APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Jan-Christoph Heilinger

Grenzen des Menschen. Zu einer Ethik des Enhancement

Attraktivität von Enhancement

Das Spektrum möglicher Enhancement-Interventionen ist ebenso breit wie das Spektrum der Gründe, die Enhancement als attraktiv erscheinen lassen. Vier Typen möglicher Begründungen unterscheide ich im Folgenden. Eine solche Differenzierung ist hilfreich, um zu vermeiden, dass sich verschiedene Rechtfertigungsebenen vermischen, denn Gründe für die Attraktivität von Enhancement auf der einen gelten nicht unbedingt auch auf einer anderen Ebene: Was mir als Privatperson wünschenswert erscheint, wenn ich meine eigenen Grenzen gerne weiter stecken würde, kann nicht ohne Weiteres für allgemeine Urteile über die Attraktivität von biotechnologischen Grenzüberschreitungen herangezogen werden.

Der erste Kontext besteht in der alltäglichen Erfahrung, die die meisten Menschen gelegentlich machen, dass wir in unterschiedlichen Situationen extrem gefordert, bisweilen auch überfordert werden – in der Schule, im sozialen Umgang, auf der Arbeit, angesichts der Anforderungen, die wir an uns selbst stellen, angesichts der Erwartungen, die andere an uns haben. Hier erscheint ein Mittel attraktiv, das uns hilft, unseren Aufgaben und Ansprüchen besser gerecht zu werden. Dies gilt insbesondere für Träger besonderer Verantwortung, wie beispielsweise Herzchirurgen oder Pilotinnen, die anhaltend hoch konzentriert arbeiten müssen, um fehlerfreie Leistungen zu erbringen.

Ein zweiter Kontext ist gegeben, wenn unser Anliegen darin besteht, unsere Aufgaben nicht lediglich besser, sondern besser als andere auszuführen. Solch ein relativer Wunsch nach Überwindung der eigenen Grenzen liegt dann vor, wenn wir – etwa im beruflichen Wettbewerb – einen Vorteil gegenüber anderen anstreben und es nicht wünschen, dass alle anderen ihre Grenzen ebenfalls entsprechend verschieben.

Ein dritter Kontext liegt vor, wenn Enhancement dazu eingesetzt werden soll, die Menschheit insgesamt zu verbessern. Enhancement würde dabei die Grenzen der Gattung betreffen und, durch Eingriffe auf genetischer Ebene, die weiter vererbt werden, wesentliche Merkmale des Menschen dauerhaft verändern: Die gesunde und aktive Lebensspanne aller würde deutlich verlängert werden, und die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der Menschheit insgesamt würden auf ein qualitativ neuartiges, höherwertiges Niveau gehoben. In der Folge könnte eine noch unbekannte, trans- oder posthumane Lebensform entstehen.

Ein vierter Kontext ist gegeben, wenn wir über die intrinsischen Werte nachdenken, die durch Enhancement gesichert oder gesteigert werden sollen. Weniger extrem als in der transhumanistischen Variante geht es hier darum, möglichst viele Menschen zu befähigen, sozial aktiv, kognitiv klar, emotional kompetent und vernünftig reflektiert ihr Leben im Rahmen einer funktionalen Gesellschaft zu leben. Die genuin menschlichen Werte, die sich zusammengefasst als verantwortliche Selbstbestimmung im sozialen Kontext bezeichnen ließen,[2] könnten – so die Hoffnung – auch durch Enhancement gesichert und befördert werden. In diesem Zusammenhang sind auch das menschliche Streben nach Innovation und Fortschritt und die Kreativität des Menschen zu verorten. Der oftmals risikobehaftete Einsatz dieser menschlichen Fähigkeiten hat immer wieder radikale Veränderungen unserer Gesellschaft und unserer selbst hervorgebracht – mit guten wie schlechten Folgen.

Die Motivation im ersten Kontext erscheint am naheliegendsten. Die individuelle Erfahrung und der individuelle Wunsch, seiner Verantwortung gerecht zu werden, lässt diejenigen Mittel als attraktiv erscheinen, die dazu einen Beitrag leisten können. Wenn andere Handlungsoptionen erschöpft sind, kann Enhancement – unter Berücksichtigung weiterer Bedingungen – als sinnvoll erscheinen: etwa, wenn die Pilotin eine gute Ausbildung genossen hat, ausreichend Erfahrungen sammeln konnte, bevor sie selbst die Verantwortung für einen Flug übernommen hat, sowie genügend Ruhezeiten und ein adäquates Arbeitsumfeld hat – dann könnte ein konzentrationssteigerndes Mittel attraktiv erscheinen, um die Sicherheit des Flugs für alle weiter zu erhöhen. Ein ähnliches Argument mag für den Herzchirurgen gelten.

