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APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Jan-Christoph Heilinger

Grenzen des Menschen. Zu einer Ethik des Enhancement

Ethische Bewertung

Die Forschungsdiskussion über die ethische Bewertung der verschiedenen Enhancement-Eingriffe ist mittlerweile komplex und unübersichtlich geworden. Sie basiert darauf, dass mögliche Enhancement-Interventionen grundsätzlich eine attraktive Option zum Erreichen legitimer Ziele darstellen können. Mindestens vier Bereiche von ethischen Überlegungen lassen sich unterscheiden: Überlegungen, die mit Enhancement verbundene Risiken diskutieren; solche, die die Auswirkungen von Enhancement unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten betrachten; Erwägungen zur Dimension von Zwang und Autonomie; sowie Natürlichkeitsüberlegungen oder anthropologische Argumente. Eine umfassende Bewertung von Enhancement wird zu allen genannten Dimensionen des Problems Stellung beziehen müssen.

Kein Eingriff in ein so komplexes System wie den menschlichen Organismus kann vollständig in seinen Folgen berechnet werden, sodass immer unkalkulierbare Risiken bestehen. Nebenwirkungen und unvorhersehbare Spätfolgen können nicht ausgeschlossen werden, sowohl auf der Ebene des Individuums als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Sind die Leistungssteigerungen durch Psychopharmaka so sicher, wie ihre Befürworter behaupten? Müssen nicht die erreichbaren Vorteile mit noch unbekannten Nachteilen aufgewogen werden? Welche unerwünschten Gruppeneffekte stellen sich beim zunehmenden Einsatz von Enhancement möglicherweise ein? Die Diskussion möglicher Risiken muss jeweils mit Blick auf die jeweilige Intervention – Eingriffe ins Gehirn, ins Erbgut, in den Stoffwechsel des Menschen – und daher immer auf der Grundlage empirischen medizinischen Wissens geführt werden.

Außerdem ist Enhancement mit Blick auf Gerechtigkeitsstandards zu bewerten: Sind solche Interventionen nicht immer ein Luxusgut, für das knappe Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen, verbraucht werden? Haben nicht ohnehin nur diejenigen Zugang zu Enhancement-Optionen, die gesellschaftlich besser gestellt sind und die damit ihre privilegierte Position noch weiter ausbauen? Eine bereits bestehende soziale Kluft könnte durch Enhancement somit weiter vergrößert werden. Gerechtigkeitsüberlegungen könnten aber auch für den Einsatz von Enhancement sprechen: Wenn etwa mithilfe von Biotechnologien denjenigen, die von der Natur eher benachteiligt wurden, ohne aber aus medizinischer Sicht behandlungsbedürftig zu sein, zu einer deutlichen Steigerung ihrer Fähigkeiten verholfen werden kann. So könnten bestehende Ungerechtigkeiten verringert werden.[5]

Ein weiterer Standard der ethischen Bewertung der neuen Technologien bezieht sich auf die Autonomie bei einer Entscheidung für oder gegen den Einsatz eines biotechnologischen Enhancement. In einem demokratischen Rechtsstaat sind Enhancement-Interventionen unter Zwang undenkbar. Dennoch kann etwa durch gesellschaftliche Leitvorstellungen wie die einer "Leistungsgesellschaft" mehr oder weniger subtiler Druck auf Individuen ausgeübt werden, sich bestimmten Eingriffen zu unterziehen, um mit den anderen mithalten zu können.[6] Man denke an Studierende, die unter großem Leistungsdruck Medikamente einnehmen, um sich besser auf eine Prüfung vorzubereiten, die ihre berufliche Zukunft bestimmt. Eine wirklich freie Entscheidung für oder gegen den Eingriff wäre unter solchen Umständen stark eingeschränkt. In diesem Rahmen wird aber auch diskutiert, ob Enhancement dazu eingesetzt werden kann, die Freiheit des Menschen zu vergrößern, etwa indem künstlich gesteigerte kognitive Fähigkeiten ihn in die Lage versetzen, besser begründete Entscheidungen zu fällen und somit seinen eigenen Interessen und Präferenzen zielstrebiger und erfolgreicher nachzugehen.[7]

Schließlich spielen in der Debatte auch anthropologische Überlegungen eine wichtige, wenn auch schwer zu fassende Rolle. Darunter lassen sich Bewertungen verstehen, die von näher zu bestimmenden Vorstellungen ausgehen, was es heißt, ein Mensch zu sein, oder was ein "normales", "natürliches" menschliches Leben ausmacht. Einige Eigenschaften und Fähigkeiten werden hier als wesentlich ausgezeichnet, während andere – beispielsweise extreme Langlebigkeit oder Leistungsfähigkeit – als Abweichung vom "normalen" Menschsein bewertet werden. Die moralische Legitimität einer Enhancement-Intervention wird dann durch einen Abgleich der jeweiligen Ziele mit den Idealvorstellungen vom "normalen" oder "natürlichen" Menschen bestimmt.[8] Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch kontrovers diskutierte Begriffe wie "Authentizität"[9] und "Würde"[10] des Menschen, die möglicherweise durch Enhancement-Interventionen gefährdet werden könnten. Bei einem beständig auf Technik und Kultur angewiesenen Wesen wie dem Menschen erscheint es aber fraglich, ob die neuen Interventionsmöglichkeiten insgesamt einen solchen Angriff auf die genuinen Wesenszüge des Menschen darstellen. Dennoch ist hier Sensibilität vonnöten, um die bisweilen zunächst feinen Veränderungen wahrzunehmen, die größeren Veränderungen vorausgehen können.

