APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Stefanie Duttweiler

Nicht neu, aber bestmöglich. Alltägliche (Selbst)Optimierung in neoliberalen Gesellschaften

Um den Neuen Menschen als Sehnsuchts- und Erlösungsfigur ist es ruhiger geworden. Gänzlich verschwunden ist sie nicht, lediglich der Kollektivsingular "Der Neue Mensch" wurde ad acta gelegt. Doch heute steht weniger der Ziel- und Endpunkt einer radikalen Selbsttransformation im Zentrum des Diskurses, sondern Optimierung als Prozess. Selbstoptimierung meint aktuell denn auch weniger die radikale Verwandlung zu einem Neuen oder einem perfekten Menschen, sondern einen kontinuierlichen Veränderungsprozess in verschiedenen Bereichen des Lebens. Das Leben erweist sich eher als "ewige Baustelle", denn immer wieder werden neue Ziele anvisiert und ständig "Ausbesserungen" in der Lebensführung vorgenommen, um sich an (veränderte) Umweltbedingungen – neue Möglichkeiten, neue Hindernisse, neue Herausforderungen – anzupassen. Versteht man unter Optimierung "perfektionierende Vervollkommnung" scheint der Begriff also eher unangebracht. Doch "Optimum" bezeichnet laut Duden nicht einen denkbaren Idealzustand, sondern das Bestmöglichste, ein "unter den gegebenen Voraussetzungen, im Hinblick auf ein Ziel höchstes erreichbares Maß". Optimierung beschreibt mithin die Form des Such- und Kompromissbildungsprozesses, deren Inhalt von den jeweiligen Zielen bestimmt wird. Trotz Individualisierung und Pluralisierung sind diese Ziele eingebettet in kulturelle Wertsysteme, Normen und Wunsch- und Idealbilder. Wie diese ausbuchstabiert werden, ist jedoch dem Einzelnen überlassen, denn es gibt heute keinen allgemeingültigen Maßstab – weder für Gesundheit, Schönheit, noch für Glück, Wohlbefinden oder beruflichen Erfolg. Die Optimierung des Selbst gestaltet sich dabei für die meisten Menschen eher Schritt für Schritt und zeichnet sich gerade nicht durch technische, chemische oder genetische Optimierung aus, sondern durch kleine Modifikationen der alltäglichen Lebensführung hin zu einem glücklicheren, fitteren oder gesünderen Leben.

Doch weder diese inkrementelle Ausrichtung noch die Orientierung am Selbst bedeuten, dass damit das Soziale und Politische aus dem Traum der Selbstveränderung verschwunden sind. In Anlehnung an die Analysen des Philosophen Michel Foucault zur Gouvernementalität der Gegenwart zeigt der folgende Beitrag, dass Selbstoptimierung ein "Kontaktpunkt" ist, an dem sich die Wünsche und Interessen der Einzelnen mit politischen Zielen im weiteren Sinne treffen.

Gouvernementalität der Gegenwart

Gegenwärtige Selbstoptimierung bezieht sich auf verschiedene Ziele und bedient sich verschiedener Mittel. Mit Foucault kann man Praktiken der Selbstoptimierung als "Technologien des Selbst" beschreiben, also als jene "Formen, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt",[1] sich selbst gestaltet und sich selbst eine Form gibt.

Blickt man mit Foucault auf Praktiken menschlichen Handelns, weitet sich der Blickwinkel und zielt auf den historisch je spezifischen Zusammenhang von Wissen, Macht und Technologien des Selbst, die – so die Erkenntnis in Foucaults Werk – so ineinander verschränkt sind, dass sie nicht unabhängig voneinander analysiert und diskutiert werden können. In seinen späten Arbeiten hat Foucault diesen Zusammenhang an der Herausbildung des modernen Staates und damit der modernen Gouvernementalität aufgezeigt. Mit dem Kunstwort "Gouvernementalität" bezeichnet er jene Macht- und Wissenskomplexe, in denen die Formen der politischen Regierung auf Formen der Selbstführung zurückgreifen. Dabei bezieht er sich auf ältere Begriffsfelder von Regierung, in denen zugleich die "Tätigkeit des ‚Anführens‘ anderer (vermöge mehr oder weniger strikter Zwangsmechanismen) und die Weise des Sich-Verhaltens in einem mehr oder weniger offenen Feld von Möglichkeiten"[2] adressiert werden. Die entscheidende Pointe dieses Konzeptes liegt im Fokus auf die Verschränkungen der "Führung anderer" und der "Führung des Selbst". Regierung in diesem Sinne meint die "Führung der Führung" und zielt darauf, die Kontaktpunkte ausfindig zu machen, herzustellen und auszubauen, in denen sich Selbst- und Fremdführung verbinden (lassen).

