde Krankheit vorliegt – bereits hier wird sichtbar, dass der Horizont des Ziels "Verbesserung" im Kontrast zu therapeutischen Zielen nach oben offen ist.

Gegenwärtige technische Anwendungen, die unter dem Stichwort "Human Enhancement" diskutiert werden, sind etwa ästhetische Eingriffe, leistungssteigernde Pharmaka, die mentale Fähigkeiten (wie Konzentrationskraft und Erinnerungsvermögen) verbessern oder Implantate (etwa Magneten), die neue Sinneseindrücke bescheren sollen. Bereits das letztere Beispiel führt uns zu den transhumanistischen Zukunftsideen,[12] die mit Enhancement verknüpft werden – nämlich den Visionen einer Steigerung menschlicher Fähigkeiten über das gegenwärtig Menschenmögliche hinaus.[13] Während aktuelle Enhancement-Optionen sich häufig lediglich im Bereich des gegenwärtigen menschlichen Potenzials bewegen, etwa um einen kurzen Konzentrationskick zu erwirken, zielen transhumane Enhancement-Technologien auf die Erweiterung des menschlichen Möglichkeitsraums. Eben hier liegt das utopische Moment: Das gegenwärtig körperlich Unmögliche soll zukünftig technologisch möglich werden.

Transhumanistische Zukunftsvorstellungen prägen den Diskurs um Enhancement ungemein, denn bereits inkrementelle technische Anwendungen lassen sich als Vorstufen zu und Wegbereiter für eine transhumane Zukunft deuten – so der Zeithorizont nur hinreichend verlängert wird. Darin sind sich Enhancement-Utopisten und Enhancement-Dystopisten einig: Während Erstere von goldenen Brücken in eine transhumane Zukunft schwärmen, warnen Letztere vor Dammbrüchen und slippery slopes.[14] Enhancement-Utopisten und Enhancement-Dystopisten halten die zukünftige Ermöglichung des gegenwärtig Unmöglichen also gleichermaßen für möglich – sie unterscheiden sich lediglich in der Bewertung dieser Möglichkeit.

Drei transhumane Pfade



Um welche Visionen geht es? Wie kann der sachtechnisch optimierte und transformierte Neue Mensch aussehen? Welche Technologien sollen ihn produzieren? Drei spekulative Pfade werden gegenwärtig in bioethischen Diskursen, populärwissenschaftlichen Schriften, aber zunehmend auch in breiteren gesellschaftlichen Kreisen, diskutiert:

Der genetisch Neue Mensch: Designerbabys
Die aktuellen technologischen Durchbrüche im genome editing (einer Methode zum Entfernen, Einfügen und Verändern der DNA) haben einen Diskurs wiederbelebt, der seit mehr als einem Jahrhundert unter immer wieder neuen Vorzeichen geführt wurde: den Diskurs um eine Produktion Neuer Menschen durch biotechnische Interventionen. Im Rahmen einer "liberalen Eugenik"[15] muss der genetisch Neue Mensch jedoch kein Produkt staatlicher Kollektiventscheidungen mehr sein, sondern kann auch als Aggregat einer Vielzahl elterlicher Entscheidungen gedacht werden. Die Debatte um solche "Designerbabys" war längere Zeit von der Idee der Selektion bestimmt – in ihrer liberalen Fassung einer Selektion der "besten" Nachkommen durch die Eltern auf Basis der Präimplantationsdiagnostik. Doch mit den neuen methodischen Instrumenten des genome editing erscheint auch die Möglichkeit unmittelbarer genmanipulativer Eingriffe in die Keimbahn wieder in greifbare Nähe gerückt.[16] Was Enhancement-Utopisten hoffen und ihre Gegner befürchten, ist, dass über Generationen hinweg fortgesetzte Genmanipulationen Menschen entstehen lassen könnten, die sich in ihren Eigenschaften radikal von dem Menschen der Gegenwart unterscheiden.[17]

Der implantierte Neue Mensch: Cyborgs
Der genetisch Neue Mensch ist das Produkt einer immer noch recht fernen Zukunft. Doch seit mehreren Jahrzehnten ist eine andere transhumane Vision im Umlauf, die das Versprechen (oder die Drohung) in sich birgt, dass auch Menschen der Gegenwart (und nicht erst ihre Nachkommen) zu Neuen Menschen werden können: nämlich durch Prothesen und Implantate. Die erwartete Konvergenz von Bio-, Nano- und Informationstechnologie führt in dieser Zukunftsvision zu einer ganzen Reihe von Verbesserungsoptionen, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens nutzen kann.[18] Neuro-Implantate sollen zur Steigerung der Kognition verwendet werden. Ein künstliches Auge könnte den Menschen in die Lage versetzen, besser zu sehen und Teile des elektromagnetischen Spektrums wahrzunehmen, die ihm zuvor unzugänglich waren. Analog dazu könnte ein künstliches Ohr die Wahrnehmung von für den Menschen bislang nicht hörbaren Tönen ermöglichen. Zudem wäre es denkbar, die künstlichen Sinnesorgane verschiedener Personen miteinander zu vernetzen, sodass man in der Lage wäre, die sensorischen Informationen anderer Menschen zu verarbeiten. Bioelektronik könnte dem Körper auch zusätzliche Kraft verleihen, um etwa die Laufgeschwindigkeit oder die Tragkraft eines Menschen zu verbessern.[19] Nach einigen Jahrzehnten könnte der Mensch von heute kaum wiederzuerkennen sein: Schwärme von Nanorobotern wandern durch seinen Körper und machen ihn widerstandsfähiger und langlebiger. Möglicherweise sind bereits bestimmte Körperteile nicht mehr (oder zumindest nicht mehr vollständig) organisch. Der implantierte Neue Mensch ist Schritt für Schritt zum Cyborg geworden, einem Hybrid aus Mensch und Maschine.[20]