Die Forschungsdebatte ist aktuell in vollem Gange.[11] Es zeigt sich dabei, dass es nötig ist, einerseits einzelne Interventionen separat in den Blick zu nehmen, um die komplexen Zusammenhänge verstehen und bewerten zu können. Andererseits muss eine grundlegende Diskussion über die Ziele technischer Interventionen geführt werden, über die angemessene Geschwindigkeit von Innovation und gesellschaftlicher Veränderung sowie über das neue Menschenbild, das durch die zunehmende Machbarkeit und Kontrollierbarkeit unserer eigenen Existenz entsteht.

Somit reagiert die aktuelle Enhancement-Debatte nicht nur auf die Notwendigkeit, einzelne Interventionsmöglichkeiten zu bewerten, sondern liefert auch die Gelegenheit für eine kritische Reflexion der zunehmenden Technisierung der menschlichen Lebenswelt. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass viele der Interventionsmöglichkeiten nicht praktikabel oder nicht wünschenswert sind, oder wenn sich viele in der Debatte diskutierte Ideen als haltlos erweisen würden, ließe sich aus einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Menschen und die erstrebenswerten Formen menschlichen Zusammenlebens großer Gewinn ziehen.

Fazit

Die meisten Menschen machen in ihrem Alltag Erfahrungen, die ihnen die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit vor Augen führen. Angesichts solcher An- und Überforderungen erscheint vielen der Einsatz eines "kleinen biotechnischen Helfers" – wenn er nur risikofrei wäre – zumindest anfänglich als eine bedenkenswerte Option. Auch wenn mit diesem Gedankengang allein noch keine umfassende ethische Bewertung vorliegt, trägt er, so meine These, entscheidend dazu bei, dass Enhancement-Interventionen überhaupt als plausibel oder attraktiv angesehen werden.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich Enhancement aber oftmals nicht als das Mittel der Wahl: Das, was an Enhancement-Interventionen nachvollziehbarerweise als attraktiv erscheint, ließe sich in den meisten Fällen besser – und moralisch weniger heikel – auf "klassische" Art und Weise erreichen, etwa durch eine Reform der gesellschaftlichen Strukturen, für die tief greifende biotechnologische Eingriffe in den gesunden menschlichen Organismus nicht nötig sind. Der Verweis auf möglicherweise bessere und unproblematischere Alternativen bedeutet allerdings nicht, dass ein behutsamer Einsatz der neuartigen, biotechnologischen Interventionsmöglichkeiten aus moralischen Gründen grundsätzlich abzulehnen ist.

Fußnoten

5.
Vgl. Allen Buchanan et al. (Hrsg.), From Chance to Choice: Genetics and Justice, Cambridge 2000; Jan-Christoph Heilinger, Enhancement und Gerechtigkeit, in: Corinna Mieth/Anna Goppel/Christian Neuhäuser (Hrsg.), Handbuch Gerechtigkeit, Stuttgart 2016 (i.E.).
6.
Siehe dazu auch den Beitrag von Stefanie Duttweiler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Vgl. G. Owen Schaefer/Guy Kahane/Julian Savulescu, Autonomy and Enhancement, in: Neuroethics 7/2014, S. 123–136; Jan-Christoph Heilinger/Katja Crone, Human Freedom and Enhancement, in: Medicine, Health Care and Philosophy 1/2014, S. 13–21.
8.
Vgl. Jan-Christoph Heilinger, Anthropologie und Ethik des Enhancements, Berlin–New York 2010.
9.
Vgl. Michael Sandel, The Case against Perfection: Ethics in the Age of Genetic Engineering, Cambridge 2007.
10.
Vgl. The President’s Council on Bioethics, Beyond Therapy. Biotechnology and the Pursuit of Happiness, New York 2003; Ruth Macklin, Dignity is a Useless Concept, in: British Medical Journal 32/2003, S. 1419f.
11.
Vgl. u.a. Julian Savulescu/Nick Bostrom (Hrsg.), Human Enhancement, Oxford–New York 2009; Bert Gordijn/Ruth Chadwick (Hrsg.), Medical Enhancement and Posthumanity, Berlin 2008; Allen Buchanan, Beyond Humanity? The Ethics of Biomedical Enhancement, Oxford 2014; John Harris, How to Be Good. The Possibility of Human Enhancement, Oxford 2016.
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