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APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch
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Grenzen des Menschen. Zu einer Ethik des Enhancement


9.9.2016
Wir Menschen erfahren ständig unsere Grenzen. Wäre da nicht ein biotechnologisches Enhancement wünschenswert, das hilft, privat wie beruflich besser zu sein und die eigene Begrenztheit zu überwinden? Etwa eine Substanz, die das Schlafbedürfnis reduziert, die emotionalen und kognitiven Fähigkeiten steigert, dazu noch das Immunsystem stärkt und vielleicht sogar das gesunde und aktive Leben insgesamt verlängert?

Individuelle Erfahrungen der eigenen Begrenztheit und die Vorstellung der Möglichkeit ihrer technischen Überwindung haben entscheidenden Anteil an der Faszination, die für viele Menschen von biotechnologischen "Enhancement-Interventionen" ausgeht. Daneben gibt es weitere Gründe für die Anziehungskraft von Enhancement. In diesem Beitrag frage ich nach Grenzen des Menschen und der ethischen Bewertung von Human-Enhancement-Interventionen. Dazu stelle ich zunächst verschiedene Arten von Enhancement dar und erkläre, warum sie als attraktiv erscheinen können. Daraufhin unterscheide ich wichtige Elemente einer ethischen Bewertung des Enhancement und skizziere die aktuelle Forschungsdebatte.

Enhancement-Interventionen



Fortschritte in den Wissenschaften und Biotechnologien führen dazu, dass auf neue Art und Weise in den menschlichen Organismus eingegriffen werden kann. Aktuelle Forschungen, insbesondere im Bereich der Biowissenschaften, erlauben ein immer genaueres Verständnis des menschlichen Gehirns, des menschlichen Erbguts und der Abläufe im menschlichen Organismus, etwa beim Stoffwechsel und beim Altern. Damit werden immer präzisere Interventionen möglich, die vor allem im Bereich der Medizin Anwendung finden: Es werden neue Medikamente entwickelt, die zuvor unheilbare Krankheiten lindern oder heilen können. Der Anteil, den Gene bei der Entstehung von Krankheiten haben, wird erkannt und Interventionen auf genetischer Ebene entwickelt. Auch im Bereich externer Hilfsmittel zur Linderung von Krankheiten und Einschränkungen, etwa mithilfe von Prothesen oder Gehirn-Computer-Schnittstellen, werden große Fortschritte gemacht, die Menschen helfen sollen, unerwünschte Behinderungen zu überwinden.

Die neuen biomedizinischen und biotechnischen Interventionsmöglichkeiten können auch außerhalb eines therapeutischen Kontextes eingesetzt werden. Dann zielen sie darauf ab, bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen zu verwirklichen, die nicht als Therapie oder Prävention von Krankheiten zu verstehen sind. Solche biotechnologischen Eingriffe in den menschlichen Organismus, die in verbessernder Absicht stattfinden, werden als "Human Enhancement"-Eingriffe bezeichnet; ein Ausdruck, der sich auch in der deutschsprachigen bioethischen Debatte durchgesetzt hat.[1] Zwar haben Menschen schon immer versucht, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um gewünschte Eigenschaften hervorzubringen, doch mithilfe der tief in den menschlichen Organismus eingreifenden Enhancement-Interventionen scheint eine neue Dimension erreicht zu sein. Immer präzisere und wirkmächtigere Eingriffsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, mit denen sich Menschen nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. Offenkundig handelt es sich dabei um eine Entwicklung, die sowohl gesellschaftlich als auch für den einzelnen Menschen von Bedeutung ist. Die grundlegende Herausforderung, die von der bloßen Möglichkeit von Enhancement-Interventionen ausgeht, besteht darin, anzuerkennen, dass unsere Vorstellungen von uns selbst als Menschen und von der Gesellschaft, in der wir leben, nicht alternativlos sind. Alles könnte anders aussehen, sollten die Menschen sich für den breiten Einsatz von Biotechnologien entscheiden. Eine Auseinandersetzung mit ihnen ist unumgänglich, denn auch eine Entscheidung gegen ihren Einsatz muss gerechtfertigt werden.

Viele Eingriffsmöglichkeiten befinden sich noch im Entwicklungsstadium und sind noch nicht verfügbar. Manche der aktuellen Entwicklungen können entsprechend noch gesteuert oder zumindest beeinflusst werden. Der Zeitpunkt für eine breite gesellschaftliche Debatte über dieses Thema ist günstig. Das große Interesse, das die Öffentlichkeit etwa der Forschung in den Neurowissenschaften oder der Genetik entgegenbringt, zeigt dies ebenso wie die Tatsache, dass die Enhancement-Debatte in den vergangenen 15 Jahren zu einem Bereich der Bioethik geworden ist, der am lebhaftesten diskutiert wird.


Fußnoten

1.
Vgl. Orsolya Friedrich, Persönlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften. Eine kritische Analyse neurowissenschaftlicher Eingriffe in die Persönlichkeit, Bielefeld 2013; Roland Kipke, Besser werden. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement, Paderborn 2011; Sascha Dickel, Enhancement-Utopien. Soziologische Analysen zur Konstruktion des Neuen Menschen, Baden-Baden 2011; Oliver Müller/Jens Clausen (Hrsg.), Das technisierte Gehirn. Neurotechnologien als Herausforderung für Ethik und Anthropologie, Paderborn 2009.
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Autor: Jan-Christoph Heilinger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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