Regieren heißt also, auf bestimmte Weise Macht auszuüben; Foucault fasst daher Regierungstechnologien als spezifische, distinkte Machtbeziehung, die zwischen den Machtbeziehungen als "strategische Spiele zwischen Freiheiten" und "Herrschaftszuständen" angesiedelt sind. Damit sich Macht (und nicht Herrschaft) entfalten kann, muss sich dem Einzelnen ein "ganzes Feld von möglichen Antworten, Reaktionen, Wirkungen, Erfindungen"[3] eröffnen, auf das er handelnd reagieren kann. Regierung versucht, auf dieses Feld von Möglichkeiten einzuwirken und das "Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren".[4] Regierungstechniken können anstacheln, ablenken, erleichtern, erschweren, erweitern, begrenzen, auch nötigen und verhindern, doch immer beziehen sie sich auf die Art und Weise, durch die ein Individuum sich selbst in Frage stellt und seine eigene Führung gestaltet. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf das Politische im engeren Sinne, sondern auch auf die Führung jeder Art von "Unternehmen" – Schule, Verwaltung, Betrieb oder Verein.

Die "Gouvernementalität der Gegenwart"[5] knüpft an die Regierungsrationalität des Liberalismus an, deren Betonung der Freiheit für Markt und Individuum sowie deren positiven Bezug auf das Leben der Einzelnen und der Bevölkerung, ihre Sicherheit, Gesundheit und Alters- und Armutsvorsorge, um ihre Kräfte zu nutzen. Die entscheidende Verschiebung im Neoliberalismus betrifft das Verhältnis von Staat und Markt, das die Wissens- und Machtformationen ebenso tangiert wie die Technologien des Selbst. Wurde im Liberalismus der Markt als etwas dem Staat Äußeres gesehen, das überwacht werden muss und zugleich als Begrenzung des Staates dient, wird ab Mitte der 1970er Jahre die Form des Marktes zum Organisationsprinzip von Staat und Gesellschaft. Nun werden auch Bildung-, Gesundheits- und Sozialpolitik oder Partnerschaft und Kindererziehung als Marktgeschehen gefasst. Mehr noch: Neoliberale Regierungsrationalität produziert und bezieht sich auf ein Wissen vom Menschen, das ihn als Unternehmer figuriert, der sich selbst managt, indem er permanent zwischen verschiedenen Optionen wählt und zu seinem Besten entscheidet und so "für sich selbst sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle ist".[6] Das bedeutet zwar nicht, dass jeder Einzelne ein ökonomischer Mensch und jedes Verhalten ökonomisch sei. Doch die Konzeption des Menschen als Homo oeconomicus fungiert als Problematisierungsformel für menschliches Verhalten und dient so als Ausgangspunkt der politischen und ökonomischen Verhaltenssteuerung. Als Homo oeconomicus wird "das Individuum gouvernementalisierbar".[7]

Aktuell ist die Figuration des Menschen als "unternehmerisches Selbst"[8] dominant, sie ist jedoch nicht das einzige Modell des Menschen. Eng damit verbunden, aber nicht mit ihm identisch, ist auch das Modell des Homo psychologicus, dem der Wunsch zugeschrieben wird, sich selbst als authentisch und einzigartig erfahren, sich verwirklichen, wachsen und entfalten zu wollen. Unzählige Spielarten psychologischen Wissens zwischen Psychoanalyse und Küchenpsychologie und deren jeweilige Lösungsansätze produzieren und zirkulieren dieses Wissen, das seinerseits Menschen regierbar macht.[9]

Zentraler Knotenpunkt, an dem sich die Logik des Unternehmerischen mit der Logik der Selbstverwirklichung verbindet, ist der Körper. Denn zum einen ist er wesentlicher Bestandteil des Humankapitals – es gilt, seine Kräfte und seine Gesundheit zu erhalten und auszubauen. Dabei wird er als Produkt in eigener Verantwortung figuriert. Und zum anderen gilt er als Ausdruck des "wahren Selbst". Jede Arbeit unternehmerischer Körperoptimierung dient somit immer zugleich der Verwirklichung des Selbst. Der Körper wird zu einem Display, auf dem die Arbeit an sich als Ausdruck des eigenen Selbst – seines Willens, seiner Disziplin, seiner Idealvorstellungen, seines "Charakters" – sichtbar wird.