Der digitale Neue Mensch: Uploads
Während Genmanipulationen und "Cyborgisierungen" einen graduellen Prozess voraussetzen, imaginiert die wohl radikalste Transformationsvision einen sprunghaften Übergang vom Menschen zum Neuen Menschen durch die vollständige Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins. Dieser Prozess wird als "Uploading" oder "Whole Brain Emulation"[21] bezeichnet. Die entscheidende Prämisse derjenigen, die an die Möglichkeit zum Uploading glauben, besagt, dass sich das Gehirn letztlich als austauschbare Hardware für die Software des Bewusstseins beschreiben lässt. Damit erscheint die Möglichkeit eines Neuroscans, der das Gehirn vollständig emulieren und damit verlustfrei auf einen Rechner übertragen kann, ebenfalls nicht ausgeschlossen: Der Mensch soll so auf ein überlegenes Trägermedium migrieren. Dadurch wird nicht zuletzt eine digitale Unsterblichkeit erhofft, denn der so geschaffene Neue Mensch soll beliebig viele Backups von sich anfertigen können, auch wenn seine materiellen Grundlagen dem Zahn der Zeit zum Opfer fallen. Doch es geht nicht nur um eine Verlängerung des menschlichen Lebens, sondern um eine allumfassende Entgrenzung: Von den Fesseln der Biologie befreit, soll der digitale Neue Mensch auch seine eigenen geistigen Fähigkeiten exponentiell verbessern und sich beliebig umgestalten und erweitern können – er wird so zur sich selbst formenden künstlichen Intelligenz.[22]


Fußnoten

1.
Vgl. Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, Frankfurt/M. 1997, S. 93–138.
2.
Vgl. Thomas Morus, Utopia, Stuttgart 2014 (De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia, 1516).
3.
Vgl. Reinhart Koselleck, Die Verzeitlichung der Utopie, in: Wilhelm Voßkamp (Hrsg.), Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie, Stuttgart 1982, S. 1–14.
4.
Vgl. Martin d’Idler, Die Modernisierung der Utopie. Vom Wandel des Neuen Menschen in der politischen Utopie der Neuzeit, Berlin 2007.
5.
Niklas Luhmann, Frühneuzeitliche Anthropologie. Theorietechnische Lösungen für ein Evolutionsproblem der Gesellschaft, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 1, Frankfurt/M. 1980, S. 162–284, hier S. 197.
6.
Vgl. Joachim Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991.
7.
Vgl. u.a. ebd.
8.
Vgl. Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992.
9.
Vgl. Francis Fukuyama, Bald schon wird die nachmenschliche Zeit beginnen, 19.6.1999, http://www.welt.de/print-welt/article574272/Bald_schon_wird_die__nachmenschliche_Zeit_beginnen.html«.
10.
Vgl. Christopher Coenen et al. (Hrsg.), Die Debatte über "Human Enhancement". Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen, Bielefeld 2010.
11.
Vgl. Bettina Schöne-Seifert/Davinia Talbot (Hrsg.), Enhancement. Die ethische Debatte, Paderborn 2009.
12.
Vgl. Robert Ranisch/Stefan Lorenz Sorgner (Hrsg.), Post- and Transhumanism. An Introduction, Frankfurt/M. 2014.
13.
Vgl. Ludwig Siep, Die biotechnische Neuerfindung des Menschen, in: Johann S. Ach/Arnd Pollmann (Hrsg.), No Body Is Perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper. Bioethische und ästhetische Aufrisse, Bielefeld 2006, S. 21–42, hier S. 26ff.
14.
Zum Begriff der slippery slope, der "schiefen Ebene", im medizinisch-ethischen Kontext vgl. Leo Alexander, Medical Science under Dictatorship, in: The New England Journal of Medicine 2/1949, S. 39–47.
15.
Vgl. Nicholas Agar, Liberal Eugenics. In Defence of Human Enhancement, Malden 2004.
16.
Vgl. Edward Lanphier et al., Don’t Edit the Human Germ Line, 12.3.2015, http://www.nature.com/news/don-t-edit-the-human-germ-line-1.17111«.
17.
Vgl. Lee M. Silver, Remaking Eden. How Genetic Engineering and Cloning Will Transform the American Family, New York 1998.
18.
Vgl. Mihail C. Roco/William S. Bainbridge, Converging Technologies for Improving Human Performance. Nanotechnology, Biotechnology, Information Technology and Cognitive Science, Dordrecht 2003.
19.
Vgl. Bert Gordijn, Medizinische Utopien. Eine ethische Betrachtung, Göttingen 2004, S. 111–123.
20.
Vgl. Sascha Dickel, Utopische Technologien in technologisierten Gesellschaften, in: Konrad Paul Liesmann (Hrsg.), Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren, Wien 2016, S. 101–115.
21.
Vgl. Anders Sandberg/Nick Bostrom, Whole Brain Emulation. A Roadmap, 2008, http://www.philosophy.ox.ac.uk/__data/assets/pdf_file/0019/3853/brain-emulation-roadmap-report.pdf«.
22.
Vgl. Ray Kurzweil, Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?, Köln 1999.
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Autor: Sascha Dickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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