APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch
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9.9.2016 | Von:
Stefanie Duttweiler

Nicht neu, aber bestmöglich. Alltägliche (Selbst)Optimierung in neoliberalen Gesellschaften

Um den Neuen Menschen als Sehnsuchts- und Erlösungsfigur ist es ruhiger geworden. Gänzlich verschwunden ist sie nicht, lediglich der Kollektivsingular "Der Neue Mensch" wurde ad acta gelegt. Doch heute steht weniger der Ziel- und Endpunkt einer radikalen Selbsttransformation im Zentrum des Diskurses, sondern Optimierung als Prozess. Selbstoptimierung meint aktuell denn auch weniger die radikale Verwandlung zu einem Neuen oder einem perfekten Menschen, sondern einen kontinuierlichen Veränderungsprozess in verschiedenen Bereichen des Lebens. Das Leben erweist sich eher als "ewige Baustelle", denn immer wieder werden neue Ziele anvisiert und ständig "Ausbesserungen" in der Lebensführung vorgenommen, um sich an (veränderte) Umweltbedingungen – neue Möglichkeiten, neue Hindernisse, neue Herausforderungen – anzupassen. Versteht man unter Optimierung "perfektionierende Vervollkommnung" scheint der Begriff also eher unangebracht. Doch "Optimum" bezeichnet laut Duden nicht einen denkbaren Idealzustand, sondern das Bestmöglichste, ein "unter den gegebenen Voraussetzungen, im Hinblick auf ein Ziel höchstes erreichbares Maß". Optimierung beschreibt mithin die Form des Such- und Kompromissbildungsprozesses, deren Inhalt von den jeweiligen Zielen bestimmt wird. Trotz Individualisierung und Pluralisierung sind diese Ziele eingebettet in kulturelle Wertsysteme, Normen und Wunsch- und Idealbilder. Wie diese ausbuchstabiert werden, ist jedoch dem Einzelnen überlassen, denn es gibt heute keinen allgemeingültigen Maßstab – weder für Gesundheit, Schönheit, noch für Glück, Wohlbefinden oder beruflichen Erfolg. Die Optimierung des Selbst gestaltet sich dabei für die meisten Menschen eher Schritt für Schritt und zeichnet sich gerade nicht durch technische, chemische oder genetische Optimierung aus, sondern durch kleine Modifikationen der alltäglichen Lebensführung hin zu einem glücklicheren, fitteren oder gesünderen Leben.

Doch weder diese inkrementelle Ausrichtung noch die Orientierung am Selbst bedeuten, dass damit das Soziale und Politische aus dem Traum der Selbstveränderung verschwunden sind. In Anlehnung an die Analysen des Philosophen Michel Foucault zur Gouvernementalität der Gegenwart zeigt der folgende Beitrag, dass Selbstoptimierung ein "Kontaktpunkt" ist, an dem sich die Wünsche und Interessen der Einzelnen mit politischen Zielen im weiteren Sinne treffen.

Gouvernementalität der Gegenwart

Gegenwärtige Selbstoptimierung bezieht sich auf verschiedene Ziele und bedient sich verschiedener Mittel. Mit Foucault kann man Praktiken der Selbstoptimierung als "Technologien des Selbst" beschreiben, also als jene "Formen, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt",[1] sich selbst gestaltet und sich selbst eine Form gibt.

Blickt man mit Foucault auf Praktiken menschlichen Handelns, weitet sich der Blickwinkel und zielt auf den historisch je spezifischen Zusammenhang von Wissen, Macht und Technologien des Selbst, die – so die Erkenntnis in Foucaults Werk – so ineinander verschränkt sind, dass sie nicht unabhängig voneinander analysiert und diskutiert werden können. In seinen späten Arbeiten hat Foucault diesen Zusammenhang an der Herausbildung des modernen Staates und damit der modernen Gouvernementalität aufgezeigt. Mit dem Kunstwort "Gouvernementalität" bezeichnet er jene Macht- und Wissenskomplexe, in denen die Formen der politischen Regierung auf Formen der Selbstführung zurückgreifen. Dabei bezieht er sich auf ältere Begriffsfelder von Regierung, in denen zugleich die "Tätigkeit des ‚Anführens‘ anderer (vermöge mehr oder weniger strikter Zwangsmechanismen) und die Weise des Sich-Verhaltens in einem mehr oder weniger offenen Feld von Möglichkeiten"[2] adressiert werden. Die entscheidende Pointe dieses Konzeptes liegt im Fokus auf die Verschränkungen der "Führung anderer" und der "Führung des Selbst". Regierung in diesem Sinne meint die "Führung der Führung" und zielt darauf, die Kontaktpunkte ausfindig zu machen, herzustellen und auszubauen, in denen sich Selbst- und Fremdführung verbinden (lassen).

Regieren heißt also, auf bestimmte Weise Macht auszuüben; Foucault fasst daher Regierungstechnologien als spezifische, distinkte Machtbeziehung, die zwischen den Machtbeziehungen als "strategische Spiele zwischen Freiheiten" und "Herrschaftszuständen" angesiedelt sind. Damit sich Macht (und nicht Herrschaft) entfalten kann, muss sich dem Einzelnen ein "ganzes Feld von möglichen Antworten, Reaktionen, Wirkungen, Erfindungen"[3] eröffnen, auf das er handelnd reagieren kann. Regierung versucht, auf dieses Feld von Möglichkeiten einzuwirken und das "Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren".[4] Regierungstechniken können anstacheln, ablenken, erleichtern, erschweren, erweitern, begrenzen, auch nötigen und verhindern, doch immer beziehen sie sich auf die Art und Weise, durch die ein Individuum sich selbst in Frage stellt und seine eigene Führung gestaltet. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf das Politische im engeren Sinne, sondern auch auf die Führung jeder Art von "Unternehmen" – Schule, Verwaltung, Betrieb oder Verein.

Die "Gouvernementalität der Gegenwart"[5] knüpft an die Regierungsrationalität des Liberalismus an, deren Betonung der Freiheit für Markt und Individuum sowie deren positiven Bezug auf das Leben der Einzelnen und der Bevölkerung, ihre Sicherheit, Gesundheit und Alters- und Armutsvorsorge, um ihre Kräfte zu nutzen. Die entscheidende Verschiebung im Neoliberalismus betrifft das Verhältnis von Staat und Markt, das die Wissens- und Machtformationen ebenso tangiert wie die Technologien des Selbst. Wurde im Liberalismus der Markt als etwas dem Staat Äußeres gesehen, das überwacht werden muss und zugleich als Begrenzung des Staates dient, wird ab Mitte der 1970er Jahre die Form des Marktes zum Organisationsprinzip von Staat und Gesellschaft. Nun werden auch Bildung-, Gesundheits- und Sozialpolitik oder Partnerschaft und Kindererziehung als Marktgeschehen gefasst. Mehr noch: Neoliberale Regierungsrationalität produziert und bezieht sich auf ein Wissen vom Menschen, das ihn als Unternehmer figuriert, der sich selbst managt, indem er permanent zwischen verschiedenen Optionen wählt und zu seinem Besten entscheidet und so "für sich selbst sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle ist".[6] Das bedeutet zwar nicht, dass jeder Einzelne ein ökonomischer Mensch und jedes Verhalten ökonomisch sei. Doch die Konzeption des Menschen als Homo oeconomicus fungiert als Problematisierungsformel für menschliches Verhalten und dient so als Ausgangspunkt der politischen und ökonomischen Verhaltenssteuerung. Als Homo oeconomicus wird "das Individuum gouvernementalisierbar".[7]

Aktuell ist die Figuration des Menschen als "unternehmerisches Selbst"[8] dominant, sie ist jedoch nicht das einzige Modell des Menschen. Eng damit verbunden, aber nicht mit ihm identisch, ist auch das Modell des Homo psychologicus, dem der Wunsch zugeschrieben wird, sich selbst als authentisch und einzigartig erfahren, sich verwirklichen, wachsen und entfalten zu wollen. Unzählige Spielarten psychologischen Wissens zwischen Psychoanalyse und Küchenpsychologie und deren jeweilige Lösungsansätze produzieren und zirkulieren dieses Wissen, das seinerseits Menschen regierbar macht.[9]

Zentraler Knotenpunkt, an dem sich die Logik des Unternehmerischen mit der Logik der Selbstverwirklichung verbindet, ist der Körper. Denn zum einen ist er wesentlicher Bestandteil des Humankapitals – es gilt, seine Kräfte und seine Gesundheit zu erhalten und auszubauen. Dabei wird er als Produkt in eigener Verantwortung figuriert. Und zum anderen gilt er als Ausdruck des "wahren Selbst". Jede Arbeit unternehmerischer Körperoptimierung dient somit immer zugleich der Verwirklichung des Selbst. Der Körper wird zu einem Display, auf dem die Arbeit an sich als Ausdruck des eigenen Selbst – seines Willens, seiner Disziplin, seiner Idealvorstellungen, seines "Charakters" – sichtbar wird.

Die aktuelle Kunst der Menschenführung bezieht sich unter anderem auf dieses Wissen über den Menschen als Homo oeconomicus, der sich selbst und dabei auch seine Psyche und seinen Körper managt – sich um sie sorgt, ihnen Rechte einräumt und das Beste aus ihnen herausholt. Akzentuierter als im Liberalismus erwächst daraus eine Kunst der Menschenführung, die indirekt ist; es ist ein Regieren auf Distanz, das den Menschen als "Unternehmer seiner selbst" adressiert. Aktuelle Regierungstechnologien schaffen Anreizstrukturen, Aktivierungs- und Ermächtigungsprogramme und stellen so lediglich Spielräume, Rahmenbedingungen und Möglichkeitshorizonte bereit, damit die Einzelnen unternehmerisches Handeln dies- und jenseits des Ökonomischen entfalten und sich zugleich selbst verwirklichen können. Dabei setzen sie an der Freiheit und Selbstverantwortung der Einzelnen, ihrem Fähigkeits- und Motivationspotenzial ebenso an wie an ihrem Wunsch nach Selbstverantwortung, Selbstverwirklichung, Gesundheit und Wohlergehen. Zwang, der Widerstand hervorrufen und unproduktiv werden könnte, ist so weit wie möglich zurückgedrängt.[10] Damit werden die Menschen im doppelten Wortsinne verantwortlich gemacht für ihre Lebensführung: Sie werden ermächtigt, ihre Handlungsmöglichkeiten auch tatsächlich auszuschöpfen, und sie werden sowohl sich selbst als auch "der Gesellschaft" gegenüber moralisch verantwortlich gemacht, sich um die eigene Gesundheit, Sicherheit, Risikominimierung, Armutsvermeidung sowie Leistungs- und Arbeitsfähigkeit zu sorgen.[11]

Regierungstechnologien, so die grundlegende Prämisse aktueller Regierungsrationalität, sind dann und nur dann "nachhaltig" wirksam, wenn sie sich mit der Art und Weise verbinden, wie die Einzelnen ihre Selbstführung gestalten, wenn sich also Selbst- und Regierungstechnologien koppeln. Das gelingt jedoch nur, weil Technologien des Selbst nicht ausschließlich Regierungstechnologien darstellen. Es sind "gewusste und gewollte Praktiken", um sich selbst zu transformieren und sich in seinem "besonderen Sein zu modifizieren".[12] Technologien des Selbst sind Operationen, die der Einzelne "aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer"[13] vollzieht. Sie sind eingelassen in Macht- und Wissensformationen sowie soziale und materielle Beziehungen und fundamental abhängig von den "Schemata", die das Individuum "in seiner Kultur vorfindet, die ihm von seiner Kultur, seiner Gesellschaft, seiner sozialen Gruppe vorgeschlagen, nahegelegt und aufgezwungen werden".[14] Wie alle Technologien sind auch Technologien des Selbst abhängig von spezifischen Diskursen, Materialitäten, Medien und deren routinierten Gebrauchsweisen. Darüber hinaus sind die meisten dieser Techniken und Artefakte angewiesen auf spezifische räumliche Anordnungen. Technologien des Selbst vollziehen sich mithin in einem vorstrukturierten Rahmen, doch erst wenn Freiheit und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung tatsächlich gewährleistet sind, können Technologien des Selbst zu Kontaktpunkten von Regierungstechnologien werden.

Im Folgenden werden einige Zielsetzungen von Selbsttechnologien vorgestellt, die aktuell besonders prominent sind, und dabei ein genauerer Blick auf die Diskurse, die sie plausibel erscheinen lassen, geworfen. Dabei zeigt sich: Auch wenn die jeweiligen Selbsttechnologien unterschiedliche Ziele verfolgen, optimieren doch alle die Selbstführung, das heißt, sie suchen in einer permanenten Bewegung der Kompromissbildung das Beste aus den gegebenen Voraussetzungen zu machen.

Felder aktueller Selbstoptimierung

Gewissermaßen einen "Dauerbrenner" der Selbstoptimierung stellt die "Suche nach Glück" dar, und seit über 30 Jahren lässt sich ein nicht abklingender "Glücksboom" beobachten. Angesichts der Verunsicherung traditioneller Wert- und Sinnorientierungen ist die Orientierung am Glück zu einer der Problematisierungsformeln für gelungene Selbst- und Lebensführung geworden,[15] die für alle attraktiv und akzeptabel ist. Unabhängig davon, ob das Glück als "beglückende" Augenblickserfahrung oder als "geglücktes" Leben, das die selbst gewählten Ziele erreicht, gefasst wird, es wird als etwas ausgewiesen, das ausschließlich subjektiv bestimmbar ist und das zwar nicht selbstverständlich, aber für jeden, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Tätigkeit möglich ist – unabhängig von Ressourcen, Privilegien oder biografischen oder körperlichen Handicaps der Einzelnen. Glück gilt als Frage der Einstellung und des produktiven Umgang mit dem Gegebenen. Die Techniken des Glücks, die beispielsweise im Ratgebergenre zirkulieren, tragen ähnlich wie Techniken des Selbstmanagements vor allem dazu bei, sich wie ein Unternehmer seiner selbst zu führen: Bilanz zu ziehen und notwendige Veränderungsschritte einzuleiten, "Krisen als Chancen" zu nutzen, sich eigene Ziele zu setzen, Pläne zu machen und zu überwachen oder störende Einflüsse zu beseitigen. Doch darüber hinaus zielen sie auf den Umgang mit Gefühlen: Sie lehren, widrige Umstände positiv umzudeuten, "achtsam" zu sein und Glücksmomente aus sich selbst heraus hervorzurufen. Wer an seinem Glück arbeitet, so wird argumentiert, verwirklicht sich selbst, macht sich frei von den Umständen, indem er das Beste aus ihnen macht. Die Arbeit am Glück fördert Freiheit und Selbstverwirklichung, Selbstverantwortung und Selbstverwertung – und arbeitet so den aktuellen Anforderungen der neoliberalen Gesellschaft zu.

Neben der Orientierung am Glück bezieht sich die Optimierung des Selbst heute vor allem auf den Körper. Plakativ wird dies in Fernsehformaten wie der Makeover-Show "The Swan" oder der Abnehm-Show "The Biggest Loser" vorgeführt, in denen ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Körper und Selbst hergestellt und gezeigt wird, dass konsequente, disziplinierte Arbeit am Körper profunde Selbsttransformation bewirken kann. Der "neue Mensch", den diese "Programme" hervorbringen wollen, wird dabei als einer figuriert, dessen "wahres" Selbst es hinter zu viel Fett oder einem hässlichen Gesicht freizulegen gilt. Auch Diät- und Fitnessprogramme folgen dieser Stoßrichtung, wenngleich nicht in derselben Radikalität. Explizit ausbuchstabiert wird dies in aktuellen (Online-)Fitnessprogrammen, die umfangreiche body transformation versprechen und in unzähligen Vorher-Nachher-Bildern und videogestützten Konversionserzählungen ("Früher war ich zu dick/schlaksig/faul/verhaltensauffällig, durch Fitness und Ernährungsumstellung habe ich mich zu einem anderen Menschen gemacht") plausibilisieren.[16] Möglich wird die transformation durch harte Arbeit an sich selbst, permanente Selbstüberwindung sowie durch Verzicht und Askese. Gelingt sie, steigert sie das Gefühl der Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit und führt zu Selbstvertrauen und sozialer Anerkennung. Denn der fitte Körper entspricht nicht nur dem gängigen Schönheitsideal für beide Geschlechter, ihm eignet auch ein symbolischer Mehrwert, der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, Zielorientierung und Ehrgeiz, Willensstärke und Disziplin, Flexibilität und Agilität anzeigt. Wer sich fit hält und fit macht, arbeitet (wenn auch nicht zwingend) an der eigenen Gesundheit und/oder der Sicherstellung und Steigerung seiner körperlichen Fähigkeiten. Er oder sie verhält sich mithin für- und vorsorgend und kann so zeigen, dass er oder sie etwas Anerkennungswürdiges zu leisten im Stande ist.

Doch es braucht nicht zwingend drastische operative Eingriffe oder rigoroses Training, um ein "neuer Mensch" zu werden. Es geht auch ungleich sanfter. Das Zauberwort heißt Wellness.[17] Der Begriff "Wellness" setzt sich zusammen aus well-being und Fitness und ist vor allem in den USA eng mit Gesundheitsprävention verknüpft.[18] Im deutschsprachigen Raum ist Wellness eher eine Sehnsuchtsformel. Als der große Antagonist von Wellness wird Stress ausgemacht: Stress hat, wer unfähig ist, mit negativen (Umwelt-)Bedingungen zufriedenstellend umzugehen; Wellness soll das Selbst wieder "ins Lot" bringen und zu einem "authentischen", "gereinigten" Zustand zurückführen. Während im Fitnessregime Disziplin und Kontrolle zentral sind, werden sie hier (kurzfristig) suspendiert. Wellness zielt auf eine leibliche Erfahrung, in der die Körpergrenzen "flüssig" werden. Erlaubt und gefordert ist, sich "etwas zu gönnen", die "Seele baumeln", sich "behandeln" und "verwöhnen" zu lassen. Der sich wohlig fühlende und wohlwollend berührte Leib ist vielleicht der Luxus für den ermüdeten und gestressten Arbeiter an sich selbst. Dass Wellness immer auch mit Gesundheit und Prävention gekoppelt ist, fasst diesen "Luxus" dabei als notwendigen Akt der Selbstsorge. Die Techniken von Wellness zielen dabei sowohl auf Abschottung gegenüber störenden Umweltbedingungen ("dem Alltag entfliehen") als auch auf das gezielte Ausnutzen von Umwelteinflüssen wie Farben, Gerüchen, Wärme, Wasser oder "heilenden Händen". Selbstoptimierung qua Wellness ist ähnlich wie die Arbeit am Glück vor allem Management der Umwelteinflüsse. Doch wie das Glück ist auch das Wohlgefühl durch Wellness kein Dauerzustand, vielmehr fragil und störanfällig. Die Arbeit am eigenen Wohlbehagen und der eigenen Balance verlangt mithin umfassende Selbstführungskompetenzen: zu wissen, wann man Wellness braucht, wie man sie bekommt und wie man die Anwendungen für sich produktiv und möglichst nachhaltig nutzen kann.

Ein besonders effektives Mittel, sich umfassend selbst zu führen, wird aktuell in der onlinegestützten Selbstvermessung gesehen: Durch sogenanntes Self-Tracking lassen sich eine Vielzahl persönlicher Körper- und Verhaltensdaten (Kalorienaufnahme, Schlafrhythmus, Glücksmomente, Telefonate) und Körperleistungen (tägliche Schritte, Lauf- und Fahrradrouten, Anzahl der Fitnessübungen) erheben, aufzeichnen, speichern und auswerten und mit anderen vergleichen. Self-Tracking ist eine Technik, die Selbsterkenntnis im Lichte sozialer Standards (wie täglich 10000 Schritte), sozial bedeutsamer Anderer sowie von Durchschnittswerten ermöglicht und so zugleich Anreiz und Anlass zu Verhaltenskontrolle, Verhaltensänderung und Leistungssteigerung bietet. Dementsprechend findet es derzeit vor allem im Hinblick auf Gesundheit und Sport Anwendung; diejenigen, die mittels Self-Tracking das gesamte Leben quantifizieren und rationalisieren, sind (bislang?) eine kleine Avantgarde.[19]

Attraktiv wird Self-Tracking vor allem durch das im Alltag unübliche, permanente unmittelbare Feedback auf das eigene Verhalten, das anschaulich und aussagekräftig sowie als etwas Objektives präsentiert wird. So zeigt sich, dass man "etwas bewegen kann" (und seien es Kurven, Balken oder Zahlen, die die eigenen Schritte dokumentieren) und dass die eigenen Leistungen "registriert" werden.[20] Neben Selbsterkenntnis ist Self-Tracking daher auch ein Instrument der Selbstvergewisserung und der Verantwortungsübernahme für sich selbst, denn nun wird unmittelbar augenfällig, was man tut und dass das eigene Handeln Spuren hinterlässt.

Attraktiv wird Self-Tracking aber auch, da es Selbstkontrolle durch Fremdkontrolle ermöglicht. So finden sich in den meisten Apps automatisierte Coaching-Maßnahmen wie Erinnerungen, Ermunterungen und Ermahnungen und die Funktion, Daten mit "Freunden" oder einer (unbekannten) "Community" zu teilen. Diese ermöglichen soziale Unterstützung und Kontrolle "von der Seite". Wenn die Daten (wie es derzeit bei Gesundheits- und Fitness-Apps diskutiert wird) auch von Arbeitgebern, Krankenkassen und Versicherungen ausgewertet werden und eine Grundlage der Geschäftsbeziehung darstellen, etabliert sich darüber hinaus auch Kontrolle "von oben". Die Nutzenden artikulieren diese Verbindung von technischer, sozialer und Selbstkontrolle selten als Problem – insbesondere, wenn mittels Wettbewerben, Gratifikationen, Geschichten oder dem Erklimmen neuer Levels ansonsten eher langweilige Tätigkeiten wie Joggen zu einem Spiel und zur permanenten Herausforderung werden.[21]

Schluss

Die Technologien des Glücks, die Praktiken von Fitness und Wellness oder Self-Tracking-Techniken forcieren Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Freiheit und Entscheidungsfähigkeit und stellen Ressourcen zu ihrem Ausbau bereit – die Einzelnen werden zur Selbstoptimierung ermächtigt. Dabei sind die hier vorgestellten Technologien des Selbst vor allem Anleitungen zu Kompromissbildungen, um mit dem Gegebenen – seien es die eigenen Einstellungen, der eigene Körper oder die Umweltbedingungen – das beste erreichbare Resultat zu erzielen. Selbstoptimierung erweist sich auch und möglicherweise vor allem als Versuch einer permanenten Anpassung an Umstände, die man nicht zu verantworten hat, für deren Wirkung man aber dennoch verantwortlich gemacht wird.[22] Und es ist eine Arbeit an der Paradoxie, dass aktuell Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft zwar gesellschaftlich gefordert werden, die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu bewirken, für Viele aber vor allem darin besteht, den eigenen Körper, die eigenen Emotionen oder die eigene Einstellung zu ändern.

Das bedeutet jedoch gerade nicht, dass die alltäglichen Selbsttechnologien gesellschaftlich bedeutungslos sind: Zum einen etablieren ihre Diskurse und Praktiken eine weitreichende Veränderung des Selbst- und Weltverhältnisses. Wenn alles – Lebensmittel, Farben, Beziehungen, Tätigkeiten, Gefühle – dahingehend klassifiziert und ausgewertet wird, ob es dem Einzelnen nützt oder schadet, wird die Welt zu einem Ort, der ausschließlich auf das Selbst bezogen ist, und finden Tätigkeiten und Menschen nicht mehr um ihrer selbst willen Beachtung. Auch das Selbst erfährt eine Neufiguration. Denn alle Technologien des Selbst etablieren einen Zirkel aus kontinuierlicher Evaluation des eigenen Zustandes und daraus abgeleiteten Anpassungen der Selbstführung. Es erwächst ein kybernetisches Modell des Menschen, das sich durch Rückkopplung, Regulation und Optimierung auszeichnet. Dies ergibt sich schon in der Arbeit an Glück und Wellness, dynamisiert sich jedoch in den Praktiken der Selbstvermessung. Das Subjekt wird nun buchstäblich steuerbar – und nicht zuletzt auch für andere kalkulier-, kontrollier- und verwaltbar.

So konstruieren diese Diskurse, Verfahren und Praktiken zur Selbstoptimierung zum anderen auch Bedingungen, die die neoliberale Transformation des Sozialen sowohl diskursiv plausibilisieren als auch mitproduzieren. Entfaltung, Optimierung und Regeneration sämtlicher psychischer und sozialer Ressourcen sind sowohl ökonomisch verwertbar als auch zu wesentlichen Momenten der Integration in die Gesellschaft geworden. So trägt der Zuwachs an Selbstkontrolle, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung nicht zuletzt dazu bei, diese auch für politische und ökonomische Ziele einsetzbar zu machen.
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Fußnoten

1.
Michel Foucault, Technologien des Selbst, in: Luther H. Martin/Huck Gutman/Patrick H. Hutton (Hrsg.), Technologien des Selbst, Frankfurt/M. 1993, S. 24–62, hier S. 27.
2.
Ders., Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow, Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Weinheim 1987, S. 243–261, hier S. 255.
3.
Ebd., S. 254.
4.
Ebd.
5.
Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M. 2000.
6.
Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977–1978, Frankfurt/M. 2004, S. 314.
7.
Ebd., S. 349.
8.
Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
9.
Vgl. Alexandra Rau, Psychopolitik. Macht, Subjekt und Arbeit in der neoliberalen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2010.
10.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Zwang aus der "Führung der Führung" vollständig verschwunden wäre, wie sich etwa an Auflagen für Asylsuchende ebenso zeigt wie an verschiedenen Arten der Zwangsberatung.
11.
Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld 2008.
12.
Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Frankfurt/M. 1990, S. 18.
13.
Foucault (Anm. 1), S. 26.
14.
Ders., Freiheit und Selbstsorge. Interview 1984 und Vorlesung 1982, hrsg. v. Helmut Becker et al., Frankfurt/M. 1985, S. 19.
15.
Vgl. Stefanie Duttweiler, Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie, Konstanz 2007.
16.
Stilbildend wirken große Sportanbieter wie Nike ("Find Your Greatness"), Runtastic ("Bereit für eine Veränderung? Gut. Gib uns 12 Wochen und entdecke dein neues Ich"), McFit ("Mach dich wahr") oder Online-Coaches wie Daniel Aminati ("Mach dich krass").
17.
Vgl. Stefanie Duttweiler, "Körper, Geist und Seele bepuscheln …". Wellness als Technologie der Selbstführung, in: Barbara Orland (Hrsg.), Artifizielle Körper – lebendige Technik. Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich 2004, S. 261–278.
18.
In den USA betreiben etwas über die Hälfte der Arbeitgeber mit mehr als 50 Mitarbeitenden ein Wellness-Programm am Arbeitsplatz, insgesamt werden etwa sechs Milliarden Dollar für derartige Programme ausgegeben. Im Unterschied zu Deutschland sind diese Programme dabei nicht selten direkt mit der Krankenversicherung verbunden. Vgl. Carl Cederström/André Spicer, Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch, Berlin 2016, S. 49.
19.
Vgl. Stefanie Duttweiler/Jan-Hendrik Passoth, Self-Tracking als Optimierungsprojekt?, in: dies. et al. (Hrsg.), Self-Tracking. Zur Soziologie digitaler Selbstvermessung, Bielefeld 2016, S. 9–42.
20.
Vgl. Anne-Sylvie Pharabod/Véra Nikolski/Fabien Granjon, La mise en chiffres de soi. Une approche compréhensive des mesures personnelles, in: Réseaux 1/2013, S. 97–129; Minna Ruckenstein, Visualized and Interacted Life: Personal Analytics and Engagements with Data Doubles, in: Societies 1/2014, S. 68–84; Stefanie Duttweiler, Körperbilder und Zahlenkörper. Zur Verschränkung von Medien- und Selbsttechnologien in Fitness-Apps, in: dies. et al. (Anm. 19), S. 221–251.
21.
Dass die Regeln der "Gamification" dabei gerade nicht von den Einzelnen, sondern von Spieleprogrammierern und eventuell Versicherungsmathematikern und Aktivierungsexperten erfunden und ausgehandelt wurden, gerät dabei aus dem Blick – die Kontrolle wird oft als positiv, da selbstermächtigend empfunden. Vgl. Jennifer R. Whitson, Foucaults Fitbit. Governance and Gamification, in: Steffen P. Walz/Sebastian Deterding (Hrsg.), The Gameful World: Approaches, Issues, Applications, Cambridge MA–London 2014, S. 339–358.
22.
Die Schattenseiten dieser neuen Moral – Versagensängste und Schuldgefühle, Überforderung und Erschöpfung – sind inzwischen überdeutlich geworden. Der Soziologe Hartmut Rosa hat zudem darauf hingewiesen, dass unsere Gesellschaft systematisch schuldige Subjekte hervorbringt, ohne dass es eine Instanz gebe, die vergeben könnte. Vgl. ders., Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016, S. 361f.
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Autor: Stefanie Duttweiler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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