Die aktuelle Kunst der Menschenführung bezieht sich unter anderem auf dieses Wissen über den Menschen als Homo oeconomicus, der sich selbst und dabei auch seine Psyche und seinen Körper managt – sich um sie sorgt, ihnen Rechte einräumt und das Beste aus ihnen herausholt. Akzentuierter als im Liberalismus erwächst daraus eine Kunst der Menschenführung, die indirekt ist; es ist ein Regieren auf Distanz, das den Menschen als "Unternehmer seiner selbst" adressiert. Aktuelle Regierungstechnologien schaffen Anreizstrukturen, Aktivierungs- und Ermächtigungsprogramme und stellen so lediglich Spielräume, Rahmenbedingungen und Möglichkeitshorizonte bereit, damit die Einzelnen unternehmerisches Handeln dies- und jenseits des Ökonomischen entfalten und sich zugleich selbst verwirklichen können. Dabei setzen sie an der Freiheit und Selbstverantwortung der Einzelnen, ihrem Fähigkeits- und Motivationspotenzial ebenso an wie an ihrem Wunsch nach Selbstverantwortung, Selbstverwirklichung, Gesundheit und Wohlergehen. Zwang, der Widerstand hervorrufen und unproduktiv werden könnte, ist so weit wie möglich zurückgedrängt.[10] Damit werden die Menschen im doppelten Wortsinne verantwortlich gemacht für ihre Lebensführung: Sie werden ermächtigt, ihre Handlungsmöglichkeiten auch tatsächlich auszuschöpfen, und sie werden sowohl sich selbst als auch "der Gesellschaft" gegenüber moralisch verantwortlich gemacht, sich um die eigene Gesundheit, Sicherheit, Risikominimierung, Armutsvermeidung sowie Leistungs- und Arbeitsfähigkeit zu sorgen.[11]

Regierungstechnologien, so die grundlegende Prämisse aktueller Regierungsrationalität, sind dann und nur dann "nachhaltig" wirksam, wenn sie sich mit der Art und Weise verbinden, wie die Einzelnen ihre Selbstführung gestalten, wenn sich also Selbst- und Regierungstechnologien koppeln. Das gelingt jedoch nur, weil Technologien des Selbst nicht ausschließlich Regierungstechnologien darstellen. Es sind "gewusste und gewollte Praktiken", um sich selbst zu transformieren und sich in seinem "besonderen Sein zu modifizieren".[12] Technologien des Selbst sind Operationen, die der Einzelne "aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer"[13] vollzieht. Sie sind eingelassen in Macht- und Wissensformationen sowie soziale und materielle Beziehungen und fundamental abhängig von den "Schemata", die das Individuum "in seiner Kultur vorfindet, die ihm von seiner Kultur, seiner Gesellschaft, seiner sozialen Gruppe vorgeschlagen, nahegelegt und aufgezwungen werden".[14] Wie alle Technologien sind auch Technologien des Selbst abhängig von spezifischen Diskursen, Materialitäten, Medien und deren routinierten Gebrauchsweisen. Darüber hinaus sind die meisten dieser Techniken und Artefakte angewiesen auf spezifische räumliche Anordnungen. Technologien des Selbst vollziehen sich mithin in einem vorstrukturierten Rahmen, doch erst wenn Freiheit und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung tatsächlich gewährleistet sind, können Technologien des Selbst zu Kontaktpunkten von Regierungstechnologien werden.

Im Folgenden werden einige Zielsetzungen von Selbsttechnologien vorgestellt, die aktuell besonders prominent sind, und dabei ein genauerer Blick auf die Diskurse, die sie plausibel erscheinen lassen, geworfen. Dabei zeigt sich: Auch wenn die jeweiligen Selbsttechnologien unterschiedliche Ziele verfolgen, optimieren doch alle die Selbstführung, das heißt, sie suchen in einer permanenten Bewegung der Kompromissbildung das Beste aus den gegebenen Voraussetzungen zu machen.

Fußnoten

1.
Michel Foucault, Technologien des Selbst, in: Luther H. Martin/Huck Gutman/Patrick H. Hutton (Hrsg.), Technologien des Selbst, Frankfurt/M. 1993, S. 24–62, hier S. 27.
2.
Ders., Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow, Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Weinheim 1987, S. 243–261, hier S. 255.
3.
Ebd., S. 254.
4.
Ebd.
5.
Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M. 2000.
6.
Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977–1978, Frankfurt/M. 2004, S. 314.
7.
Ebd., S. 349.
8.
Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
9.
Vgl. Alexandra Rau, Psychopolitik. Macht, Subjekt und Arbeit in der neoliberalen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2010.
10.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Zwang aus der "Führung der Führung" vollständig verschwunden wäre, wie sich etwa an Auflagen für Asylsuchende ebenso zeigt wie an verschiedenen Arten der Zwangsberatung.
11.
Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld 2008.
12.
Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Frankfurt/M. 1990, S. 18.
13.
Foucault (Anm. 1), S. 26.
14.
Ders., Freiheit und Selbstsorge. Interview 1984 und Vorlesung 1982, hrsg. v. Helmut Becker et al., Frankfurt/M. 1985, S. 19.
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Autor: Stefanie Duttweiler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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