Im zweiten Kontext ist die egoistische Motivation, für sich selbst gegenüber anderen Vorteile zu ergattern, in unserer kompetitiven Gesellschaft vielleicht verbreitet und nachvollziehbar, immer jedoch auch als Symptom eines Problems zu verstehen. Sich aus dieser Motivation heraus unfaire Vorteile zu verschaffen, erscheint entsprechend als moralisch diskreditiert. Ein Beispiel: Im Rahmen der Regelungen unserer freien Wirtschaftsordnung gilt es als akzeptabel, dass die Werbeindustrie mit psychologischem Kenntnisreichtum bei Menschen, die die entsprechenden Mechanismen nicht durchschauen, Bedürfnisse weckt und kultiviert, die sie zum Kauf oft unnötiger Güter verleiten. Eine solche psychologische Überlegenheit auch individuell auszubilden und etwa in einem Verkaufsgespräch zum eigenen Vorteil anzuwenden, ist – immer unter Einhaltung der bestehenden, oftmals aber moralisch unzureichenden Gesetze – akzeptiert. Dass Enhancement ein wirkmächtiges und problematisches Werkzeug sein kann, um solche Vorteile zu sichern und zu vergrößern, ist offenkundig.[3]

Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, plausibel auf die Frage zu antworten, ob – im dritten angesprochenen Kontext – eine Überwindung der Grenzen der menschlichen Natur mit dem Ziel einer radikal neuartigen, trans- oder posthumanen Lebensform wünschenswert ist. Als Menschen können wir unsere menschliche Perspektive nicht aufgeben, und die Frage, ob es für unsere Nachkommen insgesamt besser wäre, posthumane Wesen statt bloß Menschen zu sein, können wir entsprechend immer nur für uns und aus unserer Perspektive diskutieren.[4] Angesichts dieses Problems ist Zurückhaltung geboten, auch weil sich die Frage solcher radikalen Enhancement-Interventionen derzeit mit Blick auf den Stand der technologischen Entwicklung und Anwendung nicht dringend stellt.

Im vierten Kontext ist fraglich, ob angesichts der intrinsischen Werte, die mithilfe von Enhancement realisiert werden sollen, biotechnologische Interventionen das Mittel der Wahl darstellen. Die humanen Werte, die hier als Rechtfertigung der Attraktivität von Enhancement herangezogen werden – Autonomie, Kreativität –, können zweifelsohne auch ohne Biotechnologien sichergestellt, gefördert und weiterentwickelt werden. Gut funktionierende Systeme – Bildungs-, Gesundheits-, Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftssystem – können ebenso ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft ermöglichen und unterstützen und somit die kreativen Potenziale der Menschheit weiter vergrößern. Auch die daraus möglicherweise hervorgehenden Höchstleistungen Einzelner in Kunst oder Wissenschaft (die in der Folge eine Verbesserung der Lebensbedingungen aller bewirken) können sich – wie in der Vergangenheit – auch ohne biotechnologisches Enhancement einstellen. Es ist daher wenig einleuchtend, zu versuchen, bestehende gesellschaftliche Defizite und individuell erfahrene Hindernisse und Begrenzungen mithilfe biotechnologischer Verbesserungen der Individuen statt mithilfe von Korrekturen des Systems anzugehen. Es sollte nicht darum gehen, die Menschen an ein defizitäres System anzupassen, sondern das System an die Menschen. Enhancement empfielt sich daher nicht als erstes Mittel der Wahl.

Die Attraktivität von Human-Enhancement-Interventionen kann sich also aus unterschiedlichen Quellen speisen. Nachvollziehbar und gerechtfertigt scheint dabei vor allem der erste Kontext zu sein, in dem sich ein Individuum bemüht, seiner Verantwortung nachzukommen. Um zu einer ethischen Bewertung möglicher Enhancement-Eingriffe zu gelangen, sind jedoch weitere Überlegungen anzustellen.

Fußnoten

2.
Vgl. etwa Volker Gerhardt, Selbstbestimmung. Das Prinzip der Individualität, Stuttgart 1999.
3.
Vgl. auch Barbara Sahakian/Sharon Morein-Zamir, Professor’s Little Helper, in: Nature 450/2007, S. 1157ff.; Regula Ott/Nikola Biller-Andorno, Neuroenhancement among Swiss Students – A Comparison of Users and Non-Users, in: Pharmacopsychiatry 1/2014, S. 22–28. Aufschlussreich ist außerdem Deutsche Angestellten-Krankenkasse (Hrsg.), DAK-Gesundheitsreport 2015, Hamburg 2015, mit dem Schwerpunkt "Pharmakologisches Neuroenhancement durch Erwerbstätige".
4.
Nick Bostrom hat einen Versuch unternommen, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen: Ders., Why I Want to be a Posthuman when I Grow Up, in: Bert Gordijn/Ruth Chadwick (Hrsg.), Medical Enhancement and Posthumanity, Berlin u.a. 2008, S. 107–136